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Full text of "Babylonisch-astrales im Weltbilde des Thalmud und Midrasch"

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I 




HARVARD UNIVERSITY 

LIBRARY OF THE 

Semitic Department 

S£.teBR HA I I: 



ANDOVER-HARVARD THEOLOGICAL LIBRARY 
MDCCCCX 

CAMBRIDGE, MASSACHUSETTS 



o 



BABYLONISCH-ASTRALES 



IM WELTBILDE 



DES 



THALMÜD UND MIDRASCH 



VON 



Dr. ERICH BISCHOFF 



MIT ZWÖLF ABBILDUNGEN 




LEIPZIG 
J. C. HINRICHS'sche BUCHHANDLUNG 

1907 



ANDOVER-ÜARVARP 
THEuUXüCAL LlBBART 

CxuBtiuxm. Mass. 



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S o mWo Dept -Utaary 



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U.u •; ■. . -. v 



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Lic. Dr. Alfred Jeremias 



gewidmet 



i'. 



Inhalt. 

Seite 

I. Kapitel. Entsprechung ron Himmlischem und Irdischem 1 

Vorbemerkungen 1 

1. Die himmlische Präexistenz des Irdischen ... 2 

A. Die zwei Fundamental-Schöpfungen • . . 3 

a) Die Thorah als Schöpfungs- und Weltprinzip ... 3 

b) Der Thron der Herrlichkeit 14 

B. Präexistentielle Typen . .• 19 

2. Einzelne Entsprechungen 21 

A. Örtlichkeiten 22 

a) Das Tempelheiligtum 22 

b) Die Länder der Erdenvölker .• .• 26 

c) Der Thron Salomo's 28 

d) Das Paradies ................... 29 

e) Die „Hölle* 34 

B. Personen 41 

a) Die Völker der Erdenländer 41 

b) Einzelne Menschen 43 

c) Die zwölf Stämme und der Tierkreis 48 

d) Der obere und der untere Gerichtshof 59 

e) Die obere und die untere Akademie 69 

C. Dinge 70 

a) Pflanzen und Tiere 70 

b) Der Baum des Lebens 75 

D. Späteres 75 

II. Kapitel. Die Schöpfung 78 

1. Frühere Welten 82 

2. Viele Welten 87 

8. Zum Sechstagewerk 89 

4. Die zehn Schöpferpotenzen 101 

III. Kapitel. Zur Topographie des Weltalls 103 

1. Das dreistöckige Weltbild 103 

2. Die Weltgegenden 104 



VI Inhalt. 

Seit» 

IV. Kapitel. Welt-Zöon und Welt-Geist 108 

1. Die Welt als Lebewesen 108 

2. Der Fürst der Welt 112 

V. Kapitel. Astrologisches 115 

1. Die astrologische Theorie. .. 116 

2. Astrologie und Monotheismus 126 

3. Astrologische Berichte 129 

VI. Kapitel. Astrale Geister 135 

1. Engel 135 

2. Dämonen 139 

VII. Kapitel. Einzelheiten des astralen Weltbildes .... 149 

1. Die Merkabah 149 

a) Allgemeines 149 

b) Die Merkabah 152 

2. Rakia und Tierkreis 156 

3. Die Planeten . 157 

4. Außerzodiakale Sternbilder 158 

5. Andere Himmelserscheinungen 158 

VIII. Kapitel. Astrale Symbolik 159 

1. Das Volk Israel 159 

2. Mond-Züge bei biblischen Personen 162 

3. Sonnen-Züge bei biblischen Personen .... 164 
Register 166 

1. Bibelstellen 166 

2. Verweisungen auf Jeremias, ATAO. 167 

3. Sachregister • 168 

4. Erläuterte hebräische Wörter 171 

5. Abweichende Ansichten 171 

Druckfehler und Berichtigungen 171 



Literaturangaben und Abkürzungen. 

ATAO a = A. Jeremias, Das Alte Testament im Lichte des Alten Orients. 

2. Aufl., LeipzigJ1906. 
BNT = A. Jeremias, Babylonisches im N. T. Leipzig 1905. 
KBB = A. Jeremias, Im Kampfe um Babel und Bibel. 4. A. Leipzig 1903. 
HuWB = H. Winckler, Himmels- und Weltenbild der Babylonier. 

(= Der Alte Orient, III 2/3.) 2. Aufl. Leipzig 1903. 
WAO = H. Winckler, Die Weltanschauung des alten Orients. Leipzig 1904. 



AgT = W. Bacher, Die Agada der Tannaiten. Straßb. I 2 : 1908; II: 1890. 

ABA = „ „ „ „ „ bab. Amoräer. Straßb. 1878. 

APA = „ „ „ , „ pal. Amoräer. I/III. Straßb. 1892/99. 

Thosaphtha ed. M. S. Zuckermandel 1881. 

Mechiltha ed. M. Friedmann 1870. 

Siphre ed. M. Friedmann 1864. 

Pesiktha rabbathi ed. M. Friedmann 1880. 

Pesiktha ed. S. Buber 1868. 

Thanchuma ed. S. Buber 1885. 

Midr. Thehillim ed. S. Buber 1891. 

Echa rabbathi ed. S. Buber 1899. 

Genesis rabba ed. J. Theodor 1903 f. (1. 2.) 

Die übrigen Midraschim nach der Wilnaer Ausg. 1878. 

Aboth di Rabbi Nathan ed. S. Schechter 1887. 

Zitate aus dem babylonischen Thalmud (Wien 1840 ff. unter Zuziehung 
von Rabbinovicz-Ehrentreu, Dikduke Sophrim) geben den Namen des 
Traktats und die Blattseite an, meist ohne ein vorhergesetztes b. ; bei 
solchen aus dem palästinischen Thalmud ist zur Unterscheidung ein j. 
oder jer. vorgesetzt und nötigenfalls nicht nur das Blatt, sondern auch 
die Kolumne und die Zeile des Zitats bezeichnet. x 

Von des Verf. zitierten Werken sind „Jüdisch-deutscher Dolmetscher* 
1901, „Kabbalah* 1903, „Thalmudkatechismus" und „Der Koran« 1 1904, 
„Im Reiche der Gnosis" 1906 sämtlich in Th. Griebens's Verlag (L.Fernau), 
Leipzig, „Jesus und die Rabbinen* 1905 bei J. C. Hinrichs, Leipzig, er- 
schienen. 



Verzeichnis der Abbildungen, 

Seite 

1. Der Priester-König Gudea . 15 

2. Babylonischer Etagentempel 29 

3. Die „ Hölle* in babylonischer Darstellung 37 

4. Babylonischer Grenzstein mit Tierkreis- und andern Sternbildern 73 

5. Antike Abbildung des Fixsternhimmels 172 

6. u. 7. Jüdische Darstellung der Schöpfungswerke .... 96 u. 97 

8. Die 12 Häuser des Himmels 123 

9. Genius in Menschengestalt 136 

10. Geflügelter Dämon 141 

11. Kerubim als Thronträger 147 

12. Himmelsglobus des Hipparch 156 



I. Kapitel. 

Entsprechung von Himmlischem 

und Irdischem. 

„Das Reich der Erde entspricht dem Reiche des 
Himmels" (Bab Scheecheth; Berachoth 58 a). 

Die altorientalische Anschauung, daß das Irdische im 
Himmel sein Abbild oder vielmehr Urbild habe 1 , zeigt sich 
auf jüdischem Boden mit einer spekulativen Begründung aus- 
gestattet, die nicht nur z. T. älter, sondern auch tiefer ist als 
die der (damit bisher am häufigsten verglichenen) platonischen 
Ideenlehre. Ich stelle diese Begründung an die Spitze meiner 
Darlegungen, weil sie kennzeichnend ist für die Stellung des 
jüdischen Denkens zur altorientalischen 2 Weltanschauung über- 
haupt. Diese wird in der Eegel soweit beibehalten — nifeht 
„übernommen" — als sie sich mit dem monotheistischen Ge- 
danken vereinigen läßt 3 , im übrigen aber teils fallen ge- 



1 Vgl. Jeremias, ATAO 8; J. Lepsius in „Reich Christi*, VI. J. 
(1903), 355. 2 Ich wähle diesen Ausdruck mit Jeremias (ATAO 2 lff.). 

8 Von „religiösem Synkretismus* — diesem Dens ex machina 
gewisser moderner Theorien — kann weder beim Judentum, noch 
beim Christentum ernstlich die Rede sein. Angenommen z. B., daß der 
Name* „Jahweh* — mehr als der Name der „westindischen" Gott- 
heit Ja'u ist nicht bekannt — „aus einem protobabylonischen Vorbilde 
entstanden ist* (Delitzsch bei Jeremias, KBB 4 20), und zugegeben, daß 
wir, zumal in poetischen Stellen des AT, Züge finden, die altorienta- 
lischen Götterschilderungen entsprechen — wo finden sich denn in einer 
anderen Religion zu der angeblichen Synkrasis geeignete Ideen von auch 
nur annähernder, zumal sittlicher, Tiefe und Vollkommenheit, wie sie 
bereits der ältere Mosaismus mit dem Namen „Jahweh" verbindet? — 
Auch das Christentum hat altorientalische Motive, soweit sie sich mit 
seinen Lehren vertrugen, nicht nur toleriert, sondern auch literarisch ver- 
wendet (vgl. Jeremias, BNT). Als der Gnostizismus die altorientalische 
Weltanschauung in ihrem vollen Umfange wieder aufnahm (nicht, wie 

Bisch off, Babylonisch-Astrales. 1 



2 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

lassen oder stillschweigend abgelehnt 1 , teils ausdrücklich be- 
kämpft. 

Das Judentum hatte bei seiner Begründung jenes alten 
Gedankens den Vorteil voraus, daß es einen, allwissenden 
und all weisen Gott besaß, der alles aus dem Nichts erschuf. 
Alles zu Erschaffende ohne Ausnahme muß hier zuvor im 
Geiste dieses nach dem weisesten Plane schaffenden Gottes 
vorhanden gewesen sein und, da alles in ihm ewig ist, auch 
ewig fortexistieren als seine Schöpferidee (wie w i r es nennen 
würden), gleichviel ob es erst geschaffen werden soll, materiell 
existiert oder schon untergegangen ist. Wie aber die platonischen 
„Ideen" mehr sind als bloße abstrakte Begriffe, sondern im 
Phädrus (p. 247, 7) jenseits des Himmelsgewölbes als reine 
Wesenheiten thronen, so und noch vielmehr ist die ideale 
Präexistenz und Fortexistenz der aus Gottes Geist stammen- 
den himmlischen Urbilder alles Irdischen bei den jüdischen 
Denkern echt orientalisch gegenständlich aufgefaßt, ja, viel 
„realistischer" gedacht, als es unserm modern-occidentalen 
Denken möglich und zulässig erscheint. 



1. Die himmlische Präexistenz des Irdischen. 

Daß die Welt ein xöopog, ein nach bestimmten Gesetzen 
existierendes Universum sei, ist gemeinorientalische uralte An- 
schauung. Ist die Welt erschaffen, so muß der Schöpfer sie 
nach einem bestimmten Schöpfungsplane erschaffen haben, 
und dieser Schöpfungsplan wird des weiteren den Weltplan 
bilden, zumal wenn, wie im Judentum, Schöpfer und Erhalter 



es noch heute dargestellt wird, sich Systeme erfand oder kompilierte), 
da stellten die christlichen Autoren lediglich literarisch fest, was von 
diesen, ihrer Zeit gar nicht neuen, sondern geläufigen Anschauungen 
mit dem Christentum verträglich, und was als „heidnisch" zu verwerfen 
sei, und suchten den brauchbaren Anschauungen ein stärkeres christliches 
Bückgrat zu geben, um desto besser die verwerflichen auszuscheiden. 
Das ist Selektion unter Vorhandenem, nicht Synkrasis von Eigenem 
und Fremdem, und es wirkt irreführend, wenn man von „auftauchenden" 
gnostischen „Spekulationen* redet, die von den christlichen Lehrern da- 
durch „immunisiert" worden seien, daß man „einen Teil derselben über- 
nahm". Die Sache liegt anders: Es .taucht" höchstens die literarische 
Etikettierung jener Gedanken als „Gnostizismus" auf; an sich waren 
diese Anschauungen weder neu noch fremd, sodaß sie nicht erst mit 
Vorsicht „übernommen* zu werden brauchten. 1 Vgl. Jeremias, 

ATAO 2 176 f., 181 f. 



1 , A. Die zwei I\radamental-Schöpfungen. 3 

der Welt identisch sind. Voraussetzung des Schöpfungsplans 
ist natürlich die schöpferische Allmacht. Bevor aber der 
Schöpfungsplan ins Werk gesetzt wird, aus der Transzendenz 
in die Erscheinung tritt, muß ein Schöpfungspunkt da 
sein, eine Art Standort für den Schöpfer und späteren Regierer 
des Alls, nach der Anschauung, mit der wir es hier zu tun 
haben (s. u. S. 14 ff.), später als der Schöpfungsplan, der 
Schöpfung der Welt aber voraufgehend. 

A. Die zwei Fundamental-Schöpfungen. 

Die Midrasch zum 1. Buche Mosis (Bereschith rabba, ge- 
wöhnlich Genesis rabba genannt) nennt (c. I § 4) den Schöpf ungs- 
und Weltplan „Thorah" (rnirj), jenes zweite Erschaffene aber 
„Thron der Herrlichkeit" (ni^rr k§2>). 

a) Die Thorah als Schöpfungs- und Weltprinzip. 

Genesis rabba, c. 1 (1): „Rabbi Oschaja 1 begann (seinen 
Lehrvortrag mit Prov. 8, 30): ,Und ich war bei ihm (Gott) 
ein ■pn« , und ich war (sein) Ergötzen*. . . . Die Thorah 2 
sagt: ,Ich war der Werkmeister Gottes*. Gewöhnlich wenn 
in der Welt ein König von Fleisch und Blut einen Palast er- 
baut, so baut er ihn nicht nach eigenem Gutdünken, sondern 
nach dem eines Werkmeisters, und auch der Werkmeister 
baut nicht nach seinem eigenen Gutdünken, sondern er hat 
Pergamente (manüD-n = öitf&igai; Grundrisse) und Tafeln 
(rnopr d = nipaxtg ; Aufrisse) , um zu wissen , wie er die Ge- 
mächer und die Öffnungen bauen soll. So blickte Gott auf die 
Thorah und erschuf die Welt, und die Thorah sagt (Gen. 1,1): 
,Mit Reschith (m^&nn) erschuf Gott*. Reschith (Anfang) ist 
aber nichts anderes als Thorah, wie es heißt (Prov. 8, 22): „Der 
Herr [Jhwh] hat mich gehabt als Anfang seines Weges* (*"i 

Gleich hier zeigt sich, wie Jebemias 4 mit Recht fordert, 
daß wir behufs richtigen Verständnisses aller dieser Materien 

1 Ich übersetze die Zitate aus Gen. r. nach der krit. Ausg. von 
J. Theodor (Berlin 1903 ff.), soweit die Lieferungen bisher reichen. 

2 Prov. 8, 30 ist es die Weisheit, die dies spricht. Der Midrasch faßt 
hier 1731» in der Bedeutung „ Werkmeister* (Baumeister), nicht „Werk- 
zeug" (wie z. B. Aboth III 14). 8 D. h. nach der Deutung des Mi- 
drasch (vgl. c. 1 (4), unten S. 14) als erstes Geschaffenes. Infolge dieses 
Verses (8, 22) übersetzte das Thargum Jeruschalmi die Anfangsworte der 
Genesis: „Mit Weisheit erschuf Gott* usw. * BNT 40 a , 67. 

1* 



4 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

„in Dichters Lande gehen", orientalisch umdenken 
lernen müssen. Wie bei fast allen orientalischen, oder wenig- 
stens den zu Juden gesprochenen Gleichnissen 1 , auch den 
meisten der neutestamentlichen 3 , hinkt der Vergleich hier 
formell — nach occidentalen Begriffen. Nicht mit dem Bau- 
meister, sondern mit dem Bauplan wird die Thorah verglichen. 
Es ist möglich, daß die Form dieses Gleichnisses aus dem 
3. Jahrh. n. Chr. durch die auffallend ähnliche Allegorie des 
Alexandriners Philo (20 v. — ca. 50 n. Chr.) beeinflußt ist 3 ; 



1 Vgl. P. Feebig, Altjüdische Gleichnisse und die Gleichnisse Jesu 
(Tübingen u. Leipzig, 1904), besonders S. 92 ff. 2 Daselbst S. 97 ff., 

124 ff. — F. bemerkt treffend die Verwandtschaft der um 30 n. Chr. ge- 
sprochenen Gleichnisse Jesu und der aus der Zeit um 100 datierenden 
jüdischen Gleichnisse und den Gegensatz beider zu den „ Vergleichen, 
Bildreden, Allegorien* 1 in der „ganzen hellenistisch-jüdischen Literatur" 
vor Jesus (Hillel , Philo , 2. Makk. , Henochbuch , IV. Esra , Sirach) und 
zu Jesu Zeit (Josephus). Trotzdem «oll Jesus die Art seiner Gleichnis- 
reden dem Judentum verdanken ; die Ausbildung dieser Gleichnisform bei 
den Juden um 100 n. Chr. soll beweisen, daß sie schon um 30 ausgebildet 
genug sein mußte, um von Jesus übernommen zu werden. Wer keine 
Apella-Natur besitzt, wird freilich fragen, warum denn — solche Ge- 
läufigkeit dieser Gleichnisform um 30 n. Chr. im jüdischen Volke voraus- 
gesetzt — kein einziger der Apostel sich ihrer zu bedienen wagte, 
trotzdem doch Veranlassung genug dazu da war; selbst der mit alier 
rabbinischen Schulbildung seiner Zeit ausgestattete Paulus bietet (Gal. 4) 
nur eine aggadische Allegorie (Hagar = Sinai usw.), nirgends aber auch 
nur ein einziges Gleichnis! In den üblichen drei Dimensionen dürften 
daher die großen jüdischen Unbekannten, denen angeblich Jesus die 
Gleichnisform verdankte, nicht zu finden sein. Früher waren in solchen 
Fällen die „ Essener* ein beliebter Faktor der Wahrscheinlichkeitsrech- 
nungen. Sie kommen heute wirklich auch langsam wieder in Mode, 
trotzdem der Talmud, dem keine Geistesregung innerhalb des jüdischen 
Volkes entgeht, und der über Pharisäer, Sadduzäer, Christen, Gnostiker usw. 
so vielerlei zu berichten weiß, der Essener nicht mit einem Sterbens- 
wöttlein gedenkt. Trotzdem werden die Fabeleien des Josephus über sie 
geglaubt; den meisten ist Josephus eben „ zugänglicher*. 8 Die Er- 

schaffung der sichtbaren Welt nach dem präexistenten Urbilde einer un- 
sichtbaren vergleicht er mit dem Verfahren eines Königs, der vor dem 
Bau einer Stadt von seinem Baumeister einen genauen Plan für diese 
anfertigen lasse, damit er änopliitcov sl$ xb itagd^siy^a bauen könne. 
Ebenso habe Gott bei Erschaffung der sichtbaren Welt sich nach seinem 
idealen Vorbild für sie gerichtet (£v6r\6s ngdtegov tovg zvitovg atofjg (De 
opificio mundi §4). Bacher (APA, I 107 *) vermutet nach J. Freuden- 
thals Vorgange, daß R. Oschaja, der in Cäsarea mit Origenes bekannt 
geworden sei, ja vielleicht mit diesem christlichen „ Philosophen* dispu- 
tiert habe (Gen. r., c. 11; Baches 1. c. 92), durch diesen Kenner Philos 
mit dessen obiger Allegorie bekannt geworden sei. — Angesichts der 
großen Unzulänglichkeit der wenigen bisherigen Vorarbeiten über die Be- 



1 , A a. Die Thorali als Schöpfungs- und Weltprinzip. 5 

Philo aber hat den Gedanken eines präexistentiellen idealen 
Urbildes der materiellen Welt offenbar aus Piatos Timäus, 
wo (p. 25 ff.) der Weltbildner (Sr,fnovQy6g) bei der Bildung der 
materiellen Welt auf Ideen-Urbilder blickt. — Indessen sind 
die Grundgedanken des Midrasch-Gleichnisses schon in den 
vor Plato liegenden alttestamentlichen Schriften der Pro- 
verbien und des Buches Hiob gegeben, zugleich auch die „In- 
konzinnität" des Gleichnisses. Prov. 8, 22 ff. schildert die 
Präexistentialität der „Weisheit" und 8, 27—30 ihre Tätig- 
keit als -pia d. h. Werkmeister Gottes bei der Schöpfung ; in 
Hiob 28, 20 — 27 erscheint sie mehr als das „Normativ" oder 
eine Art „Regelsammlung" 1 Gottes beim Weltbau, was sich 
mit dem Begriffe der „Thorah" berührt, die in Gen. r. (s. o. S. 3) 
an Stelle der Weisheit spricht und, wie diese in der Hiob- 
stelle, als Schöpfungsplan aufgefaßt ist. Während ferner 
Sirach 1, 1—9 und 24, lff. (nach Plato verfaßt) gleich der 
noch zu behandelnden Midraschstelle Gen. r., c. 1 (4) das Ge- 
schaffensein der Weisheit (bezw. Thorah) betont, lassen Prov. 
und Hiob gleich Gen. r., c. 1 (1) diese Frage unberührt. Vor 
Oschaja, im 1./2. Jahrh. n. Chr., nennt E. Akiba die Thorah 
den yn-\x Gottes bei der Weltschöpfung (Aboth III 14), und 
zwar — da er betont, sie sei den Israeliten aus göttlicher 
Liebe geschenkt worden, und sie nach Prov. 4, 2 als „gute 
Lehre" (npb, Anzunehmendes) bezeichnet — im Sinne von 
„Werkzeug", wobei er aber mit dem Begriffe des Schöpfungs- 
instruments den des Schöpfungsprototyps, des Ur -Vorbildes 
aller Dinge verbindet 2 . 

Dieselbe Thorah nun, nach der sich Gott bei der Welt- 
schöpfung gerichtet hat, ist von ihm als ewige Norm auf- 
gestellt, und er befolgt sie selbst ständig und bis ins Kleinste 3 . 
Ganz diese selbe Thorah hat Gott den Israeliten offenbart, 



Ziehungen zwischen Kirchenvätern und Rabbinen wäre eine genauere 
Darstellung dieses Wechselverhältnisses verdienstlich. * L. Herzfeld, 

Gesch. d. Volkes Israel II 296. a Kurz vorher (1. c. III 14 Anf.) fuhrt 

R. Akiba als Beweis göttlicher Liebe die Erschaffung Adams nach dem 
Ebenbilde Gottes an. 3 Exodus rabba, c. 30 (zu 22, 1): „Rabban 

Gamliel, R. Josua, R. Eleasar ben Asarjah und R. Akiba kamen (95 n. Chr.) 
nach Rom und predigten dort: Gottes Weise ist nicht die von Fleisch 
und Blut [= von Menschen]. Was der Mensch seinem Nächsten zu tun 
gebeut, das pflegt er selber nicht zu tun. Bei Gott ist das nicht der 
Fall [er hält vielmehr seine Gebote]." — Ich unterlasse es, die aus der 
antijüdischen Polemik sattsam bekannten Stellen anzuführen, nach denen 



6 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

schriftlich und mündlich 1 . Aus dieser offenbarten Thora ist 
durch rechtes Forschen schlechthin alles zu erkennen, was 
(mit Paulus zu reden) „im Himmel 2 und auf Erden und unter 
der Erde" ist, war und sein wird 3 ; denn die Thorah ist „ewige 



Gott selbst die Gebote der (rabbinischen) Thorah über die täglichen Ge- 
bete, über das Anlegen der Thephillin, über die Verunreinigung durch 
Täte usw. befolgt, weise dagegen auf die in der rabbinischen Aggada 
mehrfach berichteten Versuche hin, durch Zitieren von Versen aus der 
Thorah Gott zu ermahnen, daß er nach diesem seinem eigenen 
„Gesetze" so und so handeln müsse bezw. Unrecht habe. Vgl. z. B. 
unten S. 70, sowie den Schluß von Deuteronomium rabba, wo Moses durch 
Thorah-Zitate mit Gott um sein Leben ringt (ähnlich wie Luther am 
Krankenlager Melanchthons „unserm Herrgott mit seinen Verheißungen 
die Ohren rieb") oder Baba bathra 59 b, wo R. Josua ben Chananjah 
kühnlich einer in die Diskussion eingreifenden Himmelsstimme klar macht, 
daß laut Ex. 23, 2 ein rabbinischer Mehrheitsbeschluß auch ihr gegenüber 
gelte. * Die Unterscheidung von schriftlicher und mündlicher Thorah 

und die Höherbewertung der mündlichen (die im Grunde eine esoterische 
Erläuterung der schriftlichen ist, da sie stets aus dieser zu „begründen" 
gesucht wird) ist bekannt; vgl. z. B. Aboth I, 1 (von Clemens Alex, bei 
Euseb. h. e. II 1 — Habnack, Miss. 2 193 — aufs Christliche übertragen); 
J. Peah II 6; Berachoth I 7; Abodah sarah 35 a; vgl. auch m. Thalmud- 
Katechisraus S. 12 f. und 24. 2 Auch Astronomie wird aus ihr ge- 

lernt; vgl. Midr. Thehillim zu ty 19, 2 (§ 4): „Rab Samuel bar Abba sagte: 
,Die Wege an der Raki'a („Himm eisfeste ") sind mir bekannt wie die 
Straßen von Nehardea' (in Babylonien). Ist denn Samuel zur Raki'a 
hinaufgestiegen? Nein, aber dadurch, daß er sich mit der Weisheit der 
Thorah beschäftigte, lernte er, was im Wolkenraum [am Himmel] sich 
befindet." Die Thorah ist also auch das Lehrbuch der Astro- 
nomie und (da es sich bei Samuels astralen Erörterungen, z. B. Bera- 
choth 59 b , noch um mehr handelt) der Astralwissenschaft; die 
Himmelsbeobachtung liefert nur die anschauliche Erläute- 
rung dazu! — Deut, r., c. 8 sub fin. sagt Samuel mit Beziehung auf 
Deut. 30, 12: „Die Thorah findet man nicht bei den Astrologen, die 
sich (lediglich) mit dem Himmel(sbilde) abmühen. u [Es heißt dann weiter:] 
„Man wandte ihm ein: ,Du bist doch selber ein Astrolog (Sternkundiger) 
und zugleich groß in der Thorah!' Er entgegnete: ,Ich machte nur dann 
astrologische Beobachtungen, wenn ich vom Thorahstudium frei war.' 
(Sie:) ,Wann war das?' (Er:) ,Wenn ich ins Bad ging.' * — Über hier- 
her gehörige Lehren Samuels s. u. Kap. VII (S. 158). U. a. erörterte 
er auch die Natur des Donners (Berachoth 59 a), akustische Probleme 
(Midr. Thehillim zu ip 104, 12) und bestimmte die Dauer der kleinsten 
Zeiteinheit (des 56548. Teils einer Stunde = 0,006543 Sekunden; Echa r. 
zu 2, 19). s Dies bezieht sich auf jedes Ding, jeden Brauch, jede 

Erkenntnis usw., da die Vertiefung in die Thorah apriorisches Wissen 
von allem verleiht und alle Erfahrungserkenntnis durch sie bestätigt wird. 
Es war keine theologische Floskel, sondern vollste Überzeugung, wenn 
die jüdischen Denker viele Jahrhunderte hindurch, bis über Mendelssohn 
hinaus, für alles und jedes im materiellen und geistigen Leben eine ,Be- 



1 , A a. Die Thorali als Schöpfungs- und Weltprinzip. 7 

Norm" (Num. 15, 15), und daher „gibt es in ihr kein Früher 
oder Später" (Pesachim 6 b). 

Eine so tiefe Begründung der durchgängigen Entsprechung 
von Überirdischem und Irdischem und besonders die Begrün- 
dung der Möglichkeit, diesen Zusammenhang klar zu erkennen, 
wie sie hier (in nuce schon in den Stellen des AT) uns ge- 
liefert wird, war nur auf dem Boden eines lebenskräftigen 
Monotheismus möglich. Durch diese Begründung wird zugleich, 
ohne daß Inkonsequenz entsteht, die Klippe des Fatalismus 
vermieden, dem die Theorie einer solchen prästabilierten Har- 
monie leicht anheimfallen kann. Die Harmonie erscheint hier 
wohl prästabiliert , aber durch den Willen des lebendigen 
Gottes, der als allmächtiger Herr der Welt seinen Plan auch, 
wenn und wie er will, modifizieren kann 1 . Das ist aber im 
Grunde weder eine Abweichung von seiner Thorah — denn 
sein Wille ist eben die Thorah — noch eine Störung der 
himmlisch-irdischen Entsprechung, da sein Wollen das reale 
Geschehen zur unmittelbaren Folge hat. 

Die babylonische Weltanschauung 2 enthält die 
Elemente dieser Theorie, aber nicht in diesem geschlossenen 
Zusammenhange, und ohne diese klare Begründung, wie es 
möglich sei, jene Entsprechung zu erkennen. Es gilt heute 
noch, was vor 1370 Jahren der hellsinnige Syrer Damaskios 8 



gründun g* in der Thorah fanden. Ein Talmudist von altem Schrot und 
Korn würde selbst modernste Erscheinungen wie Elektrizität, Dampfroß, 
Tramway, hyperkritische Theologie usw. in der Thorah vorgezeichnet 
finden, etwa in Ezech. 1 (bOTn == ijXextQov LXX), II. Reg. 2, 11, Nahum 2, 5, 
Jes. 5, 12. Auf Grund dieser spirituellen Anschauung, daß die Thorah 
omne scibile seit Ewigkeit her a priori enthalte, konnten z. B. Philo und 
die christlichen Kirchenväter gar nicht anders, als alle richtige Erkennt- 
nis innerhalb der heidnischen Vorwelt bereits in der Thorah zu finden 
und günstigstenfalls als einen Hauch von ihrem Geiste (X6yog ansQ^atixögl)^ 
strenger genommen als ein objektives Plagiat an ihr, zu beurteilen. Das 
ist ehrliche, auf menschliche Superklugheit gerade völlig verzichtende 
Schätzung der in der Thorah vorhandenen „Tiefe des Reichtums sowohl 
der Weisheit Gottes wie seiner Erkenntnis" Rom. 11, 33). 1 Infolge- 

dessen wird im Talmud der Einfluß der Gestirne auf das Gottesvolk 
Israel, sofern er als blinde Schicksalsmacht aufgefaßt gilt, bestritten (s. 
unten Kap. V). 2 Jeremtas, ATAO 2 6 ff., 36, 48 und passim. 8 Mit- 
glied der von Julianus Apostata geförderten, von Justinian 529 n. Chr. auf- 
gehobenen neuplatonischen Schule in Athen, der gegen Ende des 5. Jahrh. 
u. a. auch Proklos angehörte. Damaskios begab sich 529 gleich Isidoros 
aus Gaza und dem bekannten Aristoteleserklärer Simplikios nach Persien, 
533 nach Ägypten. 



8 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

(Quaestiones de primis principiis c. 125, ed. Kopp, Frkf. a. M. 
1826, p. 384) sagt: die Babylonier schwiegen sich über den 
ersten Ursprung des Seienden aus — insofern sie nämlich 
weder alles Sein auf ein einziges Urprinzip zurückführen, noch 
eine ewige Weltordnung kennen. Wie das mit Damaskios gut 
übereinstimmende altbabylonische Siebentafel-Epos Enuma elis 
auf Tafel I zeigt, nahm man zwei (relativ) erste Potenzen 
an, den Apsü (Ozean) und die Tiämat (den Chaosdrachen, vgl. 
sprachlich: oinn), deren Sohn Mummu oder Kingu heißt, während 
dann des weiteren aus ihnen die Götter hervorgehen. Vor 
deren „Erschaffung" aber „war ein Geschick noch nicht 
bestimmt". Dies geschieht erst, d. h. eine Weltordnung 
wird erst geschaffen, als Mummu mit seiner Mutter Himmel 
und Erde erzeugt hat 1 . Diese Weltordnung ist aber nicht 
nur nicht seit Ewigkeit, sondern auch nicht für die Ewig- 
keit, wie die Thorah. Die „Schicksalstafeln" (tupsimäte), die 
von einem Weltherrscher-Gott in des anderen Hände gelangen 
(z. B. dem Kingu von Tiämat gegeben, alsdann von Marduk 
entrissen werden 2 ) stellen nicht einen kontinuierlichen Welt- 
plan dar, sondern sind für jeden Gott das Symbol seiner autori- 
tative Befugnis, die Weltordnung nach seinem Sinne zu be- 
stimmen: „Nicht soll geändert werden, was ich schaffe, nicht 
rückgängig, nicht hinfällig werden meiner Lippe Gebot", so 
sagt Marduk (Enuma elis, Tafel II) und schafft nach Be- 
siegung der Tiämat und des Kingu (Tafel IV) eine völlig 
neue astral - tellurische Weltordnung (Tafel V und VI; vgl. 
Jebemias, ATAO 2 134 ff.). 

In diese neue Weltordnung (oder besser : Kalenderordnung) 
spielen aber in Wahrheit noch viele Elemente älterer Welt- 
ordnungen (Kalenderordnungen) hinein. Die neue Ordnung 
Marduks ist ja eigentlich 3 der Reflex der irdischen Epoche,« 
in der unter Hammurabi Babylon zur Welthauptstadt wurde 



1 Jebemias, ATAO 8 132 ff. Vgl. die ähnliche phönizische Kosmo- 
gonie des Sanchuniathon, die auf dem Wege über Philo von Byblos und 
Eusebius (Praep. ev. c. 10) wohl etwas gelitten hat, aber so viel erkennen 
läßt, daß das Weltall seinen Ursprung einer Umarmung- des „Pneuma" 
(Damaskios nennt Mummu „die geistig vorzusteüende Welt*) mit seinem 
Urprinzip „Chaos* (vgl. Tiämat) verdanke. a Auch Bei, Nebo, Ea 

werden anderwärts als Vorbesitzer genannt (ATAO 2 46). 8 Sehr 

treffend sagt Jeremtas, ATAO 2 48: „In Wirklichkeit ist natürlich das 
Irdische an den Himmel versetzt. Aber die Theorie denkt es sich um- 
gekehrt: das Vorbild ist am Himmel." 



1 , A a. Die Thorah als Schöpfungs- und Weltprinzip. 9 

und ihren Stadtgott Marduk zum Götterkönig und Welt- 
herrscher erhob, was mit der astralen Tatsache in Verbindung 
gebracht ward, daß um 2500 v. Chr. der Frühlingsäquinoktial- 
punkt in das Sternbild des Stiers (des Symbols Marduks) ein- 
trat, die Frühlingssonne statt in den Zwillingen nun im Stier 
sich zeigte, wodurch Marduk zum Sonnengott wurde und der 
Sonnenkultus die Vorherrschaft erlangte. Daneben bleiben 
aber noch genug starke Einflüsse aus der Zwillings-Ära, die 
zugleich adü Nannar (Sin), Ära des Mondgotts ist, und aus dem 
Mondkultus übrig, die die Einheitlichkeit des Weltbildes alte- 
rieren (vgl. Jebemias, ATAO 2 96 ff., 100 ff.). Die Bedeutungen 
der astralen Göttergestalten in den verschiedenen Phasen der 
Entwickelung des astralen Systems gehen in einander über 
(vgl. ATAO 2 94 — 128 u. ö.) 1 und machen dadurch das astrale 
Weltbild vieldeutig, seine Offenbarung schwankend und 
seine Erkenntnis kompliziert, ja ungewiß. 

Es wäre freilich ungerecht, zu leugnen, daß sich auch 
schon in der altorientalischen Astralwissenschaft ein monisti- 
scher, ja in gewissem Sinne monotheistischer Zug 2 geltend 
macht, indem die einzelnen Gottheiten als (astrologisch aus- 
gedrückt) Aspekte der einen großen weltbeherrschenden 
Macht betrachtet werden, die z. B. im Stierzeitalter durch 
Marduk repräsentiert wird. Aber diese Anschauung bleibt 
doch ganz im Hintergrunde stehen; viel lebhafter tritt die 
Anschauung zu Tage, daß jeder einzelne Gott seinen Teil 
des Weltalls regiert, wie ein König sein Land auf Erden, und 
daß die Gestirne, je nachdem sie in den Himmelsbezirk der 
einzelnen Hauptgötter eintreten, deren Funktionen repräsen- 
tieren: „Wenn der Stern des Marduk im Aufgehen ist (d. h. 
niedrig am Horizonte steht), ist er Nebo; wenn er [l 1 /*] Doppel- 
stunden (d. h. wohl 45°) hoch steht, ist er Marduk ; wenn er 
kulminiert (in Mittagshöhe steht), ist er Nibiru" (= Anu oder 
Ninib, vgl. Jebemias, ATAO 2 21) 8 . 



1 Jede „Schule" freilich war sich über ihr System gewiß klar. 

2 Vgl. Jebemias, Monotheist. Strömungen innerhalb der babylonischen 
Religion [fortan = MStr.] (Leipzig 1904), sowie KBB 8 12 ff. (mit der wich- 
tigen Einschränkung S. 13 *); H. Winckler, Die babylon. Kultur (Leipzig 
1902), S. 18; ders., Das Himmels- und Weltenbild der Babylouier 2 , 11; 
auch Hohmel, Astronomie der alten Chaldäer 379. (Abgedruckt und neu 
bearbeitet in den „Aufsätzen und Abhandlungen 11 .) 8 Richtig ist, 
wie Winckleb, HuWB 2 1. c. hervorhebt, daß nicht gesagt ist, der Stern 
des Marduk (hier = Planet Jupiter) werde zum Planeten Nebo (= Mer- 



10 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

Einfach ist in der Offenbarung dieser Weltordnung oder 
vielmehr jeweiligen Weltordnungen (Kalenderordnungen) eigent- 
lich nur der Grundgedanke der Entsprechung des Himmlischen 
und Irdischen. Die Erkenntnis des komplizierten Details ist 
ungemein schwer. Das „Offenbarungsbuch" ist lediglich die 
Sternenschrift des Himmels, keine wirkliche Schrift (sehr gut 
Jeremias , MStr. 9). Um aber aus dem orbis coelorum das 
Verständnis dessen, was auf dem orbis terrarum ist, war und 
sein wird, zu ergründen und zu verstehen, dazu genügte nicht 
astronomische Beobachtung in unserm Sinne, sondern astrolo- 
gische Wissenschaft kompliziertester Art, nur bevorzugten 
Wissenden durch Tradition überkommen und auszuüben mög- 
lich (Jeeemias, ATAO 2 36; MStr. 11). 

Die jüdische T h o r a h erscheint gegenüber dieser Sternen- 
schrift mit vielen „Welträtseln" als ein „festeres Offenbarungs- 
wort" (vgl. II Petr. 1, 19: ßeßaioregog nQo<pt}TMÖs Xoyog). Wie 
sie von dem einen lebendigen Gott stammt, der über allen 
Sternen waltet, so gibt sie keine Offenbarung in stummer 
Himmelsbilderschrift, sondern bietet tu yvwara &eoi> in all- 
gemein verständlicher Sprache, sozusagen die himmlische Weis- 
heit in deutlicher Übersetzung, nicht veränderliche kosmische 
Hieroglyphen, sondern feste faßliche Begriffe. Deren tiefster 
Sinn ist zwar nur durch eingehendes Studium zu ergründen, 
das seine Stütze in der Tradition hat; aber diese Tradition 
liefert nicht Lösungsmethoden und Lösungen von Bilderrätseln, 
sondern logisch (wenigstens orientalisch-logisch 1 ) kontrollier- 



kur) usw., sondern, er repräsentiere an einem gewissen Himmelsstande den 
Gott Nebo. Man wird aber zugeben müssen, daß der in der Repräsen- 
tation verschiedener Götter durch den Mardukstern liegende monistische 
Zug nur schwach ist. — Bezeichnend für das Fortleben der Weltordnungs- 
anschauungen einer vergangenen astralen Ära in einer neuen ist es, daß 
der zitierte assyrische Text aus dem 7. Jahrh. v. Chr. stammt, wo das 
Stierzeitalter (Marduks) schon vorbei und die Frühlingssonne bereits (seit 
dem 8. Jahrh.) in das Zeichen des Widders getreten war, was in der 
Kalenderreform des Königs Nabonassar (747 — 734) bereits zum Ausdruck 
gekommen war. — Über den Ursprung der Beziehung des Planeten Jupiter 
zu Marduk eine ansprechende Vermutung bei Jeremias, MStr. 8 1 . * Auch 
hier heißt es „orientalisch umdenken", um wirklich „historisch" zu ver- 
stehen. Von den nach orientalischer Logik tadellosen Konsequenzen aus 
den in der Thorah-Exegese des Thalmud und Midrasch befolgten 32 Mid- 
doth (Auslegungsmethoden) des R. Ismael erscheint uns an Occidental - 
aristotelische Schlußmethoden Gewöhnten vieles mehr als gewagt, und 
selbst das Schlußverfahren Kai wa-chomer (conclusio a minori ad maius 



1, Aa. Die Thorah als Schöpf ungs- und Weltprinzip. 11 

bare Auslegungsmethoden und Auslegungen von Wortbegriffen. 
— Vor allem ist die Thorali ein Weltplan nicht nur kos- 
mischen, sondern auch und im innersten Wesen ethischen 
Charakters. Sie ist der Ausdruck des Willens des allguten 
und allgütigen Gottes, der stets das Beste will; sie, das „Werk- 
zeug", mit dem er diese beste aller Welten (vgl. unten S. 83) 
geschaffen, hat er aus Liebe offenbart (Aboth III 14, s. o. 
S. 5), und Liebe zu ihm ist das von ihm gewollte Motiv der 
menschlichen Imitatio Dei im Befolgen seiner Thorali und in 
ihrer Erforschung, die ebenfalls aus Liebe geschieht, um seinem 
„guten und gnädigen Willen" in rechter Weise zu befolgen 
und durch Vertiefung in seine tiefsten Gedanken ihm immer 
ebenbildlicher zu werden. Das ist die durch zahlreiche be- 
kannte Zitate zu belegende Auffassung der Besten im Juden- 
tum vom Geiste der Thorah, und treffend heißt es II Petr. 1. c. 
mit einem Seitenblick auf den Astralkult, daß die recht ver- 
standene Thorah das „Aufgehen des Morgensterns in den 
Herzen" vorbereite. Wenn im Judentum inferiore Auf- 
fassungsweise an Stelle des Herzensdienstes den Werkdienst 
setzte — die Propheten, Jesus, Johannes, Paulus und auch 
die Pirke Aboth genügen als Zeugen — so ist das im Grunde 
altorientalischer Sauerteig. Der Gestirnkult hat im 
allgemeinen vielmehr Furcht als Liebe der Gottheit gegenüber 
zum Motive für die Sorgfalt seiner Himmelsbeobachtung. „Man 
muß" — sagt Winckleb * mit Recht — „die Anschauung der 
Naturvölker vom Walten der Gottheit dazu nehmen, um die 
Bedeutung zu verstehen, welche eine richtige Erkenntnis des 
Willens der Götter [in der Praxis] hatte. Die Begriffe des 
ethischen Verhältnisses des Menschen zur Gottheit, seiner 
Verantwortlichkeit für Vergehen gegen Gebote moralischen 
Gehaltes, sind Vorstellungen, welche erst im Gegensatze 
zu jener alten Anschauung entwickelt worden sind. Der Be- 



bezw. a maiori ad minus) wird von den Rabbinen in einer Kühnheit an- 
gewandt, an die selbst die Syllogismen moderner Bibelkritik und Religions- 
wissenschaft nicht heranreichen. * Die Weltanschauung des alten 
Orients [— WAO], Leipzig 1904, 7 f. Das in [Klammern] Befindliche ist 
von mir hinzugesetzt. — Bestätigt wird das Gesagte durch die Texte bei 
Jeremias, ATAO* 206 ff., MStr. 34 ff. Auch die — aber nur vereinzelt — 
vorhandenen Stellen, an denen die Sünde nicht nur als kultische Ver- 
fehlung, sondern als sittlicher Mangel und Schaden aufgefaßt wird (ATAO 2 
208 ff.), zeigen keine Spur davon, daß die göttlichen Anordnungen aus 
einem andern Motive als aus Furcht befolgt werden sollen. 



12 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

griff der Sünde, wie ihn [nachdem das reinere Judentum damit 
begonnen] das Christentum am tiefsten ausgebildet hat, ist 
der orientalischen Anschauung noch völlig fremd. 
Das Wort für Sünde bedeutet ursprünglich nur sich verirren 
und wird auch für ein Verfehlen des Weges gebraucht, der 
Fehltritt ist ursprünglich nichts als ein Versehen gegen die 
vom armen Menschen nur mit vieler Mühe zu erkennenden 
Anforderungen des Willens und Wohlgefallens eines kapri- 
ziösen H e r r n \ ein faux pas gegen eine Etikette 2 , deren 
genaues Abbild das Hofzeremoniell darstellt, wie der König 
der Sohn und das Abbild des Gottes auf Erden ist." 

Kurz: Die Thorah als Schöpfungs- und Welt- 
plan ist beherrscht von demPrinzip des ethisch- 
vernünftigen Monotheismus, während die kos- 
mologischen Einzelheiten hierzu die Folie bilden 8 . 
Im altorientalischen System stehen diese an der 
Spitze, die religiöse Erkenntnis hängt von ihnen ab, 
das Monotheistische und noch mehr das rein Ethi- 
sche steht kaum erkennbar und ohne tiefere Be- 
deutung im Hintergründe. 

Zum richtigen Verständnis des folgenden seien hier noch 
drei Bemerkungen angeschlossen: 

1. Viele astrale Motive sind von den Kabbinen unbewußt 
verwendet worden. Diese sozusagen in der orientalischen Luft 

— zumal der Luft, in der die babylonischen Eabbinen 4 lebten 

— schwebenden Ideen flogen ihnen bei ihrem Forschen in der 
Thorah (die an sich schon altorientalische Eesidua barg) un- 
willkürlich zu, während sie spezifisch jüdisch gedacht zu 
haben glaubten. Ich werde in solchen Fällen gewöhnlich vor- 
sichtigerweise nur von altorientalischen Parallelen sprechen. 

1 Vgl. hierzu die Ausführung bei Jebbmias, ATAO 109 ( 2 207): (Der 
„sündige" Laie) „hat bei religiösen Zeremonien etwas versehen, ein tabu 
der Gottheit berührt, ein Opfer nicht rite vollzogen . . . Dazu braucht 
man ja vor allem die Priester in den heidnischen Kulten: sie kennen die 
geheimen Einzelheiten, sie können vor ,Sünde' bewahren". a Vgl. 

ferner MStr. 40 1 : (Die „Sünde*) ist „die Falle, in die der Laie gestürzt 
ist. Der Priester allein kennt die kultischen Finessen, an denen sich der 
geplagte Mensch versündigt hat". 8 Sie geben in gewissem Sinne 

die Elemente ab für den „natürlichen Gottesbeweis \ * Doch auch 

Palästina gehörte stets zum Orient. Aber selbst für die übrigen Mittel- 
meerländer im Altertum bis mindestens ins 4. Jahrh. hinein, also für die 
damalige Kulturwelt, darf man vielleicht fragen, soweit es sich um Reli- 
giöses handelt: Wo ist nicht Orient? 



1 , A a. Die Thorah als Schöpfungs- und Weltprinzip. 13 

2. Alles mit dem monotheistischen Prinzip Unverträgliche 
ans der altorientalischen Weltanschauung wurde vom Rabbinis- 
mus abgelehnt als götzendienerischer Gestirnkult (cpmid rm» 
nibmi) oder kurz „fremder Kult", Abgötterei (mx rrna*). 
Forschungen kosmogonischer und kosmologischer Mystik, die 
sich zwar auf (z. T. selbst altorientalisch-astral beeinflußte) 
Bibelstellen wie z. B. Ez. 1 stützten und anderweitige Bibel- 
stellen für sich zu verwerten wußten, waren nur unter be- 
sonderen Kautelen erlaubt (s. u. über „Maasfeh Bereschith" 
und „Maasfeh Merkabah"). 

3. Nach zwiefacher Richtung war Beschäftigung mit astra- 
len Dingen erlaubt : a) Im Interesse astronomischer Kalender-, 
d. h. vor allem religiöser Fest-Bestimmungen (Neumond, Neujahr, 
Pascha usw.), sowie der Thorahauslegung ; b) behufs Erkennung 
und Verfolgung heidnisch-astraler Ketzerei im Judentum \ so- 
wie behufs antiheidnischer Polemik und auch Apologetik, indem 
man den Heiden zeigte, daß man Sternkunde wie sie treiben 
könne, ohne Götzendienst zu treiben 2 . Sowohl «diese Apologetik 
der Tat wie den Punkt a scheint mir eine bisher kaum ge- 
würdigte Talmudstelle deutlich zu berücksichtigen, nämlich 

Schabbath 76a: „Über Magie steht geschrieben: ,Nicht 
sollst du's lernen, um es auszuüben' (Deut. 18, 9) — aber lerne 
es, um des Verständnisses und der Belehrung willen. . . . 
R. Simeon ben Passi berichtete als einen von R. Josua ben 
Levi berichteten Ausspruch des Bar Kappara [Ende des 2. Jahrh. 
n. Chr.]: Wer die Sonnenwenden 8 und den tlaneten- 

1 So maßten nach Sanhedrin die Mitglieder des Hohen Rats (Syn- 
hedriums) zu Jerusalem Magie verstehen, um Zauberer zu entlarven und 
zu bestrafen. * Wenn trotz eines früheren Verbots des Unterrichts 

der Jugend im Griechischen (Sotah IX 14) Kabbi die griechische Sprache 
neben der hebräischen in Palästina empfahl (Baba Kamma 82 b), wenn es 
dem Hause des R. Gamliel erlaubt war, griechisch zu reden (ibid. 83 a), 
und R. Jochanan später sogar erlaubte, die Mädchen griechisch lernen 
zu lassen, weil es für sie eine Zierde sei (jer. Schabbath VI 1 ; jer. Sotah 
IX 15) , so war hier offenbar neben der Anerkennung der Nützlichkeit 
und Trefflichkeit des Griechischen (Rabbi's Vater woüte die Thorah nur 
ins Griechische übersetzt wissen , Megillah 8 b) für jene Erlaubnis auch 
der Gedanke maßgebend, daß man sich griechische Sprache, ja griechische 
Bildung (rp-n^ rTDDn) aneignen könne, ohne in die Ketzerei griechischer 
Religions- oder Philosophielehren zu verfallen. 3 msipn; zu den 

Sonnenwenden werden auch die beiden Äquinoktien gerechnet. Aboth 
III 18 werden 'n (wohl überhaupt = Astronomie) und Geometrie (= Mathe- 
matik) neben dem ritualen Wissen als bloße „Zukost zur Weisheit" ge- 
nannt, d. h. als Nebenwissenschaften. 



14 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

lauf 1 zu berechnen versteht und tut es nicht, von 
dem sagt die Schrift (Jes. 5, 12): ,Und auf das 
Wirken Gottes blicken sie nicht, und seiner 
Hände Werk sehen sie nicht*. E. Samuel bar Nach- 
mani berichtete als Ausspruch des R. Jochanan (3. Jh.) : Woher 
(ist erwiesen), daß es Pflicht für den Menschen ist, die 
Sonnenwenden und den Planetenlauf zu berech- 
nen? Weil es heißt (Deut. 4,6): ,Und beobachtet sie und 
übt sie aus; denn das ist eure Weisheit und Einsicht in den 
Augen der Völker'. Was ist Weisheit und Einsicht 
in den Augen der Völker? Sage: Das ist die Be- 
rechnung der Sonnenwenden und des Planetenlaufs." 

b) Der Thron der Herrlichkeit. 

Gen. r., c. 1 (4) : [E. Thanchuma sagte :] „Sechs Dinge 
waren schon vor der Erschaffung der Welt ; einige von ihnen 
wurden (wirklich) geschaffen, einige stiegen nur im Denken 
Gottes auf, daß er sie (später) erschüfe. Die Thorah und der 
Thron der Herrlichkeit wurden (so) erschaffen; die Thorah, 
wie geschrieben steht (Prov. 8, 22): ,Der Herr hat mich ge- 
habt als Anfang' — der Thron der Herrlichkeit, wie ge- 
schrieben steht (yj 93, 2) : ,Gegründet ist dein Thron von da- 
mals an 42 . [Nun folgen die vier erst später erschaffenen Dinge, 
s. u. 1, B.] K. Ahabah bar Se'ira . . . wußte nicht , was von 
beiden (in .der Schöpfung dem andern) voranging, ob die 
Thorah dem Throne der Herrlichkeit oder der Thr. d. H. der 
Thorah. R. Abba bar Kahana sagte: Die Thorah ging dem Thr. 
d. H. voran; denn es heißt: ,Der Herr hat mich gehabt als An- 
fang vor seinen (andern) Werken von damals an' (Prov. 1. c.)." 

Bacher (APA, II 510 3 ) sagt: „Was in dieser aggadischen 
Spekulation, die ins Gebiet der Geheimlehre von mraans nwa 
[Schöpfungswerk] hineinreicht, unter tqd «od [Thr. d. H.] ver- 
standen wurde, ist nicht klar ; jedenfalls sollte die Macht der 
über der Schöpfung und vor ihr waltenden Gottheit damit 
veranschaulicht werden." Das ist aber lediglich occidentale 
Erledigung des Problems durch eine Verlegenheitsvermutung, 

1 mbfE „Planeten 1 *; „berechnet* können sie nicht werden, sondern 
Dur ihr Lauf durch die Tierkreisbilder. a TN73 von damals an, 

zuvor, seit je. — Weil das in i/> 93, 2 auf den Thr. d. H bezügliche TN72 
in Prov. 8, 22, wo von der Thorah die Rede ist, am Ende steht, wird ge- 
schlossen, daß der Thr. d. H. nach der Thora erschaffen wurde. 



l,Ab. Der Thron der Herrlichkeit. 



15 



deren Unrichtigkeit sich schon aus der Unmöglichkeit ergibt, 
Gottes Schöpfermacht, die Voraussetzung seines Schaffens, 
als von ihm geschaffen zu denken. Ferner müßte der 
„Thron der Herrlichkeit", wenn er wirklich = „Schöpfermacht" 
wäre, auch der Erschaffung der Thorah vorausgehen, während 
nach dem Midrasch vielmehr deren Erschaffung vorausgeht. 
Das Richtige ist, daß der „Thron der Herrlichkeit" hier 
den vorausgesetzten übersinn- 
lichen Standort — oder viel- 
mehr Sitz 1 — für den Welt- 
schöpfer und späteren Welt- 
erhalter bezeichnet. Das ist 
echt orientalische Vorstellung. 
Gleichwie z. B. der altbabylo- 
nische Priester-König Gudea 
mehrfach als Bauherr darge- 

■ Daß der Weltachöpfer sitzt, 
ist eine udb Occidentalen weniger 
gelaufige Vorstellung; Michelange- 
los Schöpfergott fliegt bei der Welt- 
BchöpfuDg hierhin und dorthin stür- 
mend einher, auch bei der Menschen- 
schöpfuDg wird Gottvater meist 
stehend dargestellt, und nur nach 
der Schöpfung sitzt er am Sab- 
bath nach manchen Darstellungen 
ruhend Über der Weltkugel u. dgl. 

— Ein Sitzen des Weltschöpfers 
ist angedeutet Jes. 40, 21 f.: „Ist's 
euch nicht verkündet worden vom 
Anbeginn? Habt ihr nicht ge- 
merkt auf die Gründung der Erde? 
Er hat gesessen über dem Kreis 
der Erde ... er hat ausgespannt 
den Himmel wie einen Teppich.' 

— Nach Gen. r., c. 15 (zu 2, 8) und 
e, 16 (zu 2, 15) lädt Gott den eben 
geschaffenen Menschen zum Sitzen e 

aber nach orientalischer Anschauung undenkbar, daß der Schöpfer 
seinem Geschöpf gestanden hätte. In einer aus dem Tempel von Luxor 
stammenden Darstellung des ägyptischen Demiurgos Chnum (s. ATAO * 146) 
sitzt dieser auf ei nem Thron, vor ihm auf seiner Töpferscheibe stehen 
die von ihm auf dieser aus Ton gebildeten Menschen. Überall wo der 
Menschenschöpfer als .Töpfer" (ATAO a 167: Beispiele für den Ausdruck 
und die Vorstellung) aufgefaßt wird, setzt solche Scheibenarbeit ein 
Sitzen voraus; vgl. auch Goethes Prometheus: .Hier sitz' ich, bilde 
Menschen* usw. 




Abb. 1. Der Priester-König Gudea. 

q; dieser stand also vorher. Es wäre 



16 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem and Irdischem. 

stellt ist, mit vor der Brust in einander geschlagenen Hän- 
den, auf dem Thronsessel sitzend, den Bauplan vor sich auf 
dem Schoß, so ist auch hier der Weltschöpfer vorgestellt, 
auf einem prä- und extramundanen Sitze thronend, vor sich 
den Schöpfungs- und Weltenplan der Thorah * wonach er schafft 
durch sein bloßes Wort („So er gebeut, so steht es da" \p 33, 9 ; 
— „so ist es geschaffen" \p 148, 5). Erst muß überhaupt ein 
Schöpfungs- und Weltplan da sein, ehe der intelligible, akos- 
mische Ort „geschaffen" wird, von dem aus zunächst der 
Schöpfungsplan ausgeführt und weiterhin noch der Weltplan 
durchgeführt wird. 

Wir haben hier den trip», den ronog Gottes, vor uns, der 
in der kosmologisch-theosophischen Mystik eine Solle spielt 
und geradezu statt „Gott" gesetzt wird. Es würde viel zu 
weit führen, auf die Entwicklungsgeschichte des mptt = Be- 



1 Die gleiche Situation und die entsprechende Vorstellung von der 
Thorah als „Maßstab* (Hiob 38, 4 ff.) , hier aber als sittlichem Maßstab, 
findet sich bei der großartigen Schilderung des Gegenspiels der Welt- 
schöpfung, nämlich des Weltgerichts, Abodah sarah 2a unten: „R.Chaninah 
bar Papa, nach anderen R. Simlai [beide 3. Jahrh. n. Chr.] trug vor: 
Dereinst wird der Heilige, Gebenedeite (Gott) die Thorah hernehmen 
und auf seinen Schoß legen und sagen: Jeder, der sich mit ihr be- 
schäftigt hat, komme und empfange seinen Lohn." (Nun treten im folgen- 
den die „ Völker der Welt" vor, und jedes rühmt sich seiner Verdienste; 
Gott prüft diese Taten nach der Thorah und beweist aus dieser den 
Völkern, daß sie des Lohnes unwert seien ; nur das Thorah volk Israel be- 
steht die Prüfung.) — Ebenfalls orientalisch (Jebemias, BNT 69 ff.) , aber 
auf ganz anderer Vorstellung beruhend, sind die «aufgeschlagenen Bücher" 
in Daniel und der Apokalypse, sowie „das Buch des Lebens" (oder Gottes), 
wonach teils am Endgericht, teils an jedem jüdischen Neujahrs- und Ver- 
söhnungstage gerichtet wird (Exod. 32, 32 u. 33; i\> 69, 29; 139, 16; Jes. 
4, 3; Mal. 3, 16; Dan. 7, 10; 12, 1; Phil. 4, 19; Offb. 3, 5; 13, 8; 20, 12 u. 
15; 21, 27; 22, 19; im Talmud z. B. Arachin 10 b: „Bücher der Leben- 
digen und Toten"). Hier ist in den biblischen Stellen die Vorstellung 
die einer Stammrolle, in die die Guten eingetragen sind, und aus der die 
Verfehlungen usw. gelöscht werden; Bosch ha-schanah 57a kennt solche 
Stammrollen der Guten, Mittelmäßigen und Bösen, die zu Neujahr auf- 
geschlagen werden; Arachin 10b meint Stammrollen der zum Leben und 
zum Tode (zu Lohn und Strafe) auf Grund ihrer Taten durch das Ur- 
teil am Neujahrs- und Versöhnungstage bestimmt Werdenden. Im „Dies 
irae" (Judex ergo cum sedebit ... liber scriptus proferetur, in quo to- 
tum continetur, unde mundus judicetur) kann das Buch sowohl die 
Bibel, wie — wahrscheinlicher — ein göttliches Kontobuch über Ver- 
dienste und Sünden der Menschen bezeichnen. „Confutatis maledictis" 
erinnert allerdings mehr an die erste Auffassung, natürlich nicht unter 
dem Einflüsse der Talmudstelle, sondern von Mt. 25, 42 ff. 



1 , A b. Der Thron der Herrlichkeit. 17 

griffs näher einzugehen 1 . Genug, daß der „Thron der Herrlich- 
keit", der mit den später geschaffenen 4 Chajjoth usw. auf 
Grund von Ez. 1 und anderen Stellen zum wunderbaren gött- 
lichen Thronwagen (Merkabah) ausgestaltet gedacht ist, wirk- 
lich lokalen Charakter hat. Über die Merkabah wird unten 
noch genauer zu sprechen sein. Auf jeden Fall ist sie in der 
Hauptstelle Ez. 1 entweder von Norden kommend oder hoch 
am nördlichen Himmel befindlich vorgestellt, und den höchsten 
Punkt bildet der eigentliche Thronsessel (v. 26). Der „Thron 
der Herrlichkeit" befindet sich hier also über der 



1 Schon die LXX sagen allerdings Exod. 24, 10: (Moses und die 
Häupter des Volkes stiegen auf den Sinai) xccl sldov töv xoitov ov 
slcx^xei 6 freög xov 'Iögcctfl (Urtext: bNItö^ "'Hbö* nfct) r was, wie auch 
v. 11 beweist (ßitel G><pfrri6ccv iv x& x6it(p xov -ö^o-ö, nicht: x& x6it<p [Ur- 
text: D^tbNM I7rn und sie schauten Gott]), wirklich einfach lokal ge- 
meint und darum anders als der Urtext gefaßt ist, weil die LXX es be- 
denklich fanden, daß noch andre außer Mose hier Gott von Angesicht zu 
Angesicht gesehen haben sollten ; die andern erhalten nur den Ort gezeigt, 
wo Gott dem M. sich offenbart hat. Philo I 630 (ed. Mangey) meint 
schon, hier sei mit x6itog der göttliche X6yog gemeint, anderwärts be- 
zeichne x6itog Gott als den Allumfassenden, den „Ort der Welt", wie die 
philosophische (nicht theosophische) Auffassung schon im Midrasch, 
z. B. Gen. r., c. 68 zu 28, 11, sagt (vgl. in der Neuzeit z. ß. Malebranche). 
Herzfeld Gesch. Isr. II 412 f. : „Man sagte in Judäa Dlptt, in Alexan- 
drien x&aog auch in dem Sinne von der Lagerstätte (ttj^tt?) und der 
Herrlichkeit Gottes; später jedoch, schon geraume Zeit vor Philo, verlor 
sich das klare Bewußtsein über diesen Sinn des Ausdrucks „Ort", und 
daß man ihn gleichwohl für „Gott" zu brauchen gewohnt war, rief 
eine Menge theosophischer Deutungen hervor." Vgl. auch E. Landau, 
Die dem Räume entnommenen Synonoma für Gott in d. nhbr. Lit. (Zürich 
1888). Zuerst findet sich Dlpto hundert Jahre vor Philo bei Simeon ben 
Schatach (Thaanith III 8) , ferner z. B. Aboth III 10 bei Chaninah ben 
Dosa (1. Jahrh. n. Chr.), II 9 u. 13 bei Simeon ben Nathanael (2. Jahrh.), 
III 14 bei Akiba (2. Jahrh.), V4 (fehlt bei H. Strack, Aboth 8 24) und 
VI 1 anonym, ebenso z. B. Kidduschin 30b usw. — überall ohne jede 
Spur lokaler Beziehung metonymisch für „Jhwh" oder „Gott", wie sonst 
z. B. n"apfi («in ^12 umpn, der Heilige, Gebenedeite) oder auch 
0?EU3 (dies schon bei Antigonos v. Socho, 180 v. Chr.: Aboth I 3; u. sonst 
häufig, vgl. z. B. Strack 1. c. 12). — Alle philosophischen Erklärungen 
(Gen. r., c. 68 : Weil er allgegenwärtig ist ; ähnlich Pirke R. Elieser c. 34 ; 
Ibn Esra zu Esth. 1 usw.) erläutern einigermaßen die Bedeutung, aber 
nicht die Entstehung des Ausdrucks. Diptt ist Hosea 5, 15 der heilige 
himmlische Sitz Gottes, zu dem er sich von dem sündigen Volke zu- 
rückzieht ; dies war ein sehr adäquates Metonym für den heiligen Gott, und 
tatsächlich tritt das Moment der Heiligkeit anfangs da, wo 4 12 für „Gott " 
gesagt wird, besonders charakteristisch hervor. 

Bisch off, Babylonisch- Astrales. 2 



18 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

höchsten Stelle des nördlichen Himmelsgewölbes d. h. über 
dem Nordpol des Himmels. 

In den religiösen Lehren und Diskussionen, zumal des 
rabbinischen Judentums, tritt natürlich diese kosmische Fixie- 
rung des Sitzes Gottes ganz zurück vor der ethisch-religiösen 
Idee seiner Allmächtigkeit. Die ursprüngliche Vorstellung eines 
bestimmten Ortes als seines eigentlichen Sitzes dient dann 
entweder als Bild der religiösen Poesie (wie auch anderwärts 
und noch heute) oder — als mystisches Symbol; vgl. unten 
Kap. VII über die Merkabah. 

Ein um so größeres Interesse, den Thronsitz des höchsten 
Gottes zu kennen, mußte die altorientalische Astral - 
r e 1 i g i o n haben, da sie ja ihre Erkenntnisse aus den Himmels- 
Aspekten zu schöpfen hatte, niöht aus einem Himmels- 
Worte 1 (vgl. oben S. 91). 

Der Himmels-Nordpol, auf der nördlichen Erd-Halb- 
kugel 2 der Punkt, um den man das ganze Himmelsgewölbe 
sich drehen sieht, war den alten Babyloniern der Thron des 
„summus deus" A n u (ATAO 2 94) , später auch des Marduk 
von Babylon, der nach Eintritt der babylonischen Hegemonie 
die Funktionen des Götterkönigs übernahm (vgl. ATAO 2 122 ff.; 
MStr. 26)«. 

Daß „der ruhende Punkt in der Erscheinungen Flucht" 
da droben der Sitz des höchsten Gottes sei, ist eine für den 
antiken Himmelsbeschauer höchst naheliegende Ansicht, die, 
wenn ich nicht irre, auch die Anschauungsgrundlage z. B. für 
die (natürlich philosophisch begründete) Lehre des Aristoteles 
von dem „ersten Bewegenden", selbst Unbewegten (ngwTov 



1 Sagte die Thorah vor allem: „Höre, Israel!" (Deut. 6, 4), so hieß 
es dort hauptsächlich (wie Hiob 35, 5): „Schaue gen Himmel und 
siehe"; verhieß die Thorah: „Der Herr ist nahe allen, die ihn anrufen", 
so galt hier das Bileamswort: „Ich werde ihn schauen, aber nicht 
von nahem" (Num. 24, 17). a Auf der ja auch die Babylonier 

wohnten. 8 Die Vorstellung des Thrones der Herrlichkeit als des 

Punktes, an dem die Schöpfungsideen Gottes a*?s der Transzendenz in die 
Realität übergingen , könnte dazu verleiten , den Thr. d. H. mit dem 
Nibiru (wörtl. = Paß, ATAO 2 20) zu identifizieren, dem Nordpunkte der 
Ekliptik (und des Tierkreises, dieses himmlischen Korrelats des Erden- 
runds), dem Punkte, den kein Planet überschreitet, und der dem Marduk 
zugehört (Winckler, HuWB 2 11; Jeremias, ATAO 2 127, vgl. 115, ferner 20). 
Aber die babylonische Auffassung ist doch eine andre (ATAO a 20), etwa 
= Paßhöhe öder Grenzpaß. (Vgl. den „feurigen Durchgang" der Gnostiker 
in m. „Im Reiche der Gnosis".) 



1,B. Präexistentielle Typen. 19 

xivovv, Metaph. XII 6 ff.) als dem Weltschöpfer bildet. 
Ähnlich nimmt bei Plato die Idee des Guten oder die Gott- 
heit (Philebus p. 22), die zugleich der Demiurg ist (Tim. 
p. 28 ff.) , die höchste Stelle unter den jenseits des sichtbaren 
Himmelsgewölbes thronenden ewigen Wesenheiten ein (Rep. 
VI 505 äff., Phaedr. p. 247 f.). Daß bei den Dichtern Jupiter 
„coeli summa ab arce" waltet usw., ist bekannt. Wie aber 
bei den genannten Philosophen die erwähnte astrale An- 
schauung nur die kaum noch bewußte Grundlage für das 
darauf errichtete, das ganze Interesse in Anspruch nehmende 
philosophische Begriffsgebäude bildet, so ist auch für das 
jüdische Denken bei der Lehre von den beiden Fundamental- 
schöpfungen das Wesentliche nicht das zu Grunde liegende 
astrale Bild, sondern der ethisch-religiöse Gehalt dieser Lehren : 
Ein allmächtiger Gott schuf die Welt nach seinem ureigenen 
Plane und schuf sich einen locus primus, von dem aus er das 
große Werk begann, vollendete und weiter regiert. Sein 
ewiges kosmisches „Gesetz" ist zugleich das religiös-ethische 
Gesetz für den Erdenmenschen, sein ewiger kosmischer Thron 
ist zugleich das Symbol für seine Herrschaft über alles, was 
da auch hier unten lebt und webt. 

Auch die in Genesis rabba c. 1 (4) an die Lehre von den 
beiden Fundamentalschöpfungen angeschlossene Lehre von den 
präexistentiellen Typen ist eine religionsphilosophisch- 
ethische Sublimierung des Gedankens, daß alles bedeutsame 
Irdische sein transzendentes Urbild im Himmel habe; und es 
ist charakteristisch, daß hier auf jüdischem Boden zu diesen, 
ebensovielen präexistent-himmlischen Typen entsprechenden 
aTot%tia rov xocpov nicht nur räumlich vorstellbare Dinge ge- 
zählt werden (wie Tempelheiligtum, Paradies und Hölle), sowie 
die Hauptträger der Heilsgeschichte (die Erzväter und Israel), 
sondern auch im menschlichen religiösen Innenleben wirksame 
Mächte (wie Buße und „Name des Messias" = Enderlösungs- 
gewißheit). 

B. Präexistentielle Typen. 

Genesis rabba, c. 1 (4) : [Einige Dinge (s. o. S. 14) stiegen 
nur in Gottes Gedanken auf, sie zu schaffen:] „Die Erzväter 
stiegen nur in Gottes Gedanken auf, sie zu schaffen, wie ge- 
schrieben steht (Hosea 9, 10): ,Wie die erste Frucht am Feigen- 
baum an Seinem Beginn habe ich gesehen eure Väter*. Israel 

2* 



20 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

stieg nur in (Gottes) Gedanken auf, wie geschrieben steht 
(y> 74, 2) : ,Gedenke deiner Gemeinde , du hast sie erworben 
vor Zeiten 1 . Das Tempelheiligtum stieg nur in Gedanken 
auf, wie geschrieben steht (Jer. 17, 12): ,Der Thron der Herr- 
lichkeit ist erhaben von Anfang, der Ort unseres Heiligtums'. 
Der Name des Messias stieg nur in Gedanken auf, wie 
geschrieben steht (?// 72, 17): ,Vor dem Angesicht der Sonne 1 
sproßt sein Name'. . . . R. Ahabah bar Seüra sagt: Auch 2 die 
Buße (stieg nur in Gedanken Gottes auf, um erst später 
wirklich erschaffen zu werden); denn das meint der Schrift- 
vers (ip 90, 2) : ,Ehe die Berge waren' usw., von jener Stunde 
an (v. 3) führtest du 8 den Sterblichen zum Staube und sprachst: 
,Kehret um'. . . . Rab Huna [und] Rab Jeremiah [sagen] als 
Ausspruch des Rab Samuel bar Isaak: Die Idee Israels ging 
allen (anderen) voran." 

Hier haben wir schon eine religionsphilosophische Unter- 
scheidung zwischen den zwei wirklich geschehenen Funda- 
mentalschöpfungen der Thorah und des Thrones der Herrlich- 
keit (s. o. S. 14) und den zunächst nur als Typen in der Idee 
Gottes vorhandenen fünf 4 gtoix&cc. Diese Unterscheidung im 
Midrasch ist amoräisch; die thannaitische (ältere) Tradition 
im babylonischen Talmud kennt diese Unterscheidung noch 
nicht. Hier heißt es einfach (Pesachim 54a vgl. Nedarim 39b): 
„Sieben Dinge wurden erschaffen 5 , bevor die Welt er- 
schaffen wurde", und abgesehen davon, daß hier von vorn 
herein sieben (statt wie im Midrasch ursprünglich nur sechs) 
genannt werden, stehen hier auch z. T. andre Dinge und diese 
in andrer Reihenfolge, nämlich (Pesachim 1. c): „Die Thorah, 
die Buße, das Paradies (py *p), die Hölle (arrra) 6 , der 



1 D. h. im Urtext: So lange die Sonne währt. Der Midrasch aber 
deutet "Cöb anders: Vor (Erschaffung) der Sonne. 2 Diese wird 

also zu den „sechs" Dingen (s. o. S. 14) nachträglich hinzugefügt. 

8 STZJ^T heißt „zurückfuhren" und (in übertragenem Sinne) ,zur Buße 
leiten*; 5W = , zurückkehren*, übertr. ,Buße tun*, was ja im »Staube*, in 
,Sack und Asche* geschieht (Jes. 58, 5; Jer. 6, 26). Aus der Zusammen- 
schweißung von ip 90, 2 a und 3 gewinnt der Midrasch den Sinn : Schon 
vor Erschaffung der Welt leitete Gott in Gedanken den Menschen zur 
Buße, faßte er die Idee der (menschlichen) Buße. 4 Einschließlich 

der später hinzugefügten Buße (s. Anmerkung a ). 5 Gen. r., c. 1 

(4 Anf., s. o. S. 14) dagegen: „waren schon vor Erschaffung der Welt". 

6 Moderne jüdische Übersetzer geben DSJ^Pä nicht unpassend mit „Fege- 
feuer** wieder; als solches ist *3 in der rabbinischen Literatur vielfach 



2. Einzelne Entsprechungen. 21 

Thron der Herrlichkeit, das Tempelheiligtum und der Name 
des Messias". Paradies und „Hölle" statt der Erzväter und 
Israels sind sicher das Ursprünglichere 1 ; als Belegverse für 
beide werden (in rabbinischer Deutung) angeführt: ,Und es 
pflanzte Jhwh einen Garten in Eden vor Zeiten 6 (Gen. 2, 8) 2 , 
sowie ,Denn bereitet ist seit gestern n eine Brandstätte* (Jes. 
SP, 33). 

2. Einzelne Entsprechungen. 

Das Leitmotiv der im folgenden dargelegten Anschauungen 
ist von Eabbi Abahu (3. Jahrh.) mit den Worten ausgesprochen: 
nattb «^ nbrab «to rra ba „Alles was droben vorhanden ist, 
das ist auch hienieden vorhanden" (Midrasch Aggadah ed. Buber 
1894, 1 159), und ganz ähnlich Exod. r., c. 33 (4) zu 25, 2 von 
Rabbi Berechjah (4. Jahrh.): ibmb iV'nprr ena» ritt ba «atra nn» 
löfcb k-ö „Du findest, daß alles, was der gebenedeite Gott 
droben geschaffen, er auch unten geschaffen hat." Es ist das 
keine späte neue Lehre, sondern die Zusammenfassung der 
räbbinischen kosmischen Anschauungen in einem treffenden 
Satze. Was beide an Einzelheiten vorbringen, werde ich am 
Schlüsse dieses Abschnitts angeben. Zunächst sammle ich die 
meist früherer Zeit entstammenden speziellen Entsprechungs- 
gedanken aus der räbbinischen Literatur. 

bebandelt, aber einige Züge gehen doch über den (katholischen, von hier 
entlehnten) Begriff des F. hinaus. Der bibl. biöttü ist dagegen ursprünglich 
ein durchaus feuerloser Orkus, eine dumpfe, trübe Totenwelt (vgl. unten 
S. 35 Anm.). * Hier ist die (vgl. Pesachim 54 a) spätere Datierung 

der Höllenerschaffung auf den „Vorabend des Sabbath" (Freitag-Nach- 
mittag) oder auf den 2. Tag (Gen. r., c. 4) noch ebenso unbekannt wie 
in Aboth V 6 (vgl. Pesachim 54 a usw.) , wo bei Aufzählung der 10 am 
Vorabend des S. geschaffenen Dinge die „Hölle" noch nicht genannt ist. 
Da man später auch die Schaffung des Paradieses erst auf den 3. Schöpfungs- 
tag verlegte (Gen. r., c. 15 und 21, s. u. S. 29), wurden anstatt beider im 
Midrasch (Gen. r., c. 1 [4]) die Erzväter und Israel gesetzt. Im übrigen 
unterschied man zwischen präexistentieller Schaffung der transzendenten 
Typen von Paradies und Hölle einerseits und ihrer realen Schöpfung 
am 3. bezw. 2. oder 6. Tage andrerseits (Pes. 54 a); vgl. unten S. 29 ff. 
u. 34 ff. 2 Hebr. D*j5y? (= in östlicher Richtung) ; auch hier deutet 

der Midrasch den Grundtext zeitlich (Dlp = Vorzeit). 8 „Gestern" 

xax £&oxr)v ist nach rabbinischer Ansicht der 1. Schöpfungstag, als der 
1. Tag, den man mit „gestern" bezeichnen konnte ; bltoxaNTJ daher = vor 
„gestern", also vor der Zeitlichkeit, wie „morgen" pHE) x«r ££oxrjv das 
„künftige Leben" (N3?? Obi*), die Zeit nach dieser Zeitlichkeit, ist. 



22 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

A. Örtlichkeiten. 

a) Das Tempelheiligtum. 

Genesis r., c. 55 (sub fin., zu 32, 2) : „ ,Und gehe nach dem 
Lande Morijjah.' . . . K. Simeon ben Jochai (2. Jh.) sagt: (Gott 
sprach zu Abraham:) Gehe nach dem Orte, der (auf Erden) 
dem himmlischen Tempelheiligtum entsprechend liegt" 1 . — 
Pesiktha rabbathi c. 40 [Fr. 170 a]: „Nach dem Lande, das 
gerichtet ist entsprechend dem himmlischen Altar". — Seba- 
chim 62 a : (Die aus Babylon unter Esra zurückkehrenden 
Exulanten) „wußten zwar den Ort des Tempels, da die Grund- 
lagen seiner Mauern noch erkennbar waren ; woher aber wußte 
man den Ort für den Altar? K. Eleasar [ben Pedath, Ende 
3. Jh.] hat gesagt: Sie schauten den (im Himmel) erbauten 
Altar und Michael, den großen (Engel-)Fürsten, darauf opfernd". 
— (Menachoth 2 110a: „Es heißt [2. Chron. 2, 3]: ,Auf ewig 
liegt dies Israel ob'. K. Gidel sagte im Namen Kab's (3. Jh.) : 
Das bezieht sich auf den (im Himmel) erbauten Altar , und 
Michael, der große Fürst, steht da und opfert darauf". — 
Vgl. Lev. r., c. 21 sub fin. (zu 16, 4): „R. Berachjah und R. Jere- 
miah berichten als Ausspruch K. Chijjah's (4. Jh.): Dem Tempel- 
dienst im Himmel entspricht der auf Erden. Von jenem heißt 
es (Ezech. 9, 2): ,Und ein Mann war in ihrer Mitte, in Linnen 
gekleidet/ und so heißt es auch von dem auf Erden (Lev. 16, 4): 
,Einen heiligen Leibrock von Linnen soll [der Hohepriester 
am Versöhnungstage] anziehen'". 

Jeeemias, BNT 63 f., hat bereits darauf hingewiesen, wie 
nach Ex. 25, [9 u.] 40, sowie 26, 30 der Bauplan der Stiftshütte 
und Ez. 40 ff. der Plan des Tempels vom Himmel her vorge- 
zeichnet ist, wie Jes. 54, 11 ff. ein kosmisches Gegenbild des 
irdischen Heiligtums angedeutet erscheint, und wie der Berg 
Zion in der Sprache der Psalmen und Propheten des A.T. 
dem nördlichen höchsten Gottessitze entspricht, A. a. O. 8 



1 Wörtlich: „gegenüber gerichtet ist"; vgl. Thanchuma Buber 
N"P1 §45, so wie zu allen drei Stellen Bacher, AgT II99 ß . Derselbe 
Gedanke Thanchuma bnp^T sub fin. und j. Berachoth 8 c oben. 9 Über 

Chagigah 12b s. u. S. 24. Aus dieser Stelle geht hervor, daß der „er- 
baute Altar" das himmlische Urbild des irdischen Brandopferaltars ist. 

8 Wenn hie'r Jeremias (S. 64) eine Beziehung zu den mb3>73 annimmt, 
so könnte man sich vielleicht auch daran erinnern, daß direkt vor der 
t)ben erwähnten Stelle in Menachoth das Wort ip 134, 1 zitiert ist: „Stufen- 



2, A a. Das Tempelheiligtum. 23 

gibt er auch die interessanten babylonischen und griechi- 
schen, sowie mohammedanischen Parallelen dazu. Dem über- 
irdischen „Throne der Herrlichkeit" entspricht im A. T. im 
weitesten Sinne Jerusalem (Jer. 3, 17), sodann das ganze 
Tempelhaus (I Reg. 8, 11; Jes. 6, 1; Jer. 17, 12 etc.), wobei 
aber wohl die Bundeslade oder das Allerheiligste gemeint ist, 
wo die Schechinah, die sich auf die Erde niederlassende gött- 
liche Herrlichkeit , zwischen den Cherubim (bezw. später an 
der Stätte der Bundeslade) ruhend gedacht wurde 1 . Wie 
jener „Thron der Herrlichkeit" über dem höchsten Himmels- 
zentrum vorgestellt ist, so lag das Allerheiligste auf dem als 
Mittelpunkt der Erde gedachten Berge Zion 2 . Als den Platz 
des in den oben erwähnten Stellen genannten himmlischen 
Altars darf man vielleicht das Sternbild des großen Bären 3 an- 
nehmen, das im Arabischen „die Bahre" (jäjü) heißt, wozu 
die Fortsetzung der oben zitierten Stelle Sebachim 62 a passen 
würde : (Woher wußten sie den Ort für den Altar?) „B, Isaak 
der Schmied hat gesagt: Sie schauten die Asche (von der 
Opferung) des Isaak , die sich an jenem Orte (des Himmels) 
befand". Der Gedanke, daß das Stiftszelt nicht sowohl ein 
im Himmel aufbewahrtes Zeltmodell derselben Art 4 nach- 
ahmen , sondern ein Symbol des großen Himmelszeltes habe 
sein sollen, ist Exodus r., c. 35 fin. (zu 26, 15) angedeutet: 
(Gott sprach zu Moses :) „So wie du es oben (am Himmel) 



lied (mbytttt *PE5) : Auf, preiset den Herrn, aUe Knechte des Herrn, die 
im Hause des Herrn stehen in den Nächten". (Wiederholt im Midrasch 
Thehillim zu ip 134, 1. In diesem Midrasch wird aber mb^E nie kos- 
misch, sondern stets ethisch gedeutet; für jenes ist er auch zu jung.) 
1 So scheint es auch Exod. r., c. 50 Mitte gemeint zu sein, wo Bezaleel 
zu Moses sagt : „Wir wollen zuerst die Bundeslade und dann die , Wohnung' 
machen." 2 Thanchuma büp^l sub fin. (vgl. Num. r., c. 4 ; anonym 

Mechiltha 43b) sagt Ende des 2. Jahrh. Rabbi Nathan: „Dem himm- 
lischen Heiligtume liegt gegenüber (entspricht) das irdische, und dem 
Throne der Herrlichkeit droben (entspricht) die Bundeslade". 8 Daß 

umgekehrt Sukkah 51 b der Altar schmähweise „Xvxog" (Wolf) genannt 
wird, beruht nicht auf astraler Vorstellung. Auch Gen. r., c. 99 (3) wird 
der „Wolf 4 (Gen. 49, 27) auf den Altar gedeutet. Oder repräsentiert der 
große Bär die Bundeslade? (Vgl. nächste Anm.) 4 Wenn es Mena- 

choth 29a heißt: „Rabbi Jose ben Jehudah (3. Jahrh.) sagte: Eine feurige 
Lade, ein feuriger Tisch, ein feuriger Leuchter kamen vom Himmel herab, 
Moses sah sie an und arbeitete nach ihrem Muster", so ist man versucht, 
an Repräsentanten von Sternbildern zu denken und an eine Symbolisa- 
tion solcher Himmelserscheinungen durch Moses. 



24 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

siehst, mache es unten (auf der Erde), wie es heißt ,aus Cedern- 
[Schittim-JBäumen, stehenden 4 , nämlich so wie sie im Himmels- 
heere stehen. Wenn du es unten so machst, wie es oben ist, 
so werde ich die obere Versammlung verlassen und meine 
Schechinah unter euch wohnen lassen. Wie oben Seraphim 
stehen, so sollen unten Schittim-Bäume stehen ; und wie oben 
Sterne stehen, so sollen auch unten Sterne stehen. — R. Chijja 
bar Abba hat gesagt: Daraus läßt sich entnehmen, daß die 
goldenen Spangen in der Wohnung (vgl. Ex. 36, 34) wie die 
Sterne am Firmament erschienen 1 ." Daß die 12 Stiere des 
„ehernen Meeres" den Tierkreis symbolisieren (Jebemias, 
1. c. 64), findet — Exodus rabba bietet nichts — eine ge- 
wisse Stütze in Numeri r., c. 12 (zu 7, 4), wo es heißt: „Und 
die zwölf Rinder, entsprechend den 12 Stämmen und den 
12 Sternbildern" (des Tierkreises)! 

Ganz dem entsprechend, daß im A. T. als irdisches Ab- 
bild des überirdischen „Thrones der Herrlichkeit" zuweilen 
ganz Jerusalem erscheint (s. o. S. 23), wird Chagigah 12 b nicht 
nur für den Altar und den Tempel, sondern sogar ganz 
Jerusalem ein himmlisches Abbild oder Urbild erwähnt: 
„R. Levi (3. Jahrh.) hat gesagt : ... Im Sebul (d. h. im 4. der 
sieben Himmel) befindet sich Jerusalem, das Tempel- 
heiligtum und ein erbauter Altar, und Michael, der große 
Fürst, steht da und opfert darauf, wie es heißt (I Reg. 8, 13): 
Erbaut habe ich dir ein Haus zur Wohnung, einen Ort zu 
deinem Sitze in Ewigkeit" — Hierher gehört auch Thaanith 5 a 
(BNT 65* nur dem Sinne nach): „R. Jochanan (3. Jh.) hat (zu 
Hosea 11,9) gesagt: Der Heilige, Gebenedeite sprach: Ich 
will nicht eher in das obere Jerusalem kommen, bis ich 
in das untere Jerusalem gekommen bin. (Schulfrage:) Gibt 
es denn ein oberes Jerusalem? (Antwort:) Gewiß, denn es 
heißt (ip 122, 3): Jerusalem, du erbaute, wie eine zusammen- 
gepaarte Stadt/" — Daß das „obere Heiligtum" und „obere 
Jerusalem" nicht etwa nur als poetische Metapher o. dgl., 
sondern als wirklicher himmlischer Ort gedacht ist, ergibt sich 
ganz deutlich aus folgendem Ausspruch (Gen. r. , c. 69 , zu 
28, 17): „R. Simeon ben Jochai (2. Jahrh.) sagte: Das obere 
Heiligtum liegt nur um 18 Mil höher als das untere 2 ; dies 

1 Ebenso Num. r., c. 12 Mitte (zu 7, 1) ; vgl. ähnlich Pesiktha r., 
c. 5 fin., Thanchuma N1Ö3 zu Num. 7, 1. 2 So, als Entfernungsangabe, 

faßt es auch Bacher (AgT, II 100) auf. Da sonst als Entfernung des 



2,Aa. Das Tempelheiligtum. 25 

erhellt aus dem Worte m (Gen. 28, 17), das [zusammen mit 
dem Anfangs-i des folgenden Wortes] die Zahl 18 ergibt." 

Der etwas schwer verständliche (bei Bacheb, APA II 713 
fehlende) Ausspruch des Rabbi Josua aus Sichnin (4. Jahrh.; 
Baba bathra 75 b unten) gehört nicht in diesen Zusammenhang, 
in den ihn, wie ich nachträglich sehe, z. B. Schöttgen (Horae 
hebr. et talm., p. 1211) bringen will. Er lautet: „Es heißt 
(Ezech. 41, 6): ,Und die Wände waren Wand an Wand, 33 mal/ 
Was heißt 33 mal? Hab Papi berichtet als Ausspruch des 
Eabbi Josua aus Sichnin : Wenn Jerusalem 3 mal so groß sein 
wird als früher, so wird es 30 Wohnungen (Stockwerke) nach 
der Höhe haben; wenn Jerusalem 30 mal so groß sein wird 
als früher, so wird es drei Wohnungen nach der Höhe haben." 
Es ist hier von der künftigen (erhofften) Wiederauferbauung 
des irdischen Jerusalem die Rede, das so volkreich sein 
werde, daß die Häuser, falls das Stadtareal sich nur dreimal 
gegen früher vergrößern sollte, zu den beschriebenen 30 Stock- 
werke hohen „Wolkenkratzer" werden würden, während bei 
dreißigmaliger Vergrößerung des Areals für jedes Haus immer- 
hin noch die für orientalische Verhältnisse beträchtliche Höhe 
von drei Stockwerken erforderlich wäre. — An ein in Zu- 
kunft von Gott erst zu schaffendes „neues Jerusalem" droben 
zu denken, verbietet den Rabbinen ihr Axiom, daß Gott nach 
dem 6. Weltschöpfungstage überhaupt nichts neues mehr ge- 
schaffen habe 1 , weshalb sie sogar (vgl. unten IL Kap., 2. Abschn.) 
Jes. 65, 17 die „neuen" Himmel und die „neue Erde" als 
bereits vor dem Sechstagewerk geschaffen erklären. Ebenso 
wie die „kommende Welt" (aon nb-ir) bereits im Himmel vor- 
handen ist, ebenso das obere Jerusalem; die „Neuheit" be- 
steht nur in dem Offenbar- und Sichtbarwerden (teils nach 
dem Tode der Menschen, teils in der messianischen Zeit). 
Wenn das „neue Jerusalem" der Apokalypse eine absolut 
neue Zukunftsschöpfung 2 ist, dann ist dies allerdings „spezi- 



untersten Himmels von der Erde „ein Weg von 500 Jahren" angegeben 
wird (Chagigah 13a), könnte man auch daran denken, „ist höher" be- 
deute den Unterschied des Höhenmaßes, daß die himmlische „hochgebaute" 
Stadt um 18 Mil höhere Mauern, Paläste usw. habe als die irdische. Auch 
dann wäre sie als reale Lokalität gedacht. 1 Auch die täglich aus 

dem himmlischen Feuerstrom „geschaffenen" Engel einer gewissen Art, 
von denen Chagigah 14a die Rede ist, sind keine eigentlichen Neu- 
schöpfungen. Vgl. unten VI. Kap., Abschn. 1, sowie VII. Kap., Abschn. 5. 
2 So Jeremias, BNT66 u. (unter Berufung auf.BoussET, Offenbg. 



26 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

fisch christlich", wie Jekemias sagt, während die rabbinische An- 
schauung der altorientalischen entspricht, die wohl neue Welt- 
(Kalender-)Ordnungen , aber keüie absoluten Neuschöpfungen 
kennt (s. I. Kap., S. 8, u. IL Kap., 1. Abschn., S. 86 f.). 



b) Die Länder der Erdenvölker 1 . 

Die Anschauung, daß den Ländern der Erdenvölker eben- 
soviele abgegrenzte Bezirke ihrer Schutzengel im Himmel ent- 
sprechen, die von diesen Engeln ohne besondere Veranlassung 
nicht verlassen werden, liegt schon Dan. 10, 20 vor, wo Michael 
und sein ebenfalls für Israel streitender Genosse 2 in das Gebiet 
des Perser-Schutzengels eindringen, nach dessen Besiegung 
der Schutzengel Griechenlands aus seinem Gebiete wider sie 
herankommt. Vgl. auch schon 1. c, v. 13, wo „bei den Königen 
Persiens" bedeutet: im Gebiete des Schutzengels von Persien 
und seiner (Distriks-)Unterengel. — Dieselbe Anschauung, die 
offensichtlich auf altorientalische Himmelsgeographie zurück- 
geht, ist im Midrasch zu finden. Als Jakob sich anschickt, 
auf seiner Reise zu Laban das Land Israel zu verlassen, 
gehen die Engel, die ihn bis dahin begleitet haben (die einzelnen 
Distrikts-Engel) davon, und die Engel, welche ihn (nach ein- 
ander) im Auslande begleiten sollen, treten ihr Amt an (vgl. 
Gen. r., c. 68 sub fin.). Nach Exodus r., c. 12 (zu 9, 26) hagelte 
es im Lande Gosen deshalb nicht, weil dessen Schutzengel es 
davor beschirmte. Diese urano-geographische Spezialisierung 
des allgemeinen Satzes, daß „das Reich der Erde dem Reiche 
des Himmels entspreche" (Berachoth 58 a; Rab Schescheth, 



Joh. 509 ff., 519 ff; Dalman, Worte Jesu 1106; Zimmern, KAT 8 630). 
Nötig ist dies m. £. nicht unbedingt; denn Apok. 21, 2 steigt das „neue 
Jerusalem" auch vom Himmel hernieder. Zudem kann die Erneuerung 
von Himmel und Erde (1. c, v. \) sehr wohl im Sinne von Deut, r., c. 11 
und Sanhedrin 97 b aufgefaßt werden, wo ebenfalls von der messianischen 
Zeit gesagt wird, dies sei die Zeit, wo Gott „ seine Welt erneuern werde* 
(Deut. r. : "ittbl* n» mnb ; Sanh. : "ittbl* n« unTTü) , was man ganz gut 
in altorientalischem Sinne von dem Eintreten einer neuen, höheren Welt- 
ordnung ursprünglich gemeint denken könne. Erst der so oft occidental 
beeinflußte Raschi sagt (zu Sanh. 1. c.) im Widerspruch mit der alt- 
rabbinischen Anschauung, TQbl* TD^irTE bedeute lOHH obl* rWiab, eine 
neue Welt erschaffen. * Vgl. unten S. 41 ff. : Die Völker der Erden- 

länder. a Gabriel? Vgl. Herzfeld 1. c, II 295. Im Thargum 

(if) 137, 7 f.) erscheint neben Michael , dem , Fürsten Jerusalems", Gabriel 
als der „Fürst von. Zion*. 



2, A b. Die Länder der Erden völker. 27 

E. 3. Jahrh.), wird im Sohar lediglich weiter ausgeführt, wenn 
daselbst (bnp^i) im Himmel 70 Bezirke erwähnt werden, die 
genau den Ländern der 70 Hauptvölker der Erde (s. u. S. 41 f.) 
entsprechen und von den einzelnen Schutzengeln dieser Völker 
bewohnt werden. Irgend etwas wesentlich Neues sagt also 
der Sohar nicht, und es zeigt sich auch hier 1 , daß eine ver- 
hältnismäßig junge Quelle 9 recht alte astrale Vorstellungen 
aufweisen kann. — Über den „Fürsten der Welt" vgl. unten 
IV. Kap., 2. Abschn., S. 112 ff. 

Wir werden noch sehen (S. 48 ff.), daß die 12 Stämme als- 
solche in Beziehung zum Tierkreise gesetzt werden; daß auch 
ihre Stammgebiete mit der Lage der einzelnen Tierkreisbilder 
in Verbindung gebracht sind, kann man aus Jeeemias (BNT 87) 
ersehen. Der Umstand, daß laut der Bibel in der israe- 
litischen Lagerordnung stets der Stamm Dan nördlich, Juda öst- 
lich, Euben südlich, Ephraim westlich angeordnet war, legte 
die astrale Kombination nahe (vgl. unten S. 107). In ihrer 
Gesamtheit werden die Stämme schon in der Bibel durch ein 
„Gilgal" mit 12 Speichen oder vielmehr Sektoren dargestellt, 
entsprechend dem Gilgal des Zodiakus (S. 54). In derselben 
Weise sahen die Eabbinen aber auch bedeutsame Länder und 
Örtlichkeiten außerhalb Palästinas als irdische Abbilder eines 
kosmischen Urbildes an. So heißt es Gen. r., c. 93 (zu 44, 19), 
wo geschildert wird, wie Juda über Josephs Härte erzürnt 
ist: „Juda . . . sprach zu Naphthali: Geh' und sieh, wieviel 
Straßen [Bezirke] in Ägypten sind ! Der ging hin, kehrte 
zurück und sagte : Zwölf sind's ! Da sprach Juda zu seinen 
(neun) Brüdern: So will ich drei davon zerstören, und jeder 
von euch zerstöre je eine, so daß kein Mensch mehr darin 
übrig bleibt! Da sagten seine Brüder zu ihm : Juda, Ägypten 
ist nicht Sichern 8 . Zerstörst du Ägypten, so zerstörst du 
die ganze Welt!" — Ähnlich wird im Thalmud (Megillah 6b) 
E o m geschildert : „Ulla (E. 3. Jahrh.) sagte : Das griechische 
Italien (yn bra N-iba-w), d. h. die große Stadt Rom, ist drei- 
hundert zu dreihundert Parasangen [ä 3 / 4 dtsch. Meilen] groß, 
und es gibt in ihm 365 Marktplätze, entsprechend den 
Tagen des Sonnen Jahres, . . . und der König speist 



1 Vgl. Jeremias, BNT 40*, 67. 2 Der Sohar stammt seiner 

Abfassungszeit Dach aus dem 12.— 13. Jahrhundert. 3 Juda hatte 

bekanntlich dieses zerstört (Gen. 34). 



28 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

jeden Tag auf einem (andern) von diesen. . . . Auf der einen 
Seite ist Meer, auf einer andern Berge und Anhöhen, auf einer 
andern eine eiserne Wand, auf einer andern Kies und Sumpf." 
Ulla lebte und lehrte in Babylonien. Ihm schwebte wohl die 
Erinnerung an „Großbabylon" vor, dessen weiter, viele Ort- 
schaften einschließender Bezirk zu seiner Zeit freilich schon 
ziemlich wüst war, und er übertrug die astralen Beziehungen 
der einstigen Weltmetropole auf die Weltstadt seiner Tage. 
Daß die „Marktplätze" den Sonnentagen an Zahl entsprechen, 
sagt der Text selber. Sie bezeichnen die jeden Tag wechseln- 
den Stellen des Tierkreises, an denen die Sonne im Laufe des 
Jahres aufgeht, oder, mythologisch gesagt, an denen der „König" 
jeweilig zur Bewirtung sich einstellt. Die vier Seiten dieser 
Mikrokosmos-Stadt entsprechen den vier Himmelsgegenden des 
Kosmos: Meer = Wasserregion des kosmischen Südhimmels, 
Berge = kosmischer Nord (Götterberg im Norden), eiserne 
Wand = kosmischer Ost („des Ostens ehernes Tor"), Kies 
und Sumpf = kosmischer West (Eingang zur kosmischen 
Wasserregion). 

c) Der Thron Salomo's. 

I Reg. 10, 19 heißt es: „Und der Thron Salomo's hatte 
sechs Stufen." Hierzu heißt es (anonym) Exod. r., c. 15 x : 
„Gott hat sechs Himmel geschaffen, und im siebenten thront 
er ; von Salomo's Thron heißt es (ebenso, I Reg. 1. c.) : ,Sechs 
Stufen waren (führten) zum 2 Throne Salomo's*; also thronte 
er auf der siebenten Stufe." Vgl. Esther r. zu 1, 2: „Rabbi 
Oschajah der Ältere (Anf. 3. Jahrh.) sagt: Der Thron war 
nach Art des Wagens 3 des Weltschöpfers gebaut. Er hatte 
sechs Stufen, entsprechend den sechs Himmeln. (Schulein- 
wand :) Es sind doch sieben Himmel ! (Antwort :) Rabbi Abun 
(4. Jahrh.) sagt: Der Ort, wo der König [Gott] thront, ist 
verborgen." — Der ganze Thronbau ist demnach, gleich den 



1 Vgl. unten VIII. Kap., S. 161 unten. 2 So wird hier das dati- 

vische b gedeutet. Nach Pesiktha 7 b war das .hinten runde Haupt des 
Thrones« (I Reg. 1. c.) wie beim „Stuhle Mosis« (rnöttl N*nnp Nma ; 
vgl. Mcovaicog -aa^idga Mt 23, 2). Buber (Pes. 1. c.) denkt an den Stuhl 
des Synhedrial-Präsidenten ; dieser Stuhl entspräche dann ebenfalls dem 
Throne Gottes, wie ja (s. u. S. 59 ff.) der untere Gerichtshof dem himm- 
lischen entspricht. 3 Merkabah, s. u. VII. Kap., S. 149 ff. 



2, A d. Das Paradies. 29 

babylonischen Tempeltürmen mit sieben Etagen, ein Abbild 
der kosmischen „sieben Himmel." 

d) Das Paradies. 

Das irdische Paradies, der „Garten in Eden" (Gen. 
2, 8. 10) 1 ist nach rabbinischer Ansicht am dritten Schöpfungs- 
tage angepflanzt worden - {Eabbi Samuel bar Nachmani, Gen. 




Abb. 2. Babylonischer Etagentempel. 

1 „Eden" war also das Land, in dem der Garten lag. So richtig 
Jbkekias, ATAO ä 188, bestätigt durch Gen. r., c. 15 zu 2, 8, wo der aus 
Babylonien stammende Rabbi Jose ben Chalaphtha (2. Jahrh.) sagt: 
„Eden war größer als der Garten." Derselbe Eabbi teilt auch J.'a Ver- 
mutung betr. der Bedeutung von Eden (urspr. = Wüste, bab. edinu), 
indem er Jes. 51, 8 so versteht: Ihre Wüsten wie ,Eden', ihre Gefilde wie 
,der Garten' des Herrn. Auf den Garten in Eden beziehen sich ferner; 
Anonym Pesachim 94 a(=Tbaanith 10a): .Der Garten ist '/oo von Eden"; 
ferner Rabbi Simeon ben Lakisch (Resch Lakisch, 3. Jahrh.), Sanhedrin 
99b: ,Du meinst vielleicht, der Gatten sei (dasselbe wie) Eden? Es 
heißt jedoch (Gen. 2, 10): ,Und ein Strom ging aus von Eden, den Garten 
zu bewässern ,' sodalä Eden vom Garten unterschieden ist." Hieraus 
schließt übrigens Resch Lakisch und an der gleichlautenden Stelle Bera- 
choth 34b aueb Rabbi Samuel bar Nachmani (3. Jahrh.), daß bei 
dem paradiesischen Zusammen wohnen des Menschen mit Gott (s. S. 30, 
Anm. *) der Mensch nur den Garten bewohnte, Gott aber gana Eden, dessen 
außerhalb des Gartens liegendes Gebiet den Menseben unsichtbar blieb, 
was künstlich aus Jes. 64, 3 herausgedeutet wird. ' Da ja (s. o. S. 25) 
nach dem Sabbath nichts Neues mehr geschaffen wurde, fand man 



30 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

r., 1. c; vgl. c. 21 zu 3, 24 x sub fin.), während das himmlische 
Paradies (das stets yiy p, nicht -pra 'a. heißt) vorkreatürlich 
ist. Die Gen. 2, 8 zu Grunde liegende Vorstellung eines Berg- 
heiligtums 2 , eines an der Ecke eines Hochplateaus liegen- 
den heiligen Gottesgartens, dessen Wasserlauf von der Berg- 
wüste herkommt (v. 10) und sich „von da", d. h. nach Ausgang 
aus dem Garten 8 , in „Arme" (p*T$*Pj) teilt, ferner die durch 
das Quellgebiet der beiden (v. 11 ff-) deutlich genannten Flüsse 
Euphrat (Phrat) und Tigris (Chiddfekel) gekennzeichnete nörd- 
liche Lage 4 und endlich das Verlorensein 5 d.h. entweder 
das Verschwundensein oder jetzige Unbekannt- bezw. Un- 
zugänglichsein des irdischen Paradieses — wie dies alles in 
dem biblischen Texte liegt — ist auch im Midrasch vor- 
handen. Wie Ezechiel 31, 3 ff. als Bäume im „Garten Gottes" 
in erster Linie Cedern, sodann Cypressen und Platanen nennt, 
so wird im Midrasch Genesis rabba (c. 15 Anf.) es als selbst- 
verständlich vorausgesetzt, daß im Garten Edens Cedern, und 

die Erschaffung dieses Paradieses in Gen. 1, 11 angedeutet: „Es lasse die 
Erde aufgehen Gras und Kraut und fruchtbare Bäume." — Die Imper- 
fekta (v. 7 — 9) faßte man daher als Vorvergangenheit: Gott hatte ge- 
bildet, gepflanzt, aufsprossen lassen usw. 1 „Der erste Mensch wurde 
am 6. Tage, der Garten Eden am 3. Tage erschaffen.« 2 Vgl. ATAO 2 
194 f. und die dortigen altorientalischen Zeugnisse sowie das über Ezechiel 
Gesagte ! Daß Gott den Garten gepflanzt, um in ihm mit dem Menschen 
zu wohnen (Gen. 3, 8; vgl. ATAO 2 188 f.), meint auch Rabbi Nehemia 
(2. Jahrh. n. Chr.): „Gott lud den Menschen zu sich ein wie ein König, 
der ein Gastmahl gemacht hat und Freunde einlädt* (Gen. r., 1. c). 
3 Es sind also vielmehr außerparadiesische Ströme als „Paradiesströme ". 
Allerdings sagt (Gen. r., 1. c, zu 2, 9) R. Jehudah bar Hai, alle Gewässer 
der Schöpfung. (Welt) hätten sich vom Lebensbaume im Garten Eden 
aus verbreitet; doch ist das lediglich aus dem Ausdruck „Baum des 
(= alles) Lebens* [also auch des lebendigen Wassers] gedeutet. 4 „In 
dem zu Grunde liegenden orientalischen Mythus ist der Garten das Berg- 
heiligtum im Norden der Welt mit den Bäumen des Lebens und der Er- 
kenntnis, . . . dann von Keruben bewacht und von der Waberlohe ver- 
schlossen. Das Bergheiligtum kennt Ezechiel; Gen. 2 f. ist es verwischt.* 
(Frdl. Mitteilung von H. Pfarrer Lic. Dr. A. Jeremias.) — Für den in 
der Euphrat-Tigris-Ebene — nur diese beiden Ströme sind deutlich loka- 
lisiert — wohnenden Verf. der ursprünglichen Erzählung von Gen. 2 war 
offenbar das armenische Hochland der einstige Ort des Paradieses. 6 Ver- 
sunkene Berggärten z. B. der „Rosengarten" in den Alpen, ferner Rübe- V 
zahls Garten usw. Der in Leipzig studierende Armenier Katschumian 
berichtete mir, daß die Volkssage im Wan-See, in dessen Nähe der 
Euphrat entspringt und der Oberlauf des Tigris geht, das Paradies ver- 
sunken glaube (vgl. Gen. 13, 10 den „Gottesgarten* Sodom). — Gen. 2, 10 ff. 
redet vom Garten in der Vergangenheit, von den Strömen im Präsens! 



2, Ad. Das Paradies. 31 

zwar nur Cedern, vorhanden gewesen seien, indem die anderen 
Baumarten als zu den „24 Cederarten" gehörig erklärt werden. 
Die Ceder aber ist ein ausgesprochener Gebirgslands-Baum, 
und die Cedernberggegenden lagen sowohl für Babylonien wie 
für Palästina im Norden. Diese Cedern des irdischen Para- 
dieses entsprechen den „Cedern droben", den himmlischen 
Cedern (s. o. S. 24 oben das Zitat aus Gen. r., c. 35 fin.), und 
deuten gleich diesen auf ihre spätere Verwendung beim Bau 
des irdischen Heiligtums hin (R. Jochanan 1. c, c. 15 Anf.) 1 . 
Der irdische Gottesgarten ist also nach dem Vorbilde des himm- 
lischen angepflanzt. — Daß „Eden" von „keines Menschen 
Auge gesehen" worden sei und selbst Adam (und sein Weib) 
nur einen Teil davon, den Garten, gesehen habe, sagen Resch 
Lakisch und R. Samuel bar Nachmani (s. oben S. 29 4 ). Das 
irdische Paradies ist also menschlichen Blicken entzogen worden. 
Daß es versunken gedacht wurde, scheint mir aus folgendem 
hervorzugehen: Erubin 19a sagt Resch Lakisch: „Wenn das 
Paradies im Lande Israel 2 (zu suchen) ist, so ist Beth- 
Schean (Scythopolis) s sein Eingang; wenn in Arabien 4 , so 
ist Beth-Gerem sein Eingang; wenn zwischen den Strömen, 
so ist Damaskus 5 sein Eingang." Resch Lakisch hat schwer- 



1 „Die Welt war nicht würdig, sich der Cedera zu bedienen, die 
lediglich für den Bau des Heiligtums erschaffen worden sind." * Dort 

(nämlich im Tale Ben Hinnom bei Jerusalem) sollte nach Erubin 1. c* 
(vorher) auch einer der 3 Höllen-Eingänge liegen; vgl. auch Beth Ha- 
midrasch VI 51. 8 Vgl. Bacher, APA II 416 4 ; Neubauer, Geogr. 
du T. 175,296,383. 4 Vgl. Hommel bei Jeremias, ATAOlOSf. 
Hommels Hypothese hätte demnach immerhin einen Lokalisationsver- 
such (aber des ehemaligen Paradiesortes) aus dem 2. Jahrb. n. Chr. 
für sich. Dieser Versuch knüpft vielleicht an die arabische Stadt Eden 
am persischen Golf an (vgl. Wineb, BRWB, I 292). Auch ist das, I Sam. 
15, 7 genannte, Chavilah wohl in Arabien gedacht (Wineb, I 288). 

6 „Zwischen den Strömen* weist auf Euphrat u. Tigris hin, zwischen 
deren Oberläufen (bei Diarbekr , vgl. Wineb , I 292) eine in der Bibel 
mehrfach genannte Landschaft „Eden" lag; noch heute heißt ein Ort bei 
Diarbekr „M ardin " entsprechend dem arab. Ma'adan. Dieses Eden ist 
hier wahrscheinlich verwechselt mit dem anmutigen Tal „Eden 11 bei 
Damaskus (Arnos 1 , 5) oder mit „Beth Eden" (das.) , das man entweder 
für das heutige schön gelegene Dorf Enden auf dem Libanon oder für 
das heutige Beit el dschanne (Haus des Paradieses) am östl. Abhänge 
des Hermon nahe Damaskus hält. Mit einem der damascenischen „Eden" 
konnte dort ein Lokalisationsversuch , der Heimat zu Ehren, um so eher 
versucht werden, als nicht nur der Name, die Nordlage, die Cedern, das 
Bergland stimmten, sondern auch vier den biblischen „ Paradiesströmen * 
(von denen stets nur Euphrat und Tigris sicher lokalisierbar waren) 



32 Kap. 1 . Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

lieh nur sagen wollen, die drei Orte seien so lieblich, daß sie 
(gewissermaßen und in poetischem Sinne) als Vorräume des 
Paradieses angesehen werden könnten; sondern da er (1. c.) 
kurz vorher drei Eingänge der unterirdischen Hölle erwähnt, 
dürfte er auch das ehemalige irdische Paradies als unter- 
irdisch, weil versunken, sich vorstellen, so daß man nur noch 
eine (bezw. 3) irdische „Pforte" dazu übrig geblieben denken 
muß 1 . Dann würde wiederum eine genaue Entsprechung von 
Irdischem und Himmlischem zu bemerken sein, indem tellu- 
risches Paradies und tellurische Hölle so nahe bei einander 
lägen, wie das überirdische Paradies und die überirdische 
Hölle (s. u.), die nach Rabbi Chanina b. Chama nur „eine 
Spanne weit" von einander entfernt liegen 2 ! — Trotzdem die 
Rabbinen in Phrat und Chiddfekel den Euphrat und Tigris er- 
kannten (Gen. i\, c. 16, zu 2, 14), haben sie darauf verzichtet, 
über die beiden anderen Ströme des biblischen Berichts etwas 
Genaueres festzustellen, geschweige denn aus. den Stromnamen 
ein heutiges Land als Paradiesstätte zu bestimmen. Nur aus 
der festen Überzeugung, daß dies nicht angehe, konnte die 
kühne Exegese entspringen, die (Gen. r., 1. c.) die Flußnamen 
auf die vier nach einander über Israel herrschenden Welt- 
reiche bezieht, und zwar geradezu gegen alle geographischen 
Anknüpfungsmöglichkeiten 8 . Genug, daß es ein dem über- 



leidlich entsprechende Flüsse vorhanden waren: (1) Der um das Gold- 
land Chavilah fließende Pischon wäre der Chrysorrhoas (Goldstrom!), an 
dessen Oberlauf Abila (!) Lysaniae lag, und der dann, an Damaskus vor- 
beifließend, slg tag 6%sxaLas itvccXiGnstai (Strabo 16, 755; WD = difrundi)! 

— (2) Der „vor Aschur" (d. h. diesseits von A.) fließen Chiddekel, der 
Sirach 24, 35 gleich nach dem Pischon genannt ist, entspräche dem bibl. 
Aman ah, der von Damaskus aus „vor* den „Asch uri* (2. Sam. 2, 9) fließt. 

— (3) Der „Phrat* entspräche dem Jordan, der Sir. 24,36 an dritter 
Stelle und zusammen mit dem „Phrat* genannt ist. — (4) Der Gichon, 
Sir. 24, 37 mit dem Nil konfundiert, entspräche hier dem zwischen Libanon 
und Antilibanon fließenden Litani (Leontes), an dessen Oberlaufe (wie am 
unteren Nil) ein Heliopolis lag. Dann wäre auch die Erwähnung von 
Bethschean ganz treffend, da nach Josephus Ant. 13,13,2 Bethschean 
(Scythopolis) gleich Damaskus, Abila, Heliopolis usw. (Ptolem. 5, 15) zu 
Gölesyrien gehörte. x Man beachte das „Wenn* in Resch Lakischs 
Erwähnung jener populären Lokalisationsversuche der ehemaligen Parä- 
diesesstelle. Da diese „kein Menschenauge gesehen hat*, ist er natürlich 
weit entfernt, das Paradies jetzt noch auf Erden zu suchen. * Pe- 
siktha 191b, Pesiktba rabbathi 201a. Auch das Elysium der Griechen 
liegt ja in der Unterwelt! 8 Man könnte erwarten, daß der Euphrat 
auf Babylonien, der Tigris etwa auf Assyrien (nach Gen. 2, 14) bezogen 



2, Ad. Das Paradies. 33 

irdischen entsprechendes Paradies gegeben hat, mag es auch 
versunken sein, wie ja auch die Bundeslade nach der jüdischen 
Tradition seit Zerstörung des Salomonischen Tempels in die 
Erde versenkt worden ist (2. Makk. 2, 4 ff., vgl. Schekalim 
6, 1); die himmlischen Originale bleiben ja in Ewigkeit! 

Der eine und eigentliche „Paradiesstrom" tritt aus Eden 
in den Garten und verläßt ihn, um sich in die 4 Weltströme 
zu teilen. Das ergibt zwei Pforten des irdischen Paradieses; 
an der nach der Außenwelt zu liegenden steht der Kerub. 
Der spätere Midrasch (Beth ha-midrasch II 52) kennt ebenfalls 
zwei Pforten beim himmlischen Paradiese. 

Die Tore setzen eine Mauer (Umhegung) um das Paradies 
voraus. Tatsächlich hat auch das himmlische Paradies eine 
solche. Kethuboth 77 b läßt sich Rabbi Josua ben Levi vom 
Todesengel seinen Platz im Paradies zeigen, nachdem er ihm 
sein mörderisches Schwert abgenommen hat. Als ihn der 
Todesengel auf die Paradiesmauer hebt, springt der Rabbi, 
der nur von fern schauen sollte, hinein und bleibt da, nach- 
dem er erst auf Anordnung einer Himmelsstimme jenem das 
Schwert wieder zurückgeworfen hat. Einen himmlischen Tor- 
wächter (wie den Kerub Gen. 3, 24 und den Petrus der christ- 
lichen Legende) finden wir bei den Rabbinen unseres Zeit- 
raums nur angedeutet. Unter seinen vielerlei Funktionen 2 



würde; statt dessen wird mittels gewagtester Etymologien und Aus- 
deutungen folgendes Schema aufgestellt : Pischon = Babylonien , Gichon 
= Medien (medo-persisches Reich), Chiddekel = Javan (griechisch -syrisches 
Reich), Phrat = Edom (römisches Reich). Das Paradies als Ort unsterb- 
lichen Lebens könnte auch ein gewisses irdisches Gegenstück in der durch 
ihre Purpurfarbereien bekannten n o r d palästinischen Stadt Lus haben, 
in der niemand starb, so daß die Einwohner, die sich nach dem Tode 
sehnten, nach außerhalb gehen mußten, Fremde aber dorthin eilten, um 
dem Tode zu entgehen (Sotah 46 a; Gen. r., c. 70). 1 Daß von 

diesen nur Euphrat und Tigris genau lokalisierbar sind, hat seine Parallele 
darin, daß der Strom des Himmelsgartens, die Milchstraße, sich zwar auch 
in 4 Arme teilt, von denen aber nur 2, dem E. und T. entsprechend 
(ATAO 9 201) , deutlicher erkennbar sind. Wo sie sich am Ausgang des 
Himmelsgartens (der Zone um den Polarkreis) trennen, steht, dem Kerub 
entsprechend, im Sternbilde des Schwans (!) der Stern 1. Größe Deneb. 
— Als dieser Paradiespforte entsprechende Himmels-Aus- und Eingangs- 
Pforte könnte man übrigens auch den NibUu (s. o. S. 18 u.) ansehen. 
2 So rettet er z. B. den Nahum von Gimso (Thaanith 21 a), den Rabbi 
Schila (Berachoth 58 a) und andere aus gefährlichen Situationen, muß allzu 
heftig durch Gebet Regen herabbeschwörende Beter zerstreuen, die er 
übrigens selbst beraten hat (Baba mezia 85 b), heilt die Zahnschmerzen 

Bischoff, Babylonisch -Astrales. 8 



34 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

scheint der himmlische Prophet Elias auch dieses Amt zu ver- 
sehen. Kethuboth 1. c. meldet er den neuen Ankömmling im 
Paradiese an ; im späteren Midrasch ist er ähnlich dem Dante'- 
schen Vergil desselben R. Josua b. Levi Führer durch Himmel 
und Hölle (Beth ha-midrasch II 48 ff.). 

Den 7 Klassen irdisch Frommer entsprechen 7 (wohl kon- 
zentrisch, vgl. ATAO 2 16 f.) aufsteigende Abteilungen des Para- 
dieses, deren höchste an den heiligsten Himmdsbezirk grenzt. 
Ihnen entsprechen von den kosmisch-astralen Erscheinungen: 
Sonne, Mond, die Himmelsveste (s. u. Kap. VII, Abschn. 2 f.), 
gewisse Sternbilder (s. VII, 4), die Blitze, die Lilien, die 
Fackeln (<L h. wohl Meteore und Kometen, s. VII, 5) K Schließ- 
lich mag noch als Entsprechung erwähnt sein die Vorstellung, 
daß ein Duft des irdischen Paradieses zurückgeblieben sei, der 
z. B. den Jakob umwob, als er zu Isaak ging, den Segen zu 
empfangen (Gen. r., c. 65 sub fin.); dieser Duft entspricht dem 
des himmlischen Paradieses, der nach Schabbath 88b jedem 
einzelnen Worte des heiligen Gottes entquillt. 

e) Die „Hölle". 

Wie auch in unseren Volksvorstellungen gehen bei den 
Anschauungen der Rabbinen über das Gehinnom zwei Vor- 
stellungen durch einander, die eines unterirdischen und eines 
überirdischen Strafraumes 2 . Dieser ist gleich dem über- 



des Patriarchen R. Jehudah (Gen. r. , c. 97). Mit vielen Rabbinen der 
nachhadrianischen Zeit verkehrt er (vgl. z. ß. jer. Therumoth 46 b und 
Gen. r., c. 94 fin.; Pesiktha 136b und Pes. rabb. 148b; Sanh. 98; Pesiktha 
87 b und Gen. r., c. 35 Anf.) usw. Er führt ähnlich dem Petrus der 
Legende Buch über die guten Taten der Menschen (Lev. r., c. 34 [8] ; 
Ruth r. zu 2, 14). 1 Lev. r., c. 30 (zu 23, 40); Midr. ThehilUm zu 

ty 11, 7. — Im späteren Midrasch (Jalkut Rubeni 14 a) sind es 10 Stufen 
[vgl. die 10 Sphären der ptolemäischen Welt (s. u. S. 101)]: (1) Einfach- 
fromme, Vorsteher Joseph, Dienstengel Arelim; (2) Redliche, Pinchas, 
Sohn des Priesters Eleasar, Chaschmalim; (3) Aufrichtige, Eleasar der 
Priester, Tharschischim; (4) Heilige, Ahron, Seraphim; (5) Reuige Sünder, 
König Manasse, Ophanim; (6) Unschuldige Kinder, Metatron, Kerubim; 
(7) Ganzfromme (Chasidim), Adam und die 3 Erzväter, Chajjoth ; (8) Wahre 
Proselyten, Prophet Obadjah; (9) der leidende Messias; (10) die 10 Mär- 
tyrer. Also 10 Stufen, aber nur 7 zugehörige Dienstengel-Gruppen ! (Über 
7 und 10 vgl. AT AO * 2$) und Anm. 3 ) 2 In den alten Volksvor- 

stellungen, wie wir sie z. B. in Grimms Märchen finden, ist außer der 
unterirdischen Hölle auch eine dem überirdischen Himmelsparadies be- 
nachbarte Hölle als Strafort vorhanden, außerdem aber auch das Fege- 



2, A e. Die „Hölle". 35 

irdischen Paradiese präexistentiell, jener gleich dem irdischen 
Paradiese erschaffen und zwar schon vor ihm, nämlich am 
zweiten Schöpfungstage (Gen. r., c. 4 zu 1, 7 und c. 21 sub 
fin. zu 3, 24), nach anderen (Pesachim 54a) am sechsten; vgl. 
oben S. 21. Im Gegensatz zu dem nördlich gelegen ge- 
dachten Paradiese ist die Hölle südlicher 1 gedacht. Schon 
die Erubin 19a erwähnten drei Pforten des Gehinnom in 
der palästinischen 2 Tradition (im Tale Ben Hinnom südlich 
Jerusalems, im Meere und in der Wüste) weisen darauf 
hin. Ferner wird Gehinnom gern mit dem Südlande Mizrajim 
(Ägypten) in Verbindung gebracht, das auch (JBNT 56, 120) 
rabbinisch die Unterwelt repräsentiert: Die ägyptische Fin- 
sternis steigt direkt aus der Hölle auf (Exodus r., c. 14 Anf . ; 
Thanchuma B. w2; Midr. Thehillim zu y 18, 12); die Übel- 
täter werden im Gehinnom nackt gerichtet gleich den Ägyptern 
im Meere (Esther r. zu 1, 11) u. dgl. m. — Die Zahl der 



feuer, der Ort „Wart- ein -Weilchen, wo die frommen Soldaten sitzen*. 
Bei den Griechen (vgl. z. B. Odyssee XI) enthält die Unterwelt drei ver- 
schiedene Abteilungen: ein indifferentes, ein Straf-Gebiet und das unter- 
irdische Elysium, dem Achilleus vorsteht. (Später noch den Tartaros als 
tiefsten Kerker.) Nur des Herakles Schatten ist im Hades, „er selbst" 
(602) im Olymp bei den Göttern. Die Straforte sind finster (Erebos). 
An Höllenfeuer gemahnt der Pyriphlegethon. Entwickeltere Hadesvor- 
stellungen in Plato's Phädon. — Über die Entwicklung der hebräischen 
Scheolvorstellungen vgl. die noch immer nicht veraltete treffliche Dar- 
stellung bei Herzfeld, GVI, II 301— 7, 332 f., 346—351. Ich hebe nur 
einige Punkte hervor. Nach den vorexilischen Vorstellungen schlafen 
alle Toten ewigen Schlaf bei ihren Vätern (Hiob 14, 12; Jer. 51, 39 u. 57) 
im Scheol, der sich tief unter der Erde, auch unter dem Meere hin er- 
streckt (Hi. 26, 5; Ez. 31, 15), auch selber Ströme und Wogen hat (2. Sam. 
22, 5; q 18, 5), dgl. „Kammern« und Täler (Prov. 7, 27. 9, 18), auch Pforten, 
Bande und „Riegel* (Jes. 38, 10; 2. Sam. 22, 6; als „Riegel" nach arab. 
pby „verschliessen* deutet H. die alukah, Prov. 30, 15). Alle bleiben im 
Scheol (Jes. 38, 18 ; Hi. 17, 15) , sind auch nicht ganz ohne Bewußtsein 
(Hi. 14, 22); Höllenfeuer (30, 33, hier auch brennender Schwefelstrom; 
33, 14). — Exilisch und nachexilisch : Die Könige der Völker sitzen in 
der Hölle auf Thronen (14, 9 f.); Wurm und Feuer (Jes. 66, 24; Sirach 
7, 17, vgl. 51, 4 f.), grimmiges Feuer (Sirach 33, 9). x „Die Gottheit 

wohnt im Westen" heißt es öfters bei den Rabbinen des Talmud und 
Midrasch (auch das Allerheiligste lag nach Westen zu). Bei dieser An- 
schauung ist, wenn das Gesicht nach Westen gerichtet ist, der Süden die 
böse, der Norden die gute Seite. Genaueres über die Bedeutungen der 
Weltrichtungen s. u. Kap. III, S. 105 ff. 2 Dieser zufolge werden 

auch die Thermalwässer, z. B. die von Tiberias, durch das unterirdische 
Höllenfeuer erwärmt (Schabbath 39 a). 

3* 



36 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

Pforten 1 der Hölle wird verschieden angegeben: Wie z. B. 
Gen. 3, 24 nur eine Pforte des Paradieses erwähnt ist, so 
auch Menachoth 99 b unten (vgl. Massfecheth Gehinnom Ant, 
in Beth ha-midrasch 1 148) nur eine Öffnung oder Pforte der 
Hölle 2 . Wie anderwärts zwei Paradiespforten (S, 33) zu kon- 
statieren sind, so nennt Pesiktha rabbathi 124 b zwei „Unter- 
weltstore" ; innerhalb des ersten „ergänzen die gewaltsam Ge- 
storbenen ihre (ihnen eigentlich bestimmt gewesenen Jahre), 
es ist also eine Art „Wart- ein -Weilchen". Die sieben 
Pforten des Gehinnom (Pirke B, Nathan c. 53 fin.) entsprechen 
dessen sieben „Wohnungen" („Häusern", Abteilungen) 8 , die 
unter einander liegen und (als sich trichterförmig verjüngende 4 
Stufenringe?), ein Gegenstück zu den 7 „Häusern des Para- 
dieses" (S. 34) bilden 6 . — Dem Paradiesstrome entspricht ein 
Höllenfluß. Schon der Name „Brunnen des Tosens" (s. u. 
Anmerk. 3) könnte darauf hindeuten, noch mehr Pesiktha 
57a, wo mit Beziehung auf Ezech. 31, 15 gesagt wird, daß 
die Übeltäter im Gehinnom von dem Gewässer des Abgrundes 
(oinp, vgl. Gen. 1, 2) überströmt werden. Dagegen ist der im 
Midrasch Thehillim 1. c. erwähnte Bach, der vor dem „Vorhof 
des Todes" (Dumah, Anm. 3) fließt, höchstens ein Unterwelts-, 
aber kein Höllenfluß . Auch der Vorsteher dieses Vor- 



1 Midrasch Thehillim zu ty 11,7 ist eine Umfassuiigs-Mauer des 
„Vorhofs" der Hölle, d. h. ihrer obersten und äussersten Abteilung er- 
wähnt. 2 Sukkah 32b: „Zwei Dattelpalmen stehen im Tale Ben 
Hinnom, und zwischen ihnen steigt Rauch auf. . . . Das ist die Pforte 
des Gehinnom." 8 Sotah 10 b ist lediglich die Zahl genannt. Die 
Namen werden verschieden angegeben; Erubin 19a lauten sie: Unter- 
welt biWö, Untergang TH3N, Brunnen der Grube (oder: Grube der Ver- 
nichtung) nnra -|«3, Brunnen (Grube) des Tosens "pKlC *nn, Todes- 
schatten rnttbas, schlammiger Kot )^n trü, Land der Tiefe mbnnrs 
yn«; dies scheint zugleich die absteigende Reihenfolge zu bezeichnen. 
Midrasch Thehillim zu t/> 11, 7 heißen sie: Unterwelt, Untergang, Todes- 
schatten, Land der Tiefe, Land des Vergessens miÖD y-itf, Gehinnom, 
Dumah (Todesstille?) TVmX — Dumah ist hier als oberste Abteilung ge- 
dacht, als „Vorhof des Todes" oder „Vorhof der Geister der toten Menschen- 
kinder". Dieser „Vorhof" trägt Hades-, aber nicht Höllen- Charakter; s. u. 
— Im Midr. Thehillim zu ^86, 13 wird z. B. die „unterste Unterwelt" 
genannt als Strafort der Ehebrecher. Nach Gen. r., c. 33 (zu 8, 1) hat 
die „Tiefe" keine Grenze. 4 Pesiktha 57 a (und in den Parallelen, 
«. B. Lev. r., c. 27, zu 22, 27) wird das Gehinnom mit einem Kessel ver- 
glichen; vgl. Dantes Hölle! * Midr. Thehillim 1. c: „Siehe, wie 
es 7 Wohnungen für die Gerechten gibt, so auch 7 Wohnungen für die 
Frevler". * Midrasch Thehillim zu 18, 7 heißt es weiter: „Vor dem 



** 



2,Ae. Die .Hölle". 



37 



hofs, ebenfalls Dumah 1 geheißen, ist kein Höllen-, sondern 
nur ein Hades -Wächter. Er ist über die Geister der Ab- 
geschiedenen gesetzt (Sanhedrin 94 a mit Beziehung auf Jes. 
21, 11; Midr. Thehill. 1. c); diese nimmt er gewöhnlich vom 
Todesengel in Empfang (Chagigah 5a; Midr. Thehill. 1. c); er 
verkündet es auch den bei ihm weilenden Seelen, wenn die 
Ankunft neuer bevor- 
steht (Berachoth 18 b). 
Ähnlich wie Elias (s. o.) 
Kethnboth 77 b vor dem 
R. Josua ben Levi 
im Paradiese herruft: 
„Macht Platz dem R, 
Josna b. L.*, ruft auch 
Dumah wenn ein Ge- 
rechter (!) ihm gebracht 
wird: „Macht Platz für 
den gerechten N. N. u 
(Midr. Thehill. 1. c) 3 . 

Vorhof ist ein Bach und toi 
dem Bache ein Feld. Tag- 
lich läßt Dumah die Seelen 
hinausgehen; sie essen dann 
von dem Felde nnd trinken 
aus dem Bache.* Der Bach 
kommt aus der Erdenwelt; 
denn, heißt es 1. c, wenn 
man Wasser in der Däm- 
merung trinke, leide der 
Bach Wassermangel. 

1 Im A.T. (if. 94, 17) 
ist rrnn = Todesstille, 
Grabesruhe , Totenreich. 
Wiesner (Scholien zum bab. 
Talmud I 47) vergleicht 

mit D. den Engelnamen „Dahman* bei Zoroaster. — Die Abgeschiedenen 
bei Dumah sind stumm; Midr. Thehillim 1. c: „Sie essen zwar, aber 
reden nicht; sie trinken zwar, aber ihre Stimme hört man nicht.* 

* Nach Schnbbath 152h (Mitte) werden dem Dumah überhaupt nur 
die Seelen der Mittelmäßigen übergeben, die (S. 39) ein Fegefeuer durch- 
machen müssen. Dagegen finden sich auf demselben Blatt Reste der ur- 
sprünglicheren Vorstellung, daß alle Seelen bei Dumah so lange verweilen, 
bis ihr Körper verwest ist, also die Idee eines Z wische nzustands. Schab- 
bath 152b (oben): .Beim Herabkommen passieren alle dasselbe Tor, 
dann aber gibt man jedem eine seiner Ehre gebührend Wohnung als 




.Hölle" in babylonischer Darstellung. 



38 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

Abgeschiedene dieser Art steigen alsbald zum Himmel auf 
und dort „von einer Wohnung (S. 34) zur andern, bis sie das 
Antlitz der Gottesherrlichkeit sehen" (1. c). Die Frevler aber 
gelangen zur Höllenstrafe, und Dumah schleudert die schlimm- 
sten in den tiefsten Abgrund (Thanchuma 86 b, Thanchuma B. 
^■pdn 7, N5 2) *•; denn „den Frevlern ergeht es nach ihren Werken 
und den Gerechten ergeht es nach ihren Werken". — Ver- 
schieden von Dumah ist der gelegentlich erwähnte „Fürst 
der Hölle" (c:n^ bto -ib); Sanhedrin 52a: „Wegen der 
Heuchelei (Schmeichelei), die sie (Korahs Rotte) mit Korah 
getrieben hatten, weil sie Genuß von ihm hatten, fletschte 
wider sie der Höllenfürst seine Zähne." — Was die Höllen- 
strafen in dem finsteren (Pesiktha57a nebst Parallelen), 
aber von nie erlöschendem Feuer durchlohten Gehinnom (Tho- 
saphtha Berachoth 6 [5], 7; Pesachim 54a) betrifft, so haben 
sie teils Höllen-, teils Fegefeuercharakter. Nach Eosch ha- 
schanah 16 b folg. (vgl. das unten S. 63 ff. Gesagte) lehrte die 



Ruheplatz". — (Ibid., unten:) „ Zwölf Monate bleibt der Körper erhalten, 
und die Seele steigt auf und nieder" (als Revenant), „dann ist der Körper 
verwest, und die Seele (des Gerechten) steigt gen Himmel." Vgl. das 
Berachoth 18 b berichtete Umherschweifen von in Dumah's Reich befind- 
lichen Toten zur Nacht und S. 36° vom Hinauslassen aus dem Vor- 
hof. So kehrte auch (nach Kethuboth 103 a) der berühmte Patriarch 
R. Jehudah nach dem Tode eine Zeit lang „jeden Freitag in der Dämme- 
rung" (vgl. oben S. 36 6 ) „in sein Haus zurück. Eines Freitag abends 
kam eine Nachbarin und rief an der Tür. Da sagte die Magd" (deB 
Patriarchen, die übrigens selbst nicht ungelehrt war): „Still, Rabbi" (so 
hieß er allgemein) „sitzt hier. Wie (der Revenant) dies hörte, kam er 
nicht mehr wieder" — nach der a. a. 0. geäußerten Vermutung, um 
nicht frühere Fromme, die man nicht hatte wiederkommen sehen, übler 
Nachrede auszusetzen, als seien sie des Wiederkommendürfens nicht würdig 
gewesen ; vielleicht aber war seine Dumah-Zeit um, sodaß er ins Paradies 
kam. Nach Siphre zu Num. (§ 131) kommen in den Aufbewahrungsort 
(Dumah's Vorhof) nur Seelen Frommer vor dem Aufstieg ins Paradies, 
der wohl als nach dem Gerichtstage (s. u.) erfolgend gedacht ist. * Vgl. 

den tiefsten Tartaros der Griechen. Im Jalkut Rubeni entspricht jede 
der (7 bezw. 10) Höllenabteilungen (vgl. die Paradiesesabteilungen oben 
S. 34) dem irdischen Verhalten der dorthin Gelangten. In jeder ist der 
größte Sünder Abteilungsvorsteher, wie in den Himmelsabteilungen der 
Frömmste (S. 34 *). Außerdem befinden sich in jeder mehrere Höllen- 
knechte zur Ausfuhrung der verhängten Strafen. In Gen. r., c. 11 
(Mitte), zu 2,3, sagt ein heraufbeschworener Verdammter: „Alle Tage 
werden wir gerichtet (in der Hölle gestraft), am Sabbath aber haben 
wir Ruhe." Vgl. hierzu meinen „Jüdisch-deutschen Dolmetscher* (3. Aufl., 
Leipzig 1891), S. 88. 



2,Ae. Die „Hölle". 39 

Schule Schammai's (etwa z. Z. Jesu), daß am Gerichtstage, 
dem jüdischen Neujahrstage, über die (lebenden) Menschen 
Gericht gehalten werde. Die stets gerecht Befundenen werden 
dann sofort zum Leben, die vollkommenen Frevler sofort zum 
Tode bestimmt und, falls sie inzwischen sterben, sofort zum 
ewigen Leben oder in die ewige Höllenpein befördert. Die 
Mittelmäßigen kommen im selben Falle in das Gehinnom, wo 
sie jammernd in den Flammen einen Läuterungsprozeß durch- 
machen, dann aber wieder herauskommen (zum ewigen Leben) ; 
denn „das [Leiden im] Fegefeuer 1 hat ein Ende, nicht aber 
[das Leiden für] die vollkommenen Frevler" — „die Ketzer 
und Verräter und Epikuräer, die die heilige Lehre und die 
Totenauferstehung leugnen und Schrecken vor sich her im 
Lande der Lebendigen verbreiten und sündigen und viele zur 
Sünde verleiten." Gegenüber dieser ewigen Höllenpein ist 
das traurige Los der nicht ganz so schlimmen „Übeltater der 
Israeliten und der Völker der Welt" fast noch milde. Sie 
„fahren mit ihren Leibern in die Hölle (Gehinnom) und werden 
dort zwölf Monate lang gerichtet (gestraft); nach zwölf 
Monaten sind ihre Leiber vernichtet und ihre Seelen ver- 
brannt, und der Wind zerstreut sie (die Aschenreste) unter 
die Fußsohlen der Frommen" (Kosch ha-schanah 17a). 
— Frevler wie Esau tragen schon bei Lebzeiten einen bran- 
digen Höllengeruch 2 an sich s. o. (Gen. r., c. 67 Anf.; im Ggs. 
zu Jakob, ibid., c. 65 sub fin., s. o. S. 34 den Paradiesduft). 

Es ist schwer zu sagen, wo bei den eben besprochenen 
Zitaten die rein tellurische Auffassung aufhört und die kos- 
misch-astrale anfängt. So ist es, um nur eines anzuführen, 
mit der Vorstellung einer tellurischen Hölle nicht recht ver- 
einbar, daß die Asche der verbrannten Übeltäter bis in das 
himmlische Paradies geweht werden soll. Noch weniger paßt 
dazu die oben (S. 32 2 ) angeführte Ansicht des R Chanina bar 
Chama, daß das überirdische Paradies und die Hölle nur eine 
Spanne weit von einander entfernt seien. Dasselbe scheint 



1 Dies ist eine Hauptbelegstelle für die Fegefeuer -Vorstellung. 
Eine andre (Aboth di R. Nathan, c. 41 fin.) lautet ähnlich: „Die voll- 
kommenen Gerechten werden nicht geglüht [durch das Feuer geläutert], 
die voUkommenen Frevler auch nicht. Wer wird (im Gehinnom) ge- 
läutert? Die Mittelmäßigen. ■ 2 Es ist Schwefel; denn mit Schw. 
werden die Sünder im Gehinnom gerichtet: Gen. r., c. 41; Pesiktha 103 a; 
Midr. Thehillim zu y 11 (5). 



40 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

mir zu gelten von folgenden Aussprüchen, denen offenbar die 
Vorstellung einer „überirdischen" Hölle zu Grunde liegt (ähn- 
lich wie wohl auch beim Gleichnis vom armen Lazarus im 
N.T.) : (1) „In der Stunde, da die Gerechten aus dem Paradiese 
hervorkommen und die Frevler in der Hölle bestraft sehen, 
freut sich ihre Seele in ihnen — in der Stunde, wo die Frevler 
aus der Hölle hervorkommen und die Gerechten im Paradiese 
sitzen sehen, ergrimmt ihre Seele in ihnen" (Lev. r., c. 32 Anf., 
zu 24, 10; vgl. Midr. Thehillim zu y 12, 9 und 31, 2). Die 
Seligen können doch nicht ins Erdinnere schauen, sondern nur 
„hinüber" (wie es im N.T. heißt) in die „himmlische" Hölle. 
— (2) „Es ist gelehrt worden: Rabbi Elieser (oder Eleasar) 
sagt: . . . Die Seelen der Frevler werden hin und her ge- 
schleudert. Ein Engel steht an einem Ende der Welt, ein andrer 
am andern Ende, und sie schleudern sich die Seelen gegen- 
seitig zu" (Schabbath 152 b). Das ist unstreitig ein kosmisches 
Bild, ebenso auch das folgende. — (3) „Komm 7 und höre! 
Ägypten ist 1600 Quadrat-Parasangen groß, Ägypten ist aber 
nur Vgo von Kusch" (d. h. von den Südländern von Äthiopien 
bis Indien), „Kusch ist x /oo der Erdenwelt, die Erdenwelt 
ist 1 / 60 des (Paradies-)Gartens, der Garten ist Veo von „Eden", 
Eden aber ist 1 j G0 vom Gehinnom ; also verhält sich die ganze 
(übrige) Welt zum Gehinnom wie der Deckel zum Topfe" 
(Pesachim 94 a); Thaanith 10 a, wo mit unwesentlichen Ab- 
weichungen dasselbe steht, wird hinzugefügt: „Manche sagen, 
es gebe für die Hölle (Gehinnom) kein Maß, manche wiederum, 
es gebe für das Paradies kein Maß." Hier kann an kein 
tellurisches Gehinnom (und Paradies) gedacht sein; denn dafür 
gäbe es ein größtes Maß in den Abmessungen der Erdenwelt, 
zu der sie dann gehörten. Aber auch das in der vorletzten 
Stelle angegebene Maß (60 8 = 216000 Erdenwelten) weist 
auf kosmische Verhältnisse hin. 

Es entspricht also — das ist das Eesultat dieser rabbi- 
nistischen Höllenfahrt — der tellurischen unterirdischen „Hölle" 
eine kosmische „Hölle", und diese ist die südliche Hälfte des 
astralen Kosmos, wie die nördliche „Himmels"-Charakter im 
engeren Sinne zeigt. Nehmen wir diese als „Eden", das in 
sich als kleinere Zone (s. o. S. 29 l ) den „Garten" enthält, so 
berühren sich tatsächlich „Paradies und Hölle", Nord- und 
Südhälfte des astralen Kosmos fast, nur getrennt durch die 
„Spanne" des Tierkreises. Dann wird auch die altorientalische 



2, B a. Die Völker der Erdenländer. 41 

Nergal-Natur des „Höllenfürsten" (vgl. ATAO 2 126) ersichtlich, 
und die beiden an den „Welt-Ecken" stehenden Engel haben 
vielleicht zu Marduk und Nebo Beziehungen (vgl. ATAO 2 26 
u. ö.). 

B. Personen. 

a) Die Völker der Erdenländer. 

Daß einzelne Völker ihre Schutzengel und Eepräsentanten 
im Himmel haben, ist schon Daniel 10, 13 u. 20 f. angedeutet, 
wo der Engel Michael (neben dem dort redenden Gabriel) 
als Schutzherr Israels erscheint, der wider die Schutzengel 
der feindlichen Völker, den „Fürsten des Königreichs Persien" 
und „den Fürsten Griechenlands", siegreich kämpft; auch die 
„Wachenden" (Irin, Dan. 4, 14) scheinen auf Ähnliches zu 
deuten 1 . Die LXX übersetzen Deut. 32, 8 („Als der Höchste 
die Völker schied und der Menschen Kinder zerstreute, da 
setzte er die Grenzen der Völker fest nach der Zahl der 
Kinder Israels"): „nach der Zahl der Engel Gottes". Die 
Zahl der Kinder Israels (Jakobs) betrug nach Gen. 46, 27 
(vgl. Exod. 1, 5; Deut. 10, 22) siebzig 2 , und so zählte man 
denn auch Deut. 32, 8 im ganzen (außer Israel) 3 70 „Völker 
der Welt", denen bekanntlich im N.T. (Luk. 10, 1) der weitere 
Jüngerkreis von 70 entspricht. Auch in der mosaischen Völker- 
tafel (Gen. 10) zählte man 70 Völker. Hieraus ergab sich 
nun leicht die Vorstellung, daß nicht nur für die großen Völker, 



1 Gesenius las schon aus Jes. 24, 21 Schutzengel der Völker heraus 
und verglich sie mit den Ized's der Parsen, bezw. mit den Arpaschads 
(zu denen der Engel in Dan. 10, 13 gehöre). Deut. 4, 19 glaubte man 
die Anschauung zu finden, daß Gott für jedes (heidnische) Volk ein Ge- 
stirn als Patron bestimmt habe (vgl. unten „ Astrologie*), und verglich 
hierzu Herodot 7, 53 (37) und Curtius 4, 10, wo die ägyptischen Wahr- 
sager (bei Herodot die persischen Magier) sprechen: Solem Graecorum, 
Lunam esse Persarum. (Vgl. unten S. 159 *.) 2 Daß auch in der 

Zahl 70 (bezw. 72) ein astrales Motiv liege, erörtert u. a. Jbremias, ATAO 2 
62, BNT 93. (Das Mondjahr hat 70, das Sonnenjahr zu 360 Tagen 
72 Fünferwochen). 8 Sotah 36 b versteht der ägyptische Pharao 

70 Sprachen ; Joseph wird, damit er die von jenem ihm übertragene Herr- 
schaft antreten könne, über Nacht vom Engel Gabriel in den 70 Sprachen 
unterrichtet und kann am morgen eine Sprache mehr als Pharao, der die 
heilige hebräische Sprache nicht versteht. — Vgl. Sukkah 55 b: „Rabbi 
Elieser sagte: Wem entsprechen (am Laubhüttenfeste) die 70 Farren? 
Den 70 Nationen. Wozu (wird) der einzelne (Farre außerdem geopfert) ? 
Entsprechend der ,einzigen* Nation (Israel). 1 * 



42 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

sondern für jedes von den 70 Völkern vorhanden sei. In der 
rabbinischen Literatur des Talmud und Midrasch ist diese 
Vorstellung voll ausgebildet, und zwar finden wir hier außer 
den himmlischen Repräsentanten der 70 Hauptvölker (Nationen) 
auch fernere für jedes der zahllosen unbedeutenderen oder un- 
bekannten Völker. Ich erwähne nur das Nötigste: 

I. (a) Siebzig Schutzengel der 70 Völker: R. Simeon ben 
Jochai in Pirke R. Elieser c. 24; Thargum Jonathan, Gen. 
38, 25. — (b) Hundertundvierzig Schutzengel der (140) 
Völker: Schir r. zu 6, 8 (7); Siphre zu Deut. 32, 8 (§ 311) mit 
der Erklärung, daß hier auf jede Seele der 70 Kinder Israels 
2 heidnische Völker kämen. — (c) Zahllose Schutzengel der 
(zahllosen) Völkerschaften: Jose ben Chalaphtha in Pesiktha 
rabbathi 103b; Schir r. und Siphrß 11. cc. — (d) Allgemein: 
Die Schutzengel der Völker, wider Israel Klage erhebend 
(Ruth r. Anf.) 1 ; den Israeliten feindlich (Pesiktha 108b); die 
Seh. d. V. werden gefesselt, als Jakob zur Opferung [Gen. 22, 8] 
gefesselt wird, dagegen wieder frei, als Israel sich zur Zeit 
Jeremia's von Gott abkehrt (Gen. r., c. 56 [ll]) 2 . 

IL Einzelne Schutzengel: (a) Michael für das Volk 
Israel: Thargum Jonathan, Gen. 32, 24 und 38, 25; Ruth r., 
1. c; Menachoth 110a; Chagigah 12b; Sebachim 62a usw.; auch 
Gabriel: Joma 77a; — (b) Der Schutzengel Ägyptens: 
Gen. r., c. 15 (15) 8 . — (c) Der Schutzengel Roms: Makkoth 
12a; Gen. r., c. 78 usw. — (d) Die Schutzengel Babels, 
Mediens (Persiens), Griechenlands, Roms: Pesiktha rabb. 
151b; Pesiktha 150b; Lev. r., c. 29 (2). Für die außerdem 
hier genannten Länder Gallien, Hispanien und „die andern 
Provinzen" sind auch solche himmlische Repräsentanten an- 
zunehmen. 

Das Geschick eines jeden Volkes widerfährt vorher 
seinem Schutzengel. Soll ein Volk zur Herrschaft kommen, 
so steigt zuvor sein himmlischer Repräsentant empor 4 . Fällt 



1 Exodus r., c. 21 sub fin., tut dies der Schutzengel Ägyptens (s. II), 
als Gott die Israeliten aus Ag. befreien will. a Sind „die Großen 

der Nationen", die (Baba bathra91a) sich zur Trauer um Abraham auf- 
stellen und die Welt um den Verlust ihres „Leiters" beklagen, die Schutz- 
engel der Nationen? 8 Der spätere Rabbinismus kennt auch die 
Namen dieser Engel: Der ägyptische heißt Rachab, der medopersische 
Dubiel (Josua 77 a) usw. Vgl. u. S. 138. 4 Nach Pesiktha und Lev. 
r., 11. cc, sah Jakob den Schutzengel Babels 70 Stufen der Gottesleiter 
hinaufsteigen, den von Medien 52, den von Griechenland 180, den von 



2, B b. Einzelne Menschen. 43 

ein Volk, so fällt zuvor sein Engel: „Gott bringt nicht eher 
eine Nation zu Falle, bevor er nicht ihren Schutzengel zu 
Falle gebracht hat" (Mechiltha 36b [zu 15, 2]; Lev. r., c. 21 
[zu 4, 15]; Schir r. zu 8, 14). — Da nun, wie noch erörtert 
werden wird (s. u. S. 136 f. und 138), wenigstens von den 
Hauptengeln jeder über ein Gestirn gesetzt ist, lag der Ge- 
danke nahe, aus den Konstellationen dieses Gestirns auf die 
künftigen Schicksale des dem zugehörigen Gestirns-Engel ent- 
sprechenden Volkes zu schließen. Weiteres hierüber in Kap. V. 

b) Einzelne Menschen. 

Wie die Völker, so hat auch jeder Mensch einen himm- 
lischen Eepräsentanten, einen Schutzengel. Diese Anschauung 
ist (bei der systematischen Darstellung wenigstens; in der 
Praxis sind zuweilen die Grenzen fließend) wohl zu unter- 
scheiden von zwei nahe verwandten Motiven: (1) von dem 
Glauben, daß die planetarische Konstellation, unter der 
ein Mensch geboren ist, sein Geschick beeinflusse, und (2) 
von den mehr oder minder starken astralen Zügen, mit 
denen auch in rabbinischen Aussprüchen (ähnlich wie in ein- 
zelnen Bibelstellen 1 ) zumal biblische Personen ausgestattet 
werden. Das erste Motiv bespreche ich in Kap. V, das zweite 
in Kap. VIIL 

Die hier lediglich zu behandelnden ständigen himm- 
lischen Repräsentanten der einzelnen Individuen heißen ge- 
wöhnlich b}7? (Massäl) „Gestirn" des Menschen. Das ist eine 
den Rabbinen ganz geläufige Vorstellung: Ein Mensch er- 
schaudert z. B. oft scheinbar ganz grundlos; aber sein bro hat 
in diesem Falle die verborgen drohende Gefahr geschaut 2 



Rom ohne Aufhören. — Die drei ersten Zahlen bezeichnen die (traditionell 
so gerechneten) Jahre, während deren jede einzelne Nation über Israel 
herrschte; die Jahre der römischen Herrschaft konnte der im 3. Jahrh. n. 
Chr. lebende Autor dieses Ausspruchs natürlich nicht angeben ; doch läßt 
er auf Jakobs bangen Zweifel, ob denn Borns Herrschaft überhaupt je 
sinken werde, den Herrn antworten, daß er sie einst stürzen werde, wenn 
es auch bis zum Himmel emporsteige. * Vgl. ATAO, BNT, KBB 

passim. 2 Sanhedrin 94a oben = Megillah 3a unten: „ Rabina 

sagt: . . Wenn der Mensch sich ängstigt, so schaut sein Gestirn etwas, 
während er selbst es nicht sieht." Dagegen ist es nach Aboth di Rabbi 
Nathan c. 16 (32 ab Schechter) Einwirkung des ?nn *)£*, also der bösen, 
den Menschen beherrschenden Macht, wenn er eine Gefahr nicht ahnt, 
z. B. wenn ein Kind in der Wiege eine Schlange oder einen Skorpion 



42 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischen^,. 

sondern für jedes von den 70 Völkern Vorhände-^?) Gestirnen 
rabbinischen Literatur des Talmnd und M; 'fa die einzelnen 
Vorstellung voll ausgebildet, und zwar $',y£t ieine Schwierig- 
den himmlischen Repräsentanten der 7f^> ^jucht weniger als 
auch fernere für jedes der zahllosf -Jjf^ine 20 stellige Zahl) *, 
bekannten Völker. Ich erwähr .frjj&taim der Erdberölke- 
I (a) Siebzig Schutzer ,>'^*"%>r haben wir die astrale 
Jochai in PirkS R Elie' :.tffr Rannte talmudische Angabe, 
38, 25. — (b) Hund " 'U ^ (Adam) alle künftigen Ge- 
Völker: Schirr, w .',.■: -"'f J.'Shrer gezeigt (twhii -m ir*, 
der Erklärung, " .. >" ,""' Y 'f '^„n eben ihre astralen Eepräsen- 
2 heidnische " ■'' -^^ ' &- J ' n pL jö, 5 den Abraham zum Sternen- 
tzahllosen ■* ..-'^^'fie * fl(0 ihm die große Zahl seiner Nach- 
rabbatK . ,,^f '^„'machen 3 . Mit dieser Vorstellung von 
Die F ' ""V, /;""' ntaflteH auch noch ungeborener Menschen* 
(Kr ■■' . tf«/ ,r:t ^ s Rab Asehi (Schabbath 146a oben) zu- 
S' *"""■ i"' ; "' 1 - der Gesetzgebung am Sinai auch die „Ge- 

pß& &t '^. ir , r d ? glühende Kohlen angreift und lieh verbrennt. 

" *^ja d S** 1 Uete »"8 Sanhedrin wird nun wohl die Sache „dureb- 
»"*** *'* KrtUW"» A « T n 384 ° J - ' " R - sime0D ben Lakisch 

- ^Zti»^ 1 'benedeite Gott sprach: ... 12 Sternbilder (Tierkreis- 
■■* * . ■ ° e ' f ■% am Raki'a (an der .Venia"), zu jedem Sternbilde er- 
Ä erSC , b Heert (Heerführer), zu jedem H. 30 (Führer voa) Castra, 
huf ' eb r 30 Legion (sführer), zu jedem L. 30 Kohorten(führer) , zu 
ju J^* 0, SO Manipel(fl>hrer), zu jedem M. 365000 Myriaden (a 10000) 
jedem *■ «„rechend den Tagen der Sonne (des Sonnen Jahres)." — Der 
steroe 'totot des H'PP aten C B,arD 125 v - Chi.) enthält nur 1022 Sterne 
Sler0l SternbiIdern! * Nehmen wir an, die Erdbevölkerung habe 

ia *" i B stfindig wie heute etwa 1'/, Milliarden Menschen betragen, so 
" a , __ die Menschengeneration zu 80 Jahren Lebenszeit gerechnet — 
h'ee Sternzahl für die Kep rasen tation der gestorbenen und der lebenden 
Menschen (für jeden Bein eigener Stern gezählt) erst in 212 Milliarden 
uD d 688 Millionen Jahren erschöpft sein! — Nach Pesiktha rabbathi, 
c . 20 Ende, stiegen am Sinai 120 Myriaden (=1200000) Engel zu Israel 
hinab, von denen je 2 auf einen Israeliten kamen, so daß 600000 Israe- 
liten gerechnet sind, wobl als Zah) der dort anwesenden, nicht sämtlicher 
Israeliten aller Zeiten. s Gen. 15, 5 (worüber mehr im Kap. V) 

wird Exod. r., c. 38 so aufgefaßt, als habe Abraham astrologische Be- 
obachtungen, die er machte, dahin gedeutet, daß er keinen Sohn be- 
kommen werde, worauf ihm Gott auf die unzähligen Sterne als das Ab- 
bild seiner unzähligen Nachkommen hingewiesen habe. Es wird darauf 
■1« 119, 89 angewandt: , Auf ewig, Herr, steht dein Wort fest am Himmel." 
Magillab 16 a unten wird das Volk Israel ganz allgemein mit den Sternen 
verglichen. * Vgl. die parsische Vorstellung von den „Ferners" 

als himmlischen Genien der Menschen (Kohut, Aruch V 101b; Bache«, 
APA II 232°). 



2, B b. Einzelne Menschen. 45 

stirne" (Genien) der künftigen israelitischen Proselyten zugegen 
waren; ebenso ist wohl auch der Ausspruch des Rab Samuel 
^ar Nachmani (Thanchuma o^as: fin. zu Deut. 29, 14; vgl. Than- 
iuma B. 'axs 8) gemeint, daß die Seelen der noch uner- 
\affenen künftigen Geschlechter seien am Sinai anwesend 
*en (nämlich ihre himmlischen Repräsentanten) * ; Exodus r., 
' sub fin. (zu 20, 1) läßt R. Isaak alle Propheten und 
oisen ihre Prophetie und Weisheit persönlich am Sinai 
empfangen haben 2 und u. a. den Jesaja sagen: „Bereits an 
dem Tage, als die Thorah auf dem Sinai gegeben wurde, war 
ich dort und empfing diese Weissagung, doch erst jetzt hat 
Gott der Herr und sein Geist mich gesandt" (vgl. Jes. 48, 16). 
— Auch „die Seelen der künftigen Frommen", zu denen laut 
verschiedenen Stellen 8 Gott am 6. Schöpfungstage die Worte 
sprach: „Lasset uns Menschen machen", sind wohl als identisch 
mit den himmlischen Repräsentanten der noch unerschaffenen 
Menschen gedacht ; denn — abgesehen davon, daß der Mensch 
erst bei der Schöpfung eine „lebendige Seele" wurde — nach 
anderen Stellen 4 sagt Gott jene Worte zu den „Dienstengeln", 
die wir soeben als solche Repräsentanten kennen lernten, und 
deren astrale Natur z. B. aus dem Zusammenhange von Thar- 
gum jer., Exod. 22, 35, hervorgeht 6 . Speziell als Repräsen- 
tanten der Israeliten werden (Chullin 91b und Gen. r., c. 65 [21]) 



1 Gott kommt nach Exodus r., c. 29 mit „Myriaden mal Myriaden* 
Dienstengeln auf den Sinai herab. 2 Alles ihr Wissen und Lehren 

auf Erden beruht sonach auf Wiedererinnerung an das in einem Zustande 
präexistentieller Unkörperlichkeit vor Zeiten Gelernte, gleichwie bei Plato 
alles Wissen der Seele Wiedererinnerung an das ist, was sie in der Prä- 
existenz im Himmel erfahren hat. — Die Stelle Niddah 30 b, die man 
gewöhnlich mit Piatos Lehre vergleicht, spricht von einer Belehrung des 
Embryo im Mutterleibe durch einen Engel, der vielleicht als Schutzengel 
gedacht ist. Bei Plato und Ex. r., 1. c. jedoch findet die Offenbarung 
des Wissens vor aller Körperlichkeit der in Rede stehenden Menschen 
statt. 8 Pesiktha 33 b; Thanchuma *">pn; Thanchuma B, npn 10; 

Gen. r., c. 8 Mitte (zu 1, 26); Num. r., c. 19 Anfang. * z. B. San- 

hedrin 38b; Gen. r., 1. c, etwas vorher; noch an vielen anderen Stellen. 
Diese Anschauung ist die geläufigere. 6 „Betet nicht an: Sonne, 

Mond, Gestirne, Dienstengel *. Will man unter mbTttT D'ODID .Planeten 
und Tierkreisbilder « verstehen (BNT 84 4 ), so sind GramD = Planeten 
(vgl. pIX SD13, der Planet Jupiter usw.) und 'Ttt Tierkreisbilder; doch 
verfließen die Grenzen zwischen beiden häufig. Daß bltt überhaupt Ge- 
stirn und speziell „Schutzstern* eines Menschen bedeuten kann, sahen 
wir oben. 



46 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

beim Schöpfungswerk die Gott zusammen mit den „Söhnen 
Gottes" preisenden „Morgensterne" (Hiob 38, 7) angesehen. 
Dienstengel als Schutzengel — und zwar für jeden Menschen 1 
deren zwei, einen guten und einen bösen — finden wir in der 
plastischen Schilderung des R Jose bar Jehudah (Schab- 
bath 119b oben) 2 . Die Zweizahl dieser Engel scheint darauf 
zu beruhen , daß (vgl. oben S. 35 ff.) nicht nur Himmlisches 
und Irdisches, sondern auch Himmlisches und Höllisches sich 
entsprechen, daher dem guten Schutzgeiste, dem „guten Ge- 
stirn" (Massäl tob), ein höllischer Schädling, ein „böses Gestirn" 
(Massäl rä). Und diese zwei Engel entsprechen wiederum der 
Doppelnatur des Mikrokosmos, des Menschen, der in sich den 
Himmel und die Hölle, Ideales und Hylisches trägt, wie dies 
Gen. r., c. 12 deutlich veranschaulicht wird 3 ; jenen beiden 
Engeln entsprechen der gute und der böse Trieb (J6zer tob 
und Jezer rä) in ihm. Aber die Kabbinen sind keineswegs 
gesonnen, fatalistisch die guten und bösen Handlungen und 
Charaktere der Menschen dem astralen Einflüsse unbedingt 



1 Schabbath 1. c. ist zwar speziell von solchen eines Israeliten die 
Rede (s. nächste Anm.); doch da immerhin der Ausdruck „Mensch" ge- 
braucht ist, darf man wohl verallgemeinern, zumal ja auch beim himm- 
lischen Gericht (s. übernächsten Abschnitt d) dem jedes Menschen Sünden 
aufzählenden Satan (Sammael) ein verteidigender Engel gegenüber steht. 

2 ,Zwei Dienstengel begleiten den Menschen am Vorabend des 
Sabbath aus der Synagoge heim, ein guter und ein böser. Und wenn 
er (der Mensch) nach Hause kommt und das Licht angezündet, den Tisch 
gedeckt und das Bett (frisch) überzogen findet, spricht der gute Engel; 
,Möge es (Gottes) Wille sein, daß es am nächsten Sabbath auch so sei*, 
und der böse Engel muß wohl oder übel Amen dazu sagen. Ist's aber 
(zu Hause) nicht so, dann spricht der böse Engel: ,Möge es (Gottes) 
Wille sein, dass es am nächsten Sabbath auch so sei', und der gute Engel 
muß wohl oder übel Amen dazu sagen." 8 „Gott sprach: Erschaffe 
ich den Menschen von den oberen Wesen, so sind diese um ein Geschöpf 
zahlreicher als die unteren ; erschaffe ich ihn von den unteren Wesen, so 
sind diese um ein Geschöpf zahlreicher, und es entsteht Zwiespalt zwischen 
den oberen und unteren Wesen; so will ich ihn denn von den oberen 
und unteren Wesen (zugleich) erschaffen. 11 Vgl. Deut, r., c. 11: (Weshalb 
heißt Moses der Mann Gottes?) „Rab Abin sagt: Von der Leibesmitte 
abwärts war er ,Maon', von der Leibesmitte aufwärts ,Gott*. tt — Ahnlich 
Chagigah 15 a (als Ausspruch des R. Akiba): Jeder Mensch hat zwei 
Teile, einen im Paradies, einen in der Hölle. Ist er es als Gerechter 
würdig, so empfängt er seinen Teil und den eines (unwürdig gewordenen) 
Genossen im Paradiese, wird er als Frevler schuldig befunden, so empfangt 
er seinen und eines (jetzt fromm gewordenen) Genossen Teil in der 
Hölle .... laut Jes. 61, 7 und Jer. 17, 18. 



2, B b. Einzelne Menschen. 47 

zuzugestehen. Das widerspräche ihrem stets hochgehaltenen 
Prinzip der ethischen Willensfreiheit (vgl. des weiteren Kap. V). 
Schon aus der eben mitgeteilten Erzählung aus Schabbath ist 
ersichtlich, daß des Menschen eigenes Verhalten (hier fromme 
Sabbath-Ehrung , dort gleichgültige Vernachlässigung dieser 
Ehrung) erst den Segen oder Fludi der Engel verursacht. 
Wie man hier durch frommes Verhalten den bösen Engel zu 
nötigen vermag, sich, wenn auch widerstrebend, dem Segens- 
wunsche über das Haus anzuschließen, so soll und kann man 
auch seinen bösen Trieb zum Guten zwingen: „Es heißt 
(Deut. 6, 5): ,Du sollst den Herrn, deinem Gott mit deinem 
ganzen Herzen lieben* usw. Mit deinen ganzen Herzen, d. h. mit 
deinen beiden Trieben, mit dem guten Triebe und mit dem 
bösen Triebe" (Berachoth 54 a). Die Seele stammt ja ihrem 
Wesen nach von oben, und sie hat auch während des Erden- 
lebens nach Rabbi Me'ir (Gen. r., c. 14 sub fin.) die Fähigkeit, 
„in der Stunde, da der Mensch schläft, sich gen Himmel zu 
erheben und dort Leben von oben zu schöpfen". Daß hier 
eine astrale Vorstellung — die Berührung der Seele mit ihren 
himmlischen bna — mindestens mitklingt, ergibt sich deutlich 
aus Pesiktha rabbathi, c. 8 \ und z. T. auch aus der Ansicht 
(Sanhedrin 45 b; jer. Chagigah 77b), daß die Zauberweiber 
von Askalon durch Berührung mit dem Füßboden ihrer der 
Unterwelt naheliegenden Höhle immer neue Kraft erhielten, 
bis E. Simeons ben Schatach Genossen sie (wie Herkules den 
Antäus) emporhoben und heraustrugen. — Die „gen", aber 
nicht „in" den Himmel emporschwebende, also wohl in den 
„Intermundien" (immerhin in astraler Kegion) während des leib- 
lichen Schlafs sich befindende Seele erlangt zwar nicht wie 
einst der bei Gott weilende Adam (s. o. S. 44) ein vollkommen 

1 „Es steht geschrieben (Prov. 20, 27): ,Eine Leuchte des Herrn ist 
die Seele des Menschen, durchforschend alle Kammern des Innern 1 . 
R. Acha hat gesagt: Die Könige haben Botschafter, die ihnen jegliches 
berichten, was sich geheim oder öffentlich zuträgt. Und Gottes Bot- 
schafter? Das ist die Seele. Die Seele berichtet dem Engel 
[Dienstengel], der Engel dem Kerub, der Kerub unterbreitet es Gott, wie 
es heißt: »Fluche dem Könige nicht in deinem Herzen, und fluche nicht 
dem Reichen in deiner Kammer; denn die Vögel des Himmels 
führen ihre Stimme, und die Fittige haben, sagen es nach'. Und be- 
schriebene Pergamente liegen vor Gott, worein alles, was die Menschen 
tun, aufgeschrieben wird. Einst stellt Gott jeden Menschen zur Rede 
und tut jedem seine Taten kund; da stehen sie (dann) da und wundern 
sich." 



48 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

anschauliches Bild der näheren oder fernen Zukunft, wohl 
aber wird ihr zukünftiges in einem Traum-Bilde offenbart, 
das freilich kundiger Deutung bedarf (Berachoth 55 a unten 
— 57 b Mitte); denn der Traum ist keine volle Prophetie, 
sondern nur ein Sechzigstel davon (Berachoth 57 b, weiterhin). 
Darum sind auch nicht 'alle Träume wirkliche Andeutungen 
von Zukünftigem, sondern Trugbilder der ja ebenfalls in den 
Intermundien (Chagigah 16 a) umherzuschweben befähigten 
Dämonen, während die Traumbilder, die wirklich Künftiges 
andeuten, dem Menschen von seinem Engel gezeigt werden 
(Berachoth 55 b, wo auf die erste Art Zach. 10, 12 angewendet 
wird: „Die Träume reden Nichtiges", auf die zweite Num. 12, 6: 
„Im Traume rede ich mit ihm") 1 . 



c) Die zwölf Stämme und der Tierkreis 2 . 

Zwölf Zeichen hat der Tierkreis, fünf und neben; 
Die heiligen Zahlen liegen in der Zwölfe. 

(Schüler : Die Piccolomini, II 1.) * 

Einen astralen Traum hatte laut Gen. 37, 9 Joseph, 
Jakobs Sohn: „Siehe, ich träumte, ... die Sonne, der Mond 
und elf Sterne neigten sich vor mir". Gemeint sind damit, 
wie Jakob v. 10, sofort richtig deutet: Jakob 4 , Leah 5 und 

1 Neben vielen Angaben des einzigen echten „chaldäischen Traum- 
buchs* (Berachoth (54 a unten bis 57 b) über Bedeutungen von Träumen 
und eingetroffene Deutungen finden sich daselbst aber auch — wie sehr 
häufig im Talmud, wenn irgendwelche mystischen Ansichten vorgetragen 
werden — ganz rationalistische Ansichten. So sagt (1. c, 55b unten) der 
schon öfter genannte R. Samuel bar Nachmani: „Es wird (im Traume) 
dem Menchen nichts anderes gezeigt als die Gedanken seines Herzens,* 
und sagt bestätigend: „Es wird ja dem Menschen fim Traume) weder ein 
goldner Palmbaum gezeigt, noch ein Elefant, der durch ein Nadelöhr 
geht"; er hat offenbar nie verruckte oder unnatürliche Träume gehabt. 

2 Von den unter b behandelten Entsprechungen unterscheidet diese 
sich dadurch, daß hier kein Einzelstern, sondern je ein Sternbild der 
himmlische Repräsentant ist; von der in Kap. VIII behandelten Astral- 
symbolik ist sie darin verschieden, daß dort dieselbe Person teils ver- 
schiedene astrale Züge aufweist, teils einen solchen Zug mit anderen 
Personen teilt, während hier die Sternbilder ständige Repräsentanten nur 
einer irdischen Erscheinung sind. 8 Vgl. Winckler, HuWB* 17. 

4 Über Sonnen-Züge bei Jakob vgl. VIII. Kap., 3. Abschn. 6 So 

ist „deine Mutter* (v. 10) wohl am natürlichsten aufzufassen, da Rahel, 
seine leibliche Mutter, laut Gren. 35, 19 bereits tot war. Im Talmud 
(Berachoth 55 b oben) wird angenommen, der Traum sei noch vor Rahel's 
Tod geschehen, die Erfüllung des Traumes (daß Josephs sämtlliche An- 



2, B c. Die zwölf Stämme und der Tierkreis. 



4£ 



Josephs elf Brüder; er ist der zwölfte Stern. Bei diesen 12 
in so enge Beziehung zu Sonne und Mond gesetzten Sternen 
an die zwölf Sternbilder 1 des von Sonne und Mond durch- 
wandelten Tierkreises zu denken, liegt sehr nahe. Und doch 
rief es vielfaches Kopf schütteln hervor, als Jeeemias (ATAO 2 
395 ff., vgl. BNT 87 f.) nach anderen ähnlichen Versuchen« eine 
symbolische Repräsentation der 12 Stämme durch die 12 Tier- 
kreisbilder nachzuweisen unternahm. 

Es entsprechen sich in den beiden neusten Kombinationen 
die Tierkreiszeichen und die Jakobssöhne folgendermaßen. 

Bei Jeremia8: Bei Lepsius: 

Naphthali 8 Naphthali 



T aries : 

y taurus : 

II gemini : 

® Cancer: 

&l leo: 

ftp virgo: 

£b libra: 

VVi scorpio: 

$ arcitenens : 



Joseph 4 
Sim., Levi 6 
Isaschar 7 
Juda 8 
Dina 9 
Dan 11 
Benjamin 18 
Gad 1 * 



Rüben 5 
Simeon, Levi 
Isaschar 
Juda 
Asser 10 
Benjamin 12 
Dan 1 * 
Gad 



gehörige ihm in Ägypten huldigten) aber nach ihrem Tode, was ein Be- 
weis dafür sei, daß kein Traum ganz in Erfüllung gehe, da Rahel sich 
vor Joseph nicht mehr gebückt habe. — Leah = Mond, weil sie „blöden 
Angesichts" war? Etwa der Neumond als weibliches Gegenstück des 
vom Vollmonde repräsentierten Jakob? (Vgl. S. 161 das Zitat aus 
Ezod. r., c. 15.) * Über den altorientalischen Ursprung der Stern- 

bilderbezeichnungen vgl. ATAO*, S. 11 ff. 2 Athanasius Kibcheb, 

Orbis aegyptiacus 1654, II 1, 21; Zimmebn, Ztschr. f. Assyriol. 1892, 161 ff.; 
ders., Die Keilschr. u. das AT, 3. Aufl. 1903, 628; Stucken, Mitteil. d. 
vorderasiat. G eselisch. 1892, 166 ff; Lepsius, Reich Christi, Jahrg. 1903, 
375 f. 8 „ Statt ajjälä kann ajil , Widder 4 gelesen werden." 4 „Joseph 
wird ... 5. Mos. 33, 17 mit einem Stier verglichen." 6 [L. liest v. 4 

ganz anders, zuletzt statt TON etc. : ftb? TN ^38 „als der Stier sich 
erhob*.] 6 „Sie verstümmeln den (Himmels)stier wie Gilgames und 

Eabani und töten den Tyrannen." 7 „Die Esel mit der Krippe im 

Krebs." 8 ,Der Löwe hat den Regulus (,Königsstern') zwischen den 

Füßen." 9 »Die einzige unter den Brüdern in Betracht kommende 

Schwester entspricht dem einzigen weiblichen Sternbilde." 10 „Korn- 

ähre, spica, in der Jungfrau." n Schafft sich Recht. Daher das Symbol 
der Wage. Und er ist die Viper; serpens ist libra benachbart." 12 »Wolf, 
Sternbild zw. Jungfrau und Skorpion unterhalb der Wage." 18 „Als 

Wolf gedacht ; lupus steht südlich von scorpio , dem Stier (Joseph) ent- 
gegengesetzt." 14 „Basilisk mit Schlangenleib, Vogelfüßen und Skor- 
pionsstachel, vgl. das Bild am Istar-Tor zu Babel." ** „Gad wehrt sich 
(als Bogenschütze) gegen die räuberischen Beduinen." 

Bisch off, Babylonisch-Astrales. 4 



50 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

Bei Jeremias: Bei Lepsius: 

To capricornus: Sebulon 1 Manasse 2 

ä amphora: Rüben 3 Ephraim 2 

X pisces: Asser 4 Sebulon 5 

Lep8ius sucht durch ganz radikale Textänderungen und 
Versumstellungen die Entsprechung zwischen den einzelnen 
Charakteristiken der Jakobssöhne (in Gen. 49) und den ein- 
zelnen Tierkreiszeichen für abendländisches Denken möglichst 
schlagend zu machen. Wäre der Text so, wie er ihn her- 
stellt, oder bestände eine genügende Wahrscheinlichkeit, daß 
er ursprünglich so gelautet haben könnte, so wäre die Ge- 
nauigkeit der Entsprechung höchstens dadurch fraglich, daß 
er zuweilen statt des üblichen Sternbildes ein benachbartes 
setzt. Vom orientalischen Standpunkte aus ist dies allerdings 
kein Fehler. Auch sind ferner die Rabbinen bekanntlich 
schnell dabei, wenn ein Bibelvers nicht ganz zu ihrer Lehre 
paßt, gemütsruhig zu sagen: kVn . . . vnpn b« „lies nicht (so), 
sondern (so)", Verse zu transponieren usw.; aber sie wollen 
damit nicht im Ernste einen anderen Text herstellen, wie L., 
sondern nur für den vorliegenden Fall anders lesen. Derselbe 
Rabbi, der bei einer Gelegenheit *npn b« sagt, wendet ander- 
wärts den Vers in dem überlieferten Wortlaute an, und er 
kann das, weil er eben neben der schriftlichen Überlieferung 
noch eine mündliche zu haben glaubt, die über dem Texte 
steht und diesen je nach Bedarf verschieden ausdeuten kann. 
Wer aber wie L. nach okzidentaler Philologenweise den Text 
durch Konjekturen dauernd umgestalten will, der muß den 
Philologen diese Änderungen plausibel machen, und das fehlt 
bei L., wird auch von ihm nicht erreicht werden können. 

Jeeemias denkt dem Orientalen orientalisch nach 6 ; er 



1 „ Wohnt am Meere (beim capricornus beginnt die [himmlische] 
Wasserregion), und er ist dem Jäger (Wortspiel mit Sidon und said ,Jagd ( ), 
arcitenens, benachbart/ 2 [L. liest hier den Text ganz anders und 

zieht v. 22 und 25 f. zusammen.] 8 [Gen. 49, 4: 0?%)?-] * »Der 

Fisch ist Königsleckerbissen, vgl. 1001 Nacht, Bing des Polykrates." 

5 [L. liest v. 13 am Ende: fi:n ■*» rw bjn.] 6 Nur als ein 

lapsus calami erscheint es, wenn er (vgl. vor. S., Anm. 3) sagt: „Statt 
ajjälä kann auch ajil gelesen werden". Das wäre philologische 
Textkonjektur; gemeint ist: Der Orientale hört in tlb*N ajjalah, das ur- 
sprünglich als Epicoenum für Hirsch und Hinde b*N ajjäl heifit und 
gleich diesem auch sprachlich nur Steigerungsform von b'B ajil (Widder) 



2, B c. Die 12 Stämme und der Tierkreis. 51 

scheut dabei vor okzidental - philologischen Staatsverbrechen 
nicht zurück. Er greift z. B. aus der Charakteristik Rubens 
(Gen. 49, 3 f.) den für unsre Auf f assung höchst nebensächlichen 
Zug heraus, daß er „hurtig [oder: schäumend] wie Wasser " 
genannt wird, um das Resultat „Rüben = Wassermann (aqua- 
rius)" zu erhalten. „Unmöglich" sagt der Okzidentale dazu, 
der Orientale findet darin nicht das geringste Anstößige. Für 
ihn hinkt ein Vergleich nicht, wenn nur irgend ein tertium 
comparationis da ist. Kein einziges orientalisches Gleichnis, 
die synoptischen des N.T. eingeschlossen, ist korrekt in unserem 
Sinne. Ich verweise hier mit Nachdruck auf Feebig, Alt- 
jüdische Gleichnisse und die Gleichnisse Jesu (Tübingen 1904) ] . 
Damit man aber nicht sage, das sei lediglich haggadische 
Freiheit, betone ich, daß die Halachah, also die streng gesetz- 
liche Schrifterörterung, das eigentliche wissenschaftliche Ver- 
fahren der Thalmudisten, genau ebenso verfährt 2 . Wenn sich 
in zwei an sich auf ganz verschiedene Dinge bezüglichen 
Bibelstellen ein gleiches Wort findet, so gilt die Bestimmung, 
die an der einen Stelle gegeben ist, auch für die andre 8 (mag 



ist, wie "PiS von *P£, also eigentlich „starker, wilder Widder" bedeutet, 
das ajil = aries ebenso heraus, wie wir in Zickel das Grundwort Ziege, in 
Ricke Ken. (Im letzten Falle auch verschiedene Bedeutung bei gleichem 
Stamm!) 1 Sehr richtig z. B. S. 141: „Ganz ähnlich, wie es den 

Juden in ihrem Schriftbeweis sehr oft nur auf einen einzelnen und ganz 
leisen Anklang an das, was ihnen das Wichtige ist, ankommt, bilden sie 
auch die Gleichnisse. . . . Bild und Sache haben enge Beziehungen zu 
einander und doch ihr eigenes Leben. . . . Das Verbindende von Bild 
und Sache ist lediglich ein [Neben-]Begriff. . . . Gerade, wenn man die 
jüdische Art in dieser Beziehung kennt, ist man vor falscher, aus dem 
griechischen Geist und griechischer Genauigkeit stammender Alle- 
gorese sicher." 2 Vgl. Bacheb, Exeget. Terminologie 1 13 ff., II 27. 

8 Das Passahfest z. B. steht einem Sabbath gleich (vgl. Num. 28, 18). 
Am Sabbath ist jegliche Arbeit verboten (selbst das Tragen eines ein- 
gesetzten falschen Zahns, weil „Tragen* Arbeit ist, vgl. Schabbath VI 5). 
Nun wird Pesachim VI 2 das Schlachten des Passahopfers für nicht 
sabbathentweihend erklärt. Pesachim 66 a wird hierfür ein biblischer 
Beweis gewünscht, da man mangels eines solchen denken könnte, nur die 
heilige Handlung selbst sei am Festtage erlaubt, nicht aber ihre Vor- 
bereitung, das Schlachten, das dann schon tags zuvor zu geschehen hätte. 
Da gibt Hillel den Schriftbeweis durch das Schlußverfahren ttjip rTlT^ : 
Beim täglichen Opfer ("P?£) wird das Tier kurz vor der Verbrennung auf 
dem Altar geschlachtet, nicht tags zuvor. Bei der Vorschrift über "Tttn 
aber steht Num. 28, 2 TiSrö? (zu seiner Zeit), ebenso Num. 9, 2 bei der 
Vorschrift über das Passan; folglich darf man das Passahopfer auch kurz 

4* 



52 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

sich auch Aristoteles im Grabe herumdrehen). Ich habe mich 
hier nicht über die Kichtigkeit der einzelnen Parallelisierungen 
zu äußern 1 ; für mein Thema genügt die Feststellung, daß 
einem Rabbi der in Frage kommenden Thalmud-Midrasch- 
Zeit im Prinzip die von Jeremias angewandte Methode absolut 
einwandfrei erschienen wäre. Aber nicht nur die Methode, 
sondern auch der vielen Modernen auf jüdischem Boden so 
unmöglich erschienene Grundgedanke, daß zwischen den zwölf 
Stämmen und den zwölf Tierkreiszeichen eine Entsprechung 
vorhanden sei, ist rabbinischen Beifalls sicher. Das läßt sich 
positiv beweisen: 

Im Midrasch Thanchuma B. wn 16 heißt es mit 
klaren Worten, die Zwölfzahl der Stämme 
sei „in der Ordnung der Welt begründet; denn 
der Tag hat 12 Stunden, die Nacht 12 Stunden, das 
Jahr 12 Monate und der Tierkreis 12 Stern- 
bilder". 

Solche Stellen finden sich auch anderweit! 

Auf jeden Fall ist vom rabbinischen Standpunkte aus der 
Einwurf gegen Jebemias' einzelne Parallelisierungen hinfällig, 
daß seine Deutung entweder bei den Tierkreiszeichen oder 
bei den Stämmen eine andre Reihenfolge als die übliche nötig 
mache. Man darf daran erinnern, daß z. B. auch die Planeten, 
je nachdem sie die Tagesstunden oder die Tage (S. 116 ff.) 
„regieren", in verschiedener Reihenfolge gegeben werden, vor 



vor der Darbringung schlachten. — Diese uns so wunderliche, sehr oft 
angewandte Beweisart ist keine Schrulle, sondern feste rabbinische 
Norm und bildet die 2. Schlußregel im Kanon Hillels und auch in dem 
größeren Ismaels. 1 Nach Gen. r., c. 98 (zu 49, 22) sind mit den 

Worten „Die Töchter schreiten über die Mauer* die nach Joseph vom 
Dach herabschauenden ägyptischen Königstöchter gemeint. NachG-en.41,50 
hatte Joseph die Asnath, Tochter des Oberpriesters Potiphera von On, 
zur Frau. Ist vielleicht doch eine Besserung empfehlenswert und 49, 22 
wegen des Sing. perf. fn?£ statt rn:a vielmehr rODN zu lesen? Dann 
könnte man die Asnath vielleicht auf die „Jungfrau" beziehen (anders 
ATAO a 391; 399 : virgo = Dinah). Verstände man unter msa aber die 
Töchter der Söhne Jakobs, so ließe sich deren Berücksichtigung hier 
neben den Söhnen etwa aus Gen. r. , c. 94 rechtfertigen : „Die Töchter 
der Söhne eines Mannes gelten gleich seinen eigenen Kindern, die Söhne 
der Töchter gelten aber nicht wie eigne Kinder". — Ob übrigens bei 
*U (G-ad) eine Beziehung auf "Hä (gedi = aries) rabbinisch nicht ganz 
einleuchtend wäre? 



2, B c. Die zwölf Stämme und der Tierkreis. 53 

allem aber, daß die Bibel selbst die Namen der Jakobssöhne 
in zwei abweichenden Reihenfolgen bringt (Gen. 30 und 49; 
dort: Rüben, Simeon, Levi, Juda, Dan, Naphthali, Gad, Asser, 
Isaschar, Sebulon, Joseph, Benjamin ; hier : R., S,, L., J., Seb., 
Is., Dan, Gad, Asser, Naphthali, J., B.), und daß an verr 
schiedenen thalmudischen Stellen in dieser Verschiedenheit ein 
tiefer Sinn gefunden wird \ . Die Rabbinen, die (Exodus rabba, 
c. 38, zu 29, 1, wie R. Isaak [Ende 3. Jahrh. n.]) die zwölf 
Namen mit den 12 Edelsteinen des hohenpriesterlichen Brust - 
Schildes* in Beziehung setzen, haben sogar noch eine andre 
Reihenfolge, nämlich: Rub., Sim., Le., Ju., Js., Seb., Dan, Na., 
Gad, Ass., Jos., Benjamin! 

Daß diese Bezugnahme auf die 12 Edelsteine auch bei 
den Rabbinen astralen Sinn hatte, geht aus Philo und Josephus 
hervor, die (vgl. BNT 87 f.) berichten, diese 12 Steine hätten 
die 12 Tierkreiszeichen repräsentiert 8 . Ich gebe auf Josephus, 
soweit ich ihn nicht durch hebräisch geschriebene Quellen 
kontrollieren kann, herzlich wenig 4 ; aber Philo darf als 



1 Exodus r., c. 1 (6) zu 1, 1 (Rabbi Levi, 3. Jahrh.): „Damit soll 
angezeigt werden, daß es keinen Unterschied zwischen ihnen gibt". 
Ebenso Thanchuma B mtolö 5. 2 Dabei entsprechen sich die Edel- 

steine (Exod. 28, 17 ff.) und die Namen so: 1. Reihe: Rüben = D"JK 
Karneol (fleischfarbig), Simeon = «"HE© Topas (goldgelb), Levi = np # *l2i 
Smaragd (grasgrün). — 2. Reihe: Juda = ^gb Karfunkel (dunkelrot), 
Isaschar = I^EÜ Saphir (himmelblau) , Sebulon = Dbl^P Onyx [die Rab- 
binen bemerken aber Gen. r., c. 98, eigentlich müßte Sebulon voranstehen]. 
— 3. Reihe: Dan = Dttb Hyazinth (bräunlich), Naphthali = ia^ Achat 
(gestreift und gefleckt, vgl. Jakobs gefleckte Schafe), Gad = n»btlN 
Amethyst (violett). — 3. Reihe: Asser = 1ZT1ö*n n Chrysolith (blaßgrün), 
Joseph = Ötttö Beryll (meergrün, wasserblau), Benjamin = HDlZT Jaspis 
(undurchsichtig, vielfarbig). — R. Isaak versteht vorher unter tTobflN 
den Blutstein (al^ccritrig) und unter Dlbfp wahrscheinlich den Diamanten. 
Die Beziehungen der Namen auf die Steine haben jedesmal besondere 
Gründe: Isaschar, der stets gerühmt wird wegen seiner Befassung mit der 
Thora (Gen. r., c. 98 u. ö.), hat den Saphir; aus diesem aber waren nach 
Nedarim 34 a die Gesetzestafeln gemacht. s Jos., Ant. III 7, 7 [nach and. 
Zähl, in 8, 9]; Philo, Vita Mosis III 14. * Zumal seitdem Clement 

(leider nicht genügende) Übersetzung bei Hendel erschienen ist, wird 
Josephus von allen denen viel benutzt, die nicht genug Hebräisch und 
Aramäisch verstehen, um bessere Quellen zu lesen. Für manchen von 
diesen, deren Thalmudzitate meist lauten: „Eine Stelle im Thalmud* (das 
ist etwa wie : ein Haus in Berlin), ist eine kecke Behauptung des Josephus 
glaubwürdiger als* klare , durch die rabbiirische Literatur voll bestätigte 



54 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

echter und dazu ältester Midrasch-Rabbi gelten, nur daß er 
zufällig griechisch redet, wie andre neuhebräisch, west- oder 
ostaramäisch. 

Indem ich nun auf die Spuren x einzelner Beziehungen von 
Stammesnamen auf Tierkreisbilder in Thalmud und Midrasch 
eingehe, gebe ich zunächst die rabbinische Terminologie des 
Zodiakus. 

Dieser selbst heißt astronomisch und auch astrologisch 
nib^n bsba oder 'ttrt baba (rota signorum coelestium), astro- 
logisch zuweilen auch y^ (der „Raki'a", die „Veste"). 

Die Namen der 12 einzelnen Sternbilder sind: 

nbü agnus, agnellus Y; 
n W taurus M ; 
D^ian gemini II ; 
Tjjo Cancer 25 ; 
rt;^N leo 67; 
nbin^i virgo 1?P; 
wffitlto libra ü; 
s*3J>? scorpio Wt ; 
zrop arcus £: 
•na hoedus, caper *)o; 
••b^ amphora (Eimer) aar; 
D"* 3 pisces X. 

Behufs besseren Verständnisses des Folgenden biete ich 
hier die himmelsgeographische Stellung dieser Sternbilder: 



Angaben der Evangelien, wie man sich auch von blinkenden Apercus 
Ernest Kenans die Augen gegenüber den Tatsachen blenden läßt, ohne zu 
merken, wie ß. seine rabbinischen Gewährsmänner (A. Neubauer u. a.) 
mißverstanden hat. — Die Berichte des in Rom den aufgeklärten jüdischen 
Literaten spielenden Josephus über jüdische Dinge haben, soweit sie nicht 
anderweit gestützt sind, ungefähr den Wert von populären Zeitungs- 
artikeln. 1 Natürlich haben keineswegs etwa alle Rabbinen des 
Thalmud und Midrasch bei Behandlung von Gen. 49 astrale Deutungen 
versucht; vielmehr steht bei ihrer Schriftdeutung im Vordergründe die 
religionsgesetzliche und religiös-ethische Tendenz, danach das Streben 
nach historischer und sonst für das Leben brauchbarer Erklärung. Wie 
sie aber nihil humani a se alienum erachteten, haben sie auch in weiterem 
Umfange, als man bisher wohl annahm, astrale Traditionen beachtet und 
behandelt. Die Hauptsachen (nur diese) gibt Kap. V. 



2, B c. Die zwölf Stämme und der Tierkreis. 55 

25 

a n 

np y 

VK X 



■xu 



Y 



Die glatte Durchführung eines Parallelismus zwischen 
Stamm und Sternbild verbot den zu solcher Symbolik Ge- 
neigten unter den Rabbinen wohl z. T. der schon zu ihrer 
Zeit vorhandene üble Zustand des Bibeltextes 1 . Übrigens 
liegen die Verschiedenheiten in der Auffassung der Beziehungen 
zwischen den Namen und Sternbildern auch wohl in dem Um- 
stände mit begründet, daß es selten zwei Rabbinen aus ver- 
schiedenen Schulen gibt, die ganz einer Meinung wären. Vor- 
weg bemerke ich noch, daß die Rabbinen gern den Jakobssegen 
(Gen. 49) über die Stämme mit dem Mosessegen über sie 
(Deut. 33) verbinden, und daß ich hier lediglich rabbinische 
Ansichten wiedergebe. 

1. Rüben, Simeon, Juda = Y> V& <ft: Midrasch The- 
hillim zu ty 90, 3. Dort sagt Rabbi Levi (3. Jahrb.), die auf- 
fallende Tatsache, daß Deut. 33 Simeon nicht mitgesegnet 
sei, erkläre sich allerdings aus Num. 25, indessen sei laut 
Josua 19, 9 der Stamm Simeon dem Stamme Juda beigesellt 
worden, wie man, um einen bösen Ochsen zu bändigen, einen 
Löwen neben seine Krippe anbinde. „Juda wird ja auch mit 
einem jungen Löwen verglichen (Gen. 49, 9), Simeon aber 
mit einem Stier, weil sein Gestirn das des Stieres ist; 
Rüben ist Lamm (nbso) und Simeon Stier (i-hd)." Offen- 
bar ist mit Judas „Löwen" (ebenso wie mit Rubens „Lamm") 
hier auch wie bei Simeons „Stier" das Sternbild gemeint. Aller- 
dings würde dann das „Anbinden", das offenbar vorausgesetzte 



* In einigen Versen von Gen. 49 scheint zu dem Stammesnamen 
eine auf einen andern gemünzte Prophezeiung gekommen zu sein; denn 
Sebulon z. B. hat nie an der Meeresküste gewohnt, und auch andre 
Beziehungen stimmen schlecht. Die grammatische Form der Sprache ist 
z. T. unklar, ja kaum möglich; vgl. z. B. (v. 22) die 3. pers. sing. m^ST 
beim Plural m33. Daß Rabbi Isaak eine andre Reihenfolge mindestens 
der Namen vor sich gehabt zu haben scheint, könnte man aus Ezod. r., 
c. 38 (s. o. S. 53) vermuten. Textkritische Heilungsversuche sind zur Zeit 
aussichtslos. 



56 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

Nebeneinander von V und <ft, nicht gut erklärlich sein; auch 
wird sonst (vgl. 4) der Stier als Josephs Symbol betrachtet. 
Für einen Thalmud-Midrasch-Rabbi würde die Beseitigung der 
Schwierigkeit nicht schwer sein: er würde sofort daran er- 
innern, daß laut Megillah 9 a schon die LXX bei Übersetzung 
von Gen. 9, 6 zum „Stier" die „Krippe" setzten und Exod. 
4, 20 den Jes. 1, 3 mit der Krippe zusammengestellten Esel 
eliminierten. Der „Esel" aber mit der (ja auch in unserm 
Text genannten) „Krippe" ist am Himmel durch das Stern- 
bild des Krebses vertreten (s. o. S. 49 7 ). Es ergäbe sich ihm 

daher 1 das Resultat : Simeon = S>, Juda = <ft, Rüben = Y« 

2. Rüben = vx ? Gen. r., c. 98 zu 49, 24 : (Jakob sprach 
zu Rüben:) „Du hast dich zu einem Wasser kr ug (^Vt) ge- 
macht und dich mit (dem Wasser aus) ihm gereinigt". An 
eine Entsündigung wegen seines Inzests denkt man rabbinisch 
hier nicht, da Thalmud und Midrasch einig darüber sind, daß 
Rüben diese Sünde nicht begangen habe. Ihnen würde der 
Gedanke einer hier vorliegenden Parallelisierung mit ss (am- 
phora) ganz plausibel sein. 

3. Joseph = Orion = £ (oder V?). Gen. r., c. 98 zu 
4, 24: „Sein (Josephs) Bogen, das ist der Orion, der unter 
den Sternbildern den Bogen (ntap) darstellt". Der Orion 
aber liegt dem arcitenens (f) vielmehr ziemlich gegenüber, 
beim taurus (W). Wir hätten dann die bekannte Entsprechung 
und demzufolge auch gegenseitige Stellvertretung von Elemen- 
ten der nördlichen und südlichen Himmelsregion, vgl. ATAO. 

4. Juda und Joseph = Sl und V? Gen. r., c. 95: „Mit 
dem Löwen ist Juda gemeint (Gen. 49, 9), mit dem 
Stier aber Joseph (Deut. 33, 17)". Ebenso sagen in Than- 
chuma «am und in Thanchuma B. wi 3 beim Wortkampfe 
zwischen Juda und Joseph (Gen. 44) die Dienstengel: „Laßt 
uns hinabsteigen und zusehen, wie Löwe und Stier mit 
einander kämpfen", worauf an der zu zweit genannten Stelle 
die Löwennatur des einen, die Stiernatur des andern noch 



1 Ich betone, daß ich hier lediglich nach geläufigen rabbinischen 
Interpretationsregeln verfahren bin, absichtlich echt orientalisches Schluß - 
verfahren vorgeführt habe, um zu zeigen, wie dort schon schwache Ana- 
logieen zum vollem Ersatz eines Begriffs durch einen andern und zur 
Bildung einer Schlußkette oder wenigstens zur vollen Parallelisierung 
zweier oder mehrerer Begriffe dienen, die nach okzidentalem Denken 
nichts Wesentliches mit einander gemein haben. 



2, B c. Die zwölf Stämme und der Tierkreis. 57 

weiter gekennzeichnet wird. Daß hier die Sternbilder 
Löwe and Stier gemeint seien, steht nicht ausdrücklich da; 
die Kabbinen aber, die (s. u. Seite 165) den Isaak von sich 
sagen lassen „Ich heiße Sonne", und bei denen Jethro spricht 
„Ahron, du bist die Sonne, dein Bruder ist der Mond", dachten 
hier wohl ganz unwillkürlich an die Sternbilder £1 und y, da 
sie gerade den Stier, wegen der Erinnerung an das goldene 
Kalb, gern durch etwas andres ersetzen, sofern ein wirklicher 
Stier oder die Darstellung eines Stieres oder ähnliches in 
Frage kommt (vgl. Chagigah 13 b, wo statt des Stierbildes 
das Kerubbild gesetzt ist, u. ä.), wie man auch die Erwähnung 
des Esels, des Tieres des ägyptischen Typhon, eliminierte, 
z. B. laut Megillah 9 a in der LXX an verschiedenen Stellen. 

5. Juda= >?? Abodah sarah 25 b: „Deine Hand gegen 
[so faßt es der Talmud hier] den Nacken deiner Feinde 
(Gen. 49, 9). Bei welcher Kriegswaffe bringt man die Hand 
gegen das Genick? Beim Bogen!" (Wenn man die Sehne 
anzieht.) Diese geradezu gequälte Parallelisierung von Juda 
und Bogen — wo doch vom eigenen Genick im Texte nichts 
steht, vielmehr das Gegenteil, und wo v. 9 das ganz klare 
poetische Bild der sich in Ffeindesnacken einkrallenden Löwen- 
tatze bietet — bleibt auch im Kontext der Thalmudstelle ebenso 
unnötig wie unverständlich, wenn man hier nicht einen Ver- 
such astraler Deutung vermutet. 

6. Dan = serpens = £b? Gen. r., c. 99 zu 49, 16: „Dan 
richtet sein Volk wie ein Alleinstehender [Ausgezeichneter] 
unter den Stämmen. . . . Alle Tiere gehen paarweise, nur die 
Schlange schleicht allein auf dem Wege"; zu v. 28: „Jakob 
vergleicht Dan mit der Schlange". — Unter Dan wird im 
Midrasch häufig der aus diesem Stamme hervorgegangene 
„Bichter" Simson verstanden; so heißt es Gen. r., c. 98 z. St.: 
„Dan ist eine Schlange am Wege. Wie die Schlange sich 
unter den Weibern befindet, so befand sich auch Simson ben 
Manoah unter den Weibern." Nach diesen Merkmalen mit 
Jekemias an serpens bei libra (d£b) zu denken, die am Herbst- 
punkte (also einem der 4 ausgezeichneten Punkte) \ am Ein- 

1 Ähnlich ist Midrasch Thehillim zu i/> 90, 3 Gad, dessen Name 
schon an sich an "HS (caper) gemahnt, mit „der Bordschwelle der Welt" 
in Verbindung gebracht; das der Bordschwelle, dem „Grundstein" (l. c. 
au ty 91 |7]), entsprechende, am tiefsten (im Süden) stehende Sternbild 
ist "HS Steinbock. 



58 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

gange zur Wasserregion des Tierkreises, steht und zwar unter 
der Jungfrau (ftp) — wurde einem Thalmudisten nicht schwer 
fallen ; ausdrücklich gesagt finde ich aber nicht, daß Dan dem 
Sternbilde libra oder serpens entspreche. Gegen Lepsin' 
Identifizierung von Schlange und Skorpion (Hl) aber würden 
die Eabbinen einwenden: „Was von der Schlange gesagt ist, 
gilt nicht vom Skorpion" (Berachoth 38 a, jer. Berachoth 9 a). 

7. Dan = <ft? Gen. r., c. 99 zu 49, 28: „Dan ist (v. 28) 
Schlange, dann aber (Deut. 33, 22) heißt er „Löwe" hat 
schwerlich astrale Beziehung, ebensowenig wohl die voran- 
gehende, auf diesem Symbolwechsel beruhende Behauptung: 
„Nachdem er (Jakob) den Juda mit einem Löwen, den Dan 
mit einer Schlange, den Naphthali mit einer Hinde, den Ben- 
jamin mit einem Wolfe verglichen, faßte er sie alle zusammen 
und machte sie zu Löwen und Schlangen". 

8. Benjamin = £b? Gen. r., c. 99 zu 49, 27: „Benjamin 
ist ein reißender Wolf; Jakob meint damit die Eichter Israels". 
Aber abgesehen davon, daß hierbei eine astrale Beziehung 
nicht ausgedrückt ist, scheinen mit diesem Wolfsvergleich un- 
gerechte Eichter gemeint zu sein, von denen Schabbath 139 a 
(Mitte) Eabbi Simeon ben Lakisch sagt: „Eure Hände sind mit 
Blut befleckt (Jes. 59, 3) , das sind die Eichter ; eure Finger 
mit Sünde, das sind die Gerichtsschreiber" usw. Als Symbol 
ungerechter Eichter kann die Wage nicht gelten. 

9. Ephraim und Manasse = X? Sie mit Lepsius 
als 2 gesonderte Stämme zu behandeln, würde den Eabbinen 
Thanchuma -wi 16 verbieten: „Überall, wo Levi mitgezählt 
wird, gelten Ephraim und Manasse als ein Stamm". Die 
Deutung auf die „Fische" aber würde sich den Eabbinen durch 
folgende Stellen empfehlen: a) Gen. r., c. 97 zu 48, 5: „Wie 
die Fische des Meeres vom Wasser bedeckt werden, sodaß 
das Auge keine Gewalt über sie hat, so soll auch über diese 
(Ephraim und Manasse) das böse Auge keine Gewalt haben" 
(ebenso auch in Berachoth) ; b) Pesiktha rabbathi, c. 20 (94 b) : 
(Gott sagt : Nach dem Sternbild des Eimers = Wasser- 
manns erschaffe ich das Sternbild) „die Fische; wie über 
sie das Auge keine Gewalt hat, so soll auch über Israel das 
böse Auge keine Gewalt haben". 

Daß in dem ganzen Segen Jakobs ein mystischer Sinn 
verborgen liege, den er nicht habe klar offenbaren dürfen, 



2, B d. Der obere und der untere Gerichtshof. 59 

geht auch aus Gen. r., c. 98 zu 49, 3 hervor, wo der sterbend 
hier redende Jakob mit einem Manne verglichen wird, der auf 
seinem Totenbette zu seinen Kindern sagt: „Kommt, ich will 
euch die Geheimnisse des Königs kundtun. Da sah er, 
als er seine Augen erhob, den König dastehen und sagte nun 
zu ihnen nur: Laßt euch gemahnen, den König zu ehren. 
Ebenso erblickte unser Vater Jakob [der, so heißt es vorher, 
seinen Söhnen die verborgenen Dinge offenbaren wollte], als 
er seine Augen erhob, die Schechinah (den Abglanz der Gottes- 
herrlichkeit) zu seinen Häupten und sprach daher nur zu 
ihnen: Laßt euch gemahnen, Gottes Herrlichkeit zu ehren." 
Dieses Ehren aber soll dadurch geschehen, daß sie die folgen- 
den Ankündigungen sich eine Mahnung zu Gott wohlgefälligem 
Verhalten sein lassen und dadurch den Heiligen ehren, wie 
droben „der Gestirne helle Schar, die ihren Schöpfer wandelnd 
loben und führen das bekränzte Jahr". 



d) Der obere und der untere Gerichtshof. 

Schabbath 129b (oben): „Samuel sagte: . . . Am zweiten 
und am fünften (Wochentage = Montag und Donnerstag) hält 
in gleicher Weise der obere wie der untere Gerichts- 
hof Sitzung". Das Urbild aller irdischen verschiedenen Ge- 
richte (Sanh. 1 1 ff.) ist der himmlische Gerichtshof , bei dem 
Gott den Vorsitz führt. Der spätere Midrasch (vgl. Jalkut 
ß. 2 a) verlegt den Sitz dieses allerhöchsten Senats in den ober- 
sten Himmel, in die Nähe des Gottesthrons; als Geheim- 
schreiber Gottes und Vizepräsident fungiert der mächtige 
Engel Metatron 1 , neben ihm als oberste Bäte Jophiel und 
Suriel 2 , als Siegelbewahrer Enphiel, als Herolde Achseriel und 
Easiel. Außerdem werden als Beisitzer noch die Erzengel 
Michael, Gabriel, ßaphael und Uriel (auch Nuriel) und andre 
hohe Engel erwähnt, gelegentlich auch noch die verklärten 
Patriarchen usw. Zwei Thronsessel sind für Gott vorhanden ; 
je nachdem er Recht oder Gnade walten lassen will, setzt er 



1 Die Etymologie ist bekanntlich zweifelhaft (Mithra? metator?). 
Hier ist, wie auch sonst meist, offenbar an iistcc&qovos gedacht, was 
vielleicht das Ursprüngliche ist; aber Mithraszüge sind gewiß in das Bild 
des M. hineingekommen. Vgl. Joseph als ^srdd'QOvog des Pharao Gen. 
41, 40! (Vgl. unten Kap. IV, 2.) a Auch Berachoth 51a erwähnt als 

„Fürst des Angesichts". Über die Engel vgl. unten Kap. VI. 



60 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

sich auf den einen oder den andern. Auch sind große Bucher 
aufgeschlagen, in denen die guten und bösen Taten der Menschen 
verzeichnet stehen. Bei den (nach Jalkut) täglichen Gerichts- 
verhandlungen tritt der Satan (hier mit dem Todesengel Sam- 
mael identisch) als Ankläger auf. Als Verteidiger erscheint 
zuweilen der verklärte Prophet Elias. Auch die Zahl der 
zum Tode bestimmten Menschen wird festgesetzt, ebenso 
(wenigstens im allgemeinen) das Geschick der zum Geboren- 
werden bestimmten Menschen und das Geschick ganzer Na- 
tionen, das die entsprechenden Schutzengel sofort erfahren 
(Jalkut E. 24 b, vgl. oben S. 42). 

Die Hauptzüge hiervon sind bereits im Thalmud und im 
älteren Midrasch enthalten. Sanhedrin 38 b (untere Hälfte) 1 
wird aus den von den „Ketzern" für eine Mehrheit göttlicher 
Personen angeführten Bibelstellen Gen. 1, 261; 11, 5. 7; 35, 3. 7: 
Deut. 4,7; 2. Sam. 7,23; Daniel 7,9; 4,14 vielmehr die 
Lehre vom himmlischen Senat gezogen: „Rabbi Jochanan 
sagte, der gebenedeite Gott tut nichts, bevor er sich mit 
der oberen Familie beraten hat", und weiter: „Rabbi 
Jose* sagte: . . . (Von den 2 Thronsesseln) ist einer für das 
(Verkünden von strengem) Recht, einer für die (Verkündung 
eines Urteils) der Gnade bestimmt". Der Satan (Sammael) 
als Ankläger vor Gott findet sich z. B. Baba bathra 16 a. 
Auch die Schutzengel der Völker (s. o.) treten als Ankläger 
auf (z. B. Ruth rabba Anfang, wo sie Israel anklagen und, 
da dessen Advocatus, Michael, nichts zu erwidern weiß, Gott 
selbst die Verteidigung übernimmt. Über die Schicksals- 
bestimmung am Neujahrsgericht siehe S. 63 ff.; von einer 
alltäglichen Geschicksbestimmung in allgemeinen 
Umrissen handeln u. a. folgende Stellen: 1. Niddah 16b: „Rabbi 
Jochanan hat gesagt: Der Mensch vollziehe den Beischlaf 
nicht am Tage. Rab Hamnuna sagte, das ergebe sich aus 
dem Verse (Hiob 3, 3) : ,Der Tag soll verschwinden, der Tag, 
da ich geboren ward, und die Nacht, die da sprach: Ein 
männliches (Kind) ist empfangen 4 . Die Nacht ist (also) für 

die Schwangerschaft bestimmt worden, nicht der Tag 

R. Chanina bar Papa hat überliefert: Der Engel, der über 



1 Ebenso Chagigah 14a oben; jer. Sanhedrin 18a: Gott hält nicht 
allein Gericht, sondern ihn umgibt das Heer des Himmels (I Reg. 22, 19); 
doch das „ Besiegeln" der Beschlüsse steht ihm allein zu. 2 Der 

Galiläer (Zeitgenosse Akibas, 1./2. Jahrh. n. Chr.), vgl. Chagigah 14 a. 



2, B d. Der obere und untere Gerichtshof. 61 

die Schwangerschaft gesetzt ist, heißt nb-o (Lajlah, Nacht). 
Er nimmt den (Samen-)Tropf en , bringt ihn vor Gott, und 
spricht zu diesem : ,Herr der Welt, was soll aus diesem Tropfen 
werden? Ein Starker oder Schwacher, Begabter oder Un- 
begabter, Eeicher oder Armer?' Ob ein Frevler oder Gerechter 
(daraus werden solle), fragt er nicht ; denn, wie Rabbi Chanina 
gesagt hat, (so ist es:) alles liegt in der Hand des 
Himmels, ausgenommen die Gottesfurcht" 1 — 
2. Moäd katan 18 b (oben): „Eab Jehudah berichtete als Aus- 
spruch Samuels: Täglich ergeht eine Himmelsstimme, die da 

ruft: ,Die Tochter des A. (werde einst) dem B. 1 (als Frau) 

Babba hörte einen Mann beten, daß er (die und die) be- 
komme ; da sprach er zu ihm : ,Du darfst nicht um eine solche 
Gabe bitten. Ist sie dir bestimmt, so wird sie dir nicht ent- 
gehen; wenn nicht, so mußt du auf sie verzichten 4 [oder: so 
bist du (als Zweifler an Gottes weisem Rat) ein Gottes- 
leugner] Bab hat als Ausspruch des Rabbi Rüben ben 

Aristobulos berichtet: Aus dem Pentateuch (Gen. 24, 50), den 
Propheten (Richter 14, 4) und den Hagiographen (Prov. 19, 14) 
läßt sich erweisen, daß von Gott dem Manne die Frau be- 
stimmt werde". — Nach Sotah 2 a und Sanhedrin 22 a ergeht 
jene Himmelsstimme schon 40 Tage vor der Bildung des 
Fötus im Mutterleibe, d. h. wohl gleich bei der Empfängnis, 
da nach einer thalmudischen Ansicht erst nach 40 Tagen der 
Fötus Seele bekommt (Sanhedrin 91 b) 2 . — Daß das Leb ens- 
alter und der Tod durch göttlichen Ratschluß bestimmt 
werde, ist in vielen Thalmud- und Midraschstellen ausgesprochen: 
Dem Todesengel Sammael wird geraume Zeit vor dem Tode 
des Menschen (Debarim r., c. 9 Anf. einmal 30 Tage vorher) 
mitgeteilt, daß er den Menschen zu holen habe. Er selbst 



1 Vgl. Berachoth 33 b. 2 Die Geschickbestimmung erscheint 

hier überall nur als eine allgemeine. Die erhabene Proklamation der 
Willensfreiheit (Moed katan 1. c.) ist bei den Babbinen durchweg so sehr 
oberstes Prinzip, daß sie nur zugeben, daß das äußere Geschick des Men- 
schen, die &didupoQa seiner Naturanlage oder Lebenslage, von vornherein 
bestimmt werden können, nicht aber sein ethisch-religiöses Ich, das er 
selbst bilden kann und soll. Auch Sotah 1. c. (der Wortlaut in meinem 
Talmudkatechismus [Leipzig 1904, S. 32 ff.], wo 2a zu lesen) macht sich 
die Ansicht geltend, daß, welche und was für eine Frau der Mann be- 
komme, vielmehr nach seinen Taten bestimmt werde, nicht von vornherein 
durch Geschick ; höchstens für die (schlecht angesehene) zweite Ehe wird 
zugegeben, daß sie sich nicht nach Verdienst, sondern nach Fatum füge. 



62 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

darf eigentlich dem Menschen keine Gnadenfrist geben (1. c); 
doch hat er z. B. dem Rab Aschi eine solche von 30 Tagen 
gewährt, damit dieser sein Studium abschließen konnte (Moed 
katan 28 a), und manchmal irrt er sich sogar in der abzu- 
holenden Person (Chagigah 4 b) 1 . Auch Gott legt frommen 
Menschen zuweilen eine Gnadenfrist zu 2 . Daß er aber die 
Lebensdauer im allgemeinen von vornherein fest bestimmt, 
zeigt sich z. B. Debarim r., c. 11 gegen Ende 8 , wo Gott zur 
Seele des Moses spricht: „Meine Tochter, 120 Jahre hatte 
ich dir bestimmt, in Mosis Körper zu wohnen; jetzt ist nun 
deine Endfrist gekommen, herauszugehen, zögere nicht!" — 
Endlich wird noch berichtet (Chagigah 15a), daß Metatron 
— s. o. S. 59 — die Verdienste der Israeliten in ein Buch 
einschreibe 4 , bei groben Sünden sie aber wieder ausstreiche. 
Alles dies sind zunächst nur einzelne Züge, die sich erst 
allmählich zu dem geschlossenen Bilde 5 eines täglichen Ge- 



1 Er, oder genauer einer seiner Unterengel holt statt Mirjam der 
Friseuse (megaddela: Maria Magdalena?) Mirjam die Kindererzieherin 
(Mutter Maria?), die nun xara iloZqccv bei Dumah (s. o. S. 37) bleiben 
muß, wo sie wahrscheinlich innerhalb des Tores „die entgangenen Lebens- 
jahre ergänzt" (s. o. S. 86); denn wenn Chagigah 1. c. gesagt wird, die 
Jahre solcher vorzeitig Dahingeraffter würden einem Gelehrten beigelegt, 
der nicht rechthaberisch sei, so ist das lediglich ein rabbinischer Witz, 
wenn auch ein sehr guter. 2 Debarim r., c. 9 Anf. (gleich nach 

dem oben, Berichteten) : „R. Simeon sprach zum Todesengel: Sage mir 
meine Sterbestunde ! Jener erwiderte : Über dich und deinesgleichen habe 
ich keine Gewalt; manchmal hat Gott Wohlgefallen an euren Werken 
und setzt eurem Leben etwas zu. ... Die Rabbinen überliefern : Es fallt 
Gott schwer, den Tod des Gerechten zu verhängen" usw. 8 Wer den 

Babbinen Poesie abspricht, lese diese hochdramatische und ergreifende 
Schilderung c. 11, wie Moses erst mit dem Todesengel, dann mit Gott 
selbst in Wortgefecht und Gebet um weitere Lebensdauer ringt, bis Gott 
selbst in Begleitung der drei Engel Michael , Gabriel und Sagsagel her- 
niedersteigt, die dem Moses die Grabstätte bereiten und ihn hineinbetten, 
worauf Gott die noch immer widerstrebende Seele seines Freundes be- 
ruhigt; während sie noch um weitern Aufenthalt in Mosis reinem Leibe 
bittet, „da küßte ihn Gott und nahm ihm mit seines Mundes Kuß die 
Seele". Um den Entschlafenen trauert Gott und der heilige Geist, 
Himmel und Erde, Josua, die Dienstengel und ganz Israel. * Das 

ist dieselbe Anschauung wie Pesiktha rabbathi, c. 8, wo ebenfalls ein 
Buch gedacht ist, in das das sittliche Soll und Haben der Menschen ein- 
getragen wird, ein Buch, unde mundus judicetur. Dagegen werden in 
die drei Bücher beim Neujahrsgericht die Gerichtsbeschlüsse über die 
Menschen geschrieben, d. h. die Namen der Gerechten kommen in das 
erste, die der Mittelmäßigen in das zweite, die der Frevler in das dritte 
Buch (s. unten im Texte). 6 Ohne Bild findet sich der Gedanke eines 



2, B d. Der obere und untere Gerichtshof. 63 

richts zusammenfügen, während der Gedanke einer wöchent- 
lich zweimaligen Sitzung des (dem unteren entsprechen- 
den) obersten Gerichtshofs so, wie er zu Anfang dieses Ab- 
schnitts erwähnt ist, spätestens im 3. Jahrh. n. Chr. formuliert 
ist. Dagegen ist bei dem Dan. 4, 14 erwähnten „Beschlüsse 
des Kates der Wachenden" (s. oben S. 41) die Vorstellung 
wohl die, daß ein solcher Beschluß über Völkergeschicke von 
Fall zu Fall droben gefaßt werde. Die Andeutung eines be- 
stimmten Termins vermag ich nicht herauszulesen. 

Am wichtigsten und klarsten ist die Vorstellung eines 
großen jährlichen Gerichtstages über die Mensch- 
heit, dem noch drei Gerichtstage oder besser Bestimmungs- 
tage über menschliche Bedürfnisse angeschlossen sind. In der 
Mischnah, Rosch ha-schanah I 2 (16b) heißt es hierüber: ,.An 
vier Abschnitten [jährlichen Terminen] wird über die 
Welt bestimmt 1 : Am Passahfest über das Getreide, am Ver- 
sammlungsfest über die Baumfrtichte, am Neujahrsfest ziehen 
alle Weltbewohner vor seinem [Gottes] Angesicht vorüber 
wie Schafe einer Herde . . . und am Laubhüttenfest wird über 
das Wasser 2 bestimmt". Ich beschränke mich auf die älteste 
Vorstellung, die des großen Neujahrsgerichts, zumal 
nach den Ansichten zweier großer Rabbinen 8 zu Neujahr über 



täglichen Gerichts als Spezial ansieht Bosch ha-schanah 16a (Mitte): 
„Rabbi Jose sagt: Der Mensch wird an jedem Tage gerichtet, laut Hiob 
7, 18: Du gedenkst seiner täglich". Darauf folgt sogleich noch eine 
Potenzierung dieses Gedankens: „Rabbi Nathan sagt: Der Mensch wird 
in jeder Stunde gerichtet, laut Hiob 7, 18: Alle Augenblicke prüfst du 
ihn". * Am Passah steht in Palästina die Getreideernte bevor, am 

Versammlungsfest die Obsternte, am Laubhüttenfest die Regenzeit, die 
über den wichtigen Wasserreichtum des kommenden Jahres entscheidet. 
Am Neujahrsfest (im Herbst, kurz vor Laubhütten) werden die Taten 
der Menschen im vergangenen Jahre gerichtet und nach ihnen ihre 
Geschicke im kommenden Jahre bestimmt. Auch hier ist also nicht 
das Fatum, sondern des Menschen Tun seines Glückes Schmied, im Gegen- 
satz zu der altorientalischen Vorstellung unabänderlicher Schicksals- 
bestimmung am Neujahr. Zudem kann nach rabbinischer Auffassung 
ja Gebet und Reue „das Geschick zerreißen" (Rosch ha-schanah 17 b, 
Joma 86 b u. ö.). 2 Die Regenzeit dauerte laut Baba mezia VIII 6 

im allgemeinen vom Laubhüttenfeste bis gegen das Passahfest (Oktober 
bis März). Wie durch das Gtebet frommer Leute und durch Buß- 
fasten usw. verhängter Regenmangel aufgehoben wurde, darüber findet 
sich z. B. im Traktate Thaanith eine strömende FüUe von Beispielen. 
Vgl. auch m. Talmudkatechismus S. 67 ff., 72, 85 f., sowie m. „ Jesus und 
die Rabbinen" S. 82 ff. 3 Rabbi Meir und Rabbi Jehudah (Rosch 



64 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

alles, auch über die Früchte und das Wasser Bestimmung ge- 
troffen, diese aber an den genannten Festen erst endgültig 
„besiegelt" wird, wobei zur „Besiegelung" der Bestimmung 
über des Menschen Geschick der auf den 10. Tag des neu- 
begonnenen Jahres fallende Versöhnungstag dient. Dies 
gilt wenigstens für den Durchschnitt der Menschen, die „Mittel- 
mäßigen", während (1. c. 16 b) „die ganz Frommen sofort 
[schon zu Neujahr] zum Leben , die ganz Frevelhaften sofort 
zum Tode aufgeschrieben und besiegelt werden". Für die 
Menschen jeder dieser drei Klassen gibt es ein besonderes 
Buch, in das sie je nach dem über sie ergangenen Beschlösse 
eingetragen werden (1. c, vgl. über die altorientalischen Paral- 
lelen Jebemias, BNT 69 ff. und die dort zitierten Stellen aus 
ATAO usw.) ; über das weitere Verfahren mit denen, die nach 
diesem Gericht sterben und dann ihr künftiges Geschick 
nicht durch gute Werke verbessert, oder aber es durch üble 
Werke verschlechtert haben, vgl. oben S. 38 f., wozu ich noch 
bemerke , daß schon in der Mischnah Joma (VIII 9) der Ge- 
danke hervortritt, daß der scheinbar alles sühnende Ver- 
söhnungstag nur das kultische Symbol der objektiven (poten- 
ziellen) Versöhnung sei, die durch Eeue und Buße sowie 
Besserung und weiteres Wohlverhalten subjektiv angeeignet 
und dadurch erst aktuell gemacht werden muß. 

Daß das große Gericht gerade am Herbstneumond statt- 
findend gedacht wurde, läßt sich keineswegs — wozu modernes 
Denken wohl schnell bereit ist — aus der Vorstellung er- 
klären, daß am Schluß eines Jahres die Bilanz über dessen 
sittlich-religiösen Ertrag gezogen werden solle. Das altisrae- 
litische Jahr begann und endete gar nicht im Herbst, sondern 
im Frühjahr, im Abib oder Nisan (vgl. Esther 3, 7 ; Jos. Ant. 
I, 3, 3). Der Jahresbeginn mit dem Herbstmonat Thischri ist 
erst eine nachexilische Einrichtung, entweder zum Andenken 
an die Eückkehr aus dem Exil angeordnet (Esra 3, lff.; 



ha-schanah 16 a oben). Nach dieser Ansicht sind also dem Menschen 
10 Tage gegeben, um das allerwichtigste, sein eigenes Geschick, noch 
(bis zur endgültigen Bestätigung am Versöhnungstage) durch Reue und 
Gebet zu verbessern, etwa 2 — 3 Wochen (von Neujahr bis Laubhütten), 
um die Hauptsache für das physische Gedeihen, ein gutes Wasserjahr, 
sowie gute Obsternte (zumal Wein) zu erflehen und zu verdienen, */ 2 Jahr 
weiter, um sich guter Getreideernte würdig zu machen. Die „den Ge- 
richtsbeschluß zerreißende" Macht sittlich-religiösen Verhaltens, zumal 
der Buße, wird ständig betont (z. B. Rosch ha-schanah 17 b u. ö.). 



2, B d. Der obere und untere Gerichtshof. 65 

Nehemia 7, 13; 8, lff.)> oder gar erst durch die Einführung 
der das Jahr mit dem Oktober anfangenden seleucidischen Zeit- 
rechnung aufgekommen (Benfey, Monatsnamen, 217). Außer- 
dem begann bei den Israeliten im Herbst nur das bürgerliche 
Jahr, während das „Kirchenjahr" (Kultjahr, der Festkalender) 
am 1. Nisan, also mit dem Frühjahrsneumond, begann. Die 
Idee der religiösen Jahresabrechnung, wie ich es kurz nennen 
möchte, wäre dann, wenn obige Vermutung richtig wäre, doch 
sicher nicht am Ende des bürgerlichen, sondern zu Abschluß 
des religiösen Jahres in Wirksamkeit getreten, wie ja auch 
unser allgemeiner Bußtag an den Schluß des Kirchenjahres 
gesetzt ist! — Nun aber ist der Versöhnungstag bei den 
Juden 1 von allem Anfange auf den 10. Tag des 7. Monats 
(mit Nisan = März zu zählen begonnen) , d. h. des Herbst- 
monats Thischri gefallen, und mit ihm ist ganz ursprünglich 
die Idee eines religiösen Gerichtstages Gottes verbunden ge- 
wesen; ist er doch der einzige im Mosaischen Gesetz ver- 
ordnete Fasttag, und zwar bei Strafe der Ausrottung durch 
strengstes Fasten zu feiern geboten (Lev. 23, 29)! Erst durch 
die Annäherung an ihn, durch Verlegung auf den 1. Thischri, 
hat der Neujahrstag den Charakter als Gerichtstag erhalten. 
Wie kam man aber darauf, den Versöhnungs- und Ge- 
richtstag auf den 10. Thischri (und später zugleich auf das 
Thischri-Neujahr) zu verlegen? Ich erinnere mich, einmal 
von einem Katheder herab die Erklärung gehört zu haben, 
der Abschied von der schönen sommerlichen Natur und die 
Aussicht auf die nun einbrechende trübe Regenzeit habe den 
Menschen ernst gestimmt usw. Da ist es nun ein Rätsel, 
warum man das Laubhüttenfest, das noch 15 Tage später fällt 
und nach talmudischer Ansicht den Beginn der Regenzeit be- 
zeichnet (s. o. S. 63, Anm. 1), gar nicht ernst, sondern als 
fröhliches Weinlesefest feierte ! Der Einwohner von Palästina 
dankt seinem Schöpfer, wenn die selbst im Schatten bis zu 
40° C. steigende Gluthitze der Monate Juli und August, die 
für ihn keine „schöne Jahreszeit" darstellen, vorüber ist, und 
begrüßt den Frühregen (Oktoberregen) als einen Segen, wo- 



1 Daß in „ prähistorischer * Zeit nicht das Herbst-, sondern das 
Frühlingsäquinoktium im Sternbilde der Wage stattfand und das Aus- 
einanderfallen des bürgerlichen und des Kirchenjahres durch die Prä- 
Zession des Frühlingspunktes verursacht wurde, habe ich in m. Schrift 
„Im Reiche der Gnosis" (S. 111 ff.) zu vermuten gewagt. 

Bischoff, Babylonisch- Astrales. 5 



66 Kap. I. Entsprechung von Him m lischem und Irdischem. 

von der regenschwangere Thalmudtraktat Thäanith eine schier 
überquellende Reihe von Belegen bietet. — Man mag hin und 
her raten, wie man will; alle „natürlichen" Erklärungen jener 
formalen Bestimmung versagen, und es hilft nichts anderes: 
man muß zur „Offenbarung" greifen. Die Form der Offen- 
barung aber (natürlich nicht ihr Inhalt!) ist stets im letzten 
Grunde astral. 

Im Thischri ist die Soune soeben 1 in das Sternbild der 
Wage (d^t^w) getreten ; diese aber ist das Symbol des Rich- 
tens, und zwar vor allem des Richtens über Verdienst und 
Schuld 2 . Ich lasse hier dahingestellt, ob die alten Hebräer 
das Sternbild der Wage unter dieser altorientalischen Be- 
zeichnung gekannt haben. Es würde schon genügen, wenn 
die Völker, von denen dem Moses die äußere Institution eines 
solchen Expiationsf astens 8 oder aber eines solchen Neujahrs- 
Gerichtstags im Herbst 4 bekannt geworden sein kann, die 
astrale Beziehung kannten. Soviel ist sicher: Die Rabbinen 
wissen, daß das Sternbild der Wage mit dem himmlischen 
Gerichtstage in Verbindung steht. So heißt es z. B. 
Pesiktha rabbathi c. 20 (94 b) : [Gott sprach : Nach dem Stern- 
bilde Jungfrau] „erschaffe ich (das Sternbild) Wage, weil 
des Menschen Taten gerichtet werden sollen; sodann den 
Skorpion, weil der Mensch, wenn er gewogen worden und als 
Frevler befunden ist, in die Hölle gestürzt wird". (Hinter 
dem Sternbilde der Wage beginnt nämlich die Wasser-, Winter- 
und Unterweltsregion des [südlichen] Himmels; der wägende 
Gerichtstag steht ebenso vor dem Beginn der irdischen Regen-, 
Winter- und trüben Zeit, und an ihm sperrt die Hölle ihren 
Rachen auf, die Frevler zu verschlingen.) Auf diese Weise 
wird der Herbst-Neujahrs-Gerichtstag verständlicher als bisher. 

Ich übersetzte eben : „in die Hölle gestürzt wird". Wört- 
lich steht da: „sie ihn in die Hölle stürzen", und so wird an 



1 Bei der Herbst -Tagundnachtgleiche; mit dem ersten Sichtbar- 
werden des auf diese folgenden Neumondes beginnt der Thischri. 

2 Vgl. Daniel 5, 26 (27) ; Hiob 31,6; i^ 69, 10. (Im N.T. : Apok. 6, 5.) 
8 Herodot IV 186 und II 40 f. berichtet von dem großen Isis-Fasten 

der Ägypter. Ich nehme aber nur die Möglichkeit an, daß dieses Buß- 
fasten äußerlich in einer gewissen Verbindung mit der jüngeren Institution 
des Versöhnungsfasttages stehen könne. 4 Über den Neujahrstag in der 
babylonischen Kalenderrechnung vgl. Jebemias, ATAO 2 30, 37 ff., BNT 70. 
Daß auch die älteste israelitische Zeit schon Neujahr im Herbst feierte, 
glaube ich nach ATAO 2 41 f. und dem oben S. 64 f. Gesagten nicht 



2, B d. Der obere und untere Gerichtshof. 67 

schier unzähligen Stellen in Talmud und Midrasch 1 ein Plural 
angewendet, wenn von einer beschließenden oder verfügenden 
Tätigkeit Gottes die Eede ist — zum Zeichen, daß Gott „alles, 
was er tut, zuvor mit der oberen Familie beraten hat" (s. o. 
S. 60). Die moderne Religionsgeschichte sieht gern in dem 
Gott des Alten Testaments einen launenhaften Willkür- 
herrscher; die Eabbinen gewannen ein andres Bild: Die 
Stellen, wo Gott, dessen absolute Einheit sie so streng fest- 
halten, im A.T. von sich im Plural redet, sind ihnen ein Be- 
weis, daß der allmächtige König aller Könige nichts willkür- 
lich tut, sondern alles nach wohlgeordneten Rechtsnormen 
verfügt. Das herrliche Bild eines gerechten, weisen und 
dabei doch gnädigen „konstitutionellen" Herrschers sahen 
jene alten Rabbinen lange Jahrhunderte früher, als es in 
unsern Tagen zur unvollkommenen Wirklichkeit wurde, in 
dem himmlischen Urbilde des mit seinem Gerichtshofe droben 
beratenden höchsten Herrschers in vollkommenster Weise re- 
präsentiert. Ein solcher höchster Richter, der trotz seiner 
Allweisheit andre Wesen anhört, geht er in dieser Herab- 
lassung so weit, nicht allein — und hier erhebt sich der Ge- 
danke vom Babylonisch-Astralen zum Monotheistisch-Jüdischen 
— den Gebeten der Menschen in seinem Welt- und Heilsplane 
Raum und Gehör zu geben, sondern sogar Entscheidungen 

1 Nur ein paar mir eben beifallende Stellen: „Wer sagt: ,Ich will 
sündigen und dann Buße tun', dem geben sie keine Möglichkeit, Buße 
zu tun" (Misch nah, Joma VIII 9 Anf.). — «Wer sündigt und (andre) zur 
Sünde verleitet, dem geben sie (T^BCE) keine Möglichkeit, Buße zu 
tun" (Sanhedrin 107 b). — Bei dem (S. 68) zu erwähnenden himmlischen 
Disziplinarverfahren gegen Metatron heißt es: „Sie (V?) holten (*mpDR) 
nun den Metatron und schlugen ihm (Ifmn'B) ... sie sprechen (1*1ttN) zu 
ihm" usw. Daß hier der obere Gerichtshof gemeint ist, geht deutlich 
aus dem Cod. Mon. 91 [der einzigen vollständigen Hdschr. des bab. 
Thalmud] hervor, wo statt „sie" fln) steht [rw]tt* f d. h. die „Sitzenden" 
(Consessus, der Gerichtshof, die „obere Familie" oder „obere Akademie"). 
Bei diesem Plural lediglich Gott gemeint zu wähnen (z. B. Fiebig, Joma 
1905, S. 29), dessen Name D^lbö* der Form nach allerdings ein Plural ist, 
wäre absolut gegen die Ansicht der Rabbinen, die bei aUen Disputen 
mit Ketzern (wo diese auf die Pluralform D^tlbfc* verweisen) immer wieder 
betonen, daß bei diesem Gottesnamen in der Bibel stets das Verbum im 
Singular steht: Elohim sprach [nicht aber: sprachen] usw. ; wo aber in 
Beziehung auf Gott in der Bibel ein Plural steht (z. B. : Lasset uns 
Menschen machen) deuten sie dies konsequent auf den himmlischen Senat 
Gottes, mit dem er sich berate usw. — Vgl. übrigens im N.T. Luk. 16, 9: 
„damit sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten". 

5* 



68 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

des irdischen Abbildes seines oberen Gerichtshofs, die mit 
dessen Entscheidungen in Widerspruch stehen, gegebenenfalls 
als Norm gelten zu lassen. Wie einer ist, so ist sein Gott, 
und die hohe Achtung vor einer, wenn nur ausreichend be- 
gründeten, Meinung 1 , die den dogmenlosen Eabbinismus kenn- 
zeichnet, spiegelt sich in den aggadischen Berichten, wie z. B. 
der kühne Rabbi Josua selbst gegenüber einer das Gegen- 
teil verkündenden Himmelsstimme — dem Sprachrohr des 
oberen Gerichts (s. o. S. 61) — das Eecht des rabbinischen 
Majoritätsbeschlusses verficht und Gott dazu milde lächelnd 
sagt: „Meine Kinder haben mich besiegt!" (Baba mezia59b) 
— oder wie sich Gott bei Ansetzung oder Verschiebung des 
Neujahrstermins ganz nach den Entscheidungen des irdischen 
Gerichtshofes richtet (jer. Eosch ha-schanah 1, 3; Pesiktha 43 b; 
Pesiktha rab. bathi, c. 15 [67 b] ; vgl. Midrasch Thehillim zu 
xfj 4 (4) : ^Eabbi Hoschaja sagt : Welche Nation gibt es, mit 
der Gott so übereinstimmt, wie mit dieser [unsrer] ? Denn zu 
der Zeit, wo unsre Ältesten sitzen, ein Schaltjahr festzusetzen, 
stimmt der gebenedeite Gott mit ihnen überein . . . wenn die 
Mitglieder unsers Synhedriums sitzen und sagen: ,Wir wollen 
das neue Jahr auf den 2. oder 3. Wochentag [Montag oder 
Dienstag] festsetzen*, so hält der gebenedeite Gott sofort mit 
dem oberen Synhedrium, den Dienstengeln, eine 
Sitzung und spricht : ,Steigt hinab und seht, was die Unteren 
festgesetzt und beschlossen haben*. Antworten sie ihm (dann) : 
,Herr der Welt, sie haben beschlossen, daß an dem und dem 
Tage Neujahr sei*, so setzt sich der gebenedeite Gott sofort 
hin und richtet die Welt." 

Zur Abrundung des Doppelbildes von unterem oder oberem 
Gerichtshof gebe ich noch folgende, das Obige bestätigende 
Stellen: a) Exod. r., c. 30: „Der gebenedeite Gott gab den Israe- 
liten Rechtsvorschriften, gleichwie der Gerichtshof in der Höhe 
vor Gottes Angesicht sitzt laut Dan. 7, 10". — b) Makkoth 23 b: 



1 Nur gegen absichtliche Gotteslästerung verfuhr man scharf; sonst 
aber versagte man selbst Irrlehrern nicht die Achtung, die ihnen als 
denkenden Wesen und Gelehrten zukam. Als „Acher* (der Irrlehrer 
Elischah b. Abu j ah) den berühmten Ausflug in den Himmel machte (s. u. 
S. 79) — so dichtet die Aggadah (Chagigah 15 a) ganz der herrschenden 
Anschauung entsprechend — und dort Metatron nicht vor ihm aufgestanden 
war, wurde dieser hohe Engel mit 60 himmlischen Feuerruten geschlagen. 
(Dr. B. Fischer, Talmud und Schulchan -Aruch [Leipzig 1892], macht 
S. 109 schon auf die astrale Bedeutung der 60 aufmerksam.) Vgl. S. 113. 



2, B e. Die obere und untere Akademie. 69 

„Rabbi Josua ben Levi (3. Jahrh.) sagt : Dreierlei wurde vom 
unteren Gerichtshofe bestimmt und vom oberen bestätigt. Erstens 
das Vorlesen der Esther-Rolle" usw. — c) Levit. r., c. 10 Mitte: 
„Rabbi Thanchum bar Rabbi Jeremia (4. Jahrh.) sagt: Mit 
Assir (1. Chron. 3, 17) ist Gott gemeint, weil er sich durch 
ein Gelübde gebunden hat ( Jer. 22, 24) , und mit Schealthiel 
(ibid.) ist er ebenfalls gemeint, weil er den oberen Gerichts- 
hof um Auflösung seines Gelübdes ersuchte (Jer. 22, 30)"; der 
obere Gerichtshof löst also ebenso wie der untere Gelübde 
auf. — d) Pirke R. Elieser, c. 47: „Pinchas . . . verbot den 
Israeliten beim Banne des oberen (himmlischen) und unteren 
(irdischen) Gerichtshofes, daß keiner unter ihnen vom Weine 
der NichtJuden trinke". — e) Gen. r., c. 49 (zu 1, 17): „Rabbi 
Jehudah (3. Jahrh.) sagte : Es vergeht kein Tag, an dem nicht 
der gebenedeite Gott eine neue Satzung im oberen Gerichts- 
hofe bekannt machte". 



e) Die obere und die untere Akademie. 

Der tägliche Besuch des „Lehrhauses", der lokalen Akademie 
OB^n^?? ma, nirtir, Nnywp), wo diese tagsüber in Gewerbe 
und Beruf beschäftigten Männer nachts die Thorah diskutier- 
ten, war den Rabbinen so in Fleisch und Blut übergegangen, 
daß sie sich den Himmel ohne eine solche Einrichtung gar 
nicht vorzustellen vermochten und ihr höchstes Sehnen da- 
nach ging, einst da droben mit Gott, seinen Engeln und den 
seligen Kollegen weiter disputieren zu dürfen. Baba mezia 
85b: „Rabbi Se'ira (3./4. Jahrh.) sagte: Gestern erschien mir 
im Traume Rabbi Jose ben Chanina (3. Jahrh.); den fragte 
ich: Neben wem sitzest du in der oberen Akademie? Er 
antwortet: Neben Rabbi Jochanan. (Ich:) Neben wem sitzt 
R. Jochanan? (Er:) Neben Rabbi Jannai. (Ich:) Neben wem 
dieser? (Er:) Neben Rabbi Chanina (ben Dosa! — Ich:) 
Neben wem dieser? (Er:) Neben Rabbi Chijjah" usw. Viele 
von diesen Rabbinen durften schon bei Lebzeiten allnächtlich 
an den Sitzungen der himmlischen Akademie teilnehmen, wo- 
bei Engel sie mit ihrem Sessel hinauf und herab trugen; der 
Sessel des Rabbi Chijjah aber stieg von selbst hinauf und 
wieder herab (B. m., 1. c. gleich nachher). Andre bekamen 
wenigstens himmlische Grüße gesandt; Thaanith 21b: „Der 
Meister (Arzt) Abba erhielt alle Tage einen Gruß aus der 



70 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

oberen Akademie, Abbaje (3. Jahrh.) an jedem Vorabend des 
Sabbath, Eaba (4. Jahrh.) an jedem Vorabende des Versöh- 
nungstages"; vgl. über den oben genannten R. Chanina auf 
Chagigah 14 a: „Ein ,Hochangesehener' (Jes. 3, 3) ist einer, 
um dessentwillen man seine Generation hochachtet, sowohl 
droben, wie Rabbi Chanina ben Dosa, als auch unten, wie 
Rabbi Abbahu beim Kaiser (angesehen ist)". Zuweilen läßt 
Gott sogar Rabbinen sterben, weil er und die himmlische 
Akademie sich über wichtige Fragen nicht klar sind, über 
die dann cler neue gelehrte Ankömmling entscheiden soll; 
Baba mezia 86a: „Rab Eahana erzählte: . . . (Einst) war man 
in der himmlischen Akademie verschiedener Meinung (hin- 
sichtlich der Bestimmung über den Aussätzigen): ,Wenn der 
weiße Fleck dem weißen Haar vorangeht, so ist (der Kranke) 
unrein, im umgekehrten Falle rein'. Der gebenedeite Gott 
sagte: ,Wenn ein Zweifel vorwaltet, so ist er rein 4 ; aber die 
ganze obere Akademie sagte : ,So ist er unrein*. (Gott :) ,Wer 
soll da entscheiden ?' (Die anderen:) ,Rabba bar Nachmani*. 
[Gott läßt den R. b. N. (3. Jahrh.) nun durch den Todesengel 
holen. Nachdem dies geschehen,] da fiel zu Pumböditha eine 
Schrift vom Himmel (des Inhalts): ,Rabba bar Nachmani ist 
zur himmlischen Akademie verlangt worden*!" — Außer der 
allgemeinen himmlischen Akademie werden auch, den ver- 
schiedenen einzelnen Lehrhäusern hienieden entsprechend, ver- 
schiedene einzelne droben erwähnt, so Kohfeleth r. zu 7, 12: 
„Rabbi Jochanan sagt: Wer sich mit dem Gesetz in dieser 
Welt befaßt, den läßt man in jener nicht schlafen, sondern 
führt ihn zu den Lehrhäusern des Seth, Eber, Abraham, Isaak, 
Jakob, Moses und Ahron". 

C. Dinge. 

a) Pflanzen und Tiere. 

In der Kosmogonie des parsischen Bundahischn, die ständig 
auf babylonische Urquellen zurückgeht, heißt es (27, 24): „Jede 
einzelne Pflanze ist einem Engel überantwortet". Dieselbe 
Anschauung eines solchen himmlischen Repräsentanten, unter 
noch deutlicherer Betonung seiner astralen Natur (Engel = 
Sterne s. o. S. 43 f.), findet sich, sogar dem Wortlaute nach ähn- 
lich, Gen. r., c. 10 (zu 2, 1), wo der im 3. Jahrh. lebende 
Rabbi Simeon sagt: „Es gibt kein Kraut auf Erden, das 



2, C a. Pflanzen und Tiere. 71 

nicht einen Stern am Himmel hätte, der es schlägt und zu 
ihm sagt: Wachse!" Bewiesen wird das aus dem Worte 
■nom (Hiob 38, 33), das hier mit ^aiirf = urteilsvollstrecken- 
der Amtsdiener, Auf Sichtsbeamter, in Verbindung gebracht 
wird. Natürlich ist diese Etymologie erst, wie so sehr viele 
der rabbinischen Wort- und Schriftdeutungen, ad hoc hinterher 
gemacht, um einen „Schriftgrund" für die schon vorher vor- 
handene astrale Anschauung zu bekommen, nicht etwa aber 
ist diese die Frucht jener. 

Auch wenigstens hinsichtlich eines bestimmten Tieres, 
der redenden Eselin Bileams (Num. 22, 28), hat man die Ver- 
mutung aufgestellt, es habe ein himmlisches eigenes Urbild 
gehabt, nach dem es später irdisch gebildet worden sei, näm- 
lich den Esel mit der Krippe im Sternbilde des Krebses. 
Indessen dem Gedanken, dieses Sternbild repräsentiere eine 
redende Eselin, würde vom rabbinischen Standpunkte aus 
schon Pesiktha rabbathi c. 20 (94 b) entgegenstehen , wo ge- 
sagt ist, die Thorah sei im Nisan, unterm Sternbilde der 
Zwillinge, gegeben worden, weil dieses redebegabte Menschen 
darstelle, die Gott loben könnten, was bei den Tieren der 
nächstvorhergehenden und nächstfolgenden Sternbilder nicht 
der Fall gewesen wäre! Was aber die Hauptsache ist: in 
der Stelle, auf die man sich beruft (Aboth V 8 und Parallelen) 
steht gar nichts davon da, daß diese Eselin 1 oder ihr Pro- 
totyp bereits bei der Schöpfung des Alls ins Dasein getreten 
sei, vielmehr steht a. a. 0. unter den „am Vorabend des 
Sabbaths, in der Dämmerung" erschaffenen Dingen „der Mund 
der Eselin" ("pnan ^s), d. h. lediglich das metaphysische Sub- 
strat der Redebegabung der (erst dereinst zu erschaffenden) 
Eselin Bileams, die Potenzialität des erst 26 Generationen 
nach der Schöpfung in die Aktualität tretenden Sprachwunders. 
Da dieses eine Ausnahme von dem Natur- und Weltgesetz, 
von der „Thorah" (s. o. S. 3 ff.) bildet, ist es nicht gleich 
dieser vor der Erschaffung der Welt geschaffen worden, 
sondern erst unter den zehn allerletzten Schöpfungswerken, 
und zwar schon damals, weil nach rabbinischer Ansicht Gott 
nach dem sechsten Schöpfungstage absolut Neues nicht mehr 



1 So sagt J. Bergel in seiner liederlichen „Mythologie der alten 
Hebräer" (Leipzig 1882) I 93 mit fadem Witz: „Jedenfalls war dieses 
Tier eine merkwürdige Antiquität, da es schon am sechsten Tage der 
Weltschöpfung ins Leben getreten sein soll". 



72 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

geschaffen hat (S. 25, 89), vielmehr nur die damals erschaffenen 
im Laufe der Zeiten in die Erscheinung treten läßt 1 . Die 
erwähnten zehn Dinge (unter ihnen der „Mund der Eselin") 
mußten mithin noch innerhalb des Sechstagewerks erschaffen 
sein, spätestens am sechsten- Tage. Da sie aber unter den 
Schöpfungswerken des sechsten Tages nicht erwähnt werden, 
schlössen die Rabbinen, sie seien zwar noch an diesem Tage 
entstanden, aber als es schon nicht mehr „Tag" war, also 
in der Dämmerung, die den 6. vom 7., dem Ruhetage, schied 2 . 
In Wahrheit gibt es also bei der Eselin Bileams eine 
astrale Beziehung nicht. Dagegen hat man völlig übersehen, 
daß die Rabbinen einem andern Tiere tatsächlich eine solche 
geben, nämlich dem „Behemoth", das sie zu den Gen. 1,21 
erwähnten großen Meerestieren rechnen, und zwar zu den 
Meerdrachen ; Gen. i\, c. 7 heißt es (z. St.) : „Rabbi Pinchas 
berichtet als Ausspruch des Rabbi Acha: Geschrieben ist 
Da-on (ohne ■* vor d) statt d-o-op. Damit sind der Behemoth 
und der Leviathan gemeint, die alle beide eines Weibchens 
ermangeln" [wie jenes Wort des " ermangelt]. „Rabbi Simeon 
ben Lakisch sagt, der Behemoth habe zwar ein Weibchen, 
dieses besitze aber keinen Geschlechtstrieb, laut Hiob 40, 17. 
Rab Huna (gest. 295 n. Chr.) berichtet als Ausspruch des Rab 
Mathna : Dieser Drache 3 ist aus einem weißem [d. h. Samen-] 
Tropfen 4 gebildet und hat 365 Arten von Färbung nach 



1) Aus diesem Grunde läßt ja die rabbinische Mystik alle mensch- 
lischen Seelen schon am 6. Tage erschaffen sein, aber bis zum Herab- 
kommen auf die Erde sich in einem der sieben Himmelsräume (Guph 
genannt) aufhalten. 2 Der sechste Tag endete ja mit Sonnen- 

untergang. s Hiob 40 ist bei „Behemoth" möglicherweise an das 

Nilpferd gedacht, wie bei „Leviathan" an das Krokodil; beide galten 
als Symbole Ägyptens (Winer, BWB s. v. Nilpferd). Der rabbinische 
„Drache" (213a!:) jedoch ist der Fabeldrache Basilisk, zu dem im Alter- 
tum und Mittelalter das unschuldige kleine Chamäleon wurde (vgl. den 
Drachen gabilüne = Chamäleon im Gudrunliede). Ein Nachklang der 
Kunde, daß die Haut des Chamäleons bei auffallendem Sonnenlicht in 
allerlei Farben schillere, sind obige 365 Färbungsarten gemäß der Tage- 
zahl des Sonnenjahres. Falsch ist es, wenn Lewysohn (Zool. des Talm., 
76 und 183) 21322 hier als Hyäne deutet, bei der man (abgesehen von 
der Zahl 365, die rätselhaft bliebe) höchstens von so viel „Flecken" oder 
Streifen, nicht aber von Farbungs -Arten (genera colorum, m3>13S£ ^"VB) 
reden könnte, wie es doch Gen. r., c. 7 ausdrücklich heißt. * A. a. 0. 
handelt es sich um die Frage, ob sich die Seetiere durch Paarung fort- 
pflanzen, was dort bezweifelt wird. Ist dies aber nach Obigem beim B. 
der Fall, so ist er kein gewöhnliches Seetier. Jedenfalls bildet er, da 



2, Ca. Pflanzen und Tiere. 73 

der Zahl der Tage des Sonnenjahres." Diese genaue 
Zahlangabe der „Arten der Färbung" und deren Beziehung 
auf das Sonnenjahr zeigt, daß hier ähnlich wie beim Leviathan 
nicht mehr, wie wahrscheinlich noch Hiob 40, lediglich die 
Natur eines irdischen Tieres bezeichnet werden soll, sondern 
daß eine astrale Beziehung vorschwebt. Am einfachsten ist 
es, an ein astrales Korrelat dieses irdischen Wundertieres zu 
denken. "Wie dieses der Färbung nach 365 verschiedene 
„Aspekte" darbietet, so ist auch jeden Tag der allgemeine 
Himmelsaspekt, das sichtbare Himmelsbild verschieden; nicht 




Abb. 4. Babylonischer Grenzstein mit Tierkreis- und anderen Sternbildern. 

nüTj daß uns ein Teil des Fixsternhimmels fortschreitend un- 
sichtbar, ein andrer dafür sichtbar wird, auch das Sichtbar- 
sein und die Stellung des Mondes und der übrigen Planeten 
ist tagtäglich verschieden von dem Bilde, das der vorher- 
gehende Tag gewährte usw., je nach dem scheinbaren Fort- 



er sieb mit seinem Weibchen nicht paart, mit diesem zusammen die 
einzigen Exemplare seiner Gattung seit der Schöpfung her, ebenso wie der 
(Baba bathra 74b)) Ton Gott kastrierte Leviaban, dessen Weibchen von 
Gott geschlachtet wurde und eiDgesalzen für das einstige Messiasmahl 
aufbewahrt wird (worüber Buxtorf am Schlüsse seiner Synagoga Judaica 
schmenhafte Witze macht). Es handelt sich also hier um Urmeeres- 
geschÖpfe mit astraler Beziehung, vgl. des weiteren ATAO* 174ff. Zu 
der Kastration des Leviathan vgl. Marduk mit dem Sichelachwert die 
Tiamat verwundend, Orion mit dem S. auf Cetus (Walfisch) eindringend, 
bei H. Winckleb, HuWB 51. 



74 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

schreiten der Sonne auf der Ekliptik, also nach ihrem Durch- 
wandeln des Tierkreises. „Behemoth" (rrtonsi) bedeutet wört- 
lich „Tiere", abstrakt auch „Tierreich". Sollte damit die 
Ekliptik gemeint sein, die gewissermaßen die Peripherie bildet, 
auf der die Tiere des Tierkreises stehen ? Als Meertier 
(Schlange) könnte diese Peripherie um so mehr bezeichnet 
werden, als sie nahe an der Grenze der nördlichen von der 
südlichen Himmelshalbkugel liegt, also den Gesichtskreis eines 
auf der nördlichen Erdhalbkugel Beobachtenden nahezu nach 
unten abschließt K In babylonischen Darstellungen des Tier- 
kreises sehen wir auch tatsächlich eine Schlange einen Teil 
des Bildes abschließen — einen Teil, weil ja auch jedesmal 
nur ein Teil der Ekliptik auf einmal sichtbar ist 2 (vgl. ATAO 2 10, 
Abb. 1 und 4). Hierdurch dürfte sich auch der verschiedent- 
lich gegen den altbabylonischen Ursprung der Tierkreisbilder 
ins Feld geführte Umstand erklären, daß auf den ATAO 1. c. 
vorgeführten Grenzsteinen aus dem 12. Jahrh. v. Chr. nicht 
sämtliche Tierkreisbilder zu sehen sind ; es wurden möglicher- 
weise die gerade am Tage der Aufstellung sichtbaren Stern- 
bilder dargestellt. Eine Übertragung der astralen Anschauung 
auf das Tellurische scheint in der Thalmudstelle Chagigah 12 
zu liegen: „Es wird überliefert: Thöhü (Gen. 1, 2) ist ein 
grüner Kreis, der die ganze Welt umschließt, und von dem 
die Finsternis herkommt. B ö h ü sind die schlammigen Steine, 
die in der Tiefe (Thehöm) versenkt sind, von denen das 
Wasser herkommt". Über die Beziehung von Böhü zu Be- 
hömoth und die astrale Grundanschauung habe ich „Im Eeiche 
der Gnosis" S. 137 2 gesprochen. — Stehen die „schlammigen 
Steine" (als Zodiakalstationen in der Wasserregion des Süd- 
himmels) den „glänzenden Steinen" (Chagigah 14 b unten) 
des Nibiru-Nordpunkts gegenüber? (Vgl. a. a. 0., S. 130). 



1 Im Januar (bei uns) der Teil, der durch 5 V V II öS cft geht; 
Februar: */« E bis */« np ; März: T bis über IT? hinaus; April VaT 
bis — ; Mai: V bis VVL ; Juni: El bis ziemlich >? ; Juli : &l bis *)o ; August : 
np bis reichlich 'Y* ; September : */ 4 VVt bis EL ; Oktober : >? bis II ; No- 
vember: ^Jo bis beinahe ® ; Dezember: 3* bis £[. Wie diese Zusammen- 
stellung (und noch besser ein Blick auf die Karten der monatlichen Sicht- 
barkeit des Sternenhimmels, sogar schon auf die kleinen Darstellungen 
in Kürechners „Jahrbuch") zur Genüge lehrt, ist bald ein größerer, bald 
ein kleinerer Bogen der Ekliptik und Teil des Zodiakus sichtbar. 



2, C b. Der Baum des Lebens. 70 

b) Der Baum des Lebens. 

Prof. D. August Wünsche hat hierüber im vorvorigen Jahre 
eine Monographie veröffentlicht (Der Baum des Lebens. Leipzig, 
E. Pfeiffer) , auf die ich trotz stellenweise andrer Auffassung 
verweise, da ich nicht ausschreibe. Ebenso verweise ich für 
die astral-babylonischen Züge auf Jeeemias, ATAO 2 191 ff. und 
BNT 73. Zunächst bemerke ich, daß die heute wieder aus- 
gegrabene Unterscheidung von Baum des Lebens und Baum 
der Erkenntnis bei den Rabbinen sich m. W. nirgends findet, 
da diesen Leuten Leben noch Lernen hieß, d. h. Erkennen 
und Denken. Nur auf einiges deutlich Astrale weise ich hin. 
Nach thannaitischer Anschauung (Gen. r., c. 16, zu 2, 9) ist der 
„Lebensbaum" des Paradiesgartens der von Gott erschaffene 
Weltbaum, „der sich über alle Lebenden ausbreitet". Es 
heißt dann weiter: „Rabbi Jehudah bar Hai (Mitte 2. Jahrh. 
n. Chr.) sagt: „Sein Umfang war (ist) 1 so groß, daß es fünf- 
hundert Jahre zu seiner Umschreitung bedurfte (bedarf)". 
500 Jahre dauerte bekanntlich eine Phönixperiode, d. h. die 
Zeit, nach deren Ablauf sich der Phönix, das Bild der Un- 
sterblichkeit, wieder verjüngte 2 . Die 500 kann vielleicht in 
folgenden astralkalendarischen Daten ihre Erklärung finden: 
Die 2 hat im altorientalischen astronomischen Kalkül be- 
sondere Beziehung zu den Stunden, Monaten und Jahrkom- 
plexen (Lustra); wie Doppelstunden und Doppelmonate, so 
gibt es auch Doppel-Lustra = Jahrzehnte. Die 50 dagegen 
hat besondere Beziehung zu den Wochen und Jahreinheiten 
(50 Siebenerwochen des Mondjahres, 50 Jahre eine Halljahr- 
Periode). 50 Doppellustra — diese nunmehr wie Jahreinheiten 
behandelt — geben eine Hai}- Jahrzehnt-Periode = 
500 Jahre. Diese „Periode" ist also zur „Umschreitung" des 
Lebensbaumes nötig. Das ist ganz in rabbinischem Sinne 
gedacht. 

D. Späteres. 

Am Beginn des vorstehenden Abschnitts (S. 21) habe ich 
die den Entsprechungsgedanken kurz formulierenden Aus- 

1 Das hebräische Perfekt kann beides bedeuten. 2 Rund 

26000 Jahre dauert es, bis die Präzession des Frühlingspunktes den 
ganzen Tierkreis durchlaufen hat. Rechnet man diesen Zeitraum als 
«in „Weltjahr", so bUden die 500 Jahre eine der zu diesem gehörigen 
52 „Weltwochen"; doch liegt für den Midrasch wohl die oben im Text 
angegebene Berechnung näher. 



76 Kap. I. Entsprechung von Himmlischem und Irdischem. 

Sprüche des Rabbi Abahu und des Eabbi Berechjah zitiert; 
hier füge ich noch ihre Beweise dafür an, und zwar absicht- 
lich erst hier, weil mir ein großer Teil dieser Beweise nicht 
gleich den oben erörterten Stellen auf astraler Tradition zu 
beruhen, sondern philologisch ergrübelt zu sein scheint. Mir 
wenigstens kommt es so vor, als wäre bei den früher ge- 
nannten Entsprechungen der Gedanke, daß z. B. dem irdischen 
Tempel ein himmlischer entspreche usw., das prius, die biblische 
Begründung erst nachträglich dazu gesucht \ während ich hier 
bei allen nicht schon früher 2 vorkommenden Beispielen das 
Gefühl habe, als sei einfach konkordanzmäßig nachgeforscht 
worden, bei welchen Gelegenheiten derselbe Ausdruck für 
himmlische und für irdische Dinge oder Vorgänge stehe, und 
dann erst die These von deren Entsprechung aufgestellt worden; 
ich vermisse in diesen Fällen die Frische in der astralen 
Grundanschauung. Da ich mich aber irren kann, setze ich 
die Entsprechungen in sachlichem Auszuge hierzu: I. Rabbi 
Abbahu (1. c, s. o. S. 21): a) d^did Sterne, droben: ,Er zählet 
die Sterne und nennt sie alle mit Namen* (i// 147, 4); hienieden: 
,Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen' (Num. 24, 17). — 
b) mNSi: Heerscharen, droben: ,Heilig, heilig, heilig ist der 
Herr der Heerscharen' (Jes. 6, 13); hienieden: ,da gingen alle 
Heerscharen des Herrn [= die Israeliten] an einem Tage aus 
Ägypten' (Exod. 12, 41). — c) a^sna Räder, droben: ,Und die 
Räder [des Gotteswagens] erhoben sich neben ihnen [den 
Chajjoth, himmlischen Tiergestalten]' (Ezech. 1, 21); hienieden: 
,Und siehe da stand ein Rad auf der Erde' (ibid. v. 15) 3 . — 

d) G^-ns Kerubim, droben : ,Gott fuhr daher auf einem Kerub' 
(2. Sam. 22, 11); hienieden: ,Und die Kerubim [auf der Bundes- 
lade] sollen ihre Flügel darüber ausbreiten' (Exod. 25, 20). — 

e) bmT Wohnung, droben: ,So schaue nun vom Himmel und 
blicke herab von deiner heiligen Wohnung' (Jes. 63, 15); hie- 
nieden: ,Ich habe ein Haus gebaut dir (Gott) zur Wohnung' 
(1. Reg. 8, 13). — f) rwni Teppiche, droben: ,Er spannt den 



1 Vgl. S. 71 und m. Thalmudkatechismus, S. 12. 2 Wie z. T. Bei- 
spiel a, q, b, i, 1, n, t; auch wohl k und w. 8 Dies paßt nicht, da 
v. 15 auch von einem zum himmlischen Gotteswagen gehörigen Rade 
geredet ist, das nur gerade die Erde berührt. Sonst müßte man diesen 
Wagen, die Himmelstiere usw. ebenfalls für irdisch ansehen, da sich die 
ganze Erscheinung ja auf die Erdenwelt niederläßt. Der ganze Beweis 
ruht hier lediglich auf dem urgierten Ausdruck „auf der Erde". 



2,D. Späteres. 77 

Himmel aus wie einen Teppich (v 104, 2). — IL Rabbi 
Berechjah (1. c, s. o. S. 21): g) bim wie oben zu e. — 
h) be-i* Dunkel, droben: ,Hinter Dunkel richtet er* (Hiob 22, 13); 
hienieden: ,Der Herr hat geredet, er wolle im Dunkel [des 
Allerheiligsten] wohnen' (1. Reg. 8, 12). — i) D^snto Seraphim, 
droben : ,Seraphim stehen [o^wiy] über ihm* (Jes. 6, 2) ; hie- 
nieden: ,Schittimhölzer sollen stehen' (o^toi* Exod. 26, 15) 1 . 

— k) D^TnD wie oben zu d; doch als (bessere) irdische 
Parallele noch hinzugefügt (1. Reg. 7, 33); ,Das Werk der 
Räder [die Einrichtung der Räder an den fahrbaren Wasser- 
becken] war wie das von Wagenrädern'. — 1) \>o*n Tempel- 
heiligtum, droben: ,Der Herr ist in seinem heiligen Tempel, 
des Herrn Stuhl [Thron] ist im Himmel' (ip 11, 4); hienieden: 
,Hier ist der Tempel des Herrn' (Jer. 7, 4). — m) nieos Heer- 
scharen, droben: ,Die Könige der Heerscharen' (v 68, 13) 2 ; 
hienieden: s. o. zu b. — n) nöd Thron, droben: ,Ich sah den 
Herrn sitzen auf einem hohen, erhabenen Thron, und sein 
Gewandsaum füllte den Tempel' (Jes. 6, 1); hienieden: ,Der 
Thron der Herrlichkeit, die Stätte unsers Heiligtums' (Jer. 
17, 12). — o) [Scheidewand] droben: ,Es werde ein Rakia 
[Veste] zwischen den Wassern, der eine Scheidewand sei 
zwischen den Wassern' (Gen. 1, 6) ; hienieden : ,Der Vorhang 
sei eine Scheidewand zwischen dem Heiligsten und Aller- 
heiligsten' (Exod. 26, 33). — p) tnvu Scharen, droben : ,Haben 
seine Scharen eine Zahl ?' (Hiob 25, 3) ; hienieden : ,Und es 
waren zwei Männer Oberste der Scharen' (2. Sam. 4, 2). — 
q) d^did Sterne (vgl. oben zu a), droben: ,Zähle die Sterne' 
(Gen. 15, 5); hienieden: ,Ihr seid heute so zahlreich wie die 
Sterne des Himmels' (Deut. 1, 10). — r) -i:a Linnen, droben: 
,Ein Mann [Engel] in Linnen-Gewand' (Ezech. 9, 2); hienieden: 
,In heiliges Linnen - Gewand soll er [Ahron] sich kleiden' 
(Lev. 16, 4). — s) rrirr ^abtt Engel des Herrn, droben: ,Der 
Engel des Herrn läßt sich nieder' (y 34, 8) ; hienieden : ,[Der 
Priester] ist ein Engel des Herrn der Heerscharen' (Mal. 2, 7). 

— t) nare Altar, droben: ,[die glühende Kohle, die der Seraph] 
mit einer Zange vom Altar wegnahm' (Jes. 6, 6) 8 ; hienieden: 
,Einen Altar von Erde sollst du mir machen' (Exod. 20, 24). 



1 Hier ist tertium comparationis das „Stehen" ; vgl. oben S. 24. 

2 R. Berechjah versteht unter diesen die Engelsfursten ; im Psalm- 
texte sind aber menschliche Könige gemeint. 8 Bei Jesaja ist aber 
wohl der Altar des Tempels (6, 1) gemeint. 



78 Kap. IL Die Schöpfung. 

— u) brw Zelt, droben: ,Er spannt die Himmel aus wie ein 
Zelt zum Wohnen 4 (Jes. 40,22); hienieden: ,Wie schön sind 
deine Zelte, Jakob* (Num. 24, 5). — v) nw^ wie oben zu f. 

— w) [Licht] droben : ,Und bei ihm wohnt Licht* (eniti?, Dan. 
2, 22); hienieden: feines . . . Olivenöl zur Leuchte' ("rietfab, 
Lev. 24, 2). 

Ich habe im Vorstehenden nur die typischsten Beispiele 
von Entsprechungen zwischen Himmlischem und Irdischem 
aufgeführt; andre werden uns noch vielfach begegnen. Der 
ursprünglich astrale Entsprechungsgedanke, beherrscht das 
rabbinische Denken allenthalben, auch wo der astrale Ur- 
sprung nicht mehr deutlich erkennbar oder eine astrale Be- 
ziehung gar nicht mehr vorhanden ist, z. B. bei logischen, 
psychologischen, grammatischen, ethischen und andern Deduk- 
tionen; erst durch diese Erkenntnis werden manche schein- 
bar absurden oder wenigstens dunklen Äußerungen der Kab- 
binen verständlich. 



n. Kapitel. 

Die Schöpfung. 

„Was zu wunderbar für dich ist, danach forsche nicht, 
und was vor dir verhüllt ist, darüber grüble nicht; wozu du 
befugt bist, darüber denke nach, mache dir nichts zu schaffen 
mit Geheimnissen" — mit diesen l Worten warnt „Ben Sira" 
(Sirach) 2 nach rabbinischer Auffassung vor allzutiefem Ver- 
senken in das „Schöpfungswerk" (n^arn fitpyw). Trotzdem 

1 Chagigah 13a oben: b» *pate «bOTM IKTO "p IDÖÜ airo p« 

po* *p v« piann rpTDmrro rtnn -npnn b« yyn noiMan «mn 

rmnöSa. 9 Die thalmudischen Zitate aus diesem Buche (die sich 

zumal im Traktat Sanhedrin finden) geben ein vertrauenswürdigeres Bild 
von dessen hebräischer Textgestalt, als die jetzt in den Apokryphen be- 
findliche griechische Übersetzung — auch sonst zeigt die LXX, wie spott- 
schlecht die Griechen ihre gerade zur Wiedergabe des Hebräischen so 
geeignete Sprache zu verwenden wußten — und als der neuerdings einer 
orientalischen Genisah (Synagogen-Rumpelkammer) entstiegene hebräische 
Sirachtext, den ich auf Grund sorgfältiger Beobachtungen gleich den 
meisten übrigen dieser „Fragmente" gelinde gesagt für ein sehr frag- 
liches Produkt, offen gestanden für ein Erzeugnis einer nicht gerade un- 
bekannten orientalischen Industrie halte. 



Die Schöpfung. 79 

versenken sich die Eabbinen gerade an den Stellen, wo sie 
des Siraciden Mahnung zitieren, sowie auch sonst in ganz er- 
heblichem Maße in kosmogonische Spekulation, gleich Paulus 
überzeugt, daß — bei reiner Absicht und mit Hilfe von oben — 
der Geist alle Dinge ergründet, selbst die Tiefen der Gottheit. 
In jenem Sirachverse sehen sie nur (vgl. Chagigah 13 a oben, 
gleich vor diesem Zitat) die Warnung, nicht über die Grenze 
der menschlichen Fassungskraft einerseits und des jüdischen 
Monotheismus andrerseits hinauszugehen, da das Bewegen auf 
diesen theosophisch-metaphysischen Grenzgebieten der Theo- 
logie die doppelte Gefahr in sich birgt, entweder geistigen 
oder seelischen Schaden zu nehmen, d. h. entweder den Ver- 
stand zu zerrütten, oder aber in unjüdischen Dualismus, Poly- 
theismus, Materialismus oder Nihilismus zu verfallen. 1 Infolge 
dieser Gefahr verordnete man anfangs, als diese Spekulationen 
noch verhältnismäßig neu 2 waren (Mischnah, Chagigah II 1): 
„Man forsche nicht über das Schöpfungswerk unter zweien* 
(selbander)", d. h. nur allein dürfe man darüber spekulieren; 
wenn sich da einer zu weit verstieg, so nahm er eben nur 
allein Schaden und steckte nicht auch einen andern mit seinen 
Irrtümern an. Indessen die Eabbinen hatten doch zuviel 
Achtung vor der Freiheit des Forschens und zu viel Vertrauen 
darauf, daß „ein guter Mensch auch in seinem dunklen 
Drange sich des rechten Weges wohl bewußt" sei und „durch 
Irrtum zur Wahrheit reisen" werde, als daß sie mit diesem 
Solipsismus im Forschen, den sie auch sonst verwerfen 4 , hier 



1 Ein historisches Beispiel hierfür gibt die bekannte Tradition in 
Chagigah 14 b, 15 a: „Vier traten in das Paradies [d. h. Aieosophischer 
Forschungen] ein: Ben Assai, Ben Soma, Acher [Elischa ben Abujah 
und Eabbi Akiba. . . . Ben Assai schaute [vertiefte sich in Spekulationen 
und starb [infolge allzugroßer geistiger Anspannung]; Ben Soma schaute 
und nahm Schaden [an seinem Intellekt] ; . . . Acher schnitt die Pflanzungen 
ab [leugnete die Grundprinzipien des jüdischen Monotheismus] . . . (15 b unt.:) 
Nur R. Äkiba stieg in Frieden hinauf und wieder herab [kam ohne 
Schaden davon]". * Mit Ausnahme einer einfachen kosmogonischen 

Kontroverse zwischen den Schulen Hillels und Schammais (um Christi 
Zeit) stammt so ziemlich alles Datierbare über diesen Gegenstand zeitig- 
stens aus dem Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr., an dessen Ende 
(um 200) die Mischnah redigiert wurde. 8 HWra . . . T»«nft V« 

O^TM miöerD. (Beachte: D"Olö2i!) * Aboth 16 sagt Josua ben 

Perachjah : „Erwirb dir einen Studiengenossen". — Thaanith 7 a (Rabbi 
Chanina) : „Wie Eisen das Eisen schärft, so schärfen auch zwei Studierende 
ihren Sinn. . . . (Rabbi Jose bar Chanina): Ein Schwert hängt über den 



80 Kap. II. Die Schöpfung. 

einverstanden gewesen wären ; wenn einer forschte, so sollte er 
es zum Nutzen seiner Mitforschenden und Schüler tun: Eine 
in sich begründete Lehre ist ein Lied (Bezah 24 a, vgl. Schab- 
bath 106b) und soll wie dieses weit erschallen; wer aber 
seinem Schüler auch nur einen Lehrsatz vorenthält, den ver- 
fluchen selbst die Kinder im Mutterleibe (Sanhedrin 91b)! 
Da alle solche Mitteilung in Rede und Gegenrede geschah 
und jeder Genosse oder Schüler Einwände machen durfte, 
war hier der Gefahr einer Verirrung viel besser vorgebeugt, 
als wenn einer einsam die theosophischen Pfade ging. So 
sehen wir denn auch in der Gemara obige Mischnahvorschrift 
dahin ausgelegt, man dürfte über das „Schöpfungswerk" nur 
nicht vor zweien forschen (o'otDb statt o^aiM !), d. h. es nicht 
zweien tradieren, mit zweien darüber disputieren, sondern 
nur mit einem (Chagigah 1 1 b). So war das nötige Korrektiv 
gegeben und dennoch verhütet, daß Leute, denen diese For- 
schungen gefährlich werden konnten, leicht davon erführen '. 
Hieraus erklärt sich, daß wir in unsern Texten nur Fragmente 
sowohl dieser, wie der Chagiga II 1 mit erwähnten andern 
Geheimlehre (über die Merkabah [s. unt. Kap. VII] und wohl 
auch über die Inzestverbote) überliefert erhalten haben ; denn 
obwohl man später sich auch noch von der Beschränkung auf 
einen einzigen Zuhörer (Mitforscher) emanzipierte und mehreren 
darüber vortrug (vgl. Schabbath 80 b, wo dies sogar hinsicht- 
lich der sonst noch geheimer gehaltenen Merkabah-Lehre der 
Fall ist), so waren es doch immer nur einzelne Sätze aus 
einem großen Zusammenhange, einzelne Züge eines geschlossenen 
Gedankenkreises, die man bekannt gab. Der letzte Grund 
dieser GehAmhaltung lag in der astralen Natur dieser 
mystischen Lehrern 2 ; die astralen Gedanken aber waren in 



Gelehrten, die sich einzeln (allein studierend) mit der Thorah befassen; 
zudem werden sie auch noch töricht". — Vgl. Kethuboth 111 a (Rabbas 
Bruder schreibt) : „Obwohl du ein großer Gelehrter bist, so gleicht doch 
der von sich selbst (allein) Lernende nicht dem, der von einem Lehrer 
lernt". * Darauf geht wohl auch (s. S. 98) der Ausspruch des Rabbi 

Samuel bar Nachmani (Gen. r., c. 3) , daß ihm eine kosmogonische An- 
sicht, die er mitteilt, heimlich (niöTlba, „flüsternd") überliefert worden sei. 
2 Auch das Verbot (Mischnah Chagigah 1. c), über den Inzest 
nicht selbdritt (also nur selbander) oder (nach der Gemara) nicht vor 
dreien zu diskutieren (also nur mit zweien), hat vielleicht astralen Hinter- 
grund. Denn der in der Gemara angegebene rein äußerliche Grund, daß, 
wenn zwei vor ihrem Lehrer säßen und dieser mit einem speziell disku- 



Die Schöpfung. 81 

ihrem vollen Umfange nur einem religiös-gefesteten Kopf und 
Herzen ungefährlich. Nur bei einem, der theoretisch und 
praktisch die jüdisch-monotheistische Fassung dieser Doktrinen 
und ihre heidnisch-polytheistische (oder mindestens dualistische) 
Form genau auseinander halten konnte, war kein seelischer 
Schaden zu befürchten. Die grobsinnliche Menge hätte den 
Unterschied nicht verstanden und praktisch aus dem Mißver- 
ständnis die Folge gezogen, sich dem Gestirnkult und in Ver- 



tiere, der andre auch zuhöre, bei dreien aber die beiden augenblicklich 
nicht Befragten sich über andres unterhalten und daher später in dieser 
wichtigen Frage falsche Entscheidungen treffen (Inzesthandlungen für er- 
laubte erklären) könnten , leuchtet nicht ein ; wenn , wie es weiter im 
Texte heißt, die beiden derzeit Unbeschäftigten auf unzüchtige Gedanken 
kommen können, so ist das bei dem einen Unbeschäftigten des ersten 
Falls ebenso leicht möglich, und daß er mehr aufpasse als die zwei, ist 
unbewiesene Annahme. Wenn der Lehrer nicht auf zwei Unaufmerksame 
merkt, die noch dazu ihre Unaufmerksamkeit offen zeigen, so kann er es 
noch weniger bei einem, der im Stillen nicht bei der Sache ist, sondern 
unzüchtigen Phantasien nachhängt. Zudem können Diskussionen über andre 
schwere Fleischessünden doch dieselbe böse Wirkung haben; warum ist 
bei ihnen nicht auch die Zahl auf zwei beschränkt? Wie kommt es 
ferner, daß die Erörterungen über eine so gemeine Sünde in einem Atem 
mit den Diskussionen über die sublimsten Geheimnisse des Wesens und 
Wirkens des heiligen Gottes genannt werden? Woher endlich erklärt 
sich die auffallende Tatsache, daß der Talmud, der sonst (vgl. Sukkah 
Anf., Schebuoth Anf. usw.) ständig bei derart zusammengestellten Vor- 
schriften qua vi quave iniuria einen inneren, gedanklichen Zusammenhang 
zu konstruieren sucht, hier gleich den (in dergleichen nicht minder eifrigen) 
Kommentaren sich ausschweigt und mit einer rein äußerlichen Assoziation 
abfindet? Hätten vielleicht doch die Inzestgesetze eine astrale Beziehung 
gleich den Lehren vom Schöpfungswerk und von der Merkabah? Waren 
sie etwa die negative Seite einer astralen Lehre, wie die Stern- und 
Götzendienst- Verbote die negative Seite zur rabbinischen Astrologie bilden? 
(Chagigah 11 b scheint das 2. Thema der Gemara ['■Dl'lTP'TJa T»»TH V«] 
etwas Ähnliches anzudeuten, das aber durch die rein äußerliche Erklärung, 
von der die oben zitierte ein Teil ist, verdrängt wird.) Handelte es sich 
in jenem positiven Teile etwa um eine jüdisch-monotheistische Veredelung 
der altorientalisch-astralen Motive von Sonnengott und Venus als Ge- 
schwistern und Gatten, Mond als Vater und wiederum Mond- Vater und 
Sonne-Mutter als Geschwistern und Gatten, männlichem Venusstern (Morgen- 
stern Lucifer) als Sohn, woraus H. Winckleb (WAO 40) die merkwürdigen 
Geschwisterehen der Ptolemäer und sonstiger orientalischen Dynastien er- 
klärt? War jener positive Teil zu nvl? etwa eine in der Entwickelung 
begriffene Sephiroth-Lehre (vgl. meine Kabbalah, Leipzig 1903), die ja 
in ihrer kabbalistischen Gestalt ein mildes Vater-, feuriges Mutter- und 
vermittelndes Sohn-Prinzip aufweist, die zu einander in verschiedene Be- 
ziehungen treten? Vgl. unten VII. Kap., 1. Merkabah. 

Bisohoff, Babylonisch- Astrales. " 



82 Kap. II. Die Schöpfung. 

bindung damit gar der Tieranbetung und sonstigem Götzen- 
dienst zu ergeben. „Die Sünde des goldenen Kalbes" steht 
für die Kabbinen noch immer im Hintergrunde als eine Ge- 
fahr, zugleich aber auch als Mahnung, „die Ehre des Schöpfers 
nicht zu verunehren" (naip to b* on , Chagigah II 1 fin.). 
Darum weigerten sich manche von ihnen, selbst andern Eab- 
binen, deren Würdigkeit sie nicht für erprobt halten konnten, 
etwas von ihrer Kenntnis und Auffassung des kosmogonischen 
„Systems" mitzuteilen. Was je von einem dieser Geheimlehre 
Kundigen verlautbart wurde, ist von den „draußen Stehenden" 
(Chagigah IIb) eifrig aufgegriffen und uns aufgehoben worden, 
so daß wir, wenn wir die einzelnen Bruchteile aus der rab- 
binischen Literatur zusammensuchen, uns immerhin ein Bild 
davon machen können, um was es sich handelt, jedenfalls 
mehr wissen, als der neugierige Kaiser Hadrian ( jer. Chagigah 
zu II 1 ; Gen. r., c. 10) und einige andre damalige Nicht Juden 
(Gen. r., c. 4 und sonst), die ein paar Brocken aufgeschnappt 
hatten. Ich kann hier, wo noch so viel andres zur Sprache 
kommen muß, nur die wesentlichsten Züge geben. Eine. Be- 
handlung des ganzen Materials über Maas&h Bereschith und 
Merkabah etc. würde lehren, daß, wenn einige 1 unter den 
vielen wohlmeinenden Kritikern meiner „Kabbalah" es un- 
richtig fanden, daß ich die jüdische Mystik vor dem 13. Jahrh. 
bereits als „Kabbalah" bezeichne, dieser Tadel nicht zutrifft, 
da sich die meisten kabbalistischen Gedanken bereits bei den 
Eabbinen des Thalmud und Midrasch in den ersten fünf Jahr- 
hunderten nach Christi Geburt aufweisen lassen 2 . 



1. Frühere WelteD. 

Obwohl es an der mehrfach zitierten Stelle Chagigah II 1 
u. a. auch heißt : „Wer nach dem forscht, was . . . vorher ge- 
wesen ist, ... dem wäre besser, er wäre nicht zur Welt ge- 
kommen" — so haben sich doch mutige rabbinische Denker 
nicht abhalten lassen, vom 1. Kapitel der Genesis aus einen 
kühnen Gedankenflug in die Zeit zu unternehmen, da diese 
heutige Welt noch nicht erschaffen war. Wenn anderthalb 



1) Vgl. Bacher, ThLZ 1904, Nr. 11. 2 Vgl. hierüber und über 

„vorchristliche" Spekulationen dieser Art auf jüdischem Boden mein „Im 
Reiche der Gnosis*, Kap. I. 



1. Frühere Welten. 83 

Jahrtausende später eine Leuchte der okzidentalen Wissen- 
schaft, Leibniz, den Satz aufstellte, unsre Welt sei die 
beste aller möglichen Welten, so vermißte man bei ihm 
den Gedanken, daß andre Welten überhaupt möglich waren. 
Da lebte nun gegen Ende des 3. nachchristlichen Jahrhunderts 
zu Cäsarea 1 ein Eabbi, Abb ah u 2 mit Namen, der da sagte, 
nicht nur möglich, sondern wirklich seien solche Welten 
gewesen, doch erst die Schöpfung unsrer Welt habe dem 
Schöpfer genügt. Genesis r., c. 3 (zu 1, 5) heißt es: „Es 
ward Abend. . . . Rabbi Abahu sagt: ,Hieraus 8 ist zu schließen, 
daß Gott Welten schuf und wieder zerstörte, bis er diese 
Welt schuf. Er sprach: Diese gefällt mir; jene gefielen mir 
nicht 4 4 . Rabbi Pinchas begründete die Meinung des R. Abahu 
folgendermaßen. Es heißt (Gen. 1, 31): ,Gott sah an alles, 
was er gemacht hatte, und sie da, es war sehr gut 4 — 
dies besagt: Diese Welt gefällt mir; jene gefielen mir nicht!" 
Mt unwesentlichen Änderungen steht dasselbe Gen. r., c. 9 
(zu 1,31), Koh&eth r. zu 3, 11 und Midrasch Thehillim zu 
\p 34, 1 (im Hinblick auf Kohfeleth 3, 11). An den beiden 
letztgenannten Stellen und Gen. r., c. 14 (zu 2, 17) wird noch 
der bedeutsamen Ansicht Ausdruck gegeben, daß diese früheren 

1 Cäsarea war bekanntlich der Sitz des Prokpnsuls und damals einer 
der Hauptsitze des palästinischen Christentums (vgl. Bacher, APA II 88), 
ebenso besaß es eine der berühmtesten rabbinischen Akademien der da- 
maligen Zeit und eine zahlreiche jüdische Bevölkerung. Wie man heute 
noch behaupten kann, Juden habe es in jener Zeit dort nicht ge- 
geben, ist einfach unerfindlich. * „Er vertrat und verteidigte . . . 
das jüdische Volk und die jüdische Lehre in würdiger und wirksamer 
Weise" (Bacher 1. c). Ideal schön, mit wallendem Bart, hochgewachsen, 
voll Körperkraft, reich, von edler Geburt und weise (1. c. S. 89), war er 
für seine Stellung wie geschaffen. 8 Weil es Gen. 1, 5 heißt „Es 
ward Abend" usw., nicht „Es werde", schließt a. a. O. Rabbi Jehudah bar 
Rabbi Simeon (Ende d. 3. Jahrh.), daß es schon vorher eine Zeitrechnung 
gegeben habe. Da aber eine solche nicht für den ewigen Gott, sondern 
nur für endliche Verhältnisse nötig ist, so schließt R. Abahu weiter, daß 
es schon vorher, also vor der Schöpfung dieser Welt, müsse Welten 
gegeben haben. Dagegen sagen „die Rabbinen" (Gen. r., c. 1 (13) nur: 
„Ein Himmel nach dem andern und eine Erde nach der andern stieg in 
seinen Gedanken auf" — wie Leibniz. 4 Gen. r., c. 12 (zu 2, 4) 
sagt Rabbi Isaak ben Marion (3. Jahrh.): „Der gebenedeite Gott rühmt 
sich gewissermaßen seiner Welt und sagt: ,Seht die Schöpfung, die ich 
schuf, und das Gebilde, das ich bildete!* Ihr Schöpfer rühmt sie; wer 
darf sie tadeln? Ihr Schöpfer preist sie; wer darf daran einen Makel 
finden? Nein, es ist alles schön und preisenswert". (Ebenso c. 15 und 
Koheleth r. zu 2, 12.) 

6* 



84 Kap. II. Die Schöpfung. 

Welten gewissermaßen Vorbereitungen auf das Meisterwerk 
der jetzigen gewesen seien, wie in ähnlicher Weise alle Ge- 
schlechter vor Abraham Vorbereitungen auf diesen Gottes- 
mann gewesen seien. Darin liegt der fast modern anmutende 
Gedanke, daß jene Schöpfungen keineswegs mißglückte Arbeit, 
sondern vielmehr untere Stufen eines organischen 
Fortschritts 1 zu Höherem waren, die, nachdem sie ihren 
Zweck erfüllt hatten, wieder verschwinden konnten, jenen 
ephemeren Dienstengeln (für Naturereignisse usw.) gleich, die 
nach Rab (3. Jahrh., vgl. Chagigah 14 a oben) wieder ver- 
schwinden, nachdem sie ihrer Aufgabe genügt haben. — Der 
noch minder entwickelten, unvollkommeneren Natur dieser 
Welten entsprach die Beschaffenheit ihrer Bewohner; auch 
sie war mit Anlaß zur Zerstörung jener Schöpfungen. Das 
ist uns durch Aussprüche von Rabbinen des 2. und 3. Jahr- 
hunderts im Midrasch Thehillim zu y 90, 5 überliefert. Ich 
setze die Stelle wörtlich her, weil sie ein Beispiel für die 
sowohl in Thalmud und Midrasch, wie besonders von den Kab- 
balisten geübte Methode der Gematria 2 und des Buchstaben- 
ersatzes 8 (Zeruph, vgl. m. Kabbalah, S. 19) bietet. Es heißt: 

1 Gen. r., c. 9 Anf. (vor dem obigen Ausspruche): „Rabbi Than- 
cbuma (4. Jahrb.) eröffnete seinen Vortrag mit (dem Spruche Koheleth 
3, 11:) ,Er tut alles zu seiner Zeit' und sagte: Zu ihrer (richtigen) Zeit 
ward die Welt erschaffen, und sie war nicht bestimmt, eher geschaffen 
zu werden". * Trotz Bacher, Exeget. Terminol. 1 127 und ThLZ 

1904, Nr. 11 bleibe ich dabei, das «"»Iowa = ysco^stQUc, nicht = *yqa\t^ 
[Latbia ist. Die Alten nannten auch die Rechenkunst „Geometrie" und 
lösten sogar arithmetische Aufgaben durch geometrische Anschauung. '3 
bedeutet zunächst Deutung eines Wortes nach dem Zahlenwert der Buch- 
staben, nämlich K bis "» = 1—10, b bis p = 30—100, 1 bis n = 200—400. 
Nach Bacher 1. c. soll es zweitens = Zeruph (s. u.) sein; an unsrer 
Stelle kommt es in Verbindung mit Z. vor: Buchstaben werden per- 
mutiert, um einen bestimmten Zahlenwert zu bekommen. Die Buchstaben 
und Zahlen haben hier eine ebenso enge Beziehung zu einander, wie die 
Himmelskörper und die Zahlen ihrer Entfernungen, Umlaufezeiten usw. 

8 Die Schemata für die beiden im Texte erwähnten Permutations- 
arten D'abtt (Albam, ist jünger) und lö'^nfi* (Athbasch), so genannt nach 
der ersten und zweiten Gruppe jedes Schemas, sehen so aus: 

i * ( D •» tan t imAatt 
\n«np»*Dwb 

d. h. K kann mit b vertauscht werden und umgekehrt b mit K, ebenso 
ä und 73 usw. , D und n ; dies kann entweder mit allen oder mit einigen 
Buchstaben eines Wortes geschehen; noch üblicher ist: 



1. Frühere Welten. 85 

„Du lassest sie dahinströmen, ein Schlaf werden sie. Das sind 
die 974 Geschlechter, die der Schöpfung der Welt 
vorangingen, aber hinweggeschwemmt wurden, da sie übel 
waren. K. Jochanan (3. Jahrh.) sagte : Warum ist das 3 in 
rpiöann besonders groß ? x Weil es für zwei 3 [2 X a = 2 X 2] 
gelten soll, um die Zahl 4 darzustellen. Das Wort rpioarn 
hat nämlich den Zahlenwert 974." Wieso? •n, » und n [200 
+ 300 + 400] betragen zusammen 900, das n wird durch Per- 
mutation o'sb« zu b== 30, das "» durch Permutation to'snN zu 
% = 40, das doppelt große a ist = 4, macht zusammen 974. 
„Und danach 2 schuf Gott Himmel und Erde. Was bedeutet 
üntriT [du lassest sie hinströmen]? Eabbi Jochanan sagte: 
Die Menschen (jener 974 Generationen) waren widersetzlich, 
flüchtig." [Nun folgen noch ähnliche Deutungen von R. Simeon 
ben Lakisch (3. Jahrh.) und Rabbi (Jehudah, um 200) über 
ürwiT usw.] — Wie alles in der Welt (laut Chagigah 15 a) 8 , 
so hat übrigens auch diese Anschauung ihr Gegenstück ; denn 
Chagigah 13b/ 14a sagt Rabbi Simeon der Fromme: „Die 
verdrängt wurden, ehe es Zeit war, und der Strom wusch 
ihren Grund fort (Hiob 22, 16), ... das sind die 974 Genera- 
tionen, die sich vorgedrängt hatten, um vor der Weltschöpfung 
erschaffen zu werden ; doch sie wurden es nicht, vielmehr ver- 
teilte sie Gott auf die späteren Generationen ; das sind (dann) 
die Frechen einer Generation". Auch diese 4 Fassung, die auf 



d. h. K = P, n = N ; 3 = 10, 10 = 3 usw. bis 3 = b, b = 3. — Auch 
bei diesen beiden Schematen haben wir den Gedanken der Entsprechung 
des Oberen und Unteren! Schon der Prophet Jeremias (25, 26) 
wendet 10"3riN an, indem er den König von Babel ^1010 (Scheschach) 
nennt, was so dem b33 entspricht (10 = 3; "J, 3 = b). x Das 3 ist 

natürlich lediglich als Initiale jenes Anfangs wortes der Bibel größer ge- 
schrieben; aber die Rabbinen, die selbst Strichelchen an den Buchstaben 
ausdeuten (vgl. m. Jesus und die Eabbinen, S. 29), sehen in der größeren 
Schreibung eine geheime Beziehung. 2 Nämlich „Himmel und Erde" 

folgt im Schöpfungsbericht auf „Am Anfang* (n"»U3N'"i3) = den 974 Genera- 
tionen; diese waren also, schließt R. Jochanan, vor Himmel und Erde da. 
3 „ Rabbi Meir sagte: Zu allem, was der gebenedeite Gott schuf, 
hat er ein Gegenstück geschaffen: Er schuf Berge und schuf Hügel, er 
schuf stehende und schuf fließende Gewässer. . . . Rabbi Akiba (Meirs 
Lehrer) sagte: Er schuf Gerechte und schuf Frevler, er schuf den Garten 
Eden und schuf die Hölle." 4 Dem Autor nach ist sie früher als 

obige, da Simeon ein Thannait war (Bacher, ABA 77). Es siebt aber so 
aus, als sei diese künstlichere Annahme gemacht, um jene andre Ansicht 
von früheren Weltenschöpfungen zu beseitigen. Diese müßte demnach 



86 Kap. II. Die Schöpfung. 

die Annahme früherer Welten verzichtet, hat astralen Grund- 
zug. Will man nicht den Unsinn annehmen, daß Generationen, 
die noch gar nicht geschaffen sind, schon handeln, so muß 
man an himmlische Ferwers der Angehörigen dieser Genera- 
tionen denken, die schon im Himmel so unbescheiden waren, 
wie später die von ihnen repräsentierten Frechen auf Erden. 
Der babylonische Astralmythos kennt nicht sowohl 
untergegangene frühere Welten, als vielmehr verflossene Welt- 
zeitalter, die sich (je nach der Lage des Frühlingspunktes 
in einem bestimmten Sternbilde) als Zwillings-, Stier-, Widder- 
Zeitalter darstellen und mit Kalenderreformen verknüpft sind, 
die wiederum „in das politische und religiöse Leben gleich Re- 
formationen eingegriffen haben" ( Jebemias, ATAO 2 36 ff., 62 ff. 
u. ö.). Darin liegt nur ein relativer Unterschied von der 
rabbinischen Anschauung. Denn ganz abgesehen davon, daß 
das hebräische tibi* (Welt) auch „Äon, Ära" bezeichnen kann \ 
sahen wir ja, daß diese „Welten" Vorstufen der jetzigen Ent- 
wickelung darstellen, gleichwie die verflossenen Weltzeitalter 
Vorstufen des jetzigen sind 2 , und umgekehrt zeigt jedes baby- 
lonische Weltzeitalter infolge der astralen Umgestaltung alles 
Früheren gewissermaßen einen „neuen Himmel" und dement- 
sprechend eine „neue Erde", so daß man es als eine „neue 
Welt" ansehen kann. [Vgl. ATAO* 27, wo Marduk die „Stand- 
örter der großen Götter macht", die Tierkreisbilder einsetzt, 
das Jahr und dessen astrale Einteilung bestimmt, die Sonnen- 
auf- und Untergangspunkte, sowie den Nibirupunkt (Nord- 



auch schon in die thannaitische Zeit (1. — 2. Jahrh.) gesetzt werden. Bacher 
erwähnt auch mit Recht Simeons des Frommen Neigung zum Mystischen, 
wodurch seine Annahme von himmlischen Repräsentanten (Ferwers, s. o. 
S. 44) noch ungeschaffener Menschen sich leicht erklärt. l ttjn Dbiy 
und K3tl Dbiy (diese und jene Welt) heißen im N.T.: cdotv ovtog und 
aloiv ii&Xcov; bei Luther: dieses Leben, das ewige Leben. 2 Die 

griechisch-römische Ansicht von der fortschreitenden Verschlechterung 
der Weltzeitalter (goldenes, silbernes, ehernes, eisernes; vgl. auch Horaz, 
Od. III, 6, 46 ff.: Aetas parentum etc.) liegt den Rabbinen wenigstens 
(und auch den Babylon iero) ebenso fern wie im allgemeinen die indisch- 
griechische Vorstellung, daß das jetzige Leben Strafe für vorweltliche 
Verschuldung der Seele sei, obwohl die S. 85 erwähnte Ansicht von den 
974 vorwitzigen Ferwers einen schwachen Anklang hieran enthält. Für 
solchen prinzipiellen Pessimismus der allgemeinen Weltanschauung ist 
das rabbinische Bewußtsein von dem kategorischen Imperativ sittlich- 
religiöser Fortentwickelung und der (diesem Soll entsprechenden) Möglich- 
keit einer solchen viel zu kräftig. 



2. Viele Welten. 87 

punkt der Ekliptik) fixiert usw., auch ATAO 2 103, wo Mardük 
dem Monde und der Sonne ihre Funktionen zuerteilt. — Die 
Vorstellung ist hier die von einem neuen Zeitalter, die Dar- 
stellung aber von der einer neuen Weltschöpfung nur so 
wenig verschieden, daß bei ihrer Fortpflanzung in andere 
Sprachen, Lande und Zeiten der geringe Unterschied leicht 
verschwand.] 



2. Yiele Welten. 

Schon der eben erörterte Gedanke der Rabbinen, daß 
dem jetzigen Weltsystem allbereits ähnliche Schöpfungen 
vorangegangen und wieder vergangen seien, will sich gar 
nicht fügen zu dem Dogma unsrer evolutionistischen Re- 
ligionsgeschichtler von den „naiven" kosmischen Vorstel- 
lungen des Altertums; er mutet uns vielmehr so ungemein 
modern an, daß — wenn wir nicht erst selbst seit ziemlich 
kurzer Zeit das Bewußtsein hätten, unsre Teleskope zeigten 
uns noch Sterne und Sternsysteme, die schon seit Jahrhunder- 
ten zerstoben sein können — unsre Quellenscheider sicherlich 
schnell bei der Hand wären, Interpolationen und ähnliches 
Gute zu konstatieren. Noch mehr erstaunen wir, wenn wir 
lesen — oder gesagt bekommen — wie ein schon vor 1600 Jahren 
verstorbener Rabbi aus seiner Thorah eine kosmische An- 
schauung entnimmt, die wir mit Stolz als eine bahnbrechende 
Errungenschaft neuzeitlicher astronomischer Forschung zu be- 
trachten gewöhnt sind. Ich meine die Vorstellung, daß außer 
unsrer „Welt" (wir sagen: unserm Sonnensystem) noch 
eine Anzahl ähnlicher „Welten" (Sternsysteme) gegen- 
wärtig existiere! Der Mann lebte in Lydda zur Zeit des 
Kaisers Julianus Apostata und hieß Rabbi Acha, ein sehr 
fruchtbarer Amoräer und Aggadist 1 . An zwei Stellen des 
Midrasch (Schir rabba zu 1, 9 und Midrasch Thehillim zu 



1 Vgl. Bacher, APA HI 106—160, der u. a. (S. 111 ff.) mit Recht 
annimmt, daß R. Acha Julians bekannten (aber gescheiterten) Plan, den 
Tempel zu Jerusalem wieder aufzuerbauen, gebilligt habe. Nur sollte B. 
nicht diese Ansicht von den jetzt noch bestehenden vielen Welten S. 158* 
mit der eben berichteten von den vergangenen vielen Welten gleich- 
setzen. 



88 Kap. II. Die Schöpfung. 

\f) 18, 15) ist seine Ansicht überliefert. Ich gebe sie in der 
zweiten 1 , genaueren Fassung: „Einmal (v 18, 11) sagt die 
Schrift: ,Er schwebt auf den Fittichen des Windes'; ein ander- 
mal aber (2. Sam. 22, 11) sagt die Schrift: ,Er zeigt sich 2 auf 
den Fittichen des Windes 4 . Hieraus lernst du, daß er (Gott) 
viele Welten [na^n rwoVi*] hat und auf Fittichen der 
Kerubim 8 schwebend dahinf ährt, um sich ihnen (allen einzeln) 
zu zeigen". — Diese Idee 4 hat m. W. schlechterdings keine 
Quelle oder Parallele in der altorientalischen oder überhaupt 
der antiken Weltanschauung, wenigstens nicht in dieser kos- 
mischen Form. Die altorientalischen und homerischen Götter 
bereisen wohl einzeln oder in Gesellschaft die Erde und 
speziell ihre verschiedenen Kultstätten oder bewegen sich 
durch den Himmelsraum; aber sie bleiben immer in der 
„Welt", über die hinaus sie keine andre haben und kennen. 
Nur eine sehr schwache Ähnlichkeit könnte man darin finden, 
daß im babylonischen Astralsystem nach einer Kalenderreform 
(bei Eintritt eines neuen Astralzeitalters) noch Bestandteile 
des früheren Systems sich forterhalten, also noch „frühere 
Welten" fortbestehen. Das ist aber eine künstliche moderne 
Deutung, die nicht aufkommen kann gegen diese grandiose 
Anschaulichkeit des rabbinischen Bildes! 

Immerhin möchte ich nicht unterlassen, zu betonen, daß 
dieser große Gedanke zwar im Midrasch ohne Widerspruch 
— und das will bei den Rabbinen schon etwas heißen — 
aufgenommen wird, jedoch ebenso wie bei uns von erheblichem 
Einflüsse auf die allgemein verbreitete Vorstellung vom Welt- 
system nicht gewesen ist 5 . Die Bedeutung jener Idee von 
dem Vorhandensein zahlreicher Welten außerhalb unsers 



1 Nach deren Kontexte könnte es übrigens scheinen , als stamme 
der Aussprach von dem noch etwas früheren Rabbi Chanina bar Papa 
und R. Acha sei nur dessen Tradent. Auch sonst werden Chaninas und 
anderer Früherer Aussprüche dem R. Acha zugeschrieben (Bacher 1. 
c. HO 4 ). a Dies drückt eine Bewegung aus, das Schweben jedoch 

einen ruhigen Zustand. Beides sucht unser Autor durch seine Deutung 
auszugleichen. 8 V. 15, zu dem der Ausspruch mitgeteilt ist, heißt es: 

Gott bestieg einen Kerub. 4 Nämlich die des Bereisens vieler ver- 

schiedenen Welten. Das bloße Schweben oder „Reiten" der Gottheit auf 
einem Flügelwesen findet sich nicht nur im Babylonischen (vgl. ATAO 
zu Ez. 1), Assyrischen, Iranischen usw., sondern auch in der griechischen 
Mythologie. 5 Allerdings dient Gen. r., c. 1 (13) diese VorsteUung 

dem Rabbi Jose aus Galilaea (2. Jahrh.) dazu, Jes. 65, 17: „Ich schaffe 
neue Himmel" usw. in Einklang zu bringen mit der rabbinischen Theorie, 



3. Zum Sechstagewerk. 89 

Kosmos liegt für die Kabbinen in dem Bilde des unendlichen 
Umfanges der Schöpfer- und Kegierungs-Tätigkeit Gottes, für 
uns in der Erkenntnis, daß bei dem orientalischen Denker 
„der Adlergedanke sein Gefieder" nicht so leicht „niedersenkt" 
und „die kühne Seglerin Phantasie" auch angesichts von schier 
Unendlichem und Unbegreiflichem kein „mutloses Anker wirft" 
(Schiller). Im allgemeinen aber lieben es die Kabbinen, mit 
bestimmten und bestimmbaren Größen zu rechnen, und wo 
die Erfahrung, die Überlieferung und das eigene Denken nicht 
ausreicht, da gibt die heilige Thorah Auskunft, wenn man nur 
auf rechte Weise in ihr forscht. Ist sie doch das dem Erden- 
menschen übergebene Dokument des göttlichen Schöpfungs- 
und Weltplahs ! (Vgl. Kap. I.) 



3. Zum Sechstagewerk. 

Nach dem Prolog zum Faust vermag keiner von den 
Engeln die unbegreiflich hohen Werke der Weltschöpfung 
zu ergründen. Die Kabbinen, die das Bewußtsein haben, daß 
der Mensch durch seinen gottentstammten, denkenden Geist 
noch über den gewaltigen Naturwesen der Engel stehe, greifen 
zum göttlichen Offenbarungswort, zur Thorah, und finden hier 
dem forschenden Geiste auch diese hohen Geheimnisse ent- 
hüllt. Was das erste Kapitel der Genesis noch unerklärt läßt, 
dazu hat Gott an andern Stellen seiner heiligen Schrift die 
Erläuterung gegeben; vgl. Gen. r., c. 1 (6): „Rabbi Jehudah 
bar Simon (4. Jahrh.) sagt: Vom Beginn (des Berichts von) 
seiner Weltschöpfung hat er das Verborgene enthüllt. Denn 
(Gen. 1, 1) heißt es ohne nähere Erläuterung: ,Am Anfang 
schuf Gott den Himmel*. Wo hat er es alsdann erläutert? 
(In der Stelle Jes. 40, 22:) ,Der den Himmel ausdehnte 
wie ein dünnes Fell'. (Weiter heißt es) ohne nähere Erläute- 
rung ,und die Erde*. Wo hat er es alsdann erläutert? (Hiob 



daß Gott nach dem 6. Schöpfungstage nichts Neues mehr geschaffen 
habe. Er sagt, diese neuen Himmel (D^TOUJ als Plural gefaßt) und ebenso 
die jedesmal entsprechende neue Erde seien »vor den sechs Schöpfungs- 
tagen geschaffen worden", und beweist dies aus Jes. 66,22, wo der be- 
stimmte Artikel (die Himmel, die neuen, die Erde, die neue) auf bereits 
Vorhandenes hinweise. — Vgl. oben S. 25 f., 71 f. 



90 Kap. II. Die Schöpfung. 

37, 6:) ,Denn er spricht zum Schnee 1 : Werde Erde*. (Ferner 
heißt es) ohne nähere Erläuterung: ,Und Gott sprach: Es 
werde Licht*. Wo hat er es alsdann erläutert? (In \p 104, 2:) 
,Licht ist dein Kleid, das du anhastM" 

Diese Erläuterungen und die durch sie gewährte richtige 
und geschulte Auslegungsmethode sichern vor falscher Aus- 
legung des Schöpfungsberichts, insonderheit vor der Haupt- 
gefahr, vor einer dem strengen Monotheismus widerstreitenden 
Auffassung, wie sie die heidnischen Kosmogonien nahelegen 
(im bewußten Gegensatz zu denen übrigens schon der mosa- 
ische Schöpfungsbericht selbst tatsächlich geschrieben bezw. 
geformt ist). Aus ihren Religionsgesprächen mit „Ketzern" 
kannten die Rabbinen ganz genau diese gefährlichen Ansichten, 
von denen die gefährlichste war, daß Gott die Welt nicht 
allein geschaffen, sondern Helfer dabei gehabt habe, denen 
daher eigentlich die Mitherrschaft über die Welt zukomme. 
Gegen eine solche Verteilung der drei Teile des astralen (und 
seines Abbildes, des irdischen) Kosmos an drei verschiedene 
Gottheiten, wie wir sie im babylonischeu Mythos finden — der 
den Nordhimmel an Anu, den Südhimmel (oder Himmelsozean) 
an Ea, das himmlische „Land" (den Tierkreis) und dessen 
Abbild, die Erde, an Bei, den „Herrn der Länder", verteilt 
— scheint sich die folgende Stelle zu richten. Gen. r., c, 1 (3) 
zu 1, 1: „Rabbi Luliani bar Tabrai berichtet als Ausspruch 
des Rabbi Isaak: . . . Rabbi Jochanan und Rabbi Chanina 
(3. Jahrh.) stimmen darin überein, daß am ersten Tage (Dienst-) 
Engel nicht geschaffen wurden, damit man nicht sage, 
Michael habe die Südseite des Himmelsgewölbes 
ausgedehnt und Gabriel die Nordseite 2 , während 
Gott in der Mitte gemessen [gewirkt] habe; vielmehr 
(es war so), wie es ( Jes. 44, 24) heißt : ,Ich, der Herr (bin es), 
der alles erschaffen, der allein die Himmel ausgespannt und 
die Erde ausgebreitet hat aus eigener Macht (-nötta) 1 . [Lies:] 
vn ■% ,Wer mit mir? 4 steht da, (d. h.) Wer gesellte sich zu 
mir bei der Weltschöpfung? [Niemand.] Gewöhnlich rühmt 
sich ein König von Fleisch und Blut seiner Umgebung und 
die Großen seiner Umgebung rühmen sich mit ihm. Weswegen? 
Weil sie ihm seine Last tragen helfen. Der heilige Gott da- 



1 Vgl. unten S. 94! 2 Vgl. über die mandäische (südbabylonische) 
Parallele hierzu mein „Im Reiche der Gnosis", S. 12 und 35. 



3. Zum Sechstagewerk. 91 

gegen, (bei ihm ist's) nicht also. Er allein erschuf seine Welt, 
er allein verherrlichte sich in seiner Welt". — Gen. r., c. 3 (8) 
zu 1, 5 : „Eabbi Judan (4. Jahrh.) sagt, daß an diesem (ersten 
Schöpfungstage) der heilige Gott allein in seiner Welt (tätig) 
war". Allein ist hier mit *nrr wiedergegeben in Anspielung 
auf -m« üv (Tag einer, Gen. 1, 5, statt iiiö«^n or, der erste 
Tag), was gedeutet wird als „Tag des Einzigen". Alsdann 
folgt eine Wiederholung des oben aus Gen. r., c. 1 Zitierten. 

Gegen die (auch in babylonischen Schöpfungsberichten 
sich findenden, vgl. ATAO) heidnisch - orientalischen Vor- 
stellungen, daß eine Mehrzahl von „Göttern" die Welt ge- 
schaffen, wofür besonders der Plural D^nb« und (Gen. 1, 26) 
„Lasset uns Menschen machen" geltend gemacht wurde, 
polemisieren die Rabbinen immer und immer wieder auf das 
Energischste in den zahlreichen hierauf bezüglichen Disputa- 
tionen mit Ketzern (z. B. Gen. r., c. 8; vgl. auch oben S. 67 
Anm.), indem sie vornehmlich geltend machen, daß das Verbum 
bei o-ab« doch hier stets im Singular stehe (-wari, ans usw.) 
und (z. B. kurz vor beiden obigen Zitaten) beweisen, daß Gott 
„Lasset uns" zu den Engeln spreche, mit denen er sich be- 
rate (s. o. S. 60 und 67) , die er übrigens — und das ist die 
Überleitung zum Beweise seines alleinigen Schöpfertums — 
erst kurz vorher selbst geschaffen habe, am 2. oder am 
5. Tage 1 . 

Besonders polemisieren die Rabbinen gegen eine offenbar alt- 
orientalisch-babylonisch beeinflußte Auffassung der Schöpfungs- 
geschichte, die den Schöpfungsbericht so deuten möchte, als 
ob dastände : „Am Anfang war Thohu a und Bohu und Finster- 
nis auf dem Antlitz der Thehom, und die Ruach schwebte 
über dem Urgewässer 8 , und es ward Licht, und ein Gott schied 
(oder Götter schieden) das Licht von der Finsternis . . . und 
machte eine (kosmische) Veste 4 zwischen den unteren und 

1 Für den 2. Tag wird angeführt: Es heiße (i/> 104, 3 f.): „Er wölbt 
seine Söller mit Wasser" (was am 2. Tage geschah) „und macht zu seinen 
Boten Geister" (was also auch damals geschah). Für den 5. Tag: Es 
heiße (Gen. 1, 20): „Und Geflügel fliege (qsny^) über die Erde" (was am 
5. Tage geschah), ebenso auch (Jes. 6, 2): „Mit zweien flog (C|DT3^) er". 
Das gleiche Wort deute auf die gleiche Zeit. * Thehom, Tiamat usw. 

Vgl. Tiämat und Apsü, ATAO 9 132 f. (1. Tafel des Epos Enuma Elisch), 
66 ff. 8 Mummu, der Sohn des Apsü (Himmelsozeans), ATAOM. c. 

Im Babylonischen ist dann noch die Theogonie eingeschoben; die Gen. 1, 2 
vielleicht durch TTH ersetzt ist. 4 Die kosmische Veste ist der Tier- 



92 Kap. II. Die Schöpfung. 

oberen (kosmischen) Gewässern". So heißt es Gen. r., c. 1 (9): 
„Ein Philosoph fragte den Rabban Gamliel (1./2. Jahrh.) und 
sprach zu ihm: Euer Gott mag ein großer Baumeister (Demiurg) 
sein, aber er fand gute Materialien vor, die ihm zustatten 
kamen. Dieser erwiderte: Was für welche denn? Jener sagte: 
Thohu und Bohu, Finsternis, Gewässer, Ruach und Thehöm 
[a. L.: Thehumoth, plur.!]. Dieser erwiderte: Von allen 
heißt es, daß sie geschaffen; von Thohu und Bohu (steht 
Jes. 45, 7) : ,Frieden machend und Übles schaffend* ; von der 
Finsternis (ibid.) : ,Hervorbringend Licht und Finsternis schaf- 
fend'; vom Wasser (\p 148, 4): ,Lobet ihn, Himmel der Himmel, 
und ihr Wasser droben am Himmer — warum? ,Er gebeut, 
und sie sind geschaffen 4 (v. 5) ; von der Ruach (Arnos 4, 13) : 
,Siehe, der Berge gemacht und Ruach [Wind] erschaffen hat* ; 
von den Thehumoth (Prov. 8, 24) : ,Als die Thehumoth [Tiefen] 
noch nicht waren, bin ich [die göttliche Weisheit] bereitet 
gewesen 1 '!" Also kein ur anfängliches Chaos als vorgefundenes 
Schöpfungsmaterial, keine einem Demiurgen schon zu Gebote 
stehende vfoi, sondern alles erst von dem einen Gotte geschaffen! 
— Ähnliche Abweisungen heidnischer altorientalischer Vor- 
stellungen finden sich ungemein häufig. Ich nenne nur einige 
der hauptsächlichsten, so z. B. die, daß „Himmel und Erde" 
göttliche Wesen (Demiurgen, dem oberen und unteren Teile 
des Kosmos entsprechend, wie oben Gabriel und Michael) ge- 
wesen seien, die Gott bei der Schöpfung mitgeholfen hätten. 
Für die rabbinische Ausdeutung von Gen. 1 lag die Gefahr 
dieser Auffassung um so näher, als man (überzeugt, daß kein 
Wort der Thorah bedeutungslos sei) die „Nota accusativi" r,K 
nach dem Vorgange des Nahum aus Gimso (Thaanith 21a) 
oder laut andrer Überlieferung (jer. Berachoth zu IX 5, vgl. 
Pesachim 52 b) des Rabbi Akiba in der Bedeutung von n« = 
„mit" nahm, Gen. 1, 1 also den Sinn herauslesen konnte: „Am 
Anfang schuf Gott (war G. schöpferisch tätig in Gemeinschaft) 



kreis, der eigentlich dem Erdenrund entspricht. In der tellurischen Auf- 
fassung von Gen. 1 ist daraus das Himmelsgewölbe geworden. Diese Ver- 
wechselung ruft bei den Rabbinen fortwährend Schwierigkeiten und 
Konfusionen hervor. Vgl. unt. Kap. III und VIII. Licht und obere Ge- 
wässer stellen den nördlichen Himmelsbereich, Finsternis und untere 
Gewässer den Sudhimmel dar, der zugleich Himmelsozean (Tiefe) und 
Unterwelt in kosmischem Sinne ist. x Der Prov. 1. c. stehende Plural 

wohl wegen des Anklangs von Thehumoth an Thohu hierher bezogen. 



8. Zum Sechstagewerk. 93 

mit dem Himmel und der Erde!" In Gen. r., c. 1 (14) weist 
R. Ismael den R. Akiba selbst auf die Deutung dieses 
Verses im Sinne Nahums fragend hin, worauf Akiba sagt, 
das n« [sei hier Nota accusativi und] sei nötig; denn sonst 
„würden wir denken, Himmel und Erde seien Gottheiten" 
(mmb« •pKi o^» t)» D^Tm« n^n). — Ferner ist Megillah 9 a, 
an der bekannten Stelle über die LXX, berichtet, diese Über- 
setzer hätten für Ptolemäus Gen. 1, 1 so übersetzt, als stände 
dort die Wortfolge yiKtt n«n mann n« mwna ans D^nb« 
(Elohim bara bereschith eth ha-schamajim we-eth ha-arez, 
statt: Bereschith bara elohim etc.) 1 , weil sonst der Ägypter 
und andre den Vers so auffassen könnten: „Bereschith schuf 
Gott (Accusativ) samt dem Himmel und samt der Erde", also 
Bereschith für das Urwesen halten würden, etwa für den 
„ältesten der Götter" Nun (das Urgewässer) oder für den 
Vater der Götter und Menschen sowie ersten Gott und Welt- 
schöpfer Amon usw., vgl. ATAO a 144 ff. 

Indessen ganz sind solche altorientalischen Züge auch in 
der Schöpfungsansicht der Kabbinen nicht verschwunden, nur 
mit dem monotheistischen Prinzipe des Judentums in Ein- 
klang gebracht. So sagt Gen. r., c. 1 (5 ; ed. Theodor p. 3) 
laut Bericht des R. Huna der Rabbi Bar Kappara (3. Jahrh.): 
„Wenn das Wort nicht geschrieben stände (Gen. 1, 1), dürfte 
man es nicht sagen: ,Am Anfang schuf Gott Himmel und 
Erde'; woraus denn? Aus (dem, was im folgenden erwähnt 
ist): ,Und die Erde war Thohu und BohuM". Er meint also, 
der Gedanke, die Erde (Welt) sei aus einem Chaos hervor- 
gegangen, könne leicht zu Irrlehren verleiten, wenn man ihn 
nicht nach richtiger Auslegung der Thorah auffasse, daß näm- 
lich Gott auch das Thohu wa-Bohu geschaffen habe. In 
diesem Sinne faßt R. Huna bar Kappara diesen Ausspruch 
(1. c, kurz vorher) und bedroht denjenigen töt allem Bösen, 
der da stolz spreche, die Welt sei mittels Thohu und Bohu 
geschaffen, und damit Gottes Majestät verletze. — Gen. r., 



1 Nach derselben Stelle übersetzten sie aus gleichem Grunde Gen. 
1,26: „leb will einen Menseben im Ebenbilde und in der Ähnlichkeit" ; 
11, 7: „leb will hinabfahren"; ferner merzten sie in Deut. 4, 19, diesem 
bekannten astrologisch klingenden Verse [s. o. S. 41], die Gefahr solcher 
Auffassung aus, indem sie statt: „(die Gestirne,) die der Herr dein Gott 
allen (Heiden-) Völkern zuerteilt hat" übersetzten: „die der Herr dein 
Gott bestimmt hat, alle Völker zu erleuchten". 



94 Kap. II. Die Schöpfung. 

g. 2 Anf. überliefern Rabbi Abahu (3. Jahrh.) und Rabbi 
Jehudah bar R. Simon (4. Jahrh.) die Ansicht, die Erde habe 
anmaßend gelärmt und geschrieen: „Die Oberen und die 
Unteren sind mit mir zugleich geschaffen worden", und suchen 
dies gequält auf Himmel und Erde zu deuten. In Wahrheit 
liegt hier die Anschauung vor, daß die drei kosmischen Welt- 
abteilungen zugleich geschaffen worden seien. Bei der Be- 
ziehung auf die tellurische Dreiheit von Erdhimmel, Erde und 
Hölle mußte die Hölle eliminiert werden, weil sie ja nach 
rabbinischer Ansicht (s. o. S. 35) erst später erschaffen sein 
sollte. — Nach jer. Chagigah II 77 a 1 sagte der bereits er- 
wähnte Rabbi Jehudah bar Simon (im Jeruschalmi R. J. bar 
Pasi genannt; beides ist identisch) in Beziehung auf Gen. 1, 2: 
„Im Anfange war die Welt Wasser in Wasser". Was 
gemeint ist, leuchtet ja ein; der sonderbare Ausdruck aber 
klingt wirklich merkwürdig an die Stelle im Anfang des 
babylonischen Schöpfungs-Epos Enuma Elisch an (Tafel I ; vgl. 
ATAO 2 132): „Ihre (der Welt) Erzeuger Mummu und Tiämat 2 
vereinigten ihre Wasser in eines" — obgleich natürlich der 
Rabbi sein Schlagwort dahin auffaßt, daß Gott das „Wasser 
in Wasser" geschaffen habe, worauf er (wie oben S. 90) im 
Sinne des biblischen Neptunismus weiter erklärt, Gott habe 
das Wasser zu Schnee werden lassen (\p 147, 16), den Schnee 
zu Erde (Hiob 37, 6), und fortfährt, die Erde ruhe auf Wasser 
(V 136, 6) — worüber S. 103 zu vergleichen ist. Seine 
weiteren Ausführungen 3 beruhen einfach auf konkordanz- 
mäßigen Allegierungen von noch weitergehendem „Beruhen". 
— Der seit der Kontroverse Hilleis und Schammais bis ins 
4. Jahrhundert fortlaufende Streit, ob Himmel oder Erde zu- 



1 Fast wörtlich so auch 2. Petr. 3, 4 f.: ... &it &g%fjs Ttriüsag . . . 
Zxi oi ovgavol fjoav ixndlcu nccl r) yfj i£ vdaxog &i v&cctog avvsßt&Ga. 

2 D?tt und Oinri. Nach Jeremias 1. c. wäre für Mummu hier Apsü 
(Himmelsozean) zu setzen; für unsern Zweck ändert das nichts. — Vgl. 
übrigens auch den noch weiter erwähnten Text des British Museum, 
Z. 10: „Die Länder allesamt waren tämtu" [= tiämat, thehom]; Z 11: 
„Das (spätere) Inselfestland war noch Wasserfluß". 3 Das Wasser 
ruhe auf Bergen (ty 104, 6) , diese auf dem Winde (Arnos 4, 13)», dieser 
auf dem Sturme (i/> 148, 8) , dieser ruhe wie ein Amulet am Arme (der 
Allmacht) Gottes (Deut. 33, 27); vgl. Bacheb, APA III 218 und AgT, 1 17. 
— Es erinnert dies an die schon von dem engl. Philosophen Locke 
spöttelnd erwähnte, angeblich indische Vorstellung von dem Ruhen der 
Erde auf Säulen, die wieder auf einer Schildkröte ruhten usw. 



3. Zum Sechstagewerk. 95 

gleich geschaffen, oder welches von beiden vor dem andern, 
scheint mir in letzter Linie (wenn er sich auch zunächst nur 
als exegetische Differenz von Gen. 1, 1 ff. gibt) auf verschieden- 
artigen altorientalischen Anschauungen zu beruhen, wie ja 
auch die beiden .von Jeeemias mitgeteilten babylonischen 
„Schöpfungsberichte" Verschiedenes bieten, indem z. B. in 
Enuma Elisch (Tafel IV; ATAO* 136) die drei kosmischen Be- 
reiche annähernd gleichzeitig geschaffen werden, während in 
dem Texte des British Museum (Cuneif . Texts XIII 35 ff. ; 
ATAO 2 129 f.) fast nur von der Erdschöpfung die Rede ist. 
Was die Entstehung des festen Erdlandes (des „Trockenen" 
in Gen. 1, 9) betrifft, so bietet der Midrasch eine sehr inter- 
essante Parallele zu dem Berichte im eben genannten Texte 
des Br. M. Dort heißt es Z. 17 (ATAO 2 131): „Marduk fügte 
ein Rohrgeflecht auf der Fläche des Wassers zusammen; (18) 
Erdmasse machte er, schüttete sie mit dem Rohrgeflecht zu- 
sammen [auf das R.?]; ... (31) Der Herr Marduk füllte auf 
der Fläche des Rohrgeflechts eine Plattform auf, (32) indem 
er [eine Mischung ?] von Rohr und Erdmasse machte, (33) eine 
[Insel?] ließ er entstehen". Ganz dem entsprechend heißt es 
Exodus r., c. 13 Anf.: „Abnymus (Eunomos) der Weber 
fragte unsre Rabbinen: Wie wurde die Erde anfänglich er- 
schaffen? Sie antworteten: In diesen Dingen weiß (von uns) 
niemand Genaues; indessen gehe zu Abba Joseph, dem Werk- 
meister; [A. geht zu diesem; ohne von seinem Baugerüst zu 
steigen,] antwortete der Werkmeister: Der gebenedeite Gott 
nahm Staub [Erde] unter dem Throne der Herrlichkeit 
hervor (s.o. S. 14) und warf den Staub auf das Wasser. 
So wurde die Erde; aus den kleinen Schollen [festen 
Klümpchen] aber, die unter dem Staube waren, wurden die 
Berge und Hügel, wie es heißt (Hiob 38, 38): Wenn der Staub 
zum Gußwerk sich ergießt und die Schollen an einander 
kleben." — Ganz ähnlich wird im babylonischen Thalmud 
(Schabbath 56b, Sanhedrin 21b) geschildert, wie Gott zur 
Strafe für Salomos verderbliche Ehe mit der ägyptischen 
Königstochter durch den Engel Gabriel die Tiberinsel gründen 
läßt , auf deren Boden sich dann das römische Reich , diese 
Gottesgeißel für Israel, entwickelte. Nach der ersten Quelle 
berichtet Rabbi Jehudah als Ausspruch Samuels, nach der 
zweiten Rabbi Isaak (beide im 3. Jahrh.): „Zu der Stunde, 
da Salomo die Tochter des Pharao heiratete, stieg (der Engel) 



96 Kap. II. Die Schöpfung. 

Gabriel herab und steckte ein Rohr (n:p) ins Meer und ließ 
hervorgehen (!-6»n) eine Sandbank, und auf dieser ward 
(später) erbaut eine große Stadt, die in Rom ist" (■wi-did) 
— gemeint ist die Tiberinsel; im Münchener Mskr. heißt es: 
„die große Stadt Rom" (wi bw bna "p 3 )- 




Auch hinsichtlich der Lichtschöpfnng findet sich im 
Midrasch ganz deutlich ein Anklang an altorientalische Vor- 
stellungen, wodurch das von Jeebmias {ATAO a 163) Gesagte' 

1 „Daß Marduk der Lichtspender ist, gewinnt ein« besondere Be- 
deutung, wenn mau bedenkt, d&S dieser Mardnk der Demiurg ist 

Auch an die biblische Lichtschöpfung, die der Sonne vorangeht, scheint 
sieb, wenigstens nach späterer Anschauung, eine Vorstellung von einem 
SehÖpfu n gs Vermittler angeschlossen zu haben. ... Im 104. Psalm . . . wird 
der erste Schöpfungaakt mit den Worten angedeutet: „der sich in Licht 



3. Zum Sechstagewerke. 



97 



bestätigt wird. Eb heißt nämlich Gen. r., c. 3 gegen Anfang 
(und ähnlich in den Parallelstellen Ley. r., c. 81; Pesiktha 
145b; Midrasch Thehillim za y 104, 5; Thanchuma brip-n gegen 
Anf.; Thanchuma B. bnp , i 7; Exod. r., c. 50 Anf., vgl. Bacher, 
APA I 120) folgendermaßen: Rabbi Simeon ben Jehozadak 




fragte den Eabbi Samuel bar Nachmani (3. Jahrh.): ,Da ich 
gehört habe, daß du ein Aggadist bist, so sage mir: Woher 
ward das Licht erschaffen?' Er erwiderte.: ,Der gebenedeite 
Gott hüllte sich in das Licht wie in ein Gewand ', und der 

hüllt, nie in einen Mantel", und im Prolog des Johauneserangeliums, der 
absichtlich an 1. Mos. 1 anknüpft, . . . wird das Leben des Logos als das 
Licht charakterisiert, das von jeher alle göttliche Schöpfung durchwaltet". 
1 Deut, r., c. 2 fm. konstatiert R. Samuel b. Nachmaß lehn Ge- 
wänder Gottes: Zwei in ffiob 29, 14 (Gerechtigkeit zog ich an, und 

Binchoff, Babylonisch ■A.Lmlo!. 7 



98 Kap. IL Die Schöpfung. 

Glanz seiner Herrlichkeit strahlte von einem Ende der Welt 
zum andern'. Dies sagte er ihm flüsternd. Jener 
sprach zu ihm: ,Das ist doch ganz biblisch (laut y 104, 2): 
„Er umhüllt sich mit Licht wie mit einem Mantel" ! Und du 
sagst es flüsternd? Das nimmt mich wunder* 1 ! Er antwortete : 
,Wie ich es flüsternd überliefert erhielt, so habe ich es dir 
flüsternd mitgeteilt'!" — Es handelt sich hier eben um eine 
zu den Mysterien von mwa nwn (s. o. S. 80) gehörige Ge- 
heimlehre, die nur behutsam weiterverbreitet werden darf, um 
bei schwachen Köpfen und Seelen Anstoß und Gefährdung zu 
verhüten; ihren Ursprung hat sie in den altorientalischen 
Vorstellungen vom Lichtgott Marduk (ATA0 2 162) a , der ja 
gerade im 3. Jahrhundert in der Gestalt des Mithras von 
neuem nicht nur im Orient mächtig war 8 . Auch die Gefahr 
einer Annäherung an die aJexandrinische und christliche Logos- 
lehre (vgl. m. „Im Reiche der Gnosis") und damit eines cpcaiL 
(Annahme einer zweiten Person der Gottheit) sollte vielleicht 
vermieden werden. 

Obwohl in Rosch ha-schanah (10b, IIa) Rabbi Elieser 
und Rabbi Josua darüber streiten, ob die Welt im Nisan oder 



sie zog mich an), das dritte Jes. 59, 17 (Er zieht Gerechtigkeit an), drei 
ibid. (Er zieht Gewänder der Bache an als Kleid), das sechste Dan. 7, 9 
(Sein Gewand war weiß wie Schnee) , das siebente Jes. 63, 2 (Warum 
ist rot dein Gewand?), das achte und neunte ty 93, 1 (Der Herr . . . mit 
Herrlichkeit gekleidet und mit Macht umgürtet), das zehnte ip 104, 1 (Mit 
Glanz und Macht bekleidet). — Schir r., zu 4, 10 kommt er zu derselben 
Zahl auf Grund anderer Stellen; No. 1: if) 104, 1; No. 2—3: ip 93, 1; 
No. 4: Dan. 7, 9; No. 5—7: Jes. 59, 17; No. 9—10: Jes. 63, 2. 

1 Anders Bacher, Terminol. II, 236 f. Die beste Übersetzung dieses 
besonders in Gen. r. (zumal in der Londoner Handschrift Theodors) sehr 
beliebten Ausdrucks des Staunens KTfünN ist unser „Nanu?" oder im 
Jargon: „Wie heißt?" (was möglicherweise ein Ubersetzungsversuch des 
als NH rTO ntt aufgefaßten '73ntf ist). 9 Über das Lichtgewand des 

gnostischen Urmenschen, das von der Kampfrüstung Marduks abstammt, 
vgl. m. „Im Reiche der Gnosis", S. 35, 58, 72, 88. Der Drachenkampf 
M.s ist das Vorspiel zu seiner Neugründung der Welt. 8 Es ist 

daher unrichtig, wenn heutige Lehrer der Religionsgeschichte für Palästina 
keinen erheblichen Einfluß des Mithraskults konstatieren. Aus Thalmud 
und Midrasch geht genügend hervor, daß er damals, zumal im Norden 
(R. Samuel b. N. wohnte in Tiberias), das Judentum gefährdete. Vgl. m. 
„Im Reiche der Gnosis", S. 12 f. ü. ö. Fast überall, wo unsre Theologen 
jüdisch-rabbinische Verhältnisse behandeln, gilt von ihnen genau das, 
was ich in der Einleitung zu meiner „Krit. Gesch. der Thalmudüberss." 
von Fürsts Bibliotheca judaica mit allseitiger Zustimmung der Fachleute 
gesagt habe. 



3. Zum Sechstagewerke. 99 

im Thischri (s. o. S. 64 f.) erschaffen worden sei, ist doch die 
Meinung R. Josuas entschieden die populärere, und so finden, 
wir denn Gen. r., c. 3 fin. den ersten Weltschöpfungstag auf 
das Frtihlingsäquinoktium verlegt und damit zugleich in Ver- 
bindung gebracht mit den Beginn des Jahres der Könige und 
der Fürsten 1 , des Amtsjahres der Priester usw. 

Hinsichtlich des zweiten Schöpfungstages bemerke 
ich, indem ich hinsichtlich der „Veste" auf unten, S. 104, 
verweise, lediglich, daß, wie bereits oben bemerkt (S. 21 
und 35), an diesem Tage nach der auch in Gen. r., c. 4 (Mitte) 
rezipierten Ansicht die Hölle erschaffen wurde, woraus sich 
die Rabbinen Rabbi Jochanan und Rabbi Jose bar Chalaphtha 
(3. Jahrh.) erklären, daß bei diesem Tage nicht, wie bei den 
anderen Schöpfungstagen ma -o (daß . . . gut war) steht. 
Unmittelbar vorher wird eine der „welterschütternden" Fragen 
des Grüblers Ben Soma (s. o. S. 79) angeführt: Warum Gen. 
1, 7 stehe „machte", da doch laut ip 33, 6 alles aufs bloße 
Wort Gottes entstanden sei, wie es auch sonst die Ansicht 
der Bibel und der Rabbinen ist (z. B. Gen. r., c. 10 fin., c. 12; 
Thanchuma B. mwia 16 in Bez. auf Jes. 40, 28 usw.). Ben 
Soma scheint an einen Demiurgen gedacht zu haben. 

Auf den fünften Schöpfungstag wird von einigen 
(s. o. S. 90f) auch die Schöpfung der Engel (als „Geflügel") 
verlegt; beim sechsten ist die Ansicht Rabbis (d. h. des 
Rabbi Jehudah II., 2./3. Jahrh.) bemerkenswert, daß an ihm 
auch die Dämonen geschaffen seien, und zwar als bloße Geister, 
da gerade, als Gott ihre Körper habe schaffen wollen, der 
Sabbath angebrochen sei, an dem Gott für immer zu schaffen 
aufhörte (Gen. r., c. 11 fin.). Rabbi schließt das daraus, daß 
der Schöpfungsbefehl des 6. Tages (v. 24) hinsichtlich der 
animalia vier Kategorien aufweist: Lebewesen, Vieh, Gewürm 
und Erdtiere, bei der Schöpfungstat (v. 25) aber die „Lebe- 
wesen" nicht wieder genannt sind. Er ist nun der Ansicht, 
daß auf den Schöpfungsbefehl (nwn) die Seelen, beim eigent- 
lichen Schaffen (ann) aber die Körper geworden seien, die dem- 
gemäß den „Lebewesen" abgehen; diese körperlosen, in die 
Viehkategorie gehörigen Lebewesen sind nach seiner Ansicht 



1 Wenn ein Herrscher auch nur kurz vor dem 1. Nisan die Regierung 
antrat, so endete sein erstes Regierungsjahr mit dem 1. Nisan, und hätte 
es somit auch nur wenige Wochen gedauert. Die Nichtbeachtung dieser 
Tatsache hat öfters die modernen Chronologen verwirrt! 

7* 



100 Kap. IL Die Schöpfung. 

die Dämonen 1 . Interessant ist es, daß mittels derselben An- 
sicht über iwn und ana (nv?) Gen. r., c. 8 (gegen Anfang) 
der Rabbi Eleasar ans v. 24 herausliest, mit den Worten 
,jLebewesen u (rrn «pa „lebendige Seele", vgl. 2, 7) sei die 
Erschaffung der Seele des Menschen gemeint, der dann v. 26 
die (von Rabbi vermißte) Körperschöpfung, nämlich die 
Schöpfung des 2 menschlichen Körpers, folge. Damit ist aller- 
dings der Anstoß (s. o.), den man auch v. 26 am „Machen" 
(nw) nehmen könnte, beseitigt. Da nun aber auch v. 14 
und 16 dasselbe Verhältnis von *iwm und ma (nw) herrscht, 
müßte man folgerichtig annehmen, daß v. 14 die Schöpfung 
der Gestirnseelen gemeint sei. So rechtfertigt sich für 
die Babbinen biblisch-exegetisch die altorientalische Annahme 
der Beseelung der Gestirne (s. Kap. 43 ff., 108, 135). 

Über v. 25 („Lasset uns . . . machen") s. oben S. 25, 
ferner S. 71, 89. Entsprechend der Trias des Weltalls werden 
die Schöpfungswerke in Triaden auf die einzelnen Tage ver- 
teilt nach Rabbi Chama bar Chanina (und Rabbi Pinchas, 

3. bezw. 4. Jahrh.) in Gen. r., c. 11 sub fin.: 1. Himmel, Erde, 
Licht; 2. Veste, Hölle, Engel; 3. Bäume, Grünes, Paradies; 

4. Sonne, Mond, Sterne; 5. Vögel, Fische, Leviathan; 6. Adam, 
Eva, Gewürm, (dazu nach R. Pinchas, gewissermaßen für den 
7. Tag:) zahme Tiere, wilde Tiere und Dämonen. 



1 Über andre noch „am Vorabend de8 Sabbath" erschaffenen Dinge 
s. S. 101 f. 2 Der erste Mensch war nach öfters geäußerter rab- 

binischer Ansicht zuerst ein einziges androgenes Wesen , weshalb nach 
Megillah 9a die LXX auch übersetzten (v. 27) „und er schuf ihn männ- 
lich und weiblich" [der heutige Text hat airovg]. Er hatte 2 Vorder- 
seiten, so daß, als Gott ihn entzweisägte, zwei Menschen daraus wurden ; 
vgl. Berachoth 61 a , Erubin 18 a, Gen. r., c. 8 Anf. (dgl. c. 17) ; Lev. r., 
c. 14 Anf. Die androgene Natur der altorientalischen Gottheiten — eine 
jede hat eine männliche und weibliche „ Seite" — ist genügend bekannt, 
so daß es nur eines Hinweises bedarf. — Astrale Bedeutung haben übrigens 
auch die Kleider („ Felle 11 , vgl. Ägis!) des ersten Menschen: Nach Than- 
chuma B. mwia 24 entsprechen sie dem „ Werke des Himmels*. Von 
Adam vererbte sich diese Gewandung über Henoch, Methusalem, Noah, 
Harn auf Nimrod (Pirke R. Elieser, c. 24). Diesem raubte sie sein Mörder 
Esau, dem sie wiederum Jakob behufs der Segenserschieichung entwandte 
(Gen. r., c. 65). 



4. Die 10 Schöpferpotenzen. 101 

4. Die 10 Schöpferpotenzen. 

Genau zu unterscheiden voü den in Kap. I (S. 19 ff.) er- 
wähnten „präexistentiellen Typen" sind die zehn schöpfe- 
rischen Potenzen (oder Attribute) Gottes, kraft deren 
nach Rab (3. Jahrh.) laut Chagigah 12 a die Welt erschaffen 
wurde: 1. Weisheit, 2. Einsicht (Prov. 3, 19), 3. Erkenntnis 
(ibid. v. 20), 4. Kraft, 5. Macht (y 65, 7), 6. Strenge (Hiob 
26, 11), 7. Gerechtigkeit, 8. Eecht (t/> 89, 15), 9. Liebe [Gnade], 
10. Erbarmen (y 25, 6). Hier ist die Grundlage für die zehn 
Sephiroth 1 der mystisch-kabbalistischen Spekulationen der 
späteren Zeit gegeben (vgl. Bacheb, ABA 20; dgl. m. „Kab- 
balah", S. 4, 14 f., 25, 50 ff., 69), ebenso für den dort eine so 
große Rolle spielenden 12- und 42-buchstabigen Namen Gottes 
(Bacheb, 1. c. 17 ff.). Die Ssxdg als Zahl der Vollendung, die 
„die Natur aller Zahlen in sich faßt" (Aristot. Metaph. I 5), 
spielt bekanntlich bei Pythagoras, der ja alles 2 aus dem Orient 
hatte, eine große Rolle ; sie entspricht bei ihm z. B. den zehn 
Welt-Sphären (Erde, Gegenerde, Mond, Sonne, Merkur, 
Venus, Mars, Jupiter, Saturn, Fixsternsphäre), die um das 
Zentralfeuer kreisen (Aristot. 1. c. und de coelo II 13), das 
auch Hipparch annahm, während Ptolemäus die ihn 1400 Jahre 
überlebende geozentrische Astronomie befestigte, aber auch 
10 Sphären hat So ist die Zehn eine wichtige Schema- 
Zahl, die uns biblisch z. B. in den 10 Geboten, in den 
10 Hörnern des vierten Tieres (Dan. 7, 7; vgl. Apokal. 13, 1), 
in den 10 Brüdern Josephs (Gen. 42, 3), in den 10 Stämmen 
(1. Reg. 11, 31) und in den 10 Zufluchtsstätten (Jos. 15, 57) 
entgegentritt, ferner als runde Zahl in Gen. 18, 22; 1. Sam. 
1, 8; Jes. 38, 8; Dan. 1, 12; Matth. 25, 1; 25, 28; Luk. 15, 8; 
17, 7; 19, 13. 24 t; Apok. 2, 10. Aboth V lff. nennen oder kon- 
struieren die Rabbinen ferner noch aus dem A.T.: 10 Schöpfer- 
befehle (Gen. 1 zehnmal „und Gott sprach"), 10 Geschlechter 
von Adam bis Noah, 10 von Noah bis Abraham, 10 Ver- 
suchungen Abrahams, 10 Wunder an Israel in Ägypten, 10 am 
Meere, 10 Plagen für die Ägypter in ihrem Lande, 10 am 



1 Wohl von a<pcclQa herkommend, aber von den Rabbinen mit "IDÖ 
(ordnen, zählen) zusammen gedacht. 2 Selbst seine Präexistenz- 

und Metempsychosenlehre ; vgl. Landowicz, de animarum praeexistentia, 
Leipzig 1899. 



102 Kap. II. Die Schöpfung. 

Meere, 10 Versuchungen (Num. 14, 22) in der Wüste, 10 dauernde 
Wunder beim Tempel, endlich 10 am Vorabende des ersten 
Sabbaths geschaffene Dinge 1 . 

Die 10 ist keine einfache Schema-Zahl, sondern hervor- 
gegangen aus den altorientalischen Schema-Zahlen 3 und 7 2 . 
Bei den 10 Schöpfer-Potenzen. ist das noch deutlich zusehen. 
Die ersten 3: Weisheit, Einsicht (Verständnis) und Erkennt- 
nis (Wissen) bilden eine höhere Trias für sich und zugleich 
den sog. zwölfbuchstabigen Gottesnamen (ny*r, naian, rrnsn; 
vgl. Bachee, ABA 19 f.), in der Kabbalah 8 das „Eeich der 
Vernunft". Sie scheinen aus einer Spiritualisierung der alt- 
orientalischen göttlichen Trias Anu-Bel-Ea hervorgegangen, 
ähnlich wie die Dreifaltigkeit aya&ojrig, üqxv, loyog bei Philo 
(de Cherubim 144) 4 . Anu, der babylonische summus deus, 
wird bei Philo platonisierend mit der höchsten Idee, der Idee 
des Guten, identifiziert (ayad-ortjg), die ja auch bei Plato der 
letzte Grund von allem ist ; bei den rationalisierenden Thalmu- 
disten mit der absoluten Weisheit (nttDn). Bei, der babylo- 
nische Regent des himmlischen orbis (Tierkreises) und des 
orbis terrarum, ist bei Philo die weltregierende, bei den 
Thalmudisten die weltordnende Potenz ; tqd ist ein Mann mit 
geordnetem Wissen. Ea, der physische und geistige Bildner 
(vgl. ATAO 2 95 ff.) des Materiellen, zumal der Menschen, wird 
bei Philo zum koyog, der bei ihm zugleich der Demiurg der 
sichtbaren Welt ist, bei den Rabbinen zu n*n, der Vereinigung 
von reiner und praktischer Vernunft, der Grundlage aller 
realen Wirksamkeit 5 . 

Die dieser Trias gegenüberstehenden 7 niederen Potenzen 



1 Diese sind : 1. Der Mund der Erde (bei Korah , Num. 16, 30) ; 
2. der Mund des Brunnens (in der Wüste, Num. 21, 17); 3. der Mund der 
Eselin Bileams (s. o. I. Kap., S. 71); 4. der Regenbogen (Gen. 9, 13); 
5. das Manna; 6. der Stab Mosis; 7. der Schamir (felsenspaltende Wurm 
Salomos, vgl. Gittin 68 ab); 8. die Buchstabenschrift; 9. die Schrift auf 
den Gesetzestafeln; 10. die Tafeln selbst. Nach anderen: 8. die Dämonen; 
9. Mosis Grab; 10. der Widder Abrahams (bei Isaaks Opferung). 

8 Vgl. Winckler, WAO 13 f. 8 Vgl. m. Kabbalah, S. 50 ff. 

4 „Die göttliche Stimme sagte mir, es seien in dem einen wahren 
Gott zwei oberste und vornehmste Kräfte: Die Gutheit (&ya&6vris) und 
die Macht (&Q%r[), durch die Güte sei das All geschaffen, durch die 
Macht werde es regiert, das dritte, zwischen beiden Vermittelnde aber 
sei der löyog. Durch seinen Logos herrsche Gott und sei zugleieh gut". 

5 Andere Modifikationen von Anu-Bel-Ea vgl. in m. „Im Reiche 
der Gnosis", S. 35, 55, 87 f. 



1. Das dreistöckige Weltbild. 103 

sind bei den Babbinen viel weniger selbständig gedacht; sie 
bilden z. B. allein keinen Gottesnamen, sondern nur zusammen 
mit jenem 3 oberen und mrr den sog. 42 buchstabigen Namen 
Gottes (Bacher 1. c). Sie scheinen anf die bei der Welt- 
Schöpfung bezw. Welt-Neugrtindung im babylonischen Mythus 
mit helfenden sieben Planetengottheiten zurückzugehen, die 
ja auch bei den babylonischen Mandäern als schöpferisch mit- 
wirkend gedacht werden („Im Keiche der Gnosis", S. 55 f.). 
Da, wie bereits mehrfach erwähnt, der Rabbinismus Mit- 
schöpfer außer Gott im Interesse des strengen Monotheismus 
ablehnen mußte, konnte er diese 7 Potenzen, wenn sie als 
schöpferisch gelten sollten, nur in Gott selbst hineinverlegen. 
Man sieht aus der Darlegung dieses Ursprungs 1 der 
Potenzenidee, wie nahe es lag, daß bei eingehenderer Be- 
schäftigung mit ihr ein geistig Unfertiger in die Gefahr un- 
jüdischer Hypostasierung dieser göttlichen Potenzen zu einer 
göttlichen Trias oder gar zu einer Dekas käme, und man be- 
greift daher auch von hier aus, weswegen die Beschäftigung 
mit $,Mäasöh bereschith" nur geistig und sittlich Gefesteten 
gestattet war. 



in. Kapitel. 

Zur Topographie des Weltalls. 
1. Das dreistöckige Weltbild. 

Indem ich auf das bereits in den früheren Abschnitten 
über die drei Regionen der Welt — der astralen wie der 
tellurischen — Gesagte verweise, gebe ich hier einige Eigen- 
tümlichkeiten des rabbinischen dreiteiligen Weltbildes. 

Unter der Erde dehnt sich das Meer in einer Tiefe von 
15000 Ellen aus; die Dicke der Erdscheibe beträgt 1000 Ellen 
(Sukkah 53 b). Das Himmelsgewölbe umkreist die Erde täg- 
lich. Es gibt aber nicht nur einen, sondern vielmehr sieben 
Himmel. Der Weg von der Erde zum Himmel beträgt 
50 Jahre, ebenso der von einem Himmel zum anderen (Cha- 



1 Die biblischen Belegstellen sind, wie fast stets, so auch hier erst 
nachträglich dem entlehnten Schema seitens der Rabbinen eingefugt. 



104 Kap. III. Zur Topographie des Weltalls. 

gigah 12 b). Der erste sog. Himmel hat den Namen Velum; 
durch sein Sich-Öffnen und -Schließen wird es hell oder trübe 
am Tage — es ist die Wolkenhülle. Im 2. Himmel befindet 
sich das zur Zeit der Schöpfung abgeschiedene Urgewässer. 
An seiner unteren, der Erde zugekehrten Fläche ist die Sonne 
nebst den anderen Gestirnen angebracht. Trotzdem diese 
alle feurig sind, vertragen sie sich doch mit jenem Wasser. 
Sonne, Planeten und auch die Tierkreisbilder (!) sind in ver- 
schiedener Weise beweglich, die eigentlichen Fixsterne nicht. 
Im 3. Himmel wird das Manna für die Frommen gemahlen. 
Im 4. befindet sich das obere Jerusalem (s. oben S. 24) , im 
5. Himmel singen zahlreiche Engelscharen auf Hebräisch 
Gottes Lob. Im 6. Himmel sind die Vorratskammern für 
Schnee, Hagel, Frost, Stürme usw. Der 7. Himmel ist von 
dem unter dem Thron der Herrlichkeit hervorquellenden Feuer- 
strom (Nehar di nur) umflossen \ Er entstammt dem Schweiße 
der den Gottesthron tragenden 4 Chajjoth (Engeltiere) und 
fließt schließlich in die Hölle ab. Durch andre Öffnungen 
dieses Himmels steigen die höheren Engel hinab und die 
Gebete der Menschen Gott empor. (Über diese Engel s. Kap. VI.) 
Im 7. Himmel befinden sich ferner die Schatzkammern für 
Gerechtigkeit, Frieden usw., der Aufbewahrungsort der noch 
des Geborenwerdens harrenden Seelen, der himmlische Gerichts- 
hof , sodann die Bezirke des Paradieses (s. o. S. 34) , endlich 
der heilige Gottesthron. 



2. Die Weltgegenden. 

Die Himmelsgegenden werden nicht als willkürlich an- 
genommene Orientierungsrichtungen angesehen, sondern haben 
eine tiefe Bedeutung. Es gibt sogar, wenigstens nach An- 
sicht des Eabbi Chama bar Chanina (3. Jahrh., Gen. r., c. 10 
Anf.), nicht nur 4, sondern streng genommen 6 Himmels- 
gegenden, richtiger Weltgegenden, nach den 6 Dimen- 
sionen (vorn, hinten, rechts, links, oben, unten): die vier üblichen 
und oben und unten (Zenith und Nadir?). Diese Bämmels- 



1 Dies ist ursprünglich wohl die Milchstraße. Berachoth 58 a heifit 
es: „Wenn der Schwanz des (Sternbildes) Skorpion nicht im Nehar di 
Nur läge" usw. 



2. Die Weltgegenden. 105 

gebenden aber sind nicht bloße Abstraktionen, sondern Material 
für die Weltschöpfung gewesen (1. c). „Hadrian der Ver- 
wünschte" konnte diese Ansicht des R Chama bar Chanina 
nicht begreifen, als Rabbi Jose ben Ghananjah (3. Jahrh.) sie 
ihm vortrug. „Da führte dieser ihn in ein kleines Haus und 
sagte zu ihm : ,Strecke deine Hand aus nach Osten und Westen, 
nach Süden und Norden' (on-nbn lioxb yiarabs mt»b); so war 
die Sache auch vor dem heiligen Gott* (^ob trorn irsi *p 
tVapn)". Gewöhnlich begnügt man sich aber mit den vier 
üblichen Weltgegenden. Das Bild der Welt als eines Ge- 
bäudes mit Wänden, die den Weltgegenden entsprechen, findet 
sich u. a. Baba bathra 25b: „Es ist gelehrt worden: Rabbi 
Elieser (2. Jahrh.) sagt: Die Welt gleicht einer Exedra (Halle), 
deren Nordseite ohne Wand ist" \ Ähnlich, aber ohne ausdrück- 
liche Nennung einer Himmelsgegend, sagt Rabbi Jehudah bar 
Hai (M. 2. Jahrh.) Menachoth 29 b: „Warum wurde die Welt 
mit n geschaffen 2 ? Weil sie einer Halle (mit 2 Öffnungen, 
wie beim n) gleicht". Es wird dann weiter gesagt, daß durch 
die kleine obere Öffnung (Pforte, also im NW) die zum 
Himmel Bestimmten aus der Welt gehen, durch die große 
untere (südliche) Öffnung die für die Hölle Bestimmten. (Vgl. m. 
Jesus u. die Rabbinen 94, Anm. 1.) Exegetisch ist das Beispiel 
a. a. 0. eine Spielerei, als Bild jedoch insofern interessant, 
als der NW hier eine gute Seite, der S eine böse ist. 

Diese gute und böse Bedeutung der Weltgegenden hängt 
mit der verschiedenen „Orientierung" zusammen, d. h. damit, 
was als Kiblah, als Gesichtsrichtung, als vorn in der Welt, 
angenommen wird. 

Die dem Mondkult gemäße (ATA0 2 23ff.) Annahme des 
Westens (oder Westpunkts) als Kiblah, die sich auch in 
der Annahme des Thischri als Jahresanfang zeigt (ATAO, 1. c. 
und oben S. 64 ff.), bewirkt, daß die linke Seite (= S) die böse, 
die rechte (= N) die gute ist , ebenso die vordere Seite (W) 
gut, die hintere (0) schlimm. Dann ist die Südgegend zu- 
gleich die Hölle, der Todesengel heißt darum auch Sammael, 
„der Linke", das südlich liegende Ägypten ist ebenfalls Unter- 



1 Dagegen sagt (daselbst) R. Josua, die Welt gleiche einem Lust- 
zelte, dessen Nordseite geschlossen sei. 2 DK^QfD Gen. 2, 1 wird 
hier gedeutet: „mit n schuf er sie", was anderwärts (s. o. S. 99) ver- 
standen wird, Gott habe die Welt mit dem Hauch seines Mundes mühe- 
los geschaffen. 



106 Kap. III. Zur Topographie des Weltalls. 

weit, Hölle, und die Rabbinen des Südlandes sind von vorn- 
herein nicht sehr angesehen, was sich an vielen Stellen zeigt \ 
— Im Gegensatz hierzu ist der Norden von guter Be- 
deutung; Berachoth 5 a sagt Babbi Isaak (3. Jahrh.), wer 
sein Bett mit dem Kopfende nach Norden zu aufstelle, werde 
männliche Kinder erhalten; Rabbi Nachman bar Isaak (dgl.) 
prophezeit einem solchen, daß seine Frau keine Fehlgeburt 
haben werde. Ähnliche Stellen finden sich mehrfach 2 . — Die 
Westseite, nach der hin bekanntlich auch das Allerheiligste 
lag, galt für gut als Sitz der Schechinah (Gottesgegenwart); 
so heißt es Baba bathra 25 b : „Rabbi Abbahu (E. 3. Jahrh.) 
ist der Ansicht, die Schechinah befinde sich im Westen ; denn 
er hat gesagt: Warum nennt man die Westseite rn^viK? Weil 
dies so viel ist wie rv» ti« (Luft Gottes) 8 . — Der Osten 
als Hinterseite hat dann üble Bedeutung; Baba bathra 1. c. 
sagt Rabbi Schescheth (3./4. Jahrh.) zu seinem Diener : „Nach 
allen Seiten darfst du dich (zum Gebet) stellen außer nach 
der Ostseite", und obwohl er als Grund für diesen Ungelehrten 
angibt, „weil die tryia (Ketzer) 4 es so lehren", nämlich nach 
Osten hin sich zum Gebet zu wenden, so kennt er doch auch 
noch einen anderen, offenbar populäreren Grund: „weil die 
Schechinah dort nicht ist". 

Ist dagegen die Ostseite Kiblah ( AT AO * 1. c), dann ist 



1 So sagt Rabbi Jonathan ben Eleasar (3. Jahrh., jer. Pesachim 32 a 
unten): „Ich besitze eine Überlieferung von meinem Vater her, daß ich 
weder einen Babylonier noch einen aus dem Süden in der Aggadah 
unterrichte, da sie hochmütig und unwissend sind". (Vgl. Gen. r., c. 94 
gegen Anf.) Die (östlich gelegenen) Babylonier und babylonischen 
Gelehrten werden auch sonst seitens der palästinischen Rabbinen gering 
geachtet. 8 Auch daß die antretende Priesterordnung ihre Schaubrote 
von der Nordseite her empfangt, jede abtretende yon der Südseite, die 
(am wenigsten angesehene) Priesterordnung Bilgah stets von der Südseite, 
scheint auf dieser Symbolik zu beruhen. * Oder soll es heißen: 

fp *TiN = Licht Gottes? — Über die Westmauer des Heiligtums als 
Stätte der Schechinah vgl. Midrasch Thehillim zu ty 11 (4), ebenso Than- 
chuma B. m73» 10 und Exod. r., c. 2 g. Anf.: „Rabbi Acha (Anf. 4. Jahrh.) 
sagte: Niemals weicht die Schechinah von der westlichen Tempelmauer 
0a-l*tt im» ntT nratDrl V N öbwb)^ denn es heißt (Hohesl. 2, 7): 
Siehe, er steht hinter unsrer Mauer ". Ahnlich Pesiktha 49b, Num. r., 
c. 11 (2), Schir r. zu 2, 7 [Bacher, APA III 120]. — Diesen Sitz hat die 
Seh. auch nach der Zerstörung des Tempels noch inne; vgl. die drei 
erstgenannten Stellen, ferner Midr. Thehill. zu ty 11 (3) und jer. Sukkah 
54 c obeu [Bacher 1. c. 459]. 4 Diese Minim sind m. E. (trotz Bacher, 

ABA 78) keine Manichäer; vgl. m. „Im Reiche der Gnosis", S. 104. 



2. Die Weltgegenden. 107 

Ost und Süd gut, West und Nord ungünstig. So heißt es 
(Numeri rabba, c. 2 zu 2, 7 ff.): „Es steht geschrieben (Nahum 
2, 1): ,Auf den Bergen die Füße des Boten, der gute Nachricht 
bringt*. Siehe das ist von der Ostseite. Von der Süd- 
seite geht segensreicher Tau und Regen in die Welt hinaus 

An der Westseite sind die Speicher des Schnees, des Hagels, 
der Kälte <und der Hitze). . . . Von der Nordseite geht 
Finsternis in die Welt aus; darum sollte da der Stamm Dan 
lagern, weil er durch Abgötterei Finsternis in die Welt ge- 
bracht hat". 

Nach demselben Midrasch (Num. r., c. 2 zu 2, 31) sind 
mit den vier Weltgegenden auch die vier den Thron Gottes 
umgebenden Erzengel in Verbindung gesetzt, ebenfalls in öst- 
licher „Orientierung": „Michael zu seiner Rechten ent- 
sprechend Rüben (also südlich); . . . Uriel zu seiner Linken, 
entsprechend Dan, der nach Norden lagert; Gabriel steht 
vor ihm, entsprechend der Herrschaft Judas, Mosis und Ahrons, 
die im Osten waren; ... Raphael entsprechend Ephraim". 
(Nach der in der Bibel geschilderten Lagerordnung lagerte 
der Stamm Juda stets östlich, Ephraim westlich, Dan nördlich, 
Rüben südlich.) 

Welt-Ecken (ATAO 2 1. c.) sind im Thalmud m. W. viel- 
leicht angedeutet in dem Privatgebete des «aus dem „Süden" 
(Südpalästina) stammenden Rabbi Alexandrai (3. Jahrh. ; Bera- 
choth 17a): „Möge es dein Wille vor dir sein, Herr, unser 
Gott, daß du uns stellest in eine Ecke des Lichts, und 
stelle uns nicht in eine Ecke der Finsternis". Das für 
„Ecke" gebrauchte Wort yip v bezeichnet auch (vgl. Joma V 5 
= 58 b) die Ecken des Altars, a. a. 0. des Räucheraltars, wo 
sie bezeichnet werden als: nordöstliche, nordwestliche, süd- 
westliche, südöstliche Ecke (in dieser Reihenfolge). Die Welt- 
gegenden selbst werden also durch die Seiten des Altars (wie 
oben durch die Wände des Hauses) bezeichnet. „Ecke des 
Lichts" (bezw. der Finsternis) dagegen scheint sich eher auf 
den Ostpunkt (bezw. Westpunkt) zu beziehen. # 



108 Kap. IV. Welt-Zoon und Welt-Geist. 

IV. Kapitel. 

Welt-Zöon und Welt-Geist. 
1. Die Welt als Lebewesen. 

Die Idee einer Weltseele, d. h. die Vorstellung, daß die 
gesamte Welt ein großes beseeltes Wesen sei gleich dem Mi- 
krokosmos, dem Menschen 1 — dieser uralt-orientalische Ge- 
danke, den meisten Modernen nur als geistreiche Metapher 
oder als spekulative Schrulle antiker, mittelalterlicher und 
neuzeitlich mystischer Denker bekannt 2 , ist in der heutigen 
Philosophie, wenigstens bei den genialsten Vertretern des 
psychophysischen Monismus, wieder hoffähig geworden — die 
Namen eines Fechnee 3 und Paulsen 4 genügen — und hat 
selbst bei durchaus nüchtern denkenden Naturwissenschaftlern 
wie C. v. Nägeli 5 Eingang gefunden. So gern ich (angesichts 
der üblichen Nichtbeachtung bloßer Verweisungen, so Wichtiges 
diese auch enthalten mögen) lange Stellen aus diesen in- 
teressanten Darlegungen ausschriebe, muß ich mich doch 
darauf beschränken, auf die fesselnden Abschnitte „All- 
beseelung" und „Pantheismus und Weltseele" in Fr. Paulsens 
eben erwähntem Werke 6 nachdrücklichst hinzuweisen. 

Paulsen, der im Anschluß an Fechnee kühn genug ist, 
„in einem Planeten eine Ganglienzelle des Welthirns zu er- 
blicken" (S. 246), hält es doch (S. 112 f., 2441) für unnötig 
und zu gewagt, auch Augen und Ohren, Eückenmark, Herz usw. 



1 Und schließlich gleich jedem Naturwesen. Diese Anschauung 
findet sich heute in verschiedenartiger Gestaltung seihst bei so absoluten 
Nicht-Mystikern wie Häckel, Wundt, Vebwobbn usw. Vgl. Paulsen 
(s. unt. Anm. 4), S. 99 f., Anra. ; vgl. ferner Spinoza: „Omnia sunt animata 
quamvis diversis gradibus", und Leibniz' Beseelung der Monaden. 

3 Plato, Aristoteles, die Neuplatoniker usw., die mittelalterlichen 
Naturphilosophen, Pabacelsus, Agrippa von Nettesheim, ferner die Kabba- 
listen usw. kennen die Allbeseelung oder wenigstens die Weltseele, von 
den altorientalifilchen Anschauungen ganz zu schweigen. 8 Der be- 
rühmte Begründer der modernen Psychophysik , besonders in „Nanna", 
„Zend-Avesta" und „Die Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht". 

4 In seiner ungemein geistreichen „Einleitung in die Philosophie* 1 . 
Ich zitiere noch nach der 2. Aufl. (Berlin 1893). 5 Mechanisch- 
physiologische Theorie der Abstammungslehre (1884), Anhang. 

6 A. a. 0. (2. Aufl.), S. 91— 116 (besonders 99 ff., 109 ff.); 239—251 
(bes. 244 ff/). 



1. Die Welt als Lebewesen. 109 

bei der Erde oder dem Weltall zu konstatieren. Die Aggadah 
kühner rabbinischer Denker, die anderwärts nüchternsten 
logischen Scharfsinn zeigen, schreckt auch vor dieser äußer- 
sten Konsequenz nicht zurück. Wie ? Diese vom Lobgesange 
der Morgensterne durchjubelte Welt, die Schöpfung des leben- 
digen Gottes, sollte ein lebloses, unbeseeltes Etwas sein ? Mit 
nichten! Wie der Mensch die Krone der Schöpfung, eine 
„lebendige Seele" (Gen. 2), ein beseeltes Wesen ist, so ist 
auch die „Welt" oder „die Erde", kurz, die ganze sichtbare 
Natur ein Lebewesen nach Art des Menschen — wenigstens 
vor Gott, wenn auch menschliche Blindheit dies verkennen 
mag, obwohl es im heiligen Gotteswort deutlich geoffenbart ist ! 

Schon Ende des 1. oder zu Beginn des 2. Jahrhunderts 
n. Chr. führt Rabbi Jose der Galiläer 1 , ein Zeitgenosse des 
Rabbi Akiba, diesen Gedanken aus, bezeichnenderweise noch 
ohne biblische Begründung des einzelnen, woraus wohl der 
Schluß gestattet ist, daß dieser Gedanke nicht als exegetisches 
Resultat gewonnen wurde, sondern 2 erst nachträglich mit 
biblischer Begründung versehen ward und seinen Ursprung in 
altorientalischer Tradition hat, gleich R. Joses Ansicht von 
den beiden himmlischen Thronen (s. oben S. 65). Er sagt (Aboth 
di Rabbi Nathan c. 31 fin., ed. Schechter p. 46 a): „Alles, was 
der gebenedeite Gott an seiner Welt geschaffen, hat er 
(auch) am Menschen geschaffen" und zeigt dies nun in 
ausführlicher Parallelisierung der Teile des Menschen mit 
denen der Welt 8 . 

Den Gedanken nimmt im 3. Jahrh. der schon oft ge- 
nannte Rabbi Simeon ben Lakisch auf, das eine Mal mit Be- 
ziehung auf die ganze Welt, das andre Mal im Hinblick nur 
auf die Erde 4 , a) Midrasch Thehillim zu v 19, 2: „Rabbi 

1 Bacher, AgT I 1 371 (I 2 365), APA 1 413. Über Bein hohes An- 
sehen neben Akiba und Tarphon, über seine Frömmigkeit usw. AgT 
I 1 358 f. (I 9 352 ff.). * Wie in unzähligen Fällen im Thalmud , auch 

da, wo scheinbar der Gedanke aus der Exegese entspringt, während diese 
vielmehr erst zur biblischen Begründung des Gedankens, oft mühsam und 
gequält, entstanden ist. 8 Vgl. hierzu Bacher in Revue des Etudes 

Juives XXXVII , 31 f. und Magyar Zsidd Szemle XV 332 f. — Plastisch 
ist die Mikrokosmos-Natur des Menschen auch (Gen. r., c. 11 Anf.) von 
Rabbi Eleasar ben Pedath (E. 3. Jahrh.) dargestellt, wenn er sagt: „Der 
erste Mensch erfüllte die ganze Welt von Osten bis Westen, laut ty 139, 5, 
und von Norden bis Süden, laut Deut. 4, 32*. 4 Beide Beziehungen 

auch bei Fbchner (Paulsen a. a. 0., S. Ulf., 113), der sicherlich von 
dieser rabbinischen Doppelbezugnahme keine Ahnung hatte. 



110 Kap. IV. Welt-Zoon und*Welt : Geist. 

Berechjah berichtet als Ausspruch des Rabbi Simeon ben 
Lakisch: Was vor den Menschen kein Haupt hat, das 
hat doch ein Haupt vor dem gebenedeiten Gott, z. B. die 
Erde; denn es heißt 1 (Prov. 8, 26): ,ünd das Haupt des 
Staubes des Erdkreises*. Was vor den Menschen keine Augen 
hat, das hat doch Augen vor dem gebenedeiten Gott, z. B. 
das Meer; denn es heißt (tp 104, 3): ,Das Meer sah es und 
floh*. Was vor den Menschen keine Hände hat, das hat 
doch Hände vor dem gebenedeiten Gott, z. B. das Meer ; denn 
es heißt (\p 104, 25): ,Und das Meer, breit an Händen*; ebenso 
die Erde, da es heißt (Gen. 34, 21): ,Und die Erde, breit an 
Händen*. Die Erde hat vor dem gebenedeiten Gott auch 
Ohren; den es heißt (Jer. 22, 29): ,Erde, Erde, Erde, höre 
des Herrn Wort*. Der Himmel hat vor dem gebenedeiten Gott 
ein Herz; denn es heißt (Deut. 4, 11): ,Bis ins Herz des 
Himmels*; ebenso auch das Meer, da es heißt (Exod. 15, 8): 
,Im Herzen des Meeres*. Die Erde hat vor dem gebenedeiten 
Gott einen Nabel; denn es heißt (Ezech. 38, 12): ,Den Nabel 
der Erde bewohnend*. Ebenso hat sie vor dem gebenedeiten 
Gott einen Mund; denn es heißt (Num. 16, 32): ,Und es öffne 
die Erde ihren Mund*. Sie hat vor dem gebenedeiten Gott 
auch Füße; denn es heißt (Kohel. 1, 4): Die Erde steht auf 
ewig*. Ebenso hat sie vor dem gebenedeiten Gott Lenden; 
denn es heißt (Jer. 31, 8): ,Und ich sammle sie von den Lenden 
der Erde. Auch die Himmel haben vor dem gebenedeiten 
Gott einen Mund; denn es es heißt (ip 19, 2): ,Die Himmel 
erzählen die Ehre Gottes*. — b) Koh&eth r. zu 1, 4: „Rabbi 
Berechjah berichtet als Ausspruch des Rabbi Simeon ben 
Lakisch: „Alles, was der gebenedeite Gott am Menschen 
geschaffen, das hat er (auch) an der Erde geschaffen". Nun 
wird konstatiert: Der Kopf der Erde [wie oben]; Augen 
der Erde [Exod. 10, 5: ,Sodaß die Erde 1 nicht sah*]; Ohren 
der Erde [Jes. 1,2: ,Nimm zu Ohren, Erde!*]; Mund der 
Erde [wie oben]; Essen der Erde [Num. 13,33: ,Die Erde 
frißt ihre Bewohner*]; Trinken der Erde [Deut. 11, 11: ,Die 
Erde . . . trinkt Wasser*]; Ausspeien der Erde [Lev. 18, 28: 
,Daß die Erde euch nicht ausspeie*]; Hände der Erde [wie 
oben] ; Lenden der Erde [wie oben] ; Nabel der Erde [wie 



1 Die Übersetzung geschieht in dem Sinne, den der Rabbi den 
Versen unterlegt. 



1. Die Welt als Lebewesen. 111 

oben]; Scham der Erde [Gen. 42, 9: ,Die Blöße der Erde']; 
Füße der Erde [wie oben]. 

Wenn die Charakterisierung der Erde (b) als eines £wov 
reinlicher durchgeführt erscheint, als die der Welt (a), so 
liegt das z. T. daran, daß im Midrasch Thehillim bei den 
Doppelparallelen ein Glied später hinzugefügt sein mag. Daß 
a. a. 0. wirklich eine Parallelisierung mit der gesamten Welt 
versucht wird, zeigt sich an der Verwendung der drei Teile 
des dreistöckigen Weltbildes (s. o. Kap. III): Himmel, Erde, 
Meer. — 

Die Vorstellung von Kosmos als Lebewesen liegt auch 
dem babylonischen Mythos (im Epos „Enuma Elisch", Tafel IV) 
von Marduks Sieg über Tiämat zugrunde; dort wird aus 
dem Leibe der Urgöttin Tiämat das Weltall gebaut 1 , was 
sich in anderen Kosmogonien, z. B. der germanischen, wieder- 
holt. Die dort ebenfalls vorkommende mythologische Be- 
zeichnung der Erde (tanninu, vgl. hebr. v?n) 2 stellt sie ebenfalls 
als Lebewesen hin. Nähere Ausführungen dieses allgemeinen 
Bildes, wie wir sie bei den Rabbinen zusammengestellt fanden, 
fehlen hier, während dort umgekehrt der allgemeine Gedanke, 
daß die Welt (Erde) ein Lebewesen darstelle, nicht ausdrück- 
lich ausgesprochen, sondern nur durch die Einzelzüge belegt 
ist. Übrigens ist nach beiden Seiten hin zu bemerken, daß 
die ganze Vorstellung hier wie dort von minderem Einfluß 
ist, als die von der Beseelung der einzelnen Gestirne und 
deren Identifizierung mit Schutzengeln usw. Ist aber die 
Welt „bezw. die Erde" einmal als beseelt, als Lebewesen vor- 
gestellt, so läßt sich nach dem, was in Kap. I (S. 26 ff., 41 ff.) 
erörtert ist, erwarten, daß auch sie einen Engel als Repräsen- 
tanten hat. So verhält es sich auch: es ist der „Fürst der 
Welt". 



1 Vgl. den übersetzten Text bei Jeremias, ATAO 8 136. Dort ist 
Himmel, Erde und Ozean genannt , bezw. Nordbimmel, Tierkreis, Süd- 
himmel (Himmelsozean). 2 L. c. Anm. 3 nach Homme), Greogr. 
u. Gesch. 85 u. 86 K 



112 Kap. IV. Welt-Zoon und Welt-Geist. 



2. Der „Fürst der Welt". 

Im babylonischen Thalmud erwähnt den „Fürsten der 
Welt" m. W. zuerst Rabbi Jonathan ben Eleasar (Anf . 3. Jahrh. 
n. Chr.), Jebamoth 16b: „Rabbi Samuel bar Nachmani be- 
richet als Ausspruch des Rabbi Jonathan ben Eleasar: Es 
heißt (xp 37, 25): ,Ich bin jung gewesen und auch alt ge- 
worden*. Diesen Vers hat der Fürst der Welt gesprochen 
(t-iwn obnyn iti m pios). Vom gebenedeiten Gott kann er 
nicht gesprochen sein; denn bei ihm gibt es kein Altwerden. 
Von David kann er nicht gesprochen sein; denn David ist 
nicht ,alt' geworden. Daraus ergibt sich, daß ihn kein anderer 
als der Fürst der Welt gesprochen hat". — Der Raschi- 
Kommentar bemerkt ausdrücklich hierzu, daß „der Engel der 
Welt" damit gemeint sei, d. h., wie Bachee (APA II 427) 
richtig sagt, „der Weltgeist, das dem Naturwesen in seiner 
Gesamtheit vorstehende 1 Engelwesen". Von diesem heißt es 
im Midrasch Thehillim zu tp 104, 31 ferner: „Rabbi Berechjah 
berichtet als Ausspruch des Rabbi Levi (3./4. Jahrh.): In der 
Stunde, da der gebenedeite Gott die Welt erschaffen hatte 
— wie heißt es davon? ,Und Gott sah an alles, was er ge- 
macht hatte, und siehe da, es war sehr gut (Gen. 1, 31) — 
da begann der Fürst der Welt und sprach : ,Die Herrlich- 
keit des Herrn ist ewig' (\p 104, 31 a) 2 , und die Geschöpfe 
begannen und sprachen: ,Es freue sich der Herr ob seiner 
Werke' (ip 104, 31 b)", und ähnlich sagt im babylonischen 
Thalmud Rabbi Chanina bar Papa (4. Jahrh.), Chullin60a: 
„Es steht geschrieben: ,Die Herrlichkeit des Herrn ist ewig; 
es freue sich der Herr ob seiner Werke* (xp 104, 31). Diesen 
Vers hat der Fürst der Welt gesprochen in der Stunde, da 
der gebenedeite Gott gesagt hatte: ,Fruchtbäume, Frucht 
tragend, jeder nach seiner Art* (Gen. 1, 11)." [Es wird nun 
berichtet, die Gräser, zu denen dies nicht besonders gesagt 
worden sei, hätten doch dies göttliche Wort mittels eines 
Schlusses a maiori ad minus ("raim bp) auch auf sich be- 



1 Zugleich aber auch das die Welt insofern „repräsentierende" 
Wesen, als er ihre Personifikation ist. 2 Dbl^b kann auch, wie 

Bacher (1. c. 427) tut, übersetzt werden: „der Welt", d. h. wohl: zeige 
sich (oder zeigt sich) in der Welt. Doch 1. c. 525 übersetzt Bacher selbst 
in der Chullin-Stelle „für immer". 



2. Der „Fürst der Welt«. 113 

zogen. Ob dieser frommen Klugheit auch der hinfälligsten 
göttlichsten Geschöpfe] „sprach der Fürst der Welt: ,Die 
Herrlichkeit des Herrn ist ewig; es freue sich der Herr ob 
seiner Werke'". 

Dieser rabbinischen Auffassung zufolge spielt der „Fürst 
der Welt" in der Aggadah des R. Jonathan anscheinend eine 
mehr neutrale Rolle, indem er lediglich eine Selbstaussage 
über sein hohes Alter macht. Ergänzt 1 man allerdings seinen 
Ausspruch nach dem, was in t/s 37, 25 folgt („und habe noch 
nie gesehen den Gerechten verlassen und seinen Samen nach 
Brot gehen"), so bezeugt er Gottes gerechte Weltregierung. 
In den beiden anderen Stellen preist er (ähnlich den „Morgen- 
sternen", Hiob 38, 7) die Herrlichkeit der göttlichen Schöpfer- 
macht. Er ist gewissermaßen der von Gott bestellte Vizeregent 
der natürlichen 9 Welt, der diese aus Gottes Schöpferhand in 
Empfang nimmt und für die ihr anerschaffene Herrlichkeit 
in ihrem Namen, als ihr Fürsprecher, Dank sagt. Eine ge- 
wisse Ähnlichkeit mit Metatron, den wir bereits als Vize- 
präsidenten des göttlichen Gerichtshofes kennen lernen (s. o. 
Kap. I, S. 59; vgl. S. 137), ist hier 8 vorhanden. Da solche 



1 Indessen die Rabbinen reißen oft, um etwas zu beweisen, einen 
Teil de» Verses aus dessen ursprünglichen Zusammenhange, sogar gegen 
den einfachen Wortsinn. * Nicht der geistigen Welt. Vgl. Kap. V, 

wo die natürliche Welt vom „Gestirn* regiert erscheint, nicht so die 
geistig-sittliche. Daß sich Gott nicht um die minima der kreatürlichen 
Welt kümmere (z. B. um die Zahl der Insekten etc.) sagt auch Hieronymus. 

8 Besonders in den letzten Jahren hat man in dem „Fürsten 
dieser Welt« des N.T. (Ev. Joh. 12, 31; 14, 30; 16, 11) den Metatron 
sehen wollen. M. hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem rabbinischen 
F. d. W., ist aber trotz einigen späteren Babbinen zunächst nicht identisch 
mit ihm. Er wird allerdings Chagigah 15 a „mit 60 feurigen Buten 
gestraft*; das ist aber etwas anderes als Ev. Joh. 16, 11. Wenn wir im 
Thalmud den F. d.W. des N.T. im Sinne der oben im Texte zitierten 
Stellen als anonymen „Regenten des Naturlaufs* finden wollten, bedürfte 
es exegetischer Kunststücke, um die im N.T. deutliche feindselige 
Natur des F. d. W. herauszubekomme u. Die Annahme dieser feindseligen 
Natur scheint das Ursprüngliche oder wenigstens zu Jesu Zeit Gangbare 
gewesen zu sein, während die in Jebamoth 16b beobachtete neutrale 
Natur das Durchgangsstadium zu der späteren guten Natur dieses F. d. 
W. gebildet haben dürfte. Der F. d. W. im N.T. ist m. E. entweder 
der Beherrscher dieser vergänglichen Welt (im Gegensatz zu dem 
ewigen Gott), also der „Fürst des Todes* (Hiob 18, 13), der von Jesus 
überwunden wird, was zu den Stellen des Ev. Joh. sehr gut stimmt, oder 
bezw. und zugleich [da der Todesfürst meist auch der Höllenfürst ist, 
vgl. z. B. ATAO 2 126] der Fürst dieser argen Welt (im Gegensatz 

Bischoff, Baby Ionisch- Astrales. o 



114 Kap. IV. Welt-Zoon und Welt-Geist. 

unter dem Weltherrscher noch beschränkt regierenden Gewalt- 
haber im Mythos vielfach frühere Weltregenten * sind, könnte 
man vermuten, daß auch der Fürst der Welt etwas Ähnliches 
sei, worauf das (für sich genommen resigniert klingende) „ein 
Jüngling war ich, sodann bin ich alt geworden" ("n^tt n*3 
vopi na) in %p 37, 25 nicht übel gedeutet werden könnte 2 . 
So könnte man immerhin an einen entweder (a) von der 
jüdischen Gottesanschauung, oder (b) schon vordem verdräng- 
ten, ursprünglich heidnischen Weltherrscher-Gott denken, z. B. 
(a) an Marduk 8 oder Mithras, (b) an den alten Mondgott 
Sin 4 , der ja immer wieder jung und alt wird und die sublu- 
narische Welt beschaut (1. c. -man), oder an den schon von 
Marduk entthronten Nebo, der das „Haus der Nacht" be- 
wohnt 5 , oder an Nergal, den Gott der Unterwelt und zugleich 
der sommerlichen Glutsonne mit ihrem „Schreckensglanz" 
(vgl. ffiob 18, 14) 6 . 



zu dem heiligen Gott), also ganz allgemein der (auch gleich anderen 
Dämonen — b. unt. Kap. VI — in den Intermundien schaltende) Teufel, 
wie er Epheser 2, 2 gezeichnet ist. 1 So sind auch Mond und Sonne 

früher Repräsentanten je eines Weltherrschergottes gewesen. Nach dem 
Midrasch ist der Mond früher ebenso groß wie die Sonne gewesen. (Der 
Kleinere ist im Mythos häufig der Besiegte; so sind in der Volkssage 
Zwerge und Waldmännlein häufig Repräsentanten der Überreste Ver- 
drängter Völkerschaften.) In der jüdischen Anschauung sind sie Diener 
Gottes; Gen. r., c. 16 zu 1, 19 werden sie mit 2 Prokuratoren eines Königs 
verglichen. 2 Man könnte vielleicht auch an den alternden Jahrgott 

denken. Die Zeiteinteilung war ja (s. o. S. 83 8 ) nach einigen schon 
vor der Schöpfung dieser Welt da. » Er heißt ja (vgl. ATAO 2 123) 

Gott des Weltalls, König der Götter, König (Fürst) Himmels und der 
Erde, Herr der Herren, König der Könige. — Neben ihm haben auch 
die früheren Weltbeherrscher (Kalender-Regenten) noch eine gewisse 
Selbständigkeit. 4 Den „sich stets aufs neue Erzeugenden *, vgl. 

ATAO 2 100, 103. — Reste von der Vorstellung der Weltherrschaft des 
Mondes sind zahlreich enthalten in seinen Beziehungen zu Israel, sowie 
einzelnen biblischen Personen. ö Vgl. ATAO 2 124 tf. Nebo (Merkur), 

den Westpunkt des Tierkreises beherrschend. Vgl. die Westrichtung 
des jüd. Heiligtums, Jahresanfang im Herbst (Thischri), wo die Sonne 
im Westpunkt des Tierkreises (Sternbild der* Wage) aufgeht, ferner die 
Toten nach Westen zu dem bei den Kimmeriern liegenden Hades-Ein-, 
gange bringt. 6 Vgl. ATAO 2 126 f. Nergal = Saturn = Kronos, 

dem entthronten Weltherrscher der griechisch-römischen Mythologie. Als 
Glutsonnen- und Unterweltsgott wechselt er mit Ninib (Mars) ab, vgl. 
ATAO 2 127 und unten S. 124 *. 



Astrologisches. 115 

V. Kapitel. 

Astrologisches. 

Astrologie und Astronomie sind ursprünglich eins. Hier 
ist, dem modernen Sprachgebrauch folgend, Astrologie im 
Sinne von Deutung des Einflusses der Gestirne, genauer der 
Konstellationen, auf das Schicksal des Menschen gebraucht. 
Die allgemeinste Grundlage des Glaubens an die Möglichkeit 
der Astrologie ist die Vorstellung von der Entsprechung 
zwischen ^Himmlischem und Irdischem, die speziellere Grund- 
lage bildet die Vorstellung, daß der Mensch seinen astralen 
Eepräsentanten habe, mit dem vorher geschieht, was hernach 
dem Menschen geschehen soll (vgl. Kap. I). Die Vorstellung 
freilich (s. o. S. 43 ff.), daß jedes der zahllosen menschlichen In- 
dividuen in dem zahllosen Heere der Gestirne sein spezielles 
Massäl (bra) habe, ist für eine praktische Erkundung des 
wandelbaren Geschicks des Menschen zu vage. Woher soll 
man erkunden, welcher Fixstern gerade diesem oder jenem 
Menschen eignet 1 ? Denn wenn jedes Individuum sein spe- 
zielles bna haben soll, so kommen nur die Fixsterne in Be- 
tracht. Die Fixsterne sind gewissermaßen nur die Repräsen- 
tanten des Daseins, der festen Individualität des Menschen, 
wie wir die Fixstern-Komplexe der Tierkreisbilder die festen 
Stammesverbände Israels repräsentieren sahen. Was dagegen 
dem Erdensohne im wechselvollen Laufe seines Daseins täglich 
und stündlich geschieht, muß durch sozusagen beweglichere 
astrale Erscheinungen repräsentiert werden. Beim Sein handelt 
es sich um das Was, beim Geschehen aber um das Wie, und 
dieses Wie, das Menschenschicksal, spielt sich, bei aller Ver- 
schiedenheit im einzelnen, in gewissen allgemeinen Typen 
ab, die sich auf eine geringe Zahl von Haupt-Schick- 
salstypen reduzieren lassen. Die gegebenen Repräsentanten 
des sich wandelnden Schicksalslaufs des Menschen sind die 
Wandelsterne oder Planeten. So begreift man, wie von 
alters her der Astrologe oder Sterndeuter (bjwa nNi-i, R66h be- 
massäl, vaibiwa rw'n Röeh be-astrologin nennen ihn die 
Rabbinen, z. B. Gen. r., c. 1 [4]; ibid., c. 85 Anf.) 2 sich von 



1 Die Zahl der dem unbewaffneten Auge noch deutlich sichtbaren 
Sterne beträgt zudem nur etwa 5000. * Sonst werden die Astrologen 

8* 



116 Kap. Y. Astrologisches. 

jeher hauptsächlich mit diesen sozusagen qualitativen Massalöth, 
den großen typischen Schicksalsgestirnen, den Planeten, und 
deren Konstellationen beschäftigt haben. 



1. Die astrologische Theorie. 

Die sieben Planeten der Astrologie sind: Sonne, 
Venus, Merkur, Mond, Saturn, Jupiter, Mars 
(0 S S 5 H c?). In dieser altbabylonischen 1 Reihenfolge, 
die auch in der ptolemäischen Planeten-Einteilung 2 entlehnt 
ist, erscheinen diese Planeten in allen astrologischen Texten, 
auch in der noch zu besprechenden Thalniudstelle Schabbath 
156 a (unten) aufgezählt. Sie, die Repräsentanten der zeit- 
lichen Weltordnung, sind nicht nur „Zeichen" für „Festzeiten, 
Tage und Jahre" (Gen. 1, 14), sondern auch für die einzelnen 
Stunden; sie „regieren" in obiger Reihenfolge die 24 Stunden 
des Tages, oder vielmehr der auf einander folgenden Tage, 
bis nach 7 Tagen die (durch das Nicht- Aufgehen der Planeten- 
Zahl 7 in der Tagesstundenzahl 24 bewirkte) Differenz aus- 
geglichen ist und der 8. Tag wieder mit der Sonne als 
Regentin der 1. Stunde (6 bis 7 Uhr) anfängt; so entsteht 
die astrologische Woche, und so kommt es, daß dann jeder 
Wochentag gerade mit der Herrschaft des Sternbildes be- 
ginnt, von dem er seinen Namen empfangen hat: © Sonntag, 
dies solis; 3) Montag, dies lunae, lundi; cT Dienstag [Zins 



auch rribjTa ^ttt} = Sternbilderkundige , Sternkundige genannt , ebenso 
OiaiVnüpN (Gen. r., c. 44). — Nach Bachbe, AgT, I a 193, könnte 
V^bllttDK astronomische Instrumente bedeuten, z. B. den „ astrologischen 
Spiegel, den die Könige benutzen * (wie es Mechiltha zu Exod. 18, 21 
heißt); dieser diente zum Horoskopstellen. Die ursprüngliche Form ist 
«■Oib-nöOB. Das Wort ma-MüS« mit seinen Ableitungen wird teils 
für Astrologie, teils für „Konstellation" (z. B. Davids, Sanhedrin 49a,s. u.), 
teils für „ astrologisches Amulett" [oder: Instrument] gebraucht (z. B. „auf 
Abrahams Herzen 11 , Baba bathra 16 b, s. u.). Es hängt zusammen mit 
<stsyav6g (geheim), was Bacher übersieht, und bedeutet astrale tszsycivo- 
ygacpia oder astrale Geheimwissenschaft oder Mittel zum Lesen der astralen 
6tsyavoyQaq>ia , der Geheimschrift der Sterne. * Vgl. ATAO* S. 39, 

auch 84, Abb. 9. a Infolge jener Stellung zwischen Mond und Erde 

oder jenseits der Mondsphäre heißen bei Ptolemäus Venus und Merkur 
„innere* (oder: untere, sublunarische), Saturn, Jupiter, Mars „äußere" oder 
„obere * Plane teu. 



1. Die astrologische Theorie. 



117 



Tag], dies Martis, mardi; $ dies Mercurii, mercredi; 4 Donners- 
tag [Donars Tag], dies Jovis, jeudi; $ Freitag [Freias Tag], 
dies Veneris, vendredi; t> dies Saturni, saturday, Sabbath 
[Schabbathai = Saturn]. 

Ein einfaches Schema verdeutliche den Vorgang: 



(Standen) 


So. 


Mo. 


DL 


Mi. 


Do. 


Fr. 


Sb. 


1 8 15: 


: © 


D 


<f 


5 


4 


9 


* 


2 9 16: 


9 


1> 


© 


3) 


c? 


9 


4 


3 10 17: 


8 


n 


2 


* 


© 


3) 


<T 


4 11 18: 


'• D 


<? 


$ 


4 


9 


» 


© 


5 12 19: 


: 1> 


© 


3) 


<? 


9 


4 


9 


6 13 20: 


4 


$ 


* 


© 


5 


<? 


$ 


7 14 21: 


: <? 


$ 


4 


9 


* 


© 


D 


22: 


: © 


5 


cT 


$ 


4 


9 


* 


23: 


9 


1> 





J> 


<? 


5 


4 


24: 


8 


4 


9 


t> 





3) 


<? 



In persönliche Beziehung zu diesen 7 Schicksalsregenten 
tritt nun der Menschen durch seine Geburt, und zwar nach 
thalmudischer (und allgemein astrologischer) Ansicht vornehm- 
lich durch die Stunde seiner Geburt 1 . Als Rabbi Josua 
ben Levi (Schabbath 156a, Mitte) das allgemeine Lebens- 
schicksal eines Menschen nach der Bedeutung des Tages 
(Wochentages) seiner Geburt deuten will 2 , läßt ihm Rabbi 



1 Daher der Name „Horoskop" = Stunden- Beschau, Betrachtung 
der Konstellation der Geburtsstunde, d. h. welcher Planet diese Stunde 
regiert habe usw. Dieser ist das ,natale astrum", über dessen wunder- 
bare Übereinstimmung bei sich und Mäcenas Horaz sich freut (Od. 17). 
Den gleichen Geburtstag haben viele Leute mit sehr verschiedenem 
Schicksal. Gänzlich „incredibili modo" würde das Schicksal zweier Leute 
übereinstimmen, bei denen Geburtstag, Geburtsstunde, Geburtszimmer, 
Geschlecht, Eltern usw. übereinstimmten, also Zwillinge, falls nicht beim 
zweiten eine neue Stunde angebrochen ist. ■ Er hatte aus eines 

anderen Munde folgende Deutungen, die Beziehungen auf den Bibel- 
bericht von der Schöpfungswoche haben, sich notiert und vorgetragen 
[die z. T. von anderen Rabbinen l. c. korrigiert werden]: Sonntag = Chaos 
= Taugenichts [= Licht u. Finsternis — entw. sehr gut oder sehr böse] ; 
Montag = Wasserfluten = Jähzorniger; Dienstag = sprossendes Kraut = 
Buhler; Mittwoch = Lichter = Weiser u. Gedächtnisstarker; Donnerstag 
= Fische u. Vögel = Wohltätiger; Freitag = Strebsamer, Frommer (ohne 
Erklärung; vielleicht wegen der Schöpfung des sündlos geschaffenen 



118 Kap. V. Astrologisches. 

(Jehudah I.) sagen: „Nicht das Gestirn des Tages entscheidet, 
sondern das Gestirn der Stunde; wer unter der (Stunden- 
herrschaft der) Sonne geboren wurde, wird ein glanzvoller 
Mann sein, das Seine essen und trinken 1 , seine Geheimnisse 
werden offenbart werden, und wenn er stiehlt, wird er kein 
Glück haben. Wer unter der Venus (py\iii arris) geboren 
wurde, wird ein reicher und buhlerischer Mann sein. Warum? 
Weil mit ihr Feuerglanz (mia) verbunden ist. Wer unter dem 
Merkur (nDis) geboren ist, wird gedächtnisstark und weise 
sein, weil er (M.) der Schreiber 2 der Sonne ist. Wer unter der 
Herrschaft des Mondes (njab) geboren ist, wird Leiden aus- 
zustehen haben, bauen und einreißen, einreißen und aufbauen, 
Fremdes essen und trinken, seine Geheimnisse werden ver- 
borgen bleiben, und wenn er stiehlt, wird er Glück haben. 
Wer unter der Herrschaft des Saturn (-nntf) geboren ist, wird 
ein Mann sein, dessen Anschläge vereitelt werden. <Manche 
sagen: Alle Anschläge wider ihn werden vereitelt werden 8 .) 
Wer unter der Herrschaft des Jupiter (p^st) geboren ist, wird 
ein rechtschaffener (ipiat) Mann sein. <Rab Nachman bar 
Isaak sagte : Rechtschaffen nämlich in Ausübung der Gebote.) 
Wer unter der Herrschaft des Mars (d-hne) geboren wurde, 
wird ein blutvergießender Mann sein. <Rab Aschi sagte: 
Entweder ein Bader oder ein Räuber oder ein Beschneider.) 
So kann es auch von hoher Bedeutung für das Schick- 
sal eines Kindes sein, wenn es in der Sterbestunde eines 
großen Mannes geboren ist. Das war z. B. bei dem berühmten 
Patriarchen Rabbi Jehudah I. (dem Redaktor der Mischnali) 
der Fall, da dieser geboren ward, als der große Rabbi Akiba 
den Märtyrertod erlitt. Sein Vater, der spätere Patriarch 
Rabbi Simeon ben Gamliel II., sprach über den Neugeborenen 
die Worte (aus Kohfeleth 1, 5): „Eine neue Sonne geht auf, 



Adam); „wer am Sabbath geboren ist, wird auch am Sabbath sterben, 
weil man seinetwegen (bei der Geburtshilfe) den Sabbath entweiht hat." 
(Doch dies widerspricht der Ansicht Gen. r., c. 93 und jer. Bosch ha- 
schanah 59 a oben, daß nicht leicht jemand an seinem Geburtstag sterbe; 
vgl. S. 130!) * Vgl. das eigene Licht der Sonne und weiterhin 

die Bezeichnung des geborgten Lichts des Mondes! 2 So ist Meta- 

tron der secretarius Gottes, vgl. S. 59, 113, 137. Metatron = Marduk = 
Mithra = Merkur. 8 < Spätere Glossen. > Die obige stammt von 

nicht astral Gebildeten, denen es wider den Strich ging, daß das Sabbath- 
gestirn, der Saturn, Unglück bedeuten sollte, was aber astral völlig 
richtig ist, vgl. BNT 25 *. 



1. Die astrologische Theorie. 119 

wenn die alte untergeht" (Gen. r., c. 58; Koh&eth r. zu 1, 5; 
Kidduschin 72 b). Das klingt ganz astralwissenschaftlich ! 

Verstärkt wird natürlich der Einfluß des Gestirns auf 
das Geschick werden, wenn der Neugeborene in einer Stunde 
zur Welt gekommen ist, deren regierendes Gestirn mit dem 
des Tages identisch ist, also laut Schema (S. 117) in der i., 8., 
15. oder 22. Stunde des (bei den Juden von abends 6 Uhr 
an gerechneten) Tages. Einem solchen „lächelt die Stunde" 
(Pesachim 113 a) in vollstem Maße. Die Anwendung des Aus- 
drucks „Stunde" (I.e.: rwo; Pes. 111b: Nnsiö; beides noch 
öfter) in völlig gleicher Bedeutung mit „Geschick" oder 
„Glücksstern" (bTO, «bTO: Berachoth 55b, Nedarim 40a) ist 
bezeichnend *. 

Der schützende Einfluß des Gestirns der Geburtsstunde 
wirkt auch im weiteren Leben des zu glücklicher Sternen- 
stunde Geborenen fort. Er verhütet nicht nur, wie wir be- 
reits sahen, meistens, daß der Mensch an seinem Geburtstage 
sterbe, sondern er behütet auch vor Lebensgefahr. So kann 
(Pesachim 111b) das auf dem Wege nahende Seuchengespenst 
dem Rab Papa nichts anhaben, weil „seine Stunde ihm bei- 
steht", und die zum Schutze vor nächtlichen Dämonen 
empfohlene Formel: „Ich sitze zwischen den Sternen" (Pesa- 
chim 112a) soll wohl 2 den Dämon glauben machen, man stehe 
unter der Hut des Schutzsterns der Geburtsstunde (und viel- 
leicht auch des Geburtstages). Selbst ein Frevler ist, wenn 
ihm „die Stunde lächelt", unüberwindlich oder wenigstens ge- 
fährlich, jedenfalls soll man zu dieser Zeit nicht mit ihm 
streiten (Megillah 6 a, R. Isaak). 

Ist der Schutzstern (wohl durch irgend eine ungünstige 
Konstellation) geschwächt, so tritt leicht Krankheit ein. Tut 
man Bekannten usw. die Krankheit eines Menschen sofort 
am ersten Tage ihres Eintritts kund, so kann man leicht 
„seinen Stern (br^) zerstören". Man soll damit bis mindestens 
zum andern Tage warten; dann hat er sich (das ist wohl der 
Sinn) so weit erholt, daß Befreundete mit Erfolg um Ge- 
nesung des Kranken bitten können, während die Schaden- 
freude der Feinde nichts mehr schadet (Berachoth 55 b, Ne- 



1 Vgl. aus der modernen Dichtung z. B. Unlands „ Unstern" : »Alle 
Glücksstern' im Bunde hätten weihend ihm gelacht, wenn die Mutter 
eine Stunde früher ihn zur Welt gebracht". a Doch vgl. S. 146. 



120 Kap. V. Astrologisches. 

darim 40 a). Solange die Konstellation günstig bleibt, können 
feindliche Anschläge nicht gelingen (s. S. 129 unten). 

Der Glücksstern vermag neben Begabung 1 auch Reich- 
tum zu gewähren (Schabbath 156 a); äußere Güter, wie z. B. 
auch „Leben, Kinder und Speise" (Lebensdauer und Freiheit 
von Nahrungssorgen) „hängen nicht ab von der Frömmig- 
keit, sondern vom Gestirn" («bro; Moed katan 28a). 

Indessen nicht nur auf das einzelne Subjekt wirkt die 
Kraft der Planeten ein, sondern auch objektiv auf die günstige 
oder ungünstige Bedeutung eines Tages für gewisse Geschäfte. 
Wenn an einem Tage z. B. ein Planet „doppelt herrscht", 
d. h. nicht nur innerhalb der 24 Tagesstunden vorkommt 
(was ja an jedem Tage mindestens dreimal geschehen muß), 
sondern auch entweder die 1. oder; die letzte Stunde regiert, 
so verstärkt sich für diesen Tag seine allgemeine (günstige 
oder ungünstige) Bedeutung und eventuell auch die seines 
Sondercharakters. So heißt es z. B. Schabbath 129 b von dem 
gesundheitlich für so wichtig gehaltenen 3 Aderlaß: „Samuel 
sagte: Der Aderlaß soll am 1., 4. oder 6. Wochentage (Sonn- 
tag, Mittwoch oder Freitag) vollzogen werden, nicht aber am 
2. oder 5. (Montag oder Donnerstag); . . . denn an diesen 
beiden Tagen hält sowohl der obere wie der untere Ge- 
richtshof [s. o. S. 63] Sitzung. Warum (soll er auch nicht 
vollzogen werden) am 3. Tage (Dienstag)? Weil an diesem 
Tage der Mars (o-iwa) doppelt herrscht." — Mars, der 
„rötliche", steht natürlich in besonderer Beziehung zum Blut 



1 D^rtM (Schabbath 1. c.) bedeutet „gibt Begabung", nicht aber 
„macht weise" in dem Sinne, daß Weisheit, Gelehrsamkeit eine Gabe 
des Glücks sei. Dieses hohe Gut will nach den Babbinen vielmehr durch 
energischen Fleiß des Menschen errungen sein; das ist ihre allenthalben 
zutage tretende Grundanschauung. Auch oben (S. 61) fragt der Engel 
Gott nur nach der geistigen Naturanlage, die dem Kinde zuteil werden 
soll. 2 Schabbath 129 a und 129 b wird u. a. empfohlen, den Ader- 

laß bis zum 40. Jahre alle 30 Tage vorzunehmen, sich dabei strengstens 
vor Erkältung zu hüten, nach dem Aderlaß unter allen Umständen zu 
essen und (besonders roten Wein) zu trinken, sowie sich liegend auszu- 
ruhen, zur Sommersonnenwende, falls nicht Zugluft weht, auch im Freien 
an der Sonne. 129b wird im Speziellen empfohlen, sofort nach dem 
Aderlasse zu trinken, dagegen erst nach einer Zeit zu essen, während der 
man 1 / 2 mil = 300 Ellen gehen könnte. Daselbst erfahren wir u. a , daß 
der Aderlaß auch durch Schröpfen vollzogen wurde (100 Schröpfköpfe 
zu setzen kostete 1 Sus = 1 Gulden), und daß der Bader dabei das Bart- 
Stutzen gratis besorgte. 



1. Die astrologische Theorie. 121 

und ist als Kriegsgott (und zugleich wegen seiner Verwandt- 
schaft mit dem blutgierigen Edom [eint*, Rom, dessen Kriegs- 
gott er ist]) für den Aderlaß gefährlich; er kann Verbluten 
bewirken. Nun „herrscht" er aber gerade am Dienstag (vgl. 
Schema!) „doppelt": nicht nur z. B. in der 22., sondern auch 
in der ersten Stunde des Tages, der daher nach ihm be- 
nannt ist; dadurch verstärkt sich seine Gefährlichkeit für 
den Aderlaß. — Montag und Donnerstag als nicht nur irdische, 
sondern auch himmlische Gerichtstage, an denen sozusagen 
ein Schwert über dem Haupt des Menschen hängt, sind eben- 
falls gefährlich. Auch sie haben astrale Beziehung : an jedem 
von ihnen herrscht der Planet Jupiter (pnx = Gerechtigkeit) 
doppelt, am Montag die letzte, am Donnerstag die erste Tages- 
stunde (und noch je 3 andre) regierend ; wenn aber nach voller 
„Gerechtigkeit" (strengem Recht) gerichtet würde, zumal im 
oberen Gericht, wem drohte da nicht Gefahr? — Sonntag, 
Mittwoch und Freitag sind günstig: bei ihnen kommt der 
Mars nicht in herrschender Stellung vor und regiert über- 
haupt nur 3 Stunden 1 am Tage, die geringste mögliche Dauer; 
außerdem aber „herrschen" an diesen drei Tagen die glück- 
verheißenden Planeten Sonne, Merkur und Venus „doppelt", 
die die ersten Stunden der Woche regieren und am 1 . Wochen- 
tage (Sonntag) je 4 mal (die größte mögliche Zahl der Tages- 
stundenregierung) auf einander folgen. — Der Sabbath bleibt 
außer Betracht, da an ihm das Aderlassen, weil Arbeit, selbst- 
verständlich verboten war. Aber auch noch an anderen 

Tagen als den oben genannten machen planetarische Einflüsse 
den Aderlaß gefährlich; denn (so heißt es Schabbath 129b weiter) 
„Samuel sagte: An einem Mittwoch, der der 4., 14. oder 24. 
(Tag des Monats) ist, und an einem, bei dem es keine 4 Tage 
(mehr im Monat) gibt 2 , ist (der Aderlaß) gefährlich. Am 



1 Auch am Montag regiert der Mars nur 3 Stunden am Tage; ab- 
gesehen von dem Gerichtstagscharakter aber ist der Montag auch des- 
halb astral ungünstig für das Aderlassen, weil an ihm der bleiche (rttäb !) 
Mond doppelt regiert. Auch Freitags ist dies allerdings der Fall, aber 
da regiert er nicht wie Montag die erste, sondern nur die letzte von den 
charakteristischen Stunden, und sein Einfluß wird hier geschwächt durch 
die unmittelbar vorher regierenden Glücksplaneten 9 und § , von denen 
Venus und Mars ja auch am Beginn des Tages regieren und am ganzen 
Tage je 4 mal (die größte Zahl) zur Regierung kommen. * Daß 

dies so aufzufassen ist, lehrt die genauere Lesart des auch sonst genaueren 
Cod. Monac: irfoS Tritt ,m l «rpbl, „bei dem es nach ihm, sie alle 



122 Kap. V. Astrologisches. 

Neumondstag (Monatsanfang) und am folgenden Tage bewirkt 
er Schwäche, am dritten ist er gefährlich. Am Vorabend 
eines Festtages bewirkt er Schwäche, am Vorabende des Ver- 
sammlungs-Festes ist er gefährlich". — Der mit dem Neu- 
mond beginnende Monat ist hier mit dem vom Monde (als 
erstem Stundenherrscher) regierten Montage astrologisch gleich- 
gesetzt. Am Montage aber ist (vgl. Schema) der vierte Stunden- 
regent der gefährliche, blutgierige Mars ; dementsprechend ist 
auch der 4. Monatstag für den Aderlaß gefährlich, und ebenso 
sind wegen der in ihren Zahlen (auch im Hebräischen) vor- 
kommenden Ziffer 4 der 14. und 24. gefährlich, nicht nur 
schwächend, weil die Macht der in diesem Falle ungünstigen 
4 noch dadurch verstärkt wird, daß die Wochentagsziffer (4) 
des Mittwochs hinzukommt 1 . Der Neumondstag steht unter 
der Herrschaft des bleichen (und daher beim Aderlaß Bleich- 
heit bewirkenden) Mondes, der 2. Tag des Monats gleich der 
2. Montagsstunde unter dem bösen Saturn (s. o. S. 124, Anm. 1), 
der 3. Monatstag unter dem gefährlichen Gerichtsstern Jupiter 
(s. o. S. 121). Der Mittwoch, „bei dem es keine 4 Tage mehr 
im Monat gibt", der also auf einen der drei letzten Monats- 
tage fällt, entspräche einer der 3 letzten Montagsstunden, die 
wieder von den ungünstigen Planeten Mond, Saturn, Jupiter 
regiert werden. Die Festtage entsprechen dem Sabbath, ihre 
„Vorabende" der letzten Freitagsstunde, die von dem un- 
günstigen Monde regiert wird. Der Vorabend des Versamm- 
lungsfestes ist besonders ungünstig, weil hier noch außerdem 
die „böse" Siebenzahl ihre Rolle spielt; denn er ist der 7. Tag 
(des Laubhüttenfestes), da das Versammlungsfest auf den 
8. fällt! 

Ebenso wie als Tagesregenten sind auch als Stunden - 
regenten die Planeten günstig oder ungünstig für gewisse Ge- 
schäfte. Ich verweise in Kürze auf den am Schlüsse dieses 
Abschnitts erwähnten Proselyten, der erkunden will, ob die 
Stunde zum Ausgehen günstig sei; allerdings wird dies dort 
verworfen. Aber, um nur eines anzuführen, der Ausdruck 



gerechnet (d. b. ihn eingeschlossen), keine vier (Tage mehr) sind". 1 Aller 
guten Dinge sind 3 ; die vierte Zahl als über die 3 um eins überschüssige 
ist ungünstig ähnlich der 7. und 13. : Unter den 4 Weltgegenden ist eine 
schlimme ; auch ist die 4 der Mittelpunkt der bösen 7. Daher kann nicht 
nur die 4. Zahl, sondern auch die Vierzahl ungünstig sein: 4 Plagen 
Jer. 15, 3 usw. 



1. Die astrologische Theorie. 



123 



„Die Stunde lächelt ihm" bezieht sich nicht allein (vgl. oben 
S. 119) auf die Geburtsstunde, sondern ebenso oft auf eine für 
ein Unternehmen günstige Stunde, z. B. Pesachim 112a, 113a: 
„Gehe mit dem eine Geschäftsverbindung ein [Oder: Mache 
gemeinsam ein Geschäft mit dem], dem die Stunde lächelt" 
u. a. m. 1 

Die günstige oder ungünstige Grundbedeutung der Plane- 
ten, wie sie uns Schabbath 156 a entgegentrat (s. oben S. 1171), 
ist nach rabbinischer Ansicht keineswegs mittels Symbolik 
und Allegorie oder durch Ausdeutung der aus Babylonien 
überkommenen Namen zusammengefabelt 2 , sondern beruht auf 
der Tatsache, daß Gott (der ja voraussah, wie alles nach seinem 
Willen kommen sollte) jedem Planeten einen bestimmten Grund- 
charakter angeschaffen hat, damit er 
für die Menschen diese oder jene Vor- 
bedeutung, den oder jenen „Einfluß" 
habe. Das läßt noch heute trotz 
seinem sehr schlechten Zustande der 
(vielleicht des Astrologischen wegen 
in späterer Zeit absichtlich verwirrte 8 ) 
Text in Pesiktha rabbathi, c. 20, er- 
kennen. Diesem zufolge erschuf Gott 
die Venus (nai:), weil er voraussah, 
daß das Geschlecht der Sündflut sich 
der Wollust ergeben werde (was eben 
der astrale Einfluß der Venus be- 
bewirken sollte). Aus diesem Grunde hat er der Venus einen 
Mann zugesellt, den Merkur (mid) 4 , der zuerst von ihr ge- 




Abb. 8. Die 12 Häuser 
des Himmels. (S. 125.) 



1 Vgl. auch Schiller, Wallensteins Tod I 1: „Mars regiert die Stunde; 
es ist nicht gut mehr operieren". 9 Tatsächlich sind natürlich jene 

Eigenschaften ebenso erst von den Menschen auf die Gestirne übertragen. 

8 Vgl. z. B. über die absichtliche Abänderung des ursprünglich von 
Davids „Konstellation" (d. h. durch sein Gestirn von Gott prädestiniertem 
Schicksale) handelnden Textes Sanhedrin 49 a: Bacher, APA 445, sowie 
unten S. 129. In der heutigen Textgestalt der Pesiktba-Stelle ist die Sonne 
statt, wie zu erwarten, an erster, erst an vierter Stelle erwähnt, wo man 
nach der astrologischen Planetenfolge den Mond erwähnt finden sollte, 
der aber ganz fehlt. Vielleicht stand hier ein Mondzug von Jakob oder 
Moses (8. u. Kap. VIII), der dem Sammler von Pes. r. oder einem Späteren 
bedenklich schien, weshalb er das bei der Sonne Gesagte hier einrückte. 
Die Unordnung kann aber auch einfach auf Fahrlässigkeit beruhen ; auch 
der Stil des ganzeu Abschnitts ist salopp. * Hier ist also der un- 

bescheidene Wunsch des Hermes-Merkur (Odyssee VIII 339 ff.) erfüllt. In 



124 Kap. V. Astrologisches. 

trennt ist [Opposition der Gestirne], dann aber sich mit ihr 
gattet [Konjunktion]. Weil ferner Gott voraussah, daß einst 
die „Völker der Welt" über Israel herrschen würden, erschuf 
er den Saturn (toid) 1 . Weil Gott voraussah, daß er über 
Israel einst ein Strafgericht verhängen werde, erschuf er den 
Jupiter (pns) 2 . Weil Gott voraussah, daß die Frevler „in 
die Hölle fallen, die der Sonne gleich ist" (!), erschuf er den 
Mars (tnaro) 8 . Weil Gott voraussah, daß einst (der als eine 
Art Weltheiland bei den Rabbinen erscheinende) Abraham 
von ihm der Welt geschenkt werden würde, erschuf er dessen 
Symbol (s. u. S. 130 und 164) die Sonne. 



dem ganzen Mythos dort von Ares-Mars und Aphrodite- Venus sind astrale 
Grundzüge sichtbar, z. B. schon in den verwandten Beiwörtern: „Heph aistos 
der Langsame 11 (330) mit der „kreisförmigen Fessel 11 (278) weist au£ den 
langsamsten der Planeten, den Saturn (mit seinem Ringe) hin ; der Saturn- 
ring ist in südlichen Gegenden dem bloßen Auge sichtbar. Mit Helios 
teilt der „fernhinschießende Herrscher 11 Apoll den Sonnencharakter; Hermes, 
der „Bringer des Heils" und „Bote des Zeus* ist der glückbringende 
Merkurstern, den wir oben (S. 118) als „Schreiber der Sonne* kennen 
lernten; die „goldene Aphrodite" ist der goldigstrahlende (rttis!) Venus- 
stern; vgl. S. 123 das „Lachen" der Planetengötter. Die astrale Situation 
ist m. E. der März, die Zeit des erwachenden Naturtriebes; die unter- 
gehende Sonne schaut die am 22. am hellsten strahlende Venus und den 
Mars gepaart am abendlichen Westhimmel, wo im Januar Saturn zu sehen 
war, dessen Haus daher jener Teil war. Jetzt ist Saturn fortgegangen (294). 
Auf) die Nachricht des Helios von dem Geschehenen (279. 302) kehrt er 
im April wieder, Venus wird auf eine Weile unsichtbar, geht nach dem 
Osten (Cypern!), um dann in neuer Frische, und zwar nun als Morgen- 
stern, zu erscheinen. — Auch bei manchen anderen Mythen, die mit 
griechischen verwandt sind, hat der Midrasch den astralen Grundgedanken 
deutlicher bewahrt; wenn der Jäger Apollo die Jungfrau Daphue ver- 
folgt, so denken wir schwerlich daran, daß hier eine Hundstagskonstella- 
tion zugrunde liegt, bei der die sommerliche Glutsonne (AtcqIXvcov, Nergal; 
5 in Kontraposition mit der Sonne, am längsten sichtbar) den Morgen- 
stern (Venus) verfolgt, der aber bald verschwindet; doch ist bei der 
erfolglosen Verfolgung der Istehar (&6trJQ, rttl3, Venus) durch einen 
„Göttersohn" (vgl. unten S. 143, 145) die Sache ganz klar. 1 Das 

ist der babylonische Nergal, die Unterwelts-, Winter- und Unheils- 
Gottheit. — Saturn heißt bei Schiller (Piccolomini , 116) „der Unter- 
irdische . . . mit dem bleichen, bleifarbnen Schein" und (Wallensteins Tod, 
1 1) „der über allem, was das Licht scheut, waltet". 2 p13fc = Recht, 
Gerechtigkeit, vgl. S. 118, 121, sowie unten S. 132 (Abraham). 8 D*1M 
= der Rötliche. Im babylonischen Astralsystem ist durch ihn Ninib re- 
präsentiert; vgl. ATAO 2 127: „Ninib ist nach seinem solaren Charakter ^er 
eigentliche Vertreter der Glut- und Sommersonne. Sein Reich ist das 
Feuerreich ... Ninib wechselt mit Nergal* usw. 



1. Die astrologische Theorie. 125 

Nur ganz kurz sei hier auf die (noch heute in Volkskalendern 
zu findende) Vorstellung hingewiesen, daß wie über Stunden 
und Tage 1 , so auch über die ganzen Jahre die 7 Planeten 
abwechselnd regieren, wodurch Jahrwochen entstehen, die 
den Babbinen u. a. auch aus Daniel geläufig sind 2 . 

Neben der zeitlichen Aufeinanderfolge der Planeten in 
ihrer Stundenbeherrschung usw. kommt bei dem astrologischen 
Kalkül des allgemeinen Lebensgeschicks wie der nächsten Zu- 
kunft eines Menschen auch der Ort 8 in Betracht, an dem 
die entscheidenden Sterne zu einer bestimmten Zeit zu sehen 
sind, z. B. in welchem der 12 Häuser 4 des Himmelsplans 
der Geburtsplanet sich da befindet, welche Stellung er zu den 



1 Auch die halben Monate (im Sonnenjahr zu je 15 Tagen) bilden 
planetarische Einheiten, die zwischen den Tagen und dem Jahre stehen. 
Wenn z. B. in der 1. Stunde des Halbmonats die Sonne regiert, so ist 
sie Regentin des Haibmonats. So werden nun die 24 Halbmonate des 
Jahres der Reihe nach von den Planeten regiert, wie die 24 Stunden des 
Tages, wodurch dann wieder für die einzelnen Jahre dieselben Regenten 
nach einander herauskommen, wie für die einzelnen Wochentage. So 
entsteht die astrale Jahrwoche. (Eine Andeutung der Planeten als Jahres- 
regenten fand man in Gen. 1, 14.) 2 Nicht den Planeten, sondern 
gewissen Fixsternkomplexen (Sternbildern), und zwar solchen außerhalb 
des Tierkreises (s. o. S. 71), wird Einfluß auf die Pflanzen zugeschrieben, 
entsprechend deren gegenüber dem wandelbaren Menschengeschick mehr 
stationären Verhältnissen. So heißt es Gen. r., c. 10 (zu 2, 1): „Rabbi 
Chanina bar Papa und Rabbi Simon sagen: Das Siebengestirn (nE"*3, 
die Plejaden) macht die Früchte wohlschmeckend, der Orion (^03) macht 
die Knoten in den Pflanzen, laut Hiob 38, 32. Nach Rabbi Thanchuma bar 
Rabbi Chijja und Rabbi Simon ist nTTJtt (ibid.) ein Gestirn, das die Früchte 
weich macht" (doch vgl. S. 156). Gleichwie die Planeten für alle Menschen 
schicksalsbedeutend sind, so wirken diese Pflanzensternbilder auf alle 
Pflanzen ein ; sie und die Planeten regieren die allgemeinen Verhältnisse 
der Pflanzen bezw. Menschen, während wir oben (S. 41, 43, 70 f.) einzelne 
Fixsterne als Repräsentanten (Hüter) einzelner Völker-, Menschen- und 
Pflanzen -Individuen sahen. Die Tier kreisbilder, die im Gegensatz zu 
den Pflanzensternbildern die 12 Stämme repräsentieren, haben dadurch 
eine gewisse astrale Ausnahmebedeutung, wie ja auch die 12 Stämme 
innerhalb der Menschheit etwas Besonderes sind. 8 Vgl. Schiller, 
Piccolomini II 1 (Seni): „Mein Sohn, nichts in der Welt ist unbedeutend ; 
das Erste aber und Hauptsächlichste bei allem irdischen Ding ist Ort 
und Stunde*. * Vgl. m. Kabbalah, S. 116; ferner Schiller, a.a.O. 
II 6: „Die rechte Sternenstunde auszulesen, des Himmels Häuser 
forschend zu durchspüren, ob nicht der Feind des Wachsens und Ge- 
deihens in seinen Ecken schadend sich verberge* (Wallensteins Tod I 1: 
Der „tückische Mars" usw.). Schema der „12 Häuser* auf S. 123. 



126 Kap. V. Astrologisches.. 

anderen Planeten einnimmt 1 , ob kein „maleficus" (p**?) 2 eine 
günstige Konstellation verhindert oder stört, kurz, welche 
„Aspekte" die Sternenschrift da droben bietet. So fühlt sich 
(Gen. r., c. 44; s. u. S. 132) Abraham „vom Aspekt geängstet", 
es möchte - ihm Nachkommenschaft versagt sein, weil der 
Jupiter 3 „in cadente domo" steht usw. Diese Andeutungen 
mögen genügen, da ich hier keine rabbinische Astrologie zu 
schreiben habe. 



2. Astrologie und Monotheismus. 

Das Charakteristische der bisher erörterten astrologischen 
Anschauungen der Eabbinen ist die Konsequenz, mit der diese 
jüdischen Denker ihr monotheistisch-spiritualistisches Prinzip 
der Willensfreiheit trotz allem festhalten, und die sinn- 
reiche Art und Weise, wie sie mit ihm die altorientalischen 
heidnisch-astralen, im letzten Grunde fatalistischen oder min- 
destens deterministischen Vorstellungen auszugleichen suchen. 
Nachdem Paulus das ihm nicht in astraler, sondern bereits 



1 Geviertschein, Doppelschein (a. a. 0., 1 1), Sextilschein usw. Vgl. 
ferner: (die Venus) „ist jetzt in ihrer Erdennähe und wirkt herab mit 
allen ihren Kräften". fl A. a. 0.: „Glückseliger Aspekt! So stellt 

sich endlich die große Drei verhängnisvoll zusammen, und beide Segens- 
sterne, Jupiter und Venus, nehmen den verderblichen, den tückischen 
Mars in ihre Mitte, zwingen den alten Schadenstifter, mir zu dienen; 
denn lange war er feindlich mir gesinnt . . . und störte ihre segensvollen 
Kräfte". — „Die beiden großen Lumina, von keinem malefico beleidigt; 
der Saturn" [der verzögernden, aufhebenden, entmutigenden Einfluß hat] 
„unschädlich, machtlos, in cadente domo". — p^Ttt ist auch Be- 
zeichnung für schädliche Dämonen (s. unten S. 142). 8 P*J^r, s. oben 
S. 118, 121. Der „Gerechte" unter den Planeten ist (zugleich mit der 
Sonne, s. S. 130, 132) der Stern des gerechten Abraham. In der angeführten 
Erzählung steht er bei Abrahams Sternenschau dem Untergange nahe im 
Westen: der Glücksstern in cadente domo, ein übler Aspekt. (Ebenso 
ist das Stehen des Jupiter in cadente domo bei der Geburt verhängnis- 
voll ; vgl. Piccolomini, II 6 : „Dir stieg der Jupiter hinab bei der Geburt, 
der helle Gott" usw. Sonst haben die unter der Herrschaft des Jupiter 
Geborenen nach derselben Stelle Einsicht in das Verborgene (vgl. unten 
S. 130 über Abrahams astrologische Weisheit). Die „hellgebor'nen heitern 
Joviskinder" verstehen „die Geisterleiter, die aus dieser Welt des Staubes 
bis in die Sternenwelt mit tausend Sprossen hinauf sich baut, an der die 
himmlischen Gewalten wirkend auf und nieder wandeln — die Kreise in 
den Kreisen, die sich eng und enger ziehn" usw. 



2. Astrologie und Monotheismus. 127 

in spekulativ-griechischer Form entgegentretende Problem des 
Ausgleichs zwischen Determination (Prädestination) und Willens- 
freiheit bereits gelöst 1 , findet sich auf Grund von Ansätzen 
Akibas 2 im Anf . des 2. Jahrh. bei dessen Schuler Simeon ben 
Assai ein Lösungsversuch in dem Sinne, daß äußere Guter 
wie Name (wozu auch das physische Geschlecht gehört), Platz 
(Wohnort und Beruf), Habe, Ehre und Macht vorherbestimmt 
seien 8 , dagegen die Initiative zum Guten oder Bösen dem 
von Gott gegebenen freien Willen entspringe, während hin- 
wiederum die Konsequenzen dieser Initiative nach dem Kausal- 
gesetze verlaufen 4 . Darin stimmen (s. oben S. 61 u. 120) auch 
die Eabbinen des 3. und 4. Jahrhunderte mit ihm überein, 
daß langes Leben, Kinder, Wohlstand, Kraft, Reichtum, auch 
Begabung 5 , sowie das Gegenteil dieser Gaben von göttlicher 
Vorherbestimmung abhängig sei, nicht vom sittlich-religiösen 
Verhalten — sie sind eben im Grunde genommen adidffoga neben 
dem höchsten irdischen Besitze des Menschen, der Gottesfurcht 6 , 
die von dem freien Entschlüsse abhängt, das angebotene 7 gött- 
liche Gute zu wählen. Wenn das Haben oder Nichthaben 
jener ädtcupoga auf den Einfluß des „Gestirns" (bm) zurück- 
geführt wird, so bleibt sich doch jeder auf diesem Standpunkt 
stehende Rabbi bewußt, daß ja das „Gestirn" auch eine 
Schöpfung Gottes, die Vorherbestimmung oder der Wechsel 
des menschlichen Geschicks unter dem Einflüsse des Gestirns 
also auch göttliche Fügung und Schickung, kein blindes Fatum 
ist. Das bedeutet Überwindung des heidnischen Determinis- 
mus (Fatalismus), und darin liegt die Superiorität der jüdischen 
Weltanschauung über die altorientalische 8 . Wenn gegenüber 



1 Und zwar gerade durch Gedankengänge, auf die der Rabbinismus 
erst später gekommen ist. * Aboth 3, 15: Alles ist vorgesehen, aber 

(Wahl-)Freiheit ist gegeben. 8 Mechiltha zu Exod. 15, 26 (46b). 

* Vgl. Bachers treffende Erläuterung AgT I 415 (F 412). b Vgl. 

Anmerkung 1 zu S. 120. 6 Niddah 16 b, Megillah 25 a, Berachoth 

33 b (mit Bezug auf Deut. 10, 12): 0-73» ntf-Ptt -pn WWB ■H'O bsn, 
als Ausspruch des R. Chanina bar Chama; s. oben S. 61, vgl. S. 120. 

7 Es ist allenhalben (vgl. z. B. Abodah sarah 5 a; Lev. r., c. 2 sub 
init.) zu findende rabbinische Anschauung, daß Gott vor der Gesetzgebung 
am Sinai allen Völkern die heilsame Lehre, seine Thorah angeboten habe; 
aber nur die Israeliten hätten sie angenommen, mit den Worten: Alles 
was der Herr geboten hat, wollen wir tun. 8 Bei keinem einiger- 

maßen bedeutenden jüdischen Schriftsteller findet sich eine absolute 
Leugnung der Willensfreiheit. Selbst der konsequenteste aller Deter- 
ministen, der aus dem Judentum hervorgegangene Spinoza (der dem 



128 Kap. V. Astrologisches. 

dieser Theorie andere Rabbinen betonen, daß auf Israel das 
„Gestirn" keinen Einfluß habe 1 , so darf man nicht nach dem 
billigen Rezept moderner Quellenscheiderei hierin einen prin- 
zipiellen Gegensatz sehen, sondern — abgesehen von der nicht 
unbegründeten 8 Annahme, daß für Flach- und Spitzköpfe, 
Banausen und ernste Grübler ein Mißverständnis dieser Theorie 
die Gefahr des Fatalismus in sich berge — lediglich das stärker 
betonte Bewußtsein, daß Israel, historisch als Gottesvolk be- 
trachtet, sich schon am Sinai für das wahrhaft Gute, für 
Gott und Gottesfurcht entschieden habe 8 , und daß der Fromme, 
der „Israel" im höchsten Sinne, hinsichtlich seines sittlich- 
religiösen Wesens ebenso über den Schicksalseinfluß erhaben 
sei, wie sein Gott über das „Gestirn". Für des Weltlaufs 
Deutung also immerhin die Astrologie, für den Einblick in 
die Heilsgeschichte aber die Prophetie! 4 (Vgl. S. 129, 130 f.) 
Darin sind beide Richtungen einig. 

So erklärt sich auch die sonst befremdliche Tatsache, 
daß derselbe Rabbi Chanina bar Ghama, der in seinem 
(S. 61, 127) zitierten Ausspruche den Gottesfürchtigen als solchen 
ausdrücklich vom Schicksalseinfluß ausnimmt, dennoch be- 
haupten kann, niemand verwunde sich hienieden auch nur den 
kleinen Finger ohne himmlische Vorherbestimmung (Chul- 
lin 7b) 6 , und daß er (Schabbath 156b unten) sagt: „Das 



Rabbinismus viel mehr entlehnt, als allgemein bekannt ist), kann den Deter- 
minismus nicht rein durchführen, da er dem Menschen die Möglichkeit 
und die Pflicht zuerteilt, sich durch immer vollkommeneres intelligere 
aus der Knechtschaft des konfusen Denkens zu befreien. 1 Auf den 

Frommen überhaupt erweitert (im Ggs. zu dem unter dem Verhängnis 
stehenden Nichtfrommen) von Hab Nachman bar Samuel in Gen. r., c. 10 
zu 2, 1: „Ist der Mensch (durch Frömmigkeit) würdig, so ist das Heer 
(von Himmel und Erde) ihm unterworfen; ist er's nicht, so ist er dem 
Heere unterworfen 1 *. 2 So wurde z. B. der hochbegabte Rabbi Elischah 

ben Abujah, der Lehrer des berühmten Rabbi Mei'r, durch seine astral- 
metaphysischen Spekulationen zum Apostaten (Acher), s. oben S. 79 \ 

8 Gott bot (S. 127 7 ) die Thorah allen Völkern an, doch nur Israel war 
zur Annahme bereit! 4 „Ein Prophet sollst du sein und kein Astrologl* 
So spricht Gott (Gen. r., c. 44, s. unten) zu Abraham,- wo es sich um die 
heilsgeschichtlich wichtige Tatsache der Nachkommen A.s handelt. Im 
übrigen hatte A. auch reiche astrologische Gaben empfangen (S. 130 ff.). 

6 Dagegen ist es lediglich eine psychologische Beobachtung, wenn 
(Gen. r., c. 67 [3] zu 27, 33) der bekannte Aggadist Rabbi Levi sagt, die 
Funktionen von Auge, Ohr und Nase unterlägen nicht dem menschlichen 
Willen, wohl aber die von Mund, Hand und Fuß. Er will damit lediglich 
sagen, daß wir uns bei den Empfindungen, die unwillkürlich geschehen, 



3. Astrologische Berichte. . 129 

Gestirn hat auch auf Israel Einfluß!" (banra-'b bto «■») — näm- 
lich hinsichtlich der ethischen adidtfoga Begabung und Reich- 
tum (-pwaro bra o^arfo br»). 



3. Astrologische Berichte. 

Beide Richtungen sind auch über folgendes einig : a) daß 
jedermann, auch ein Heide oder Unfrommer, in den Sternen 
das Geschick mittels Astrologie lesen könne; b) daß jedoch 
— und dies ist für die Rabbinen charakteristisch — die 
Heiden, wo es sich um Heilsgeschichtliches für Israel handelt, 
mittels ihrer Astrologie zuweilen eine äußere Tatsache richtig 
erkunden, sie aber falsch deuten, weil ihnen die prophetische 
Einsicht in die heilsgeschichtliche Entwicklung fehlt ; c) daß 
Gott der Herr die auf astrologischen Erfahrungen oder Be- 
obachtungen beruhenden Pläne der Feinde Israels durch seine 
Auserwählten unschädlich machen läßt. — Zu a: In dem Gen. 
r., c. 1 [4] angeführten Gleichnis wird Gott, der voraussieht, 
daß nach 26 Generationen Israel die Thorah empfangen werde, 
mit einem Könige verglichen, der durch Astrologie voraus- 
schaut, daß er einen Sohn bekommen werde. In einem anderen 
Gleichnisse (1. c, c. 63 [2]) wird Gott, der Abraham vom Feuer- 
tode aus Nimrods Händen rettet, weil er (Gott) voraussieht, 
daß von Abraham Jakob abstammen werde, mit einem Stra- 
tegen (römischen Prätor) verglichen, der durch Astrologie 
vorausschaut, daß die noch ungezeugte Tochter eines zum 
Feuertode Verurteilten einst den Sohn des Königs heiraten 
werde, und deshalb den Verurteilten freiläßt. Nach dem rich- 
tigen * Texte von Sanhedrin 49 a (vgl. Bachee, APA I 445 4 ) 
sagt Rabbi Jose ben Chanina (3. Jahrh.), Joab habe deshalb 
sich nicht an Absalom angeschlossen, weil damals noch Davids 
„Konstellation" in Kraft gewesen sei, nämlich weil die vom 
Geschick bestimmte Dauer der Regierung Davids noch nicht 
abgelaufen war. — Zu b: „Rabbi Josua ben Levi (3. Jahrh.) 

rezeptiv verhalten, beim Sprechen und Bewegen, die Willenshandlungen 
sind, spontan. 1 Um das Astrologische hier hinauszubringen, hat 

man schon in alter Zeit den Text gefälscht und aus dem nach Rabbi- 
nowicz (Dikduke Sophrim) ursprünglichen nfc^p TH b« rvwMüat« ge- 
schrieben: "J^T • • • ^"ttÜfcJB „die Vorkämpfer (seines Heeres) waren 
kräftig"*. 

Biaohoff, Baby Ionisch- Astrales. 9 



130 Kap. V. Astrologisches. 

sagt: Potiphars Frau hatte durch Astrologie geschaut, daß 
sie durch Joseph Nachkommenschaft erhalten werde; sie wußte 
aber nicht, daß sich dies auf ihre Tochter 1 bezöge" (Gen. r., 
c. 85 Auf., zu 43, 1). „Rabbi Chama bar Chanina (3. Jahrh.) 
sagt: Die Astrologen Pharaos sahen, daß Israels Erlöser (Moses) 
durch Wasser geschlagen werden würde. Daher verordneten 
sie: ,Alle Knaben die geboren werden, werft in den Nil* (Exod. 
1, 22); sie wußten aber nicht, daß er (Moses) wegen des Vor- 
falls beim Haderwasser geschlagen werden würde" (Sanhe- 
drin 101b; vgl. Sotah 12 b). — Zu c: In jer. Rosch ha-schanah 
59 a oben (vgl. S. 118 Anm.) berichtet Rabbi Josua ben Levi, 
daß Amalek (Exod. 17) beim Kampfe wider Israel sich der List 
bedient habe, solche Krieger vorzuschicken, die an diesem 
Tage ihren Geburtstag hatten, weil nicht leicht jemand an 
seinem Geburtstage stirbt; Moses aber brachte durch das Er- 
heben seiner Hände (v. 11; Habakuk 3, 10 f.) den astralen 
Einfluß in Verwirrung. Nach Rabbi Isaak (Pesiktha 34 a) 
ließ der König von Ägypten auf Salomos Bitte um Über- 
sendung von Bauleuten zum Tempelbau durch seine Astrologen 
solche auswählen, deren Tod sie in den Sternen vorausgeschaut. 
Salomo aber „sah durch den heiligen Geist" (durch das nvtu- 
fjtcc nQo<pnT&i(XQ\)) daß sie noch selbigen Jahres stürben, und 
sandte sie daher mit Totengewändern versehen zurück. 
Hierauf wird I Reg. 5, 10 angewandt, daß Salomos Weisheit 
größer als die Ägyptens gewesen sei. 

Auch dem Abraham hatte Gott astrologische Gaben 
verliehen. Hiervon heißt es Baba bathra 16 b (vgl. ganz 
kurz Joma 28 b): „Rabbi Elieser aus Modaün (Ende 1. Jahrh.) 
sagt: Ein astrologisches Amulett befand sich auf dem Herzen 
[oder : Astrologie wohnte im Herzen] unsers Vaters Abraham, 
und alle Könige des Ostens und Westens kamen frühmorgens 
zu seiner Tür. Rabbi Simeon ben Jochai sagt: Ein Edelstein 
hing am Halse unsers Vaters Abraham, und jeder Kranke, 
der ihn sah, wurde gesund. In der Stunde, da unser Vater 
Abraham von (dieser) Welt schied, hängte der gebenedeite Gott 
den Stein an die Sonnenscheibe. Abaje sagt: Deshalb sagen 
die Leute: Hebt sich die Sonne, so hebt sich [wird leichter] 
die Krankheit." Als jedoch Abraham, damals noch Abram, 



1 Der Midrasch nimmt hier die Asnath, Tochter des Priesters Poti- 
phera von On (Gen. 41, 50) , als Tochter des Potiphar und seiner Frau. 



3. Astrologische Berichte. 131 

infolge seiner astrologischen Gestirnbeschauung, die ihm keine 
Nachkommenschaft zeigte, betreffs der göttlichen Verheißnng 
einer solchen in besorgtem Zweifel war, zeigte ihm Gott, daß 
über heilsgeschichtliche Tatsachen die Astrologie keine treue 
Kunde liefere. In zwei verschiedenen Fassungen ist uns hier- 
über berichtet. Die palästinische Fassung der Legende lautet 
Gen. r., c. 44 (zu 15, 5): „Er ließ ihn hinausgehen (v. 5). 
Eabbi Josua von Sichnin berichtet als Ausspruch des Rabbi 
Levi (3. Jahrh.): Ließ er ihn von der Welt abscheiden? Nein, 
er zeigte ihm die Himmelsstraßen (vgl. S. 6 *) laut Prov. 8, 26. 
Rabbi Jehudah berichtet als Ausspruch des Rabbi Jochanan 
(3. Jahrh.): Er erhob ihn über die Veste (den Rakia. S. unten 
S. 156) und sprach zu ihm: Schau' hinrfnter nach dem 
Himmel, schaue von der Höhe zur Tiefe! Die Rabbinen sagen, 
Gott habe gesprochen: Du sollst ein Prophet sein, 
aber kein Astrolog! (Laut Gen. 20, 7.) <In den Tagen 
des Jeremias wollten die Israeliten zur astrologischen Wissen- 
schaft gelangen; doch laut Jer. 10, 2 ließ Gott es nicht zu. 
(Er sagte:) Schon euer Vater Abraham wollte zu dieser Wissen- 
schaft gelangen ; ich aber ließ es nicht zu.> Rabbi Levi sagt 
(Gott habe das Sprüchwort zitiert): Während du Sandalen an 
den Füßen hast, tritt auf den Dornbusch. (D. h.:) Wer drunten 
auf Erden ist, mag sich vor ihnen (den Gestirnen) fürchten; 
du jedoch, der du über ihnen bist, sollst sie niedertreten" \ — 
Die babylonische Fassung lautet Schabbath 156 ab (vgl. Ne- 
darim 32 a): „Rab Jehudah berichtet als Ausspruch Rab's 
(3. Jahrh.): Woher (weiß man), daß über Israel das Gestirn 
keine Macht gibt? Weil es heißt (Gen. 15, 5): ,Und er führte 
ihn hinaus ins Freie*. Abraham sprach vor dem gebenedeiten 
Gott: Herr der Welt, ,ein Leibeigener (Ismael als Sohn Hagars) 
wird mich beerben* (v. 3)! (Gott) sprach zu ihm: ,Nein, sondern 



1 Es folgt noch: „R. Jehudah sagte im Namen des Rabbi Eleasar 
(3. Jahrh.): Drei Dinge zerreißen das Verhängnis: Gebet, Wohltätigkeit 
und Buße (s. o. S. 62 l Ende). . . . Rab Huna bar Rab Joseph (4. Jahrh.) 
fügt hinzu : Veränderung des Namens und gute Werke. . . . Manche fügen 
noch hinzu: Ortsveränderung *. — L. c. zu v. 14 kommt die astrale Zahl 72 
vor: „Rabbi Eleasar . . . sagt: . . . Gott sagte unserm Vater Abraham 
zu, dessen Nachkommen zu erlösen; wenn sie Buße täten, würde er sie 
mit 72 Buchstaben erlösen. . . . R. Abin (4. Jahrh.) sagte: Mit seinem 
72-buchstabigen Namen wird Gott sie erlösen." (In Deut. 4, 34 sind ohne 
das zweite "H3 72 Buchstaben enthalten; vgl. auch Bacher, ABA 17 ff. 
über den 42- und 12-buchstabigen „Namen*.) 

9* 



132 Kap. V. Astrologisches. 

einer, der von deiner Hüfte kommen wird, soll dich beerben*. 
Da sprach er (Abr.): Herr der Welt! Ich habe durch Astro- 
logie geschaut, daß ich nicht ausersehen bin, einen Sohn zu 
erzeugen! Darauf sprach (Gott): Hinaus aus deiner Astro- 
logie! Denn das Gestirn hat keine Macht über Israel! Solltest 
du meinen (du bekämst keinen Sohn), weil [b] der Jupiter 
(p-is) 1 im Westen steht, so will ich ihn umkehren und im 
Osten stehen lassen! <Daher heißt es: Wer hat Gerechtigkeit 
(pns = den Jupiter) vom Osten her erweckt? (Jes. 41, 2).>" 
— Eine dritte Fassung (palästinisch) aus dem 4. Jahrh. lautet 
Gen. r., c. 44 (zu 15, 3): „Abraham sprach: Du hast mir keinen 
Samen gegeben. Rabbi Samuel bar Rabbi Isaak sagte (er 
habe gemeint) : t)as Gestirn bedrängt [ängstigt] mich und sagt 
mir: Abram, du wirst keine Nachkommen erhalten. Da sprach 
der gebenedeite Gott: Abram freilich nicht, wohl aber 
Abraham; Sarai, dein Weib, wird freilich keine Kinder 
haben, wohl aber Sara!" — Endlich seien aus dem palästi- 
nischen Thalmud noch ganz kurz zwei ebenfalls dem 4. Jahr- 
hundert angehörige Berichte erwähnt. Der erste (jer. Schab- 
bath 15 d, vgl. Nedarim 38 d) führt uns die Mitte jenes Jahr- 
hunderts, in die schwere Zeit, wo das Heer des Ursicinus 
(Feldherrn des Mitkaisers Gallus) auf dem Zuge nach Persien 
in Tiberias hauste, dessen Schulhaupt Rabi Jona war (vgl. 
Bacher, APA HI 220 f.). Im Hause des Rabbi entsteht an 
einem Sabbath Feuer. Sein Nachbar, ein Nabatäer, eilt zum 
Löschen herbei, zumal sein Besitz durch die Feuersbrunst ge- 
fährdet erscheint; doch R. Jona erlaubt das Löschen nicht. Da 
fragt jener: „Ist mein Besitz auch unter dem Schutze deines 
Glückssterns? Rabbi Jona erwiderte: Er ist's." Und alles 
läuft gut ab. — Wirklich antiastral ist im Grunde nur folgende, 
jer. Schabbath 8d von Rab Huna (4. Jahrh.) überlieferte Anek- 
dote von „einem Proselyten, der früher Astrolog war". Als 
dieser einmal auszugehen gedenkt, will er seiner alten Ge- 
wohnheit gemäß erst forschen , ob die S t u n d e günstig fürs 
Ausgehen sei, doch besinnt er sich, daß er sich ja der 
„heiligen Nation" angeschlossen habe, und sagt entschlossen: 
„Ich will in meines Schöpfers Namen ausgehen". 

1 Vgl. S. 118, 121. Im babylonischen Astralsystem ist Marduk so- 
wohl repräsentiert durch Jupiter, wie durch die Frühlings- und Morgen- 
sonne (ATAO 8 24, 29, 31). Ebenso steht Abraham hier astrologisch in 
Beziehung zu Jupiter wie (S. 130 und 164) zur Sonne. 



3. Astrologische Berichte. 133 

Nicht unbedingt auf Astrologie bezüglich könnte die 
(übrigens vereinzelte) Auslegung des Rabbi Jose (3, Jahrh.) 
von Gen. 6, 2 (Gen. r., c. 26) scheinen : die Menschen zu Noahs 
Zeit hätten deshalb „Göttersöhne" geheißen, weil ihnen ein 
langes leidfreies Leben zu dem Zwecke verliehen worden sei, 
„daß sie die Umläufe der Gestirne und deren Berechnung ver- 
stehen sollten" (und diese Kenntnis ihren Nachkommen über- 
liefern könnten); sie hätten aber von dieser Gelegenheit keinen 
Gebrauch gemacht, sondern sich lediglich mit niederen irdi- 
schen Dingen befaßt. — Es könnte schließlich hier nur von 
astronomischer Berechnung der Festzeiten geredet werden 
sollen. Dann bliebe aber unerklärt, warum jene Leute gerade 
„Gott er söhne" genannt seien; wegen Frömmigkeit doch eben 
nicht, o^nb« = Götter wird hier offenbar auf die Gestirne 
als Schicksalslenker gedeutet, und die „Berechnung" der Ge- 
stirne soll wohl astrologischen Zwecken dienen. Es war ihnen 
also Gelegenheit gegeben, wenigstens die niedere Form der 
Offenbarung Gottes aus seinen Werken, aus dem Wunderwerk 
des Himmels, zu erfassen; doch selbst das taten sie nicht. 
Wenn wir uns erinnern, daß noch für einen Luther und 
Melanchthon Astronomie und Astrologie eng verbunden waren, 
werden wir von einem Rabbi des 3. Jahrhunderts keine 
moderne Scheidung beider verlangen. Und so dürfen wir 
denn wohl auch die oben (S. 13 f.) aus Schabbath 75 a zitierten 
Aussprüche über die Pflicht des Menschen, astronomische 
Beobachtungen und Berechnungen anzustellen, zugleich in 
astrologischem Sinne verstehen, natürlich in dem des öfteren 
betonten jüdisch-astrologischen Sinne, daß göttliche Schickung 
es ist, die sich in der Sternenschrift dem Kundigen offen- 
bart, daß nur des Weltlaufs Vorgänge sich dort im voraus 
spiegeln, und daß Gebet und Reue das Geschick zerreißen, 
da nicht ein Fatum, sondern ein allmächtiger Gott das Welt- 
all lenkt! (Vgl. S. 62 2 , 127, 131 \) 

Daß neben den ständigen Himmelserscheinungen auch 
vorübergehende, wie z. B. die Kometen, Schicksalsbedeutung 
haben, zumal außerordentliche Ereignisse anzeigen, ist nicht 
nur altorientalische Anschauung; „Kometen sieht man nicht, 
wenn Bettler sterben", das hören wir auch bei Shakespeare 
(Julius Cäsar), und der Kapuziner in Wallensteins Lager 
spricht nur die monotheistische Form dieser Anschauung aus, 
wenn er Gott „den Kometen wie eine Rute drohend zum 



134 Kap. V. Astrologisches. 

Himmelsfenster hinausstecken 1 läßt". Da indessen die Ko- 
meten nur außerordentliche Erscheinungen auch für die Astro- 
logie sind und von den Rabbinen mehr nach ihrer astrono- 
mischen Natur behandelt werden, erwähne ich das über sie 
Gesagte zusammen mit den Äußerungen, in denen m. E. das 
Astronomische über das Astrologische überwiegt; vgl. S. 158. 

Zum Schlüsse dieses Kapitels, das aus dem überreichen 
Stoffe nur das Allernötigste bieten konnte, möchte ich wenig- 
stens die Frage auf werfen, ob nicht auch die Verwendung 
von Monatsnamen 2 als Personennamen astralen Hinter- 
grund hat. Die aus dem Exil mitgebrachten 3 Monatsnamen 4 
haben, wie z. B. der Sivan und Thammus, noch besondere 
astrale Beziehungen (vgl. ATAO 2 37 u. ö.). 

Für die hier zu behandelnde Zeit des Babbinismus bis 
etwa 500 n. Chr. sind mir (aus Bachee 6 ) nur zwei dem 
4. Jahrhundert angehörige Fälle solcher Verwendung von 
Monatsnamen bekannt: die Personennamen Rabbi Jehudah 
bar Thammussah (nrnan ^a rvnrr, jer. Megillah 75b 39 ) und 
Babbi Dosa bar Tebeth (nara na «ort, Schir r. zu 7,8). 
Sie bedeuten wohl, daß diese Männer im Monat Thammus bezw. 
Tebeth geboren sind 6 oder sonstwie mit diesen Monaten in 



1 Nach R. . Huna bar R. Josua (Berachoth 58 b unten) reißt der 
Komet den Himmelsvorhang durch. 2 Der Monat als Teil des Sonnen- 
oder Mond-Jahres ist ja an sich schon eine astrale Größe. 3 Als vor- 
exilische finden wir im A.T. : Abib = Nisan , Siv = Jjjar , Ethanim = 
Thischri, Bul = Marcheschwan. 4 Nisan (März- April), Jjjar (April- 

Mai), Sivan (Mai-Juni), Thammus (Juni-Juli), Ab (Juli- Aug.), Elul (Aug.- 
Sept.), Thischri (Sept.-Okt.) , Marcheschwan (Okt.-Nov.), Kislev (Nov.- 
Dez.), Tebeth (Dez.-Jan.), Schebat (Jan.-Febr.), Adar (Febr.-März). 

5 APA 202; ferner 694 7 , wo B. hinzufügt: „Aus späterer Zeit habe 
ich den Namen ynömtt [Marcheschwan] gefunden , s. Revue des Etudes 
Juives XXIX 295. In der Allg. Ztg. d. Judent. 1896, S. 100, wird aus 
d. J. 1884 ein persischer Jude namens "JÖ^ [Nisan] erwähnt, der persisch 
Newruz (,Neujahr 4 ) hieß". Ich selbst kenne einen Juden namens "|J""C! 

6 Anderweite von Monatsnamen abgeleitete Personennamen z. B.: 
Quintilius (v. Monat Quintilis), Sextilius; Januarius (Bischof v. Benevent, 
unter Diokletian), Junius Majus (Philolog in Neapel, 1475), Pietro Can- 
dido Decembrio (Biograph aus Pavia, gest. 1477); bei uns von altdeutschen 
Monatsnamen : Härtung, Hornung, Heuert (Hoyer usw.), Scheiding (Schä- 
ding usw.), Gilbhard (Gilbert, Gebhard usw.), Nebeling (Nobiling usw.), 
endlich vom Windelmond (Dezbr.) = Wendemonat: Windelband usw.; 
ferner: Mai, May usw. — Von Wochentagen: Sabbathai, Scheftel; Gio- 
vanni Sabbadino degli Arienti (ital. Novellist, geb. 1475); Sabatier (Prof. 
d. Theol. in Paris, gest. 1892); Sonntag; Freitag (von Robinson an diesem 



1. Engel. 135 

Verbindung stehen. Die Bezeichnung „Sohn des Thammus" 
würde sich dann erklären aus der Analogie des biblischen 
Sprachgebrauchs, der für „im GbreisenaJter geboren" sagt 
„Sohn des Greisenalters" (o-oipT p), für „in der Nacht ent- 
standen" ebenso „Sohn der Nacht" (nb-»b *p) usw. 



VI. Kapitel. 

Astrale Geister. 
1. Engel. 

Daß die Schutzengel der Länder, Völker und Einzel- 
personen, sowie die Engel-Mitglieder des „oberen Gerichts- 
hofes" astralen Charakter tragen, ist bereits im I. Kapitel (2 B) 
gezeigt worden. Hier sollen — unter selbstverständlichem 
Verzicht auf eine erschöpfende rabbinische Engellehre 1 — 
noch genauere Einzelnachweise gegeben werden. 

Gleich den feurigen Gestirnen (s. o. S. 104) sind die Engel 
aus Feuer geschaffen; noch täglich werden aus dem göttlichen 
Feuerstrom (Nehar di Nur) 2 neue hervorgebracht (Gen. r., c. 78 
und Parallelen). Nach einer anderen Ansicht besteht ihre 
Natur aus einer einträchtigen Mischung von feuriger und 
wässeriger Substanz (jer. Eosch ha-schanah II, 58 a u. ö.), wie 
ja auch die Himmelsfeste so beschaffen ist (Debarim r., c. 12 
u. ö.: w*üq = dto + tb«; s. o. S. 104). Ich sehe hier von den 
vergänglichen, ephemeren Engeln ab (Chagigah 12 b) uAd be- 
handle nur die dauernden. 

„Die Namen der Engel 8 brachten die Israeliten aus 
Babylonien mit", heißt es jer. Bosch ha-schanah 12, und 



Tage befreit), Freytag usw. — Von Fest-Tagen und -Zeiten: Ferialis, 
Jomtob (Jontoff), Feyertag, Holyday; Pessach, Pessachsohn, Paschalis, 
Pascal, Pasch asius, Pasque*, Pasquier, Ostertag, Ostermann ; Natalis, Noel 
(frz. Maler, gest. 1881) usw. usw. 1 Viel Material, auch für die 

spätere Zeit, doch nicht immer genau, in den beiden Teilen des Artikels 
„Angelology* der „Jewisch Encyclopaedia* Bd. I (New- York 1901), von 
L. Blau und K. Kohlbb. — Immer noch wertvoll sind L. Herzfeld's 
Ausführungen in Bd. II seiner Gesch. d. V. Israel (Braunschw. 1859) und 
interessant, wenn auch nicht stets treffend, A. Kohut's parsische Parallelen 
in s. Jüd. Angelol. u. Dämonologie (Leipzig 1866). fl Vgl. S. 104 M 

3 Nach Rabbi Chanina (Gen. r. , c. 48; 3. Jahrh.) auch die [neu- 
babylonischen] Monatsnamen (s. o. S. 134 4 ). 



136 



Kap. VI. Astrale Geister. 



Gen. r., c. 78, sagt Rabbi Simeon ben Lakisch (3. Jahrb.) das- 
selbe von den Engelnamen Michael, Raphael and Gabriel. 
Diese und als vierter der Engel Uriel sind als Fürsten 
der vier Weltgegenden 1 gedacht, wenn (z. B. Henoch- 
buch, c. 70, 7ff.; Pirke R. Elieser, c. 11; Num. r.. c. 2) von 
ihnen gesagt wird, sie ständen auf verschiedenen Seiten neben 
Gottes Throne, und zwar nach P. R. E. Michael rechts, Raphael 
hinten, Gabriel links, Uriel vorn (daher Henochbuch c. 40, 2 
„Phanuel" genannt, vgl. den bibl. „Fürsten des Antlitzes"), 
nach Num. r. ebenso, nur Gabriel vorn, Uriel links, was wohl 
auf verschiedener Kiblah (s. o. S. 105) beruht*. Geläufiger 
als Uriel ist neben den ursprünglichen 8 
drei Erzengeln Michael, Gabriel und 
Eaphael den Rabbinen der Engel Sam- 
mael, der „Linke Gottes", zugleich 
Todesengel und dann auch „Fürst 
Edoms" (Gen. r., c. 77; Sotah 10 h; 
Exod. r., c. 21)*. — Den babylonischen 
sieben Planetengottheiten (und den von 




. Abb. 9. 
Genius in Menschengestalt. 



1 Ebenso in der astralen Kosmologie der 
Babylonier die Beherrscher der vier .Welt- 
Ecken*, wie Jensen-, Jehemiah , Beeb u. a. 
schon erkannt haben. 9 Bei Ost-Kiblah 

wäre Michael = Saturn-Nergal, dem Sabbath- 
gestirn Israels; Raphael = Merkiir-Nebo (wie 
Hermes-Merkur ist er der Geleiter auf der 
Heise [des Tobiaa], im Buche Tobith auch ein 
'At/ye upivrrigl) ; Uriel = Jupiter-Marduk als 
Lichtspender; Gabriel, der nach den Rah- 
binen (Deut, r,, e. 5) .ganz Feuer* ist, wäre 
= Mars-Ninib, dem Vertreter der Glutsonue. — Bei Nord-Kiblah: Michael 
= Marduk- Jupiter (Drachen töter); Raphael = Nergal-Satura (Unterwelts- 
herrscher; die Rephai'm Gen. 6,4 sind nach Thargum Jonathan Unter- 
weltabe wohner; Raphael bedeutet wohl ursprünglich „Riese Gottes*); 
Gabriel = Ninib-Mars; Uriel = Nebo-Merkur, vgl. S. 106 rp 11K! — Bei 
West-Kibjah: Michael = Fürst des Nordhimmels, vgl. seine Stellung im 
himmlischen Heiligtum; Raphael = Fürst des Ostens, vgl. seine Wirksam- 
keit im Osten im Buche Tobith; denn nach Gen. r., c. 68 (zu 28, 12) sind 
die Reisebegleiter im Auslande die dortigen Territorial -Engel; Uriel wie 
oben; Gabriel ab .ganz Feuer" = dem Ncrgal als Gott der Gluthitze 
(ATAO" 127). — Bei Süd-Kiblah (Es. 1 kommt die Thronerscheinung ja von 
Norden): Raphael als Fürst der .Riesen* im Norden; Michael im Westen, 
auf der heiligen Seite der Schechinah (s. o. S. 106) ; Uriel Östlich, Gabriel 
südlieh wie oben. ' Joma 37 a, Baba meeia 86 b als Gäste bei Abra- 
ham. * Als Fürst Edoms ist er = Ninib-Mars (Edom, s. o. S. 121). Da 



1. Engel. 137 

diesen abhängigen oder beeinflußten parsischen 7 amschaspands; 
Hebzfeld II 287) 1 entsprechen die sieben Erzengel, die 
schon Sacharjah 4, 10 angedeutet sind (die sieben Augen Gottes, 
die über die ganze Erde schweifen), und als deren einen sich 
im Buche Tobith (Tobiä) 12, 14 f. Raphael selbst bezeichnet; 
im Henochbuch (ed. Charles p. 357) sind ihre Namen: Uriel, 
Raphael, Raguel, Michael [als Mittelster der Größte!], Sariel 
(Suriel) 2 , Gabriel und Jerachmeel. 

Michael (nebst Gabriel) als Patron Israels s. oben 
S. 42; Dubiel als Patron Persiens (= Beargod; Joma77a 
nach Dan. 7, 5) 8 . — Der „Fürst der Welt" ist sicher nicht 
Michael, wie Blau 1. c. annimmt 4 ; trotz der von Kohles 
1. c. 594 b angeführten modernen Autoren möchte ich auch 
Metatron nicht unbedingt mit dem F. d. W. identifizieren 
— Jebamoth 16, Chullin 60 a, Sanhedrin 94 a reichen nicht 
yoll aus, obwohl starke Ähnlichkeit vorhanden (s. o. 8. 113). 
Sandalphon mag als ovvaöek<pog (nicht Gottes, sondern 
Metatron's und Akathriers, der „Krone Gottes", Berachoth 7 a) 
aufgefaßt werden; an das nördliche und südliche Sternbild 
der Krone ist wohl kaum zu denken. — Über Dumah und 
Lajlah s. o. S. 37, 38 und 61. 

Wie die Gestirne, insonderheit die Planeten, den Natur- 
lauf beeinflussen (s. o. S. 116 ff., 125 2 ), so sehen wir auch Engel 
als Vorsteher von Naturerscheinungen: a) Michael: 
Fürst des Schnees (Num. r., c. 12; Deut, r., c. 5); Gabriel: 
Fürst des Feuers (ibid.); Jorkami: Fürst des Hagels (dgl.); 



man den Tod sich nicht an Gottes Thron gut vorstellen konnte, scheint 
an Sammaels Stelle Uriel gesetzt worden zu sein, der sich nun mit Gabriel 
wegen des ominösen Platzes des „ Linken" stritt. Sammael wurde immer 
mehr zum Dämon. * Ebenso Kohüt, 1. c. 6, Anm. 17; ohne Grund 

von Kohler, 1. c. 589 b bezweifelt. * Suriel wird Berachoth 51a er- 

wähnt. Henoch 20, 1 heißt er statt Sariel auch Sarakiel (Herzfeld p. 342 
vermutet Sadakiel, Zadkiel). Die Verschiedenheit mancher Engelnamen 
erklärt Kabbi Jose ben Dositheos (Gen. r., c. 78, zu 32,29) damit, daß 
Gott zuweilen die Namen der Engel abändere [nach ihren Funktionen], 
vgl. ATAO 8 78: Wenn der Stern des Marduk im Zenith steht, heißt er 
Ninib usw. 3 Der Schutzengel Ägyptens heißt wie das Land selbst: 

Mizrajim (Exod. r., c. 21), später auch Ussa (Beth ha-midrasch I 39) und 
Bachab (s. S. 138, Z. 2 ff.). 4 Michael ist nach dem Henochbuche 

(c. 20, 1) allerdings „ Fürst der Völker*, und nach R. Simeon (Num. r., 
c. 12 Mitte) läßt Gott, als die Israeliten die Stiftshütte bauen, im Himmel 
eine ähnliche bauen, „in der der Jüngling Metatron die Seelen der 
Frommen opfert zur Sühne für Israel in den Tagen der Verbannung"! 



138 Kap. VI. Astrale Geister. 

ohne Eigennamen der „Fürst des Meeres" (Pesachim 118 a) 1 . 

— b) Räch ab: Fürst des Meeres (Baba bathra 74b; vgl. 
Arachim 15 a; Gen. r., c. 10; später mit dem „Engel Ägyptens" 
gleichgesetzt, da „Ägypten" oft den kosmischen Süd-Ozean re- 
präsentiert, s. o. S. 105 f.); Eid ja (nach Kohut = pars. Ardoi): 
Fürst des Regens (Thaanith 25b; Joma 20b, 21a) 2 ; Ben 
Nez: Fürst des Windes (Baba bathra 25a) usw. In den 
späteren Midraschim wimmelt es von solchen Engeln; das hebr. 
Henochbuch (Jellinek, Beth ha-midrasch V, 176) nennt z. B.: 
Galgaliel (für die Sonnenscheibe), Ophaniel (Mondscheibe), 
Kochbiel (Fixsterne), Rehatiel (Planeten), Schamschiel (Tages- 
licht), Lajlahel (Nacht), Baradiel (Hagel), Barakiel (Blitz), 
Mathariel (Regen), Schalgiel (Schnee), Ruchiel (Wind), Sa'amael 
(Sturm), Sikiel (Glutwind), Sawael (Wirbelwind), Sa'aphiel 
(Orkan), Ra'amiel (Donner), Ra'aschiel (Erdbeben). — Von 
Engeln allgemeinerer Wirkungsart erwähne ich aus Thalmud 
und älterem Midrasch nur: Aph und Chemah (Zorn und Grimm, 
Nedarim 32 a), die einst dem mit der Beschneidung seines 
Sohnes zögernden Moses gefährlich wurden; Abaddon und 
Maweth (Verderber und Tod, Schabbath 89 a), als Unterwelts- 
engel; die Engel des Gebets, der Wohltätigkeit, der Träume 
(Exod. r., c. 21; Midrasch Thehillim zu 88, 4; Berachoth 10 b). 

— Es ist ein ganzes Pantheon 8 , das sich in verwirrender 
Zahl und für den strengen Monotheismus gefährlich da zu 
entwickeln scheint. Indessen wenigstens im Thalmud und 
älteren Midrasch überwindet der monotheistische Geist des 
Judentums siegreich diese Gefahr. Wie wir den frommen 
Israeliten über das blinde Schicksal erhaben sahen (s. o. S. 128), 
so hören wir auch hier: „Der Rechtschaffene und Fromme 
steht (bei Gott) höher als die Engel" (Sanhedrin 93 a; Ne- 
darim 32a; jer. Schabbath VI,8d; Gen. r., c. 21; Deut, r., 
c. 1; Midrasch Thehillim zu y 103, 18; vgl. im N.T.: l.Cor. 6, 3). 



1 Im Thargum zu Hiob 25, 2 ist irrtümlich Michael als Fürst des 
Feuers, Gabriel als Fürst des Wassers genannt. 2 Ganz astral ist 

die von Raschi zu Joma 21a überlieferte Schilderung von ihm: „Er 
gleicht einem Stierkalbe und steht zwischen den oberen und unteren Ur- 
wassern; er sagt zu den oberen: ,La£t euer Wasser niederströmen*, zu den 
unteren: ,Laßt euer Wasser aufsteigen*!* — Das Regengestirn derPlejaden 
steht beim Bilde des Stiers! (Vgl. S. 143, 158.) 8 Vgl. die Legion 

von späteren Engelnamen bei M. Schwab, Vocabulaire de TAnge'lologie 
d'apres les Manuscrits he'breuz de la Bibliotheque Nationale, Paris 1897. 99, 
sowie ziemlich vieles auch bei Kohleb 1. c. 



2. Dämonen. 139 

Auch im Paradiese wohnen die Frommen Gott näher als die 
Engel (s. o. S. 104)! — Ebenso wie bei der Astrologie (Kap. V) 
ist auch die (gerade infolge des viele dieser Anschauungen 
vermittelnden parsischen Einflusses) naheliegende Gefahr des 
Dualismus, der Annahme eines guten und bösen Grundprinzips, 
hier bei der Angelologie wenigstens vermieden. Wie die Ge- 
stirne lediglich göttliche Fügung ankünden und ausführen, 
aber selbst die „bösen" Gestirne nicht von Natur böse sind 
und kraft solches bösen Grundcharakters wirken, so sind die 
Engel stets Gottes Diener und auch die „bösen" oder „ver- 
derbenden" nur Vollstrecker seiner Strafgerichte. Trägt doch 
ein jeder von ihnen auf seinem Herzen den Namen des heiligen 
Gottes! (Pesiktha, c. 12 = 108 b; Exodus rabba, c. 29.) 



2. Dämonen. 



Die Dämonen sind (vgl. oben S. 99 und Aboth V 6) 
in der Abenddämmerung des sechsten Schöpfungstages er- 
schaffen, und zwar ohne einen materiellen Leib. Sie haben, 
wie der „Dämon Jonathan" selber dem Rabbi Chanina 
(3. Jahrh.) berichtet, nur den „Widerschein" eines Körpers, 
werfen aber keinen Schatten (Jebamoth 122a, Gittin 66 a, 
Joma 75 a) und nehmen überhaupt eine Zwischenstufe zwischen 
den rein geistigen und den körperlichen Wesen ein; vgl. 
Chagigah 16 a (Aboth di R. Nathan c. 37): „Die Rabbinen 
haben überliefert : Sechs Dinge werden von den Dämonen ge- 
sagt. In dreien gleichen sie den Dienstengeln: Sie haben 
Flügel, fliegen von einem Ende der Welt zum andern und 
haben eine (beschränkte) Kenntnis der Zukunft gleich den 
Dienstengeln. <Kennen sie wirklich die Zukunft? Nein, sie 
vernehmen sie nur hinter dem Vorhange gleich den Dienst- 
engeln.) In drei Dingen gleichen sie den Menschenkindern: 
Sie essen und trinken, vermehren sidi durch Fortpflanzung 1 
und sterben gleich diesen". Berachoth 6a heißt es sodann: 
„Abba Benjamin (Ende 2. Jahrh.): Hätte das Auge Sehkraft 
genug, so könnte kein Geschöpf (den Anblick der vielen) 
Dämonen ertragen. Abbaje (3. Jahrh.) sagt : Es sind ihrer 
mehr denn wir, und sie umgeben uns wie eine Furche das 



1 So auch die parsischen Dews; vgl. Hebzfeld, II 846. 



140 Kap. VI. Astrale Geister. 

Beet 1 . Rab Huna (4. Jahrh.) sagt: Jeder von uns hat (ihrer) 
tausend zu seiner Linken und zehntausend zu seiner Rechten, 
laut y 91, 7. Raba (4. Jahrh.) sagt: . . . Wer sie (ihre Spur) 
wahrnehmen will, der nehme feingesiebte Asche und streue 
sie um sein Bett; da wird er am Morgen etwas wie Fuß- 
spuren vom Hahne sehen. Wer sie aber selbst sehen will, 
der nehme die Nachgeburt einer erstgeborenen schwarzen 
Katze, die ihrerseits von einer erstgeborenen schwarzen Katze 
geworfen ist, verbrenne, sie im Feuer und zerreibe sie; tut er 
von (dem Pulver) etwas in seine Augen, dann sieht er jene." 
Dies scheint großer Unsinn, und gibt doch wichtige Auf- 
schlüsse. Sanhedrin 63b behauptet Rab (3. Jahrh.), das 
2. Reg. 17, 31 erwähnte Idol des Nergal sei ein Hahn ge- 
wesen. Nergal ist (ATAO 2 126) der Repräsentant der Unter- 
welt und Hölle; die S. 37 abgebildete assyrische Broncetafel zeigt 
einen hinter ihr (die Unterweltsszenen enthält) aufrechtstehen- 
den Unterweltsdämon mit Kopf und Leib eines Hundes, jedoch 
mit Hahnenfüßen statt der Hinterbeine. Obwohl der Hahn 
im Thalmud sonst als Bote des Morgenlichts gut angesehen 
ist 2 , finden sich doch auch Züge 3 , die eine gewisse Scheu vor 
ihm zeigen; der von ihm begrüßte Morgenstern ist eben auch 
zweideutig (Lucifer, Jes. 14, 12!). Schon der rabbinische Name 
des Hahns (b'uj'in) ist, wie Oppert in der Ztschr. f. Assyriol. 
VII 339 dartut, babylonisch. Wenn in Jerusalem, solange 
der Tempel stand, kein Hahn geduldet wurde (Baba kamma 
86 b), so reicht der von den Rabbinen angegebene Grund — 
weil er Unreines verzehre — nicht aus; denn dann hätten 
auch keine Tauben usw. dort sein dürfen. — Die Übervölkerung 
der Luft mit unsichtbaren Dämonen kannten nach Diogenes 
Laertius V 8 auch die „Magier" (Parsen) , die diese Ansicht 

1 Vgl. Goethes Faust I: rufe nicht die wohlbekannte Schar . . . 
von allen Enden her bereitet. 2 Ausdrücklich als Tagestier der Fleder- 
maus gegenübergestellt (Sanhedrin 98b unten); er sagt: „Ich warte auf 
das Licht, weil das Licht mein ist". 3 Nach Bezah 25 b ist er der 

üppigste Vogel (L. Ginzberg, Jew. Enc. IV 139 sagt sogar mit Buxtorf-u. a., 
was bei deutschen Rabbinen arg verpönt ist : the most impudent of birds). 
— Berachoth 22a ist er der Typus der Geilheit: „ damit die Gelehrten 
nicht wie Hähne stets bei ihren Weibern seien". — Pesachim 113b: 
„Drei hassen einander: die Hunde, die Hähne und die Zauberer. Manche 
fügen noch hinzu: die Buhldirnen; noch andre: die Gelehrten in Baby- 
lonien\ Nach Edujjoth VI 1 und jer. Erubin X, 26 a töteten Hähne 
kleine Kinder durch Einhacken der Hirnschale. — Das Opfern weißer 
Hähne wird Aboda sarah I 5 als heidnisch verboten. 



2. Dämonen. 141 

wiederum aus dem babylonischen Volksglauben hatten (Herz- 
feld, H 346) und ähnlich dem Tobias (Buch Tobith 8, 3) sie 
durch Räucherungen vertrieben. — Das im Thalmud angegebene 
Mittel, ihre Gestalt zu sehen („dem Auge Gewalt ober sie zu 
geben"), ist symbolisch ganz richtig von der Katze herge- 
nommen, die dem Hahne feindlich und überlegen ist und zu- 
dem zur Nachtzeit zu sehen 
vermag. 

Diogenes Laertius be- 
richtet auch Vin 32 und 
IX 7 als babylonisch-parsi- 
schen Glauben das Umher- 
fliegen der Dämonen in den 
Intermundien der subluna- 
rischen Welt. Wir sahen 
bereits (S. 139), daß sie 
„hinter dem Vorhange lau- 
schen", d. h. mittelbar die 
göttlichen Schickungen zu 
erkunden suchen ', indem 
sie sich bis an das untere 
Himmelszelt erheben (das 
ja geradezu velum „Vor- 
hang" heißt; s. oben S. 104) 
und dort die Zukunft zu 
erkennen streben, nämlich 
aus den Konstellationen. 
Da dieses Sternenschicksal 
aber durch Gottes allmäch- 
tigen Heilswillen oftmals 
abgeändert wird (s. oben 
Seite 129, 131), ist ihre 
Zukunftskenntnis nur be- 
schränkt. Ihr Umherfliegen 
öfters erwähnt, z. B. Num. c. 




Abb. 10. Geflügelter Dämoo. 



„in der Luft der Welt" wird 
12: „Eabbi Berechjah (4. Jahrh.) 



1 Sie dürfen Gott Dicht von Angesicht zu Angesicht nahen , son- 
dern wie gemeine Leute Dar hinter einem Vorhänge des Herrscher- 
ML&Ies lftuBchen. Dasselbe Bild im Koran (Sure 42, 59): „Keinem Menschen 
war es vergönnt, daß Gott ihn anders anredete, als durch ein Gesicht 
oder hinter einem Vorhange". Weil die Dämonen am Himmelszelt 
horchen, heiflen sie im Kor&n „die mit Steinen Geworfenen* (Sure 15, 17. 34; 



142 Kap. VI. Astrale Geister. 

sagt: Dämonen fliegen in der Luft der Welt wie ein Vogel 
oder schießen wie ein Pfeil dahin". 

Babylonisch soll auch nach L. Ginzbebg (Jew. Enc. 
IV 516 a) die Einteilung der Dämonen in die 3 Klassen 
d-hid (Dämonen), dt?v? (Schadenstifter), yn^ oder rrön rrirn-i 
(Geister oder böse Geister) sein. Doch ist diese Unterscheidung 
nicht die einzige und auch nirgends streng durchgeführt. 
Pesachim 111b heißt es z. B. mit andrer Einteilung: „(Was 
da sein Wesen treibt) beim Kapernstrauch, sind ,Geister* 
[■rm], beim Sperberbaum dagegen ,Dämonen' ["»t»»], auf den 
Dächern endlich ,Funken* ["->:pn]". Die zu zweit genannte 
Art hält sich meist in Gruppen zu je 60 (!) in dem Gebüsch 
auf (1. c). — Bei den Schedim unterschied man männliche und 
weibliche (indem man Kohfeleth 2, 8 statt rm»i n^-m las: 
rnwi onto, Gittin 68 a), deren es nach Eabbi Jochanan 
(3. Jahrh., 1. c.) in dem Orte Schichin 300 Gattungen gab; 
Dämonen und Dämoninnen halfen (1. c.) dem Salomo beim 
Tempelbau. Die Massikim sind bespnders Krankheitsverur- 
sacher und als solche an zahlreichen Stellen erwähnt (Aus- 
wahl bei L. Ginzbeeg, 1. c. 517), die Euchin meist schädliche 
Luftgeister. Insofern dergleichen Schäden in letzter Linie 
auf Gestirneinwirkungen zurückgeführt wurden, liegen hier 
allgemein astrale Beziehungen zugrunde; doch vielfach handelt 
es sich auch einfachem vagierende Feld-, Wald- und Wiesen- 
teufel oder seßhafte Lokaldämonen in Brunnen, Euinen usw. 

Deutlicheren astralen Charakter tragen diejenigen Schedim 
(Dämonen), die entweder gefallene Engel (d. h. Eepräsen- 
tanten des Südhimmels oder von Gestirnen des Südhimmels) 
sind, oder von solchen abstammen. So trägt Sammael als 
„Linker", d. h. Unterwelts- und Todesengel (s. oben S. 105 
und 136), oft einen gewissen dämonischen Charakter und ist 
zuweilen der düpierte „dumme Teufel" der Volkssage (s. m. 
Thalmudkatechismus S. 86); vgl. ferner die Unterweltsengel 
Abaddon und Maweth S. 138. 

Nach der etwas verworrenen, aus zwei verschiedenen 
Überlieferungen zusammengeschweißten Darstellung des He- 
nochbuches c. 6 — 15 waren Asasel und Schamchasai 



38, 78; 81, 24 u. ö.), da die Engel sie von dort durch Sternschüsse 
vertrieben (Sure 67, 5: „Wir machten (die Sternschnuppen) zum Steinigen 
der Dämonen". Vgl. die Kommentare und Sure 37, 7). 



2. Dämonen. 143 

die Leiter des Abfalls; jeder hatte 10 Oberengel und 100 
andre bei sich, als sie am Berge Hermon sich verschworen, 
Gottes Herrschaft zu stürzen. Michael, Gabriel, Raphael und 
Uriel besiegen sie; Asasel erhält seine Strafe am Felsen von 
Beth Chaduda, wo am Versöhnungstage der Asaselbock hinab- 
gestürzt wurde. Im Thargum zu Gen. 6, 4 werden die Häupter 
der zu den menschlichen Weibern sich gesellenden Engel 
(„Söhne Gottes") Schamchasai und Usiel (?) genannt. Im 
(späteren) Midrasch Jalkut zur Gen. wird c. 44 auf Grund 
älterer Überlieferung folgender, ganz besonders astral ge- 
färbter Bericht gegeben: „Den Rab Joseph (3. Jahrh.) fragten 
seine Schüler: Was ist Asael (bau)? Er sagte: Als das Ge- 
schlecht der Sündflut Götzendienst trieb, war Gott darüber 
betrübt. Da sprachen zwei Engel, Schamchasai und Asael, 
zu ihm: ,Herr der Welt, wir sagten dir ja bereits bei der 
Schöpfung: Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkest 
(y 8, 5)!* Er sprach: ,Was hätte dann mit der Welt werden 
sollen? (Sie:) ,Wir hätten uns ihrer bedient!' (Gott:) ,Mir 
ist es offenbar und bewußt, daß, wenn ihr auf der Erde 
wohntet, euch die böse Lust beherrschen würde und ihr noch 
schlimmer würdet als die Menschen/ (Sie:) ,So erlaube uns, 
mit den Menschen zusammen zu wohnen! Du wirst sehen, 
wie wir deinen Namen heiligen werden!' (Gott:) ,So geht und 
wohnt mit ihnen zusammen!' Da sah (auf Erden) Schamchasai 
ein Mädchen namens Istehar (-inso«); auf das warf er seine 
Augen und sprach: ,Erhöre michj' Sie erwiderte: ,Ich gebe 
dir nicht eher Gehör, als bis du mich den Sehern ha-mephorasch x 
gelehrt hast, mittels dessen du zur Himmelveste aufsteigst 
in der Stunde, wo du ihn aussprichst!' Er lehrte ihn ihr. 
Da sprach sie diesen Namen aus und erhob sich unbefleckt 
zur Himmelsveste. Da sagte der heilige Gott: ,Dieweil sie 
sich selbst von der Übertretung abgesondert hat, wohlan, so 
gebt ihr einen Platz zwischen den 7 Sternen, damit ihr 
auf ewig an ihr ein nützliches Vorbild habt. So ward sie 
in dem Ple Jadengestirn (rmo) befestigt. Sodann trieben 
sie (Asael und Schamchasai) Unzucht mit den Töchtern der 
Menschen, da diese schön waren und sie (A. und Seh.) ihren 
Trieb nicht beherrschen konnten. Und sie nahmen Weiber 
und zeugten Söhne: Hiwwa und Hijja. Asael aber war 



1 Vgl. m. Kabbalah, S. 81 f. 91. 



144 Kap. VI. Astrale Geister. 

Meister in buntem Schmuck (eig. Farbenarten) und Kostbar- 
keiten der Weiber, wodurch die Menschenkinder auf buhle- 
rische Gedanken gebracht werden 1 ." 

Der „Fall" in den Südhimmel (= Unterwelt) gibt diesen 
Engeln einen schädlichen Charakter,* weshalb sie auch „Engel 
des Zerstörens" heißen (nbsn "OnVe, Ber. 51 a, Sanhedrin 106b; 
vgl. Apoc. 9, 11: *AnoXXvu>v, Weish. Sal. 18, 22. 25: oke&Qeviav, 
Bereschith r., c. 36: thtm) und damit den schadenstiftenden 
Dämonen ähnlich werden, titeid ist 1. c. = "NTOidk Aschme- 
dai (Asmodäus, Asmodi), der Gittin 68 a 2 „König der Dämonen" 
heißt und dem Könige Salomo den „Wurm Schamir" besorgt, 
der im Gewahrsam des „Fürsten des Meeres" sich befindet, 
vom Auerhahn (wilden Hahn) bewacht wird und zum Spalten 
der Steinblöcke beim Tempelbau dienen soll. Aschmedai be- 
raubt später den Salomo seines wundertätigen Ringes und 
seiner Halskette mit dem Sehern ha-mephorasch und macht 
sich an seiner Stelle und in seiner Gestalt zum Könige. Als 
Salomo nach langem Wandern im Elende endlich heimkommt 
und hört, daß Aschmedai die Königsfrauen auch als sein eigen 
betrachtet hat, wendet er sich behufs A.'s Entlarvung an das 
Synhedrium. Dieses läßt den Königinnen sagen, sie sollten 
„auf seine [des Pseudo-Salomo] Füße achten", ob er nämlich 
Hahnenfüße habe (s. oben S. 140). Es stellt sich heraus, daß 
Aschmedai stets Halbstiefeln bei seinen ehelichen Besuchen 
trägt. Salomo erhält dann seinen Ring und seine goldene 
Kette vom Synhedrium. Als Aschmedai ihn sieht, flieht er 
davon. — Im Buche Tobith wird Aschmedai durch die Räuche- 
rung des Tobias vertrieben, von Raphael überwältigt, gefesselt 



1 Die altarabische Legende ist in der Koranausgabe mit Übers, u. 
Kommentar von Maraccius (s. m. Koran, S. 44 und 47) IV 82 angeführt, 
wovon ich das Wichtigste übersetze: „Modschahid sagt: Die Engel 
wunderten sich über die Schlechtigkeit der Menschenkinder . . . Da sprach 
ihr Herr (d. h. Gott) zu ihnen: , Wählt zwei von euch aus; die will ich 
senden, auf Erden zu richten. Da wählten sie Harud und Marud. Die 
richteten (nun auf Erden) nach dem Rechte, bis ö^afi Sahrat (= Venus) 
kam, wunderschön in Gestalt eines Weibes, das wider seinen Mann klagte. 
Da wurden sie durch sie verfuhrt und begehrten nach ihr; sie aber flog 
davon und kehrte dorthin zurück, von wo sie gekommen war. . . . Mohammed 
sagt: Jach ja berichtet im Namen eines andern als des Modschahid, daß 
das verführerische Weib ein menschliches war". — ^FIEÖß* hebr. inöN 

• • 2 • / • •••«• 

(Esther), bab. Istar, griech. &atrJQ, pers. a.üüw, arab. ä-0 y\ = dem Plane- 
ten Venus. a Ebenso Pesachim 110a; sowie Thargum zu Koheleth 1, 12. 



2. Dämonen. 145 

und nach dem Südlande Ägypten verbannt, dem Symbol 
der kosmischen Unterwelt (S. 34), wo er hingehört. — Man hat 
übrigens „Aschmedai" mit dem parsischen „asmudan" (= Ver- 
sucher) oder auch mit „Eschem deo", einem der Haupt-Dews, 
zusammengestellt; ich halte mit Hebzfeld II 292 die Ab- 
leitung von tetd (verderben) für ebenso möglich. 

Dämonenkönigin ist Lilith, langhaarig (Erubin 100b), 
geflügelt (Niddah 24 b). Sie ist (vgl. Goethes Faust I, Wal- 
purgisnacht, und m. Kabbalah, S. 82 ff.) „Adams erste Frau", 
d. h. nach späterer rabbinischer Ansicht die Gen. 1 erwähnte, 
während Eva erst die Gen. 2 genannte Frau Adams sei. Ab- 
weichend vom früheren Midrasch 1 hieß es nämlich später 
(vgl. Pseudo-Sirach , ed. Steinschneider, p. 23; Chronicles of 
Jerahmeel, ed. Gaster, 23, 1), Lilith sei nach einem sexuellen 
Streit mit Adam mittels Aussprechens des Sehern ha-mepho- 
rasch nach Ägypten (s. oben!) davongeflogen und habe seitdem 
alle Wöchnerinnen und zumal die noch unbeschnittenen Kinder 
beschädigt. In Ägypten hätten sie die drei ihr von Gott 
nachgesandten Engel Sannui, Sansannui und Samangaluph 
(Senoi, Sansenoi, Samangeloph) erreicht und sie zuerst er- 
tränken wollen, dann aber freigelassen, nachdem sie das Ver- 
sprechen gegeben habe, künftighin keine Wöchnerin oder 
deren Kind zu schädigen, die durch die Namen der drei Engel 
geschützt würden. — Seitdem wurden die drei Engelnamen 
auf Amuletten an den Wochenbetten angebracht. (Vgl. Abbild, 
in m. Kabbalah S. 9, 84, 92.) * Aus Furcht vor der Lilith 
läßt man auch die Wöchnerin und das Kind die ersten Tage 
(bei einem Knaben bis zur Beschneidung) nicht ohne Licht 
schlafen (jer. Kethuboth I, 25 c; Sanhedrin 32 b), ganz wie es 
auch im Zend-Avesta geboten war (Hebzfeld , II 346). Am 
allerdeutlichsten aber ist der Zusammenhang der Lilith mit 
dem Parsismus in der Stelle des babylonischen Thalmud Baba 
bathra 73b oben: „Rabba bar Chanah (Ende 3. Jahrh.) sagte: 
Mir erschien (der Dämon) Ah r im an [-ptnin], der Sohn 



1 Gen. r., c. 20 (vgl. Erubin 18 b): Während Adam sich von Eva 
zur Buße für seine Sünde 130 Jahre lang fern hielt, zeugte er mit Dä- 
monenweibern Dämonen. 8 Auf Amulette zur Erleichterung der 
Geburt schreibt man „Adam, Eva, fort Lilith 11 , d. h. mag ein männliches 
oder ein weibliches Kind geboren werden, so bleibe Lilith fern! (Vgl. 
m. Kabbalah, Abbild. S. 83 und 91.) Auch steckt man ins Wochenbett 
gern ein Messer oder sonst etwas Eisernes. 

Bise hoff. Babylonisch- Astrales. 10 



146 Kap. VI. Astrale Geister. 

der Lilith". Er berichtet alsdann von Zauberkunststücken 
und schließlich von der Tötung dieses Dämons durch den 
„König" (der Dämonen) 1 . 

Die Sotah 22a erwähnte Jochani bath Eetibi ist 
m. E. wenigstens an dieser Stelle keine geburtsstörende 
Dämonin, wie Ginzbebg L c. 518 a meint, sondern eine mensch- 
liche Witwe, die mit ihrer Zauberei Männern gefährlich zu 
werden scheint. 

Mit Lilith verwandt als Nacht-Dämonin erscheint Agrath 
bath Machlath, von der es Pesachim 112b heißt: „Es ist 
thannaitische Tradition (vor 200): In den Nächten des [zum] 
Mittwoch und Sonnabend 2 gehe man nicht allein aus, weil 
alsdann die Tochter der Machlath mit 180 000 Engeln des 
Verderbens umherschweift, von denen jeder Erlaubnis zum 
Verderben hat". Num. r., c. 12, wird ihr ein Wagen zu- 
geschrieben, gewissermaßen als Gegenstück zum göttlichen 
Thronwagen. — Wenn Pesachim 112 a, ebenfalls als thanna- 
itische Tradition, zum Schutze gegen die in den Nächten des 
Mittwoch und Sonnabend das Trinken von Wasser gefährlich 
machenden Dämonen die Formel empfohlen wird: „Ich sitze 
zwischen den Sternen" (s. o. S. 119), so könnte man vielleicht 
im Hinblick auf die obige Istehar-Legende (s. oben S. 143) 
hier an das Siebengestirn der Plejaden, die das himmlische 
Wasser repräsentieren (vgl. auch Seite 158, Anm.), denken, 
so daß der Sinn wäre: ,Ich trinke himmlisches Wasser, nicht 
irdisches, über das ihr Gewalt habt*. Denn kurz zuvor wird 
empfohlen, im gleichen Falle Bibelsprüche zu beten, wie 
yj 29, 3: „Die Stimme des Herrn über dem Wasser". — Eine 
astrale Beziehung liegt auch in der Tradition, daß die Mitt- 
sommerzeit vom 17. Thammus bis 9. Ab (d. h. die sog. Hunds- 



1 A. a. 0. heißt es weiter: „Er lief auf den Zinnen der Mauer von 
Mechusa (in Babylonien), und unten eilte ein Reiter, der ihn nicht ein- 
holen konnte. Ein andermal sattelte man ihm (dem Ahriman) zwei Maul- 
esel, die auf zwei (von einander entfernten) Brücken des Flusses Bognag 
standen, und er sprang von dem einen auf den andern und wieder zurück. 
Dabei hielt er in jeder Hand einen Becher voll Wein und goß dabei den 
Inhalt des einen in den des andern und umgekehrt, ohne einen Tropfen 
zu verschütten. . . . Als der König (der Dämonen) hiervon hörte , tötete 
er ihn". * Vgl. Berachoth 43 b, Chullin 91a. Nach Pesachim 111b 

unten und Chullin 105 b ruhen in jenen beiden Nächten (über die oben 
Seite 121 f. zu vergleichen ist) auch auf liegengebliebenen Brotkrumen 
Dämonen. 






. Die Däninnen. 



147 



tage) gefährlich sei, da während dieser Periode der Mittags- 
dämon Keteb Meriri von vormittags 10 Uhr bis nach- 
mittags S Uhr schädigt'. Ans diesem Grunde „befahl Rabbi 
Jochanan (3. Jahrh.) den (Elementar-)Schnllehrern und Misch- 
nahlehrern, die Kinder an diesen Tagen nicht mit dem Stocke 
zu schlagen. Hab Samuel bar Eab Isaak (desgl.) befahl ihnen, 
die Kinder an diesen Tagen um 10 Uhr zu entlassen". 

Die sekundär-astrale, mehr tellurische Anschauung, daß 
die Dämonen von Norden her, der finsteren Erdgegend, kommen 
(Pirke R. Elieser, c. 3), tritt gegen die des kosmischen Südens 
= Unterwelt (s. oben S. 145) zurück. Wenn (Sukkah 52 a) 
die Rabbinen in Joel 2, 20 lesen: „Den Mitternächtigen 
[■oiBitn] entferne ich 
von euch", so ver- 
stehen sie darunter 
keinen eigentlichen 
Dämon, sondern den 
„bösen Trieb" (-is -1 
3Ti), „der im Ver- 
borgenen (vca) ist 
und im Herzen des 
Menschen waltet" 1 . 

Der böse Trieb im 
Menschenherzen, das 
ist für die Rabbinen 
der eigentliche Anta- 
gonist Gottes! Von 
den gefallenen Engeln als Gott sich entgegensetzenden Geistern 
ist im Thalmud und älteren Midrasch nur wenig zu spüren; 
das wenige, z. T. nach jüngeren Ansichten, s. oben S. 142 ff. 
Selbst für den König der Dämonen, für Aschmedai, bricht 
Rab Joseph (3. Jahrh.) eine Lanze, indem er (Pesachim 110a) 
sagt: „Ein König ist kein böswilliger Schädling". Dies teilt 

' Nach den Schilderungen von llabbinen des 3. Jahrhunderts (Kabbi 
Levi, Rabbi Simeon ben Lakisch usw.) sieht er wie folgt aus: .Sein 
Kopf gleicht dem des Kalbes, mitten aus seiner Stim ragt ein Hörn 
hervor, er ist mit Schappen, Haaren und Augen bedeckt. Auf seinem 
Herzen (mitten auf der Brust) ist ein großes Auge; wer dieses sieht, 
Mensch oder Tier, erschrickt und stirbt.* Nach R. Levi „herrscht er 
zwischen Schatten und Sonne*, d. h. wohl ; zwischen Vor- und Nachmittag, 
also mittags (vgl. Num. r., e. 12; Pesachim 3b; Midrasch Thehillim zu 
i(j 91, 3; Echa rabbathi zu 1, 3.), oder: wenn's dämmert 

10* 




Abb. 11. Kerubim als Thronträger. 



148 Kap. VI. Astrale Geister. 

dem Rab Joseph sein Namensvetter, der Dämon Joseph, mit, 
der Erubin 43a sogar im Gerüche steht, richtige Lösungen 
halachischer Fragen mitzuteilen. Jebamoth 122 a verkehrt 
der Dämon Jonathan mit Rabbi Chaninah (s. oben S. 139). 
Chullin 105 b tut der Babylonier Mar Rab Asche (4. Jahrh.) 
einen Dämon der ein Weinfaß zerbrochen hat, so lange in 
den Bann, bis er es bezahlt hat 1 . Daselbst 106a benutzt 
Rab Papa einen Dämon als ständigen Wasserholer 2 und schilt 
ihn, wenn er zu lange ausbleibt. Wenn diöse Rabbinen 
ebenso familiär mit diesen Dämonen verkehren wie ander- 
wärts R. Josua ben Levi (3. Jahrh., Berachoth 51 a) mit dem 
Todesengel, R. Ismael (3. Jahrh., ibid.) mit dem Engel Suriel, 
R. Jochanan (3. Jahrh., Nedarim 20 a) mit den Dienstengeln oder 
andre (Chagigah 15 b, Thaanith 22 a u. ö.) mit dem seligen 
Propheten Elias, so leuchtet schon ein, daß die Dämonen 
keinen satanischen Charakter tragen. Irgendwie als wirk- 
liche Gottheiten werden sie von den Rabbinen nirgends an- 
gesehen; ausdrücklich heißt es, daß sie nichts erschaffen, nur 
Vorhandenes verwandeln können (Sanhedrin 67 b). Ohne gött- 
liche Zulassung können sie überhaupt nichts schaden, wenn 
sie auch manchmal diese Erlaubnis mißbrauchen 8 ; wie es 
gegen das Verhängnis Gebet und Buße als Rettung gibt, so 
gegen sie Gebete, Bannformeln und Vorsichtsmaßregeln. Wie 
in der Angelologie, so ist auch in der Dämonologie der Rabbinen 
Gott der alleinige Herr des gesamten himmlischen und über- 
sinnlichen Weltalls. Das „nna" strahlt wie über den höchsten 
Sphären, so auch über dem Abyssus! 



1 Als der Dämon die ihm gesetzte Zahlungsfrist nicht eingehalten 
hat, fragt ihn der Rabbi nach dem Grunde; jener entschuldigt sich: 
„ Alles, was zusammengebunden, versiegelt, gemessen, gezählt ist, davon 
dürfen wir nichts nehmen; so mußte ich denn warten, bis ich etwas fand, 
was frei umherlag". (Vgl. auch Berachoth 6 a die Ansicht, daß über 
Versiegeltes die Dämonen keine Gewalt haben.) a Auch dieser ist 

gut; er wartet lediglich deshalb so lange, weil er erst das schlechte 
schlechte Wasser ablaufen lassen will. 8 Vgl. oben den Boten des 

Todesengels, dessen Versehen sein Herr nicht gut macht (S. 62), wie 
Mechiltha Nl 11 (und Baba kamma60a): „ Wenn dem Zerstörer (mniött) 
Erlaubnis gegeben ist, macht er keinen großen Unterschied zwischen 
Guten und Bösen". 



1. Die Merkabah. 149 



VII. Kapitel. 

Einzelheiten des astralen Weltbildes. 

1. Die Merkabah. 

Der Ausdruck nro-wa sto^ö (Mäasfeh merkabah, „Werk des 
Wagens", oder Bewandtnis, Geheimnis des göttlichen Thron- 
wagens), der späterhin die tiefsten mystischen Spekulationen 
über das Wesen der Gottheit, die theosophische Geheimlehre 
umfaßt, bezieht sich ursprünglich auf die Theophanie in 
Ezechiel lf. und auf die Erläuterung dieses Kapitels unter 
Heranziehung verwandter Stellen. Daß schon die Darstellung 
Ezechiels, dem seine Vision in der Umgebung des großen 
babylonischen Stufentempels 1 wurde, ganz in astraler Form 
gehalten ist, hat A. Jeeemias (ATAO z. St.) gezeigt. Auch 
die rabbinische Bezeichnung „Wagen" für die Erscheinung 
der göttlichen Herrlichkeit mit ihren überirdischen Scharen 
(zebaoth) ist altorientalisch 2 . 

Wie bereits erwähnt, gehört Mäaseh merkabah zur rab- 
binischen Geheimlehre, sodaß wir über dieses Thema keine 
zusammenhängenden Diskussionen überliefert bekommen haben, 
sondern hinsichtlich des Inhalts des Ganzen dieser Lehre auf 
(besonders im Traktate Chagigah) verstreute gelegentliche 
Nachrichten, sowie auf Schlüsse aus diesem und verwandtem 
Material angewiesen sind. Ich werde im folgenden zunächst 
einige allgemein orientierenden Bemerkungen geben, sodann 
das überlieferte Material überblicken und versuchen, den 
Nebel ein klein wenig zu zerstreuen, der über den letzten 
Fragen dieser Geheimlehre oder mystischen Gnosis liegt, und 
den man vielfach für dichter hält, als er schließlich in Wirk- 
lichkeit ist 3 . 

# 

a. Allgemeines. 

Eichtig sagt Hebzfeld (II 417), daß die Forschungen 
über Mäasfeh merkabah ein doch noch größerer Nimbus um- 

1 Vgl. m. „Im Reiche der Gnosis", S. 4 und die Abbildungen 2, 5, 13. 

2 Dio Chrysostomus, orat. 36 : „Die Magier besingen ihren höchsten 
Gott als den vollkommenen und ersten Lenker des allervollkommensten 
Wagens". 8 Vgl. „Im Reiche der Gnosis», S. 9 ff. 



150 Kap. VII. Einzelheiten des astralen Weltbildes. 

gab als die über Mäasfeh bereschith (s. oben Kap. II, bes. 
S. 78 ff. und zum Schluß), insofern die Himmelsordnung und 
zumal Gottes Thron und Wesen ein höheres Objekt der 
Forschung als die Weltordnung war. Während über . das 
„Schöpfungswerk" jeder einzelne forschen durfte, war dies 
hinsichtlich des „Wagenwerks" ursprünglich nur einem von 
besonderer Begabung und Charakterfestigkeit erlaubt (Cha- 
gigah IIb). Es war zwar nach der Gemara (1. c. 14b) nicht 
ganz und gar verboten, daß ein Eabbi einem gereiften und 
hervorragend begabten Schüler mittleren Lebensalters einzelnes 
aus dieser Lehre sogar tradierte; für gewöhnlich wird er aber 
den Jünger auf eigenes Allein-Forschen hingewiesen und ihm 
höchstens die Hauptrichtlinien dieser Forschung angegeben, 
sowie später die gewonnenen Resultate für zutreffend oder 
nicht zutreffend erklärt haben. Wenigstens verstehe ich so 
die Angabe jer. Chagigah zu II 1 : „Zuerst eröffnet ihm (dem 
Jünger) sein Lehrer die Hauptsachen (den allgemeinen Sinn) 
der Verse (in Ezech. 1 f.), dann bestätigt er (das vom Schüler 
selbständig gewonnene Forschungsresultat, oder erklärt es 
für nicht zutreffend). Rabbi Chijjah erzählte, daß Rabbi 
Jehudah (um 200 n. Chr.) einen vorzüglichen Schüler hatte, 
der ihm (seine Forschung über) ein Stück aus der ,Merkabah' 
vortrug, jedoch die Bestätigung seines Lehrers nicht erlangte 
und aussätzig 1 wurde". So ist es auch zu verstehen, wenn 
nach den aus etwas späterer Zeit stammenden Berichten des 
Babli zwei Rabbinen sich zu einander setzen und Mäas&h 
merkabah erörtern; angesichts der Heiligkeit des Gegenstandes 
disputieren sie nicht im üblichen Wortgefecht hierüber, sondern 
der eine trägt seine Forschungsergebnisse vor, und der andre 
hört stillschweigend zu. Wo der Vortragende ein Geistes- 
gewaltiger ist, geschehen dabei nach der Legende Wunder 
und Zeichen 2 . Gewöhnlich „trug nur einer vor, der andre 



1 Gemeint ist wohl: „in Ketzerei verfiel". 2 Chagigah 14b oben: 
„Die Babbinen haben überliefert: Ein Erlebnis des Rabban Jochanan 
ben Sakkai (1. Jahrh.), der einst von Jerusalem aus auf einem Esel reitend 
eine Reise machte, und Rabbi Eleasar ben Arach trieb hinter ihm den 
Esel an. Dieser sprach zu jenem: Rabbi, lehre mir ein Stück Maaseh 
merkabah! Jener erwiderte : Habe ich euch nicht also gelehrt, daß man 
über die Merkabah selbst nicht vor einem einzelnen vortragen dürfe, 
wenn er nicht ein Gelehrter ist, der es aus eigener Wissenschaft ver- 
steht? Er (Eleasar) sprach: Rabbi, erlaube mir, vor dir etwas vorzu- 
tragen, was du mir (wovon du mir die Hauptzüge) gelehrt hast. Jener: 



1. Die Merkabah. 151 

nicht" (Chagigah 14 b), und nur drei Fälle werden erwähnt, 
wie Kabbinen (und zwar als Jünger, jeder vor seinem Lehrer) 
Vortrag über dieses Thema hielten und dann der Lehrer 
ihnen wiederum seine Ansicht vortrug: Rabbi Josua vor Rabbi 
Jochanan ben Sakkai, Rabbi Akiba vor Rabbi Josua und 
Rabbi Chananjah ben Chakinai vor Rabbi Akiba (Chagigah 
1. c, kurz vorher). — Ein Jüngling soll sich mit diesem Gegen- 
stande nicht befassen; einen, der es einst doch tat, verzehrte 
eine hervorbrechende Feuerflamme (Chagigah 13 a unten); 
Rabbi Jochanan und Rabbi Aschi erbieten sich nach einander, 
einem Jünger (die Hauptpunkte von) Mäasöh merkabah zu 
lehren, worauf dieser aber zuerst noch nicht genügend reife 
Jugend, dann nicht genügende Würdigkeit einwendet (1. c.) 
Vor mehreren, selbst reifen Gelehrten darüber Vortrag zu 
halten, weigert sich der babylonische Rab Joseph (4. Jahrh.) 
gegenüber den Rabbinen der Hochschule zu Pumbeditha (in 
Babylonien; 1. c). Vor der großen Menge davon zu reden 
war unbedingt verboten und blieb es 1 . 



So sprich ! Zugleich stieg Babban Jochanan ben Sakkai vom Esel, hüllte 
sich (wie zum Gebet) ein und setzte sich auf einen Stein unter einem Öl- 
baum. Er (Eleasar) fragte ihn: Rabbi, warum bist du vom Esel ge- 
stiegen? Der sprach: Soll ich vielleicht, während du über Maaseh mer- 
kabah vorträgst und die Schechinah (Gottesgegenwart) mit uns ist und 
die Dienstengel sich zu uns gesellen, auf dem Esel reiten? Sogleich be- 
gann Rabbi Eleasar ben Arach über M. m. vorzutragen. Da kam eine 
Flamme vom Himmel herab und umgab alle Bäume auf dem Felde. 
Diese begannen alle einen Lobgesang. ... Es rief ein Engel aus der 
Flamme: Das, das ist Maaseh ba-merkabah! Da stand Babban Jochanan 
auf und küßte ihn (Eleasar) aufs Haupt und sprach: Gebeinedeit sei der 
Herr, der Gott Israels, der unserm Vater Abraham einen (solchen) Sohn 
gegeben hat" usw. . . . „Als dies dem Rabbi Josua erzählt wurde, be- 
fanden er und Rabbi Jose der Priester sich (gerade) unterwegs. Sie 
sprachen: Auch wir wollen einen Vortrag über M. m. abhalten! Da 
begann Babbi Josua vorzutragen. An jenem Tage war gerade Sommer- 
sonnenwende (Thekuphath thammus). Da umzog sich der Himmel, und 
eine Art Regenbogen ward in den Wolken sichtbar. Es versammelten 
sich die Dienstengel und kamen, um zuzuhören, wie die Leute sich an- 
sammeln und kommen, um beim Hochzeitsfeste von Bräutigam und Braut 
zuzuschauen" usw. 1 Origenes, der in (dem bekanntlich von Juden 

stark bevölkerten und als Ort einer ihrer berühmtesten Akademien be- 
kannten) Caesarea mit dem Babbi Oschajah verkehrt haben dürfte 
(Bacheb, APA 192), sagt c. Celsum VI 18, er wollte über „Jesajas Be- 
schreibung der Wesen, die bei den Hebräern Seraphim genannt werden . . . 
und über die so genannten Cherubim " sich nicht näher äußern, «weil 
diese Dinge in tiefes Dunkel gehüllt sind wegen der unwürdigen Menschen, 



152 Kap. VII. Einzelheiten des astralen Weltbildes. 

Bis wieweit im Ezechieltexte man einem Schüler direkte 
Lehren, bis wieweit man wenigstens den allgemeinen Sinn 
geben dürfe, darüber finden sich Ghagigah 13 a drei Versionen: 
1) „Rab Acha bar Jakob (in Babylonien) sagte: . . . ,Und 
über den Häuptern der Tiere war eine Veste wie furchtbares 
KrystalT (Ez. 1, 22). Bis dahin darfst du sprechen, weiter 
aber nicht". 2) „Rabbi sagte: Bis ,und ich sah' (Ez. 1, 27) 
darf man lehren, von da ab nur den allgemeinen Sinn an- 
geben". 3) „Manche sagen: Bis ,und ich sah' darf man den 
allgemeinen Inhalt angeben, von da ab nicht weiter, es sei 
denn, daß er (der Jünger) ein Gelehrter ist, der es aus eigener 
Wissenschaft versteht (darüber zu forschen)". 

Diese Unterscheidung von zwei Teilen in dem biblischen 
Grundkapitel entspricht den zwei Bestandteilen von Mäas6h 
merkabah. Diese sind: der göttliche „Hofstaat", um es so 
zu nennen, bestehend aus astralen Engelwesen in verschieden- 
artigen Gestalten, und die Erscheinung Gottes selbst auf 
seinem Throne; genau genommen, gehört der Thronsessel auch 
noch mit in die erste Klasse. 

b. Die Merkabah. 

Die gesamte Merkabah-Erscheinung Ezechiels ist pyra- 
midenförmig sich verjüngend nach Art der babylonischen 
Etagentempel gedacht. Der „Hofstaat" entspricht den die 
Sternsphären repräsentierenden Etagen, wie denn die Engel- 
wesen ja Gestirnen entsprechen. Dem auf der obersten 
Etage jener Tempel stehenden eigentlichen Gottesheiligtume 
entspricht der „Thron", der in oder auf jenem Heiligtume 
thronend gedachten Gottheit die Erscheinung Gottes selbst 
bei Ezechiel. 

Zu jenem erstgenannten, niederen Teile, der Merkabah 
gehört im Grunde fast alles, was im vorstehenden über Engel, 
Schutzengel, Paradies, Himmel, oberen Gerichtshof, obere 
Akademie, oberes Heiligtum, Fürst der Welt, Thron der Herr- 
lichkeit usw. gesagt ist. Gefährlich konnten diese Lehren 
insofern werden, als ihr nicht-monotheistisch- jüdischer Ur- 



die in die großen Gedanken und das erhabene Wesen Gottes nicht ein- 
zudringen vermögen". Schade; der große Kenner der Gnosis hätte uns 
sicher viel Interessantes von Freund und Feind über diesen Gegenwand 
berichtet. 



1. Die Merkabah. 153 

sprung bewußt war oder wurde und zu der Idee von mehreren 
Gottheiten zu führen vermochte. Indessen war dieser Gefahr 
besser durch Erläuterung für die Gelehrtenschüler, als durch 
Überlassen der Erörterung an völlig alleinige Forschung vor- 
zubeugen, und darum konnte darüber ohne strenge Abschließung 
der Öffentlichkeit „gelehrt" werden (s. oben), sodaß wir diese 
Belehrungen in ziemlichem Umfange noch besitzen. 

Anders war es bei den Fragen nach dem eigentlichen 
Wesen Gottes, der Merkabah im engsten Sinne. 
Nur wenige ganz kühne Denker griffen die hoch über dem 
traditionellen Begriff der Gottheit schwebenden Probleme auf, 
ja, sahen sie überhaupt. Solchen Köpfen ein intensiveres 
Forschen zu verbieten, lag nicht in der Art des Rabbinis- 
mus; nur die nötigen Vorsichtsmaßregeln schuf er, daß nicht 
Unfähige mit diesen Probleme sich befaßten. Daher die Ein- 
schränkung der Diskussion, und daher wieder unser Mangel 
an umfangreicheren Angaben über dieses Thema. Einiges 
aber hat sich doch erhalten. 

Daß die jedem jüdischen Monotheisten immer (und mit 
Recht) ein wenig unheimliche Gestalt des Engels Met atron 
— dieses verkappten Marduk-Mithras, der mit Mühe in die 
sekundäre Stellung eines bei der Weltschöpfung dienenden 
Logos gebracht ist — die Gefahr eines Dualismus in sich 
barg, ist nicht zu leugnen. Wenn es nach Gen. r., c. 5 „unter 
den Schriftauslegern solche gibt, die auslegen wie ben Soma 
und ben Assai (2. Jahrh. n. Chr.): Die Stimme des Heiligen, 
Gebenedeiten wurde (bei der Weltschöpfung) zum Metatron 
über den Wassern", so steht das in klarem und bedenklichem 
Widerspruche zu der (oben S. 90 dargelegten) streng mono- 
theistischen Anschauung, daß Gott bei der Weltschöpfung 
keinen Gehülfen gehabe habe , weswegen ja auch die 
Schöpfung der Engel auf den 2. bzw. 5. Tag verlegt wurde. 
Die beiden genannten Rabbinen gehörten zu jenen vier, die 
„zum Paradies aufstiegen" (d. h. sich in die Merkabah-Lehre 
vertieften), und von denen nur Akiba heil davon kam, während 
„ben Assai schaute und starb" und „ben Soma schaute und 
(am Verstände) Schaden erlitt" (Chagigah 14 b), Elischah ben 
Abujah aber gar zum Achßr (Apostaten) wurde, und zwar 
gerade anläßlich des Metatron (L c. 15a)! — Auch der Engel 
Sandalphon (ovvaäelyog, s. oben S. 137) in Chagigah 13 b oben 
ist eine bedenkliche Gestalt; denn wenn er nicht Gottes, 



154 Kap. VII. Einzelheiten des astralen Weltbildes. 

sondern des Metatron-Logos Bruder ist, so droht die Gefahr 
einer Trias. 

Die Spur eines ähnlichen Problems dualistischer Färbung 
hat sich auch Chagigah 14a erhalten: „Ein Schriftvers sagt: 
,Sein Gewand war weiß wie Schnee und sein Haupthaar wie 
reine Wolle* (Dan. 7, 9); anderseits steht geschrieben: ,Seine 
Locken wellig, rabenschwarz' (Hohesl. 5, 11). Das ist kein 
Widerspruch: Auf die eine Art (sieht er aus) in der Sitzung 
(himmlischen Akademie), auf die andre im Kriege; denn der 
Meister (Tradent) sagte: Für die Sitzung ist der Greis ge- 
eignet, für den Krieg der Jüngling". — In Daniel 7, 9 wird 
unter dem weißen „Alten-' Gott verstanden. Es ist also offen- 
bar die Frage aufgeworfen worden, ob in den beiden Schrift- 
versen, die beide auf Gott bezogen wurden, zwei verschiedene 
Gottheiten genannt seien. Gelöst wird die Frage durch An- 
nahme zweier verschiedenen Erscheinungsarten Gottes. Man 
denkt bei der Frage unwillkürlich an Marduk, den die Tiämat 
bekämpfenden Frühlingsgott, und Nebo, den greisen Herbst- 
gott, der am Herbstpunkte herrscht, wo das Sternbild der 
Wage, das Symbol des Gerichts (s. oben S. 66), steht; auch 
der „Alte" läßt sich auf den Richterthron nieder! 

Der Grund, weswegen man ferner Chagigah 13b aus 
Ez. 1, 10 den Stier zu eliminieren sucht, ist schwerlich nur die 
historische Erinnerung an das goldene Kalb, sondern wohl 
das Bewußtsein, daß hinter diesem der Stier des Marduk steht. 

Es sind dies kurze Hinblicke auf einige Probleme, die 
bei der Behandlung der tiefsten Merkabah-Fragen aufgetaucht 
sein dürften. Ich kann in diesem Zusammenhange mich auf 
eingehendere Erörterungen nicht einlassen, da der Gegenstand 
eine gesonderte Abhandlung erfordert. — Daß die Kabbinen 
die „ketzerischen" Ansichten und Einwände keineswegs leicht 
nahmen, sondern ernstlich erwogen, zeigt u. a. auch der Um- 
stand, daß, wenn ein Eabbi in einem „Min"-Dispute den 
Gegner zum Schweigen gebracht hat, er oft freiwillig oder 
auf Ansuchen seiner Jünger das Problem nochmals privatim 
tiefer faßt und schulmäßig zu lösen sucht. 

Was für orientalisch beeinflußte Gedankengänge sich 
dem jüdischen Forscher über Mäasfeh merkabah aufgedrängt 
haben mögen, können wir vielleicht aus der philonischen Theo- 
sophie entnehmen. Eine Art göttlicher Trias bei Philo sahen 
wir bereits Kap. II , S. 102. Neben dieser auf Anu-Bel-Ea 



1. Die Merkabah. 155 

zurückgehenden gibt es aber bei ihm auch eine solche, viel 
weniger spiritualisierte , die auf die babylonisch-astrale Trias 
Schamasch-Ischthar-Sin (Sonne, Venus, Mond) zurückführt, 
von denen zwei im astralen System Gatten, Geschwister oder 
Vater und Tochter, das dritte ihr Sohn ist (vgl. Winckleb, 
WAB 40). Ich habe im Anschluß an Fbiedländeb's sonst 
oft unzureichendes Buch „Der vorchristliche jüdische Gnostizis- 
mus" in meinem „Keich der Gnosis" einige Stellen aus Philo 
angeführt, wo er von der Begattung und Schwängerung der 
„wahren Jungfrau" Weisheit (Sophia) durch Gott den Vater 
und von der darauf erfolgenden Geburt des „einzigen und 
geliebten Sohnes" handelt. Auf solche Gedankengänge min- 
destens ebensogut wie auf die sonst als Quelle angesehene 
christliche Lehre von Jesu übernatürlicher Geburt kann die 
an den oben genannten Merkabah-Grübler ben Soma gerich- 
tete vexatorische Frage (Chagigah 14 b f.) gehen, ob ein Hoher- 
priester (= Gott) eine geschwängerte Jungfrau zur Frau haben 
dürfe. — Bei ihren theosophischen Spekulationen mußte den 
Mystikern unter den Rabbinen die Frage nach einem weib- 
lichen Prinzip in der Gottheit um so eher kommen, als wir 
sie ja allenhalben von der genauen Entsprechung zwischen 
Irdischem und Himmlischem überzeugt sahen und nach Gen. 1 
doch Adam und Eva nach dem Ebenbilde der Gottheit 
geschaffen waren! Ich habe schon in der Anmerkung zu 
S. 80 f. darauf hingewiesen , daß die sonderbare Zusammen- 
stellung der Forschung über Inzestverbote mit denen über 
Mäasfeh bereschith und M. merkabah möglicherweise mit dieser 
mystischen Ehe zusammenhängt. Dies würde noch wahr- 
scheinlicher, wenn in diesem Zusammenhange die Mystiker 
die aotpia (rrosn der Proverbien), die öfters auch mit der 
Braut des Hohenliedes zusammenfällt, als mystische „Tochter 
und Braut" des höchsten Gottes erachtet hätten. Der im 
Tempel des babylonischen Etagenbaus wohnende Gott verlangte 
ja ebenfalls eine Braut für seinen th&lamus, wie Herodot 
berichtet, und jeder altorientalische Gott hatte sein weib- 
liches Seitenstück. Wenn auch nicht in so sinnlicher Fassung, 
wie bei Philo, mögen diese Fragen doch bei den Spekula- 
tionen der Rabbinen über Mäasöh merkabah eine Rolle gespielt 
haben, wenn auch nur als von draußen angeregte Probleme 
— ein Grund mehr, diese dem Unberufenen leicht mißverständ- 
lichen Forschungen der Öffentlichkeit tunlichst zu entziehen. 



156 Kap. VII. Einzelheiten des astralen Weltbildet. 

2. Kakta und Tierbreis. 

Wir sahen bereits oben (S. 91* u. 104), daß der Eakia 
kosmisch den Tierkreis und als dessen Abbild die Erde, tellu- 
risch dagegen das Himmelsgewölbe bezeichnet. Wenn von 
mehreren (7) Eakia die Eede ist, so sind damit ja eigentlich 
die (7) „Himmel", d. h. die über einander liegend gedachten 
Planetensphären gemeint (ATAO 2 15). Aber dieses Bild ist 
häufig bei den Babbinen ganz verwischt. Sie denken an 
etagenförmig übereinanderliegende Himmelsräume, die durch 
je eine „Veste" voneinander getrennt sind. Da die ursprüng- 




Abb. 12. Himmelsglobus des Hipp&rch. 

(Am Thiels, Antik« Himmol »bildet.) 

liehe astronomische Anschauung verloren gegangen ist, können 
sie sich streiten, wieviel solcher „Himmel" bezw. „Vesten" 
es gebe, ob 2, 7 oder 8 (Chagigan 12 b) 1 . 



1 Die 7 Himmel sind eigentlich nur vorstellbar bei Annahme der 
Scheibeogeatalt der Erde. Manche Thalmudisten aber sind der Ansicht, 
daü der Himmel eine Hohlkngel sei, die die {ebenfalls kugelförmige) Erde 
umgebe, vgl. Rosch ha-schanah IIb, Baba batbra 74a. Dann müßten 
die 7 Himmel 7 konzentrische, rindenartige Gebilde um einander sein, 
was zu ungemeinen Anschauungsschwierigkeiten führt. Trotz der Zweifel, 
die v. Orelli in «einer Kritik meines .Korän" (ThLbl. 05, Nr. 24) änßert, 
glaube ich doch, daß der letzte Ursprung der 7 Himmel nicht astral- 
babylonisch ist, sondere von den 7 Vegetation »stufen des Himalaja stammt. 
— Über die Massaroth (Matartä?) s. m. „Gnoiis", S. 87, 133. — Nach 



3. Die Planeten. 157 

Ganz eigentümlich ist die rabbinische Anschauung, daß 
der Tierkreis eine besondere Bewegung dergestalt besitze, 
daß er alle 24 Stunden die Erde umkreise, so daß jede zweite 
Stunde eines seiner Bilder im Westen untergehe, während 
im Osten ein anderes emportauehe. 



3. Die Planeten. 

Gen. r., c. 10 (zu 2, 1) heißt es: „Nach Rabbi Hoschajah 
erklärte Eabbi Ephes (den; Anf. 3. Jahrh.): . . . Bevor Adam 
sündigte, bewegten sich die Planeten auf kurzem Wege und 
schnell; nachdem er aber gesündigt hatte, lenkte Gott sie auf 
langem Wege und langsam. Ein Planet vollendet seine Bahn 
in 12 Monaten; das ist das Sonnengestirn. Ein andrer Planet 
in 30 Tagen; das ist der Mond. Ein dritter in 12 Jahren; 
das ist der Jupiter; ein vierter in 30 Jahren; das ist der 
Saturn. Nur Venus und Mars vollenden ihre Bahn erst in 
480 Jahren". In verschiedenen Manuskripten befindet sich 
zu der letzten seltsamen Ansicht die Glosse: „Man wandte 
ein, daß die Venus die 12 Tierbilder in 10 Monaten durch- 
laufe, also jedes Bild in 25 Tagen, der Mars aber in l 1 / 2 Mo- 
naten. Da jedes dieser Gestirne seine Bahn in l 2 / 2 Jahren 
zwölfmal vollendet, wie kann man da sagen, daß beide ihre 
Bahn erst in 480 Jahren zurücklegen?" Bei der ziemlich 
genauen Angabe über die Umlaufszeiten des Jupiter und Saturn 
ist das auch sehr befremdlich. 1 Die 12 Jahre für Jupiter 
stimmen wirklich beinahe: in Wahrheit sind es 11 Jahre 
315 Tage. Auch die 30 Jahre für Saturn weichen von der 
tatsächlichen Umlaufszeit von 29 Jahren und 167 Tagen nicht 
viel ab. Entgegen der aristotelischen Ansicht, daß sich die 
Sphären der einzelnen Planeten geozentrisch kreisend bewegten, 
die Planeten aber in ihnen selber feststünden, sind die Talmu- 



Gen. r., c. 19 (zu 3, 8) zog sich Gott von hienieden immer weiter durch 
alle 7 Vesten hindurch zurück, von Abraham bis Moses ließ er sich 
wieder je 1 Veste niedriger herab, entsprechend den Verdiensten der 
sieben Gerechten Abraham, Isaak, Jakob, Levi, Kehat, Amram, Moses. 
1 Die angeblich 480jährige Umlaufszeit der Venus erklärt sich sehr ein- 
fach aus einer Verwechslung von Tagen mit Jahren. Tatsächlich braucht 
nämlich die Venus etwa 480 Tage, um wieder in die gleiche Stellung 
zurSonne zu kommen. Der rabbinische Tradent hat von diesen reich- 
lich l 1 / 2 Jahren etwas gehört, weiß aber damit nichts anzufangen. 



158 Kap. VII. Einzelheiten des astralen Weltbildes. 

disten der Ansicht, daß die Sphären feststünden, die Planeten 
aber sich an ihnen kreisläufig fortbewegten (Pesachin 94 b). 
Daß alle 28 Jahre die Tag- und Nachtgleiche im März 
auf dieselbe Stunde fällt, war den thalmudischen Rabbinen 
ebenfalls schon genau bekannt (Berachoth 59 a). 



4. Außerzodiakale Sternbilder. 

a) Kesil = Sternbild Orion (vgl. S. 56, 125 2 ). Er gut 
als warm. Berachoth 58 b: „Ohne die Wärme des Kesil könnte 
die Welt nicht bestehen, ebensowenig ohne die Kälte der 
Kimah" (s. unten b). 

b) Kima =±= Plejaden, vgl. S. 125, 143. — L. c: „Was ist 
Kimah? Samuel (3. Jahrh.) sagte: Wie 100 Sterne" usw., 
also ein Sternhaufe 1 . 

c) Asch (Ajisch) = Plejaden? — L. c: „Was ist Asch? 
R. Jehudah sagte: (Der Stern) Jota. Was ist Jota? Manche 
sagen: Der Schwanz des Widders; andre sagen: Der Kopf des 
Stiers. Jene Ansicht ist die richtigere." („Bär" ? vgl. S. 23.) 



5. Andere Himmelserscheinuiigen. 

a) Kometen (rp^n, traiai muid): Berachoth 58b: „Der 
Komet reißt den Himmelsvorhang durch und rollt ihn aus- 
einander, da wird der Glanz des (oberen) Himmels sichtbar". 

b) Donner (owi): Berachoth 59 a: „Was ist Donner? 
Samuel sagt: Kreisende Wolken. . . . Die Rabbinen sagen: 
Wolken, die auf einander Wasser schütten. . . . Rab Acha bar 
Jakob (3. Jahrh.) sagt: Ein starker Blitz, der in den Wolken 
leuchtet und die Hagelklumpen zerschlägt. Rab Aschi (dgl.) 
sagt: Die Wolken erbeben, und ein Wind kommt, der gegen 
ihre Öffnungen bläst, wie gegen das Loch eines Fasses". 

c) B 1 i t z e (ov^a) : Berachoth 1. c. : „Was sind Blitze? Raba 
sagte: Ein Strahlenglanz". 



1 Berachoth 59 a: „Als der gebenedeite Gott die Sündflut über die 
Welt bringen wollte, nahm er zwei Sterne aus der Kimah fort und brachte 
dadurch Überschwemmung über die Welt [indem sich durch die ent- 
standenen Öffnungen die oberen Urwässer hernieder ergossen], und als er 
(die Öffnungen) wieder absperren wollte, nahm er zwei Sterne aus dem 
Ajisch und sperrte sie (die Öffnungen) wieder ab. . . . Dereinst wird sie 
(diese 2 Sterne) der gebenedeite Gott ihm (dem Ajisch) wiedergeben; 
denn es heißt (Hiob 38, 32): Ajisch wird sich über seine Kinder trösten". 



1. Das Volk Israel. 169 

d) Kegenbogen (axop) : Berachoth 1. c. : „Kabbi Josua 
ben Levi (3. Jahrh.) sagt: Wer den Regenbogen in den Wolken 

sieht, soll auf sein Antlitz niederfallen In Palästina 

tadelte man das, weil es aussähe, als bücke man sich vor dem 
Regenbogen". Gott läßt dieses Zeichen seiner Bundesver- 
heißung erscheinen, wenn ein Frommer gestorben ist, der der 
Welt während seines Lebens Gottes Gnade sicherte; Gott will 
dann der Welt anzeigen, daß seine Gnade noch weiter daure. 

e) Zodiakallicht? Joma 20b unt. : Rabbi Levi (3. Jahrh.) 
sagt : „Die Sonne sägt am Rakia, wie ein Zimmermann ; daher 
kommt die Spnnenstaubsäule". (Milchstraße: S. 33 \ 104 V) 



Vm. Kapitel. 

Astrale Symbolik. 
1. Das Volk Israel. 

Das Volk Israel erscheint in Thalmud und Midrasch als 
ein echtes Mondvolk K Auch im A.T. ist dies schon der Fall. 
Der Mond bestimmt dort das Jahr (t/> 104, 19), 12 „Monde" 
bilden ein solches; der Neumond (d. h. neue Mond, das erste 
Wiedersichtbarwerden des Mondes) wird allmonatlich freudig 
gefeiert usw. Der Prophet Jeremias berichtet noch von einem 
Rest alten Mondkults (Jer. 7, 18; 44, 17 ff.) Der Mond heißt da 
o^isr? rob72 „Königin des Himmels" (wie bei Horaz, Carm. 
saec. 35 regina coeli), und die mit dem Mondgestirn ja physisch 
in Beziehung stehenden Frauen bringen dieser Mondgöttin 
0^53 (Honigkuchen) dar als Abbilder der Mondscheibe 2 . 
Während y 121, 6 die Möglichkeit auch schädigender Wirkung 
des Mondes voraussetzt, gemahnt der ahronidische Segen un- 
willkürlich an den Frieden einer heiteren Mondnacht 8 ; Ver- 
finsterung des Mondes erscheint als Strafgericht (Jes. 13, 10; 
Ez. 32, 7; Joel 2, 10; 3, 4. 20), und der Sänger des Hohen- 
liedes preist die Geliebte (ähnlich wie Uhland die Königin in 



1 Vgl. Herodot VII 37, Curtius IV 10 (oben S. 41 *) die Perser als 
Mondvolk, die Griechen als Sonnenvolk. Genau so Exod. r., c. 15: 
„ ,Schön wie der Mond' (Hohesl. 6, 9) , das ist vom Perserreich gesagt ; 
,lauter wie die Sonne* vom Griechenreich". 2 Mondkalt auch er- 

wähnt Deut. 4, 19; 2. Reg. 23, 5! „Ewige* Dauer des Mondes: if> 89, 38. 

8 Vgl. unten S. 162 das Zitat aus Exod. r., c. 15. 



160 Kap. VIII. Astrale Symbolik. 

„Des Sängers Fluch") als „schön wie der Mond" (6, 9). Das 
Bedeutsamste freilich bleibt das große Neumondopfer von 
2 Stieren, 1 Widder und 7 Lamm- Jährlingen (Num. 28, 11 ff.); 
die Sonne ist nirgends in nur irgendwie entsprechender Weise 
ausgezeichnet. 

Mit diesen Anschauungen stimmen auch die rabbinischen 
überein. Gen. r., c. 6 zu 1, 14, erklärt Rabbi Jochanan (3. Jahrh.) 
mit Beziehung auf yj 104, 19, Gott habe gesagt: „Die Sonne 
ist lediglich zum Leuchten geschaffen", und antwortet 
auf die Frage, wozu der Mond geschaffen sei: „Zur Be- 
stimmung der Monats- und Jahresanfänge". — 
Ibid. zu 1, 16 heißt es: „Esau (Rom und die Heidenschaft) 1 
zählt nach der Sonne . . . Jakob (Jsrael) nach dem Monde", 
woran homiletisch die Ausführung geknüpft ist, „Esau" habe, 
gleichwie' die Sonne lediglich tagsüber walte, nur Anteil an 
dieser Welt, „Jakob" aber, gleichwie der Mond, der am Tage 
und in der Nacht walte, Anteil an dieser und jener Welt. — 
Bei dieser Verteilung der beiden Gestirne erklärt es sich nun 
auch, wenn es Sukkah 29 a heißt: „Die Rabbinen haben über- 
liefert: Eine Sonnenfinsternis ist von übler Vorbedeutung für 
die Völker der Welt, eine Mondfinsternis für die Israeliten, 
weil diese nach dem Monde, jene nach der Sonne zählen". 
Wie wir oben (S. 66, Kap. I, lBa) sahen, daß, bevor einem 
Volke etwas widerfahre, dies erst an dessen Schutzengel ge- 
schehe, so sehen wir hier als allgemeinen Repräsentanten der 
Weltvölker die Sonne und als den Israels den Mond; ge- 
schieht dem Repräsentanten etwas (und die Finsternis ist 
doch offenbar eine capitis deminutio für diese Gestirne), so 
hat auch der Klient dieses Patrons dergleichen zu erwarten! 
— Sehr interessant ist die Stelle jer. Rosch ha-schanah 57 b 
(nebst ihren Parallelen Pesiktha 53 d und Pesiktha rabbathi, 
c. 15 = 77 a), wo mit Beziehung auf Exodus 12, 2 gesagt wird, 
Gott habe den Israeliten den Mond übergeben, wie ein König 
seinem Sohne einen Ring übergebe, was Bachee (APA III 153 s ) 
treffend so paraphrasiert: „Der Mond gleicht an Form und 
Gestalt einem Ringe; seine Übergabe bedeutet, wie die des 
Ringes, die Übertragung der Herrschermacht". Gemeint ist 



1 Exod. r., c. 15 sub fin. steht geradezu: „Völker der Welt" (Heiden) 
und „Israel". — Vgl. Berachoth 7a, Abodah sarah 4b: „Wenn die Sonne 
aufgeht und die Könige der Völker der Welt ihre Kronen aufsetzen, 
zürnt der gebenedeite Grott". 



1. Das Volk Israel. 161 

natürlich „der Mond in seiner Stärke" (Berachoth 59a) d.h. 
der Vollmond (zumal nach Ber. 1. c. im Frühlingsäquinoktium 1 , 
an dem ja auch die Befreiung aus Ägypten stattfand). Der 
Mond als Symbol der göttlichen Herrschermacht ist die 
rabbinische Monotheisierung des Weltbeherrschers Sin, also 
eine Erinnerung an früheren Mondkult. Noch kühner ist es, 
wenn Exodus rabba, c. 15 sub fin. (zu 12, 12), wo der Voll- 
mond mit Salomos Herrlichkeit parallelisiert wird, zugleich 
Gottes weltbeherrschende Majestät als das himmlische Korrelat 
der Herrlichkeit Salomos dergestalt erscheint, daß Mondphasen 
und Gottes Walten sich fast decken. Die genannte Stelle 
enthält zugleich eine so packende Parallele zwischen den 
einzelnen Mondphasen und der jüdischen Geschichte 
von Abraham bis Zedekiah, daß ich mir nicht versagen kann, 
sie wörtlich anzuführen: 

[Exod. r., c. 15 2 :] „Der Mond fangt am 1. Nisan zu leuchten an 
und leuchtet so fort bis zum 15. ; dann ist seine Scheibe voll geworden. 
Vom 15. — 30. nimmt sein Licht ab, bis er am 30. unsichtbar ist. So 
zählte auch Israel (a) 15 Geschlechter von Abraham bis Salomo* 
Abraham begann zu leuchten, laut Jes. 41, 2 [s. oben S. 130, Astrolo- 
gisches 3]. Dann kam Isaak und leuchtete ebenfalls, laut i/> 97, 11. 
Dann kam Jakob, und sein Licht nahm noch weiter zu, laut Jes. 10, 17; 
dann kamen Juda, Perez, Chesron, Kam, Aminadab, Nachschon, Schal- 
mon, Boas, Obed, Isai, David. Als Salomo kam, war die Mond- 
scheibe voll, laut 1. Chron. 29, 13: „Salomo saß auf dem Throne 
J-hw-h's als König". ... So wie Gott herrscht von einem Ende der 
Welt bis zum andern — laut ip 138, 4: „Dich preisen, Herr, alle Könige 
der Erde* — ebenso herrschte Salomo von einem Ende der Welt bis 
zum andern, laut 2. Chron. 9,23: „Alle Könige der Welt kamen, 
Salomo zu sehen". Gottes Gewand ist „Pracht und Herrlichkeit" 
(if) 148, 1) , und er verlieh dem Salomo „die Pracht des Königtums" 
(1. Chron. 29, 25). Vom Throne Gottes heißt es Ez. 1, 10: [Eines der 
throntragenden Tiere hatte] „das Angesicht eines Löwen", und bei 
Salomo heißt es 1. Reg. 7, 29: „Und auf den Schildern an den Ecken 
(des Thrones) waren Löwen" usw. Ferner heißt es (ibid. v. 33): „Und 
das Werk der Räder war wie Räderwerk von Wagen", [das erinnert 
an den göttlichen Thronwagen, n^TE] . . . Gott hat sechs Himmel 
gemacht und im siebenten thront er; von Salomos Throne heißt es 
(1. Reg. 10, 19): „Sechs Stufen führten zum Throne hinauf", also 
thronte er auf der siebenten 3 . — Siehe, da war die Mondscheibe 
nun voll ; von da (b) begannen die Könige ständig abzunehmen : Salomos 

1 Vgl. auch diese Konstellation in Gen. r., c. 50 fin. und c. 10 (zu 
2, 1). Beidemal ist, wie auch sonst, der 16. (nicht: 15.) Nisan genannt, 
was für die Osterfrage und die Frage der Einsetzung des Abend- 
mahls im N.T. ebenso wichtig wie nicht beachtet ist. a Aus der 
Pesiktha zu Ex. 12, 2 mit geringen Änderungen. 3 Vgl. Esther r. zu 1, 2. 

Bischof f, Babylonisch- Astrales. 11 



162 Kap. VIII. Astrale Symbolik. 

Sohn Rehabeam, R.'s Sohn Abia, A/s Sohn Assa, dann Josaphat, 
Jehoram, Ahasjah, Joas, Amazjah, Usia, Jotham, Ahas, Hiskiah, Manasse, 
Amon, Josiah, Jojakim. Als Zedekiah kam, dessen Augen geblendet 
wurden, schwand das Mondlicht. In allen den Jahren, während die 
Israeliten sündigten, beteten die Väter für sie und stellten den Frieden 
zwischen Grott und den Israeliten wieder her . . . wie es heifit (ty 72, 7): 
„ Großer Friede, bis der Mond nicht mehr ist", d. h. bis zum 30. Ge- 
schlecht Israels seit der Königsherrschaft. Von da an bis jetzt schafft 
lediglich der Herr den Frieden, wie es heißt (Num. 6, 26) *: „ Der Herr 
erhebe sein Antlitz auf dich und gebe dir Frieden! 11 






2. Mond-Züge bei biblischen Personen. 

Die biblischen „Mond -Züge" bei Abraham und ihre 
Beziehung zum babylonischen Astralmythos finden sich bei 
Jebemias, KBB 4 30. — Im Thalmud und Midrasch findet sich 
auch manches in dieser Hinsicht. Die Parallelisierung Abra- 
hams mit dem gerade erst sichtbar werdenden, „neuen" Monde 
haben wir soeben gesehen. Ob, wie mehrfach vermutet worden 
ist, bei der Nachricht (Sotah 10a), daß Abraham für die 
Eeisenden eine Herberge (Karawanenserai) errichtet und ihnen 
dort den Namen Gottes gepredigt habe, das Bild des Mondes 
bezw. „Mondhofs" zugrunde liege, durch den die Sterne zu 
ziehen scheinen, lasse ich dahingestellt. Auffällig ist jeden- 
falls, daß, als Abraham wider Lots Feinde zieht (Gen. 14, 15 ff.), 
nach Eabbi Jochanan (3. Jahrh.; Sanhedrin 96 a) „ihm ein 
Engel namens fib^b (Lajlah, Nacht, s. oben S. 61) zugesellt 
wurde", dessen astrale Natur Eabbi Isaak der Schmied be- 
zeugt (ibid.) mit den Worten: „Der Engel hat bei ihm seinen 
nächtlichen Beruf ausgeübt (rfrb rtwn), wie es (Eichter 5, 20) 
heißt: ,Vom Himmel her stritten sie (plur.!), die Sterne aus 
ihren Bahnen' usw." Nach dieser Ansicht ist also Abraham 
sozusagen mit zu den nächtlichen Gestirnen gerechnet 2 . 

Isaak tritt bei den Eabbinen unter den Erzvätern am 
meisten zurück; doch heißt es Num. r., c. 2 (zu 2, 32) auch 
von ihm: „Warum werden sie (die Israeliten) mit den Sternen 
gleichgesetzt? . . . Isaak entspricht dem Monde." 

Am reichsten ist J a k o b mit Mondsymbolik ausgestattet. 
Einiges stehe hier. Wie sein Zwillingsbruder Esau (öfters 



1 Vgl. das S. 159 über den ahronidischen Segen Gesagte. * Auch 
Elieser, Abrahams Knecht, weist Mondzüge auf. Ihm „hüpft* (Sanh. 95 a) 
wie dem Jakob (s. S. 163) „das Land entgegen*. 



2. Mond-Züge bei biblischen Personen. 163 

Edom, der Rötliche, genannt [s. S. 124 8 ] und mit Rom identi- 
fiziert) die (Glut-) Sonne (Ninib-Mars) zum Symbol hat, so 
Jakob den Mond. (Vgl. z. B. oben S. 160 u. ö.) Diese Be- 
ziehung auf Sonne und Mond ist auch Gen. r., c. 65 (zu 27, 11) 
da, wo Rabbi Levi (3. Jahrh.) Esau mit einem Vollhaarigen, 
den Jakob mit einem Kahlköpfigen vergleicht (Den Rabbinen 
standen also nicht wie manchem Modernen die Haare zu 
Berge, wenn das Behaartsein Esaus auf die Sonnenstrahlen 
bezogen wurde.) Gen. r., c. 68 Anf. wird zu Gen. 28, 10, wo 
Jakob nach (der alten Mondstadt) Haran zieht, dies von 
Rabbi Simeon ben Nachman (3. Jahrh.) so gedeutet, als sei 
Jakob hinter die Berge geflohen, und Rabbi Chanina (dgl.) 
sagt, feaak habe den Jakob, damit Esau ihn nicht verfolge, 
„abgeschnitten" fortgeschickt; das klingt wirklich so, als habe 
man an das vor Sonnenaufgang untergehende, also sich ver- 
bergende, letzte Mondviertel gedacht. Dagegen scheint in der 
Überlieferung von Gen. r., c. 68 Mitte , wo Jakob auf seiner 
Reise vor der Offenbarung zu Bethel steht, ursprünglich eine 
Beziehung zum Vollmond (genauer : zum Mond etwas nach dem 
Vollmondseintritt) vorzuliegen 1 , der nach Sonnenuntergang 
aufgeht und dann allein am Himmel steht; es heißt 2 : 
„Die Rabbinen haben gelehrt, aus den Worten: ,Die Sonne 
war untergegangen' geht hervor, daß Gott den Sonnenball 
vor der Zeit untergehen ließ, damit Er mit unserm Vater 
Jakob im Verborgenen sprechen könne." Nach Sanhedrin 95 a tf 
„hüpfte ihm die Erde entgegen", wie noch heute der orthodoxe 
Jude beim Neumondgebete, bei dem im Freien der Mond 
direkt angeredet wird, dem Monde entgegenzuhüpfen hat und 
sagt: „Gleichwie ich jetzt dir entgegenspringe" usw. Als 
dann Jakob nach Haran an den Brunnen 4 gekommen ist 
(Gen. 29), dringt laut Pirke R. Elieser 32 das Wasser von 
selbst aufwärts, was daran erinnern mag, daß der Mond das 
Wasser an sich zieht. Bei Jakobs Bild, das nach Gen. r., 
c. 68 und c. 82; sich am „Throne Gottes" dargestellt findet 



1 Daß Jakob erst mit dem letzten Viertel, dann mit dem Vollmond 
verglichen wird, seine Reise also dem Mondlauf gewissermaßen entgegen- 
gesetzt sich vollzieht, ist dadurch wohl erklärlich, daß J. von Westen 
nach Osten geht. * Ebenso Chullin 91 b. 3 Vgl. Pirke Rabbi 

Elieser 32; Thanchuma fiOfc'H. 4 Der Brunnen plS) wird übrigens 

auch Gen. r., c. 70 zu 29, 3 , gleichwie anderwärts in einer Deutung mit 
Ägypten in Verbindung gesetzt (dem Unterweltlande, S. 84 f., 86, 105). 

11* 



164 Kap. VIII. Astrale Symbolik. . 

(die auf der „Leiter" nieder-steigenden Engel schauen erst 
dieses Bild, dann unten das schlafende Menschenbild , dessen 
Abbild), muß man wohl, der nächtlichen Situation entsprechend, 
eher an eine Beziehung zum Monde als zur Sonne denken, 
obwohl Jakob ja auch (s. unten) solare Züge aufweist. Wenn 
Gen. r., c. 73, dem Jakob zum Bespringenlassen seiner Herde 
von himmlischen Engeln geeignete Widder gebracht werden, 
so lag es für die mit der astralen Natur der Engel bekannten 
Kabbinen nahe, daran zu denken, wie die Planeten in die 
Fixsternherde des Mondes geführt werden. Direkt ausge- 
sprochen ist dies aber nicht. 

Die biblischen Mondzüge des Moses sind von Jeeemias 
und Wincklek, Hommel und anderen so ausführlich behandelt, 
daß ich nur darauf zu verweisen brauche („Gehörnter" Moses, 
der Stab wie bei Jakob Mondsymbol usw.). In der Mechiltha 
zu Num. 10, 31 f. läßt Rabbi Eleasar aus Modaim (1./2. Jahrh.) 
den Jethro geradezu sagen: „Du, Ahron, bist die Sonne, und 
dein Bruder (Moses) ist der Mond"! — Über Salomo usw. 
s. oben S. 161. 



3. Sonnen-Züge bei biblischen Personen. 

Schon S. 130 sahen wir Abrahams kabbalistisches 
Amulett an den Sonnenball gehängt, und S. 124, wie Pesiktha 
rabbathi c. 20 (94 b) die Sonne als Symbol Abrahams be- 
zeichnet ist: „Die Sonne entspricht unserm Vater Abraham, 
der die Welt mit Sonne und Glanz erfüllte". Wenn übrigens 
verschiedentlich Abraham zum Planeten Jupiter in Beziehung 
gesetzt wird (s. oben Kap. V und sonst), so würde das zu 
dieser solaren Charakterisierung sehr gut stimmen. Der 
Sonnen-Gott Marduk hat den Jupiter sogar eher zum Gestirn 
als die Sonne. (Vgl. ATAO 2 24 ff., 106, 121 ff.) 

Der Zwilling Jakob tauscht zuweilen von seinem Bruder 
Esau die Sonne ein; Sonne und Mond werden ja in der Astral- 
wissenschaft auch als Zwillinge betrachtet (ATAO 2 65, 104), 
und die dem Mond entsprechende West-Kiblah sahen wir ja 
neben der zur Sonne gehörigen Ost-Kiblah ruhig fortbestehen 
(S. 105 f.). Direkte Veranlassung, Jakob mit der Sonne in 
Beziehung zu setzen, gab den Rabbinen ja Gen. 37, 9 (s. o. 
S. 48) Josephs Traum. Gen. r., c. 68 (zu 28, 11) und c. 84 



N. 



3. Sonnen-Züge bei biblischen Personen. 165 

(zu 37, 9), steht unmittelbar nach der (vgl. S. 163) lunaren 
Charakteristik Jakobs: „Rabbi Pinchas (3. Jahrh.) sagt als 
Ausspruch des R. Chanina ausSephoris: Jakob hörte die Dienst- 
engel rufen: ,Gekommen ist die Sonne, gekommen ist die 
Sonne!' Als (später) Joseph seinen Traum erzählte, dachte 
Jakob: Wer hat ihm gesagt, daß ich ,Sonne' heiße?" — Wenn, 
wie wir oben (Kap. I, 2,Bc) sahen, die 12 Söhne Jakobs nach 
den Rabbinen in Beziehung zu den 12 Tierkreisbildern stehen, 
so ist es fast selbstverständlich, Jakob als Vater (Herrn) des 
Tierkreises d. h. als Sonne anzusehen. Ein ähnlicher Gedanke 
scheint auch Gen. r..(l. c, bald nach Obigem) vorzuliegen: 
Während Jakob schläft, fügen sich nach Rabbi Jehudah 
(3. Jahrh.) die 12 Steine, die er unter sein Haupt gelegt hatte 
(und die hier ausdrücklich als Repräsentanten der 12 Stämme 
bezeichnet werden), in einen zusammen * ; die zugrunde liegende 
astrale Anschauung (während die Sonne schläft — der schlafende 
Jakob ist wohl auch der unsichtbare „Neumond" in unserm 
Sinne — sieht man den Tierkreis als festgeschlossenen Ring) 
wird bestätigt durch die alsbald 1. c. folgende Stelle: „Rabbi 
Jose bar Simra (3. Jahrh.) sagt: Jakob legte die Steine wie 
einen Schutzwall um sein Haupt, da er sich vor den 
wilden Tieren fürchtete". Daß hier eine astrale Anspielung 
vorhanden, ist aus dem Grunde wahrscheinlich, weil schwer 
einzusehen ist, warum Jakob die Steine gerade nur um sein 
Haupt gelegt haben soll; sein Leib war doch ebenso gefährdet. 
Ist die Sonne gemeint, so gibt es eben nur ein Haupt, keinen 
daran noch befindlichen Leib. Die Vorstellung des Rakia 
(hier: Tierkreises) als Steinringes ist verwandt mit seiner Be- 
zeichnung als „Stein" Gen. r., c. 4 Mitte und c. 6 sub finem 
(zu 1, 17). — Doch alles dies sind eben nur astrale „Züge" 
des seinen innersten Wesen nach auf heilsgeschichtlicher Er- 
fahrung beruhenden Weltbildes der Rabbinen. Der wahre 
„Stein der Hülfe", Kern und Stern ihres und alles Seins ist 
ihnen im letzten Grunde immerdar der eine, ewige, all- 
mächtige Gott. 



1 Chullin 91 b wird dies dadurch bestätigt, daß es Gen. 28, 11 heiße: 
»Er nahm von den Steinen", v. 18 aber „den Stein". 



Register. 

(Die eingeklammerten Zahlen bezeichnen die Seiten dieses Buches.) 

1. Bibelstellen. 

Altes Testament. Genesis: 1 (101. 145). 1, 1 (3. 89. 92. 93. 95. 97). 
1,2 (74. 91). 1,5 (83). 1,6 (77). 1,7 (,99). 1,9 (95). 1,11 (30. 112). 

1, 14 (100. 116. 125). 1, 16 (100). 1, 20 (91). 1, 24 (99). 1, 25 (99). 1, 26 
(60. 93. 100). 1, 27 (100). 2 (145). 2, 1 (105). 2, 7 (100. 109). 2, 7—9 (30). 

2, 8 (21. 29. 30). 2, 10 (29). 2, 11 ff. (30). 2, 14 (32). 3, 8 (30). 3, 24 (30. 
33. 36). 6, 2 (133). 6, 4 (136). 9, 6 (56). 9, 13 (102). 10 (41). 11, 5 (60). 
11,7(60.93). 14, 15 ff. (162). 15,3(131). 15,5(44.77.131). 18,22(101). 
20, 7 (131). 24, 50 (61). 28, 10 (168). 28, 11 (165). 28, 17 (24. 25). 29 
(163). 32, 2 (22). 34 (27). 34, 21 (110). 35, 37 (60). 35, 19 (48). 37, 9 (48. 
164). 39 (53). 41,40 (59). 41,50 (52. 130). 42,3 (101). 42,9 (111). 44 
(56). 44, 19 (27). 46, 2 (41). 49 (50. 58. 54. 55). 49, 3 (51). 49, 9 (55. 56. 
57). 49, 22 (52. 55). 49, 28 (58). — Exodus: 1, 5 (41). 4, 20 (56). 9, 26 
(26). 10, 5 (110). 12, 41 (76). 15, 8 (110). 17, 11 (130). 20, 24 (77). 24, 10 
(17). 25, 9. 40 (22). 25, 20 (76). 26, 15 (23. 77). 26, 30 (22). 26, 33 (77). 
28, 17 ff. (53). 32, 32 f. (16). 33 (55). 36,34 (24). — Leviticus: 16,4 
(22.27). 18,28 (110). 23,29 (65). 24,2 (78). — Numeri: 6,26 (162). 
7, 1 (24). 7, 4 (24). 9, 2 (51). 13, 33 (110). 14, 22 (102). 15, 15 (7). 16, 80 
(102). 16,32 (110). 21,17 (102). 22,28 (71,102). 24,5 (78). 24,17 (18. 
76). 25(55). 28,2(51). 28, 11 ff. (160). — Deuteronomium: 1, 10 (77). 

4, 6 (14). 4, 7 (60). 4, 11 (110). 4, 19 (41. 93. 159). 4, 32 (109). 4, 34 (131). 
6,4(18). 6,5(47). 10,22(41). 11,11(110). 18, 9 (13)/ 32, 8 (41). 33,17 
(49. 56). 33,22 (58). — Josua: 15,57 (101). 19,9 (55). — Richter: 

5, 20 (162). 14, 4 (61). — 1. Sam.: 1, 8 (101). — 2. Sam.: 2, 9 (32). 4, 2 
(77). 7, 23 (60). 22, 5 (35). 22. 11 (76. 88). — 1. Reg.: 5, 10 (130). 7, 29 
(161). 7, 33 (77. 161). 8, 11 (23). 8, 12 (77). 8, 13 (24. 76). 10, 19 (28. 
161). 11, 31 (101). — 2. Reg.: 2, 11 (7). 17, 31 (140). 23, 5 (159). — 
1. Chron.: 3, 17 (69). 29,13.25 (161). — 2. Chron.: 9,23 (161). — 
Esther: 3,7 (64). — Esra: 3, lff. (64). — Neh.: 7,18 (65). 8,lff. 
(65). — Hiob: 3, 3 (60). 7, 18 (63). 14, 12. 22 (35). 17, 15 (35). 18, 14 
(114). 22, 13 (77). 22, 16 (85). 25, 3 (77). 26, 5 (35). 26, 11 (101). 28, 20 ff. 
(5). 29,14(97). 31,6(66). 35,5(18). 37,6(90.94). 38, 4 ff. (16). 38,7 
(46. 113). 38, 13 (114). 38, 32 (125. 158). 38, 88 (71). 38, 38 (95). — 
Psalm: 8,5 (143). 11,4 (77). 18.5 (35). 18,11 (88). 19,2 (110). 25,6 
(101). 29, 3 (146). 33, 6 (99). 34, 8 (77). 37,25 (112. 113. 114). 65,7 
(101). 68, 13 (77). 69, 10 (66). 69, 29 (16). 72, 17 (20). 72, 7 (162). 74, 2 
(20). 89, 15 (101). 89, 38 (159). 90, 2 f. (20). 93, 1 (98). 93, 2 (14). 94, 17 
(37). 97,11 (161). 104,1 (98). 104,2 (77. 90. 98). 104,3 (110). 104, 3 f. 



Register. 167 

(91). 104, 6 (94. 96 f.) 104,19 (159. 160). 104,25 (110). 104,31 (112). 
119,89 (44). 121,6 (159). 134,1 (22 f.). 136,6 (94). 137,7 (26). 138,4 
(161). 139, 5 (109). 139, 16 (16). 145, 18 (18). 147, 4 (76). 148, 1 (161). 
148, 4f. (92). 148,8 (94). — Proverb.: 3, 19. 20 (101). 4,2 (5). 7,27 
(35). 8, 22 (3. 14). 8, 24 (92). 8, 26 (110. 131). 8, 30 (3). 9, 18 (35). 19, 14 
(61). 20, 27 (47). 30, 15 (35). 30, 33 (21). 33, 9 (16). 58, 5 (20). 148, 5 
(16). — Koheleth: 1,4 (110). 1,5 (118). 2,8 (142). — Cantic; 2,7 
(106). 5, 11 (134). 6,9 (159. 160). — Jesaja: 1,2 (110). 1,3 (56). 4,3 
(16). 5, 12 (7. 14). 6, 1 (23. 77). 6, 2 (77. 91). 6, 6 (77). 6, 13 (76). 10, 17 
(161). 13,10(159). 14,12(140). 21,11(37). 24,21(41). 30,33(35). 
33,14(35). 38,8(101). 38, 10 ff. (35). 40, 21 f. (15). 40,22(78.89). 40,28 
(99). 41, 2 (132. 161). 44,24 (90). 45, 7 (92). 48, 16 (45). 51,3 (29). 
51, 39. 57 (35). 59, 3 (58). 59, 17 (98). 61, 7 (46). 63, 2 (98). 63, 15 (76\ 
64, 3 (29). 65, 17 (25. 88). 66, 22 (89). 66, 24 (35). 147, 16 (94). — Jerem.': 
3, 17 (23). 6, 26 (20). 7, 4 (77). 7, 18 (159). 10, 2 (131). 15, 3 (122). 
17, 12 (20. 23. 77). 17, 18 (46). 22, 24 (69). 22, 29 (110). 22, 30 (69). 
31,18(110). 44,17ff. (159). — Ezech.: lf. (149). 1, 10 (134. 161). 1,15.21. 
(76). 1,22(152). 1,26(17). 1,27(152). 9,2(22.77). 31, 3 ff. (30). 31,15 
(35.36). 32,7(159). 88,12(110). 40 ff. (22). 41, 6 (25). — Daniel: 1, 12 
(101). 2,22(78). 4,14(41.60.63). 5, 26 f. (66). 7,5(137). 7,7(101). 
7, 9 (60. 98. 154). 7, 10 (16. 68). 10, 13. 20 (26. 41). 12, 1 (16). — Hosea: 
5, 15 (17). 9, 10 (19). 11, 9 (24). — Joel: 2, 10 (159). 2, 20 (147). 3, 4. 20 
(159). — Arnos: 1,5 (31). 4,13 (92). — Nahum: 2,1 (107). 2,5 (7). — 
Habakuk: 3, lOf. (130). — Sacharja: 4, 10 (137). 10,12 (48). — 
Maleachi: 2,7(77). 3, 16 (16). — Sir ach: 1, 1 ff. (5). 7,17(35). 24,lff. 
(5). 24,37 (32). 33,9 (35). 51, 4 f. (35). — Weish.: 18,22.25 (144). — 
Tobith: (136). 8,3 (141). 12, 14f. (137). — 2. Makk.: 2,4ff. (33). 

Neues Testament. Matth.: 23,2(28). 25,1.28(101). 25, 42 ff. 
(16). — Luk.: 10, 1 (41). 15,8(101). 16,9(67). 17,7(101). 19, 13. 24 f. 
(101). — Job.: 12,31 (118). 14,30 (113). 16,11 (113). — Römer: 11, 23 
(7). — 1. Cor.: 6, 3 (138). — GaL: 4, 22 ff. (4). — Epb.: 2, 2 (114). — 
Philipp.: 4, 19 (16). — 2. Petr.: 1, 19 (10). 3,4f. (94). — Apocal.: 
2, 10 (101). 3, 5 (16). 6, 5 (66). 9, 11 (144). 13, 8 (16). 20, 12. 15 (16). 
21, 1. 2 (26). 21, 27 (16). 22, 19 (16). 



2. Verweisungen auf ATAO, 2. Aufl. 

(Eine x vor der Seitenzahl bedeutet 1. Aufl. von ATAO.) 

ATAO: 6 ff. (7). *8 (1). 10 (74). 11 ff. (49). 16 f. (34). 20(18). 21 
(9). 23 ff. (105). 24 ff. (164): 24. 29 (182). 30 (66). 31 (132). 84(116). 
36 (7. 10). 36 ff. (86). 37 (134). 37 ff. (66). 39 (116). 41 f. (66). 46 (8). 
48 (7. 8). 62 (41). 62 ff. (86). *64 (24). 66 ff. (91). 78 (137). 94 (18). 
94—128(9). 95 ff. (102). 96 ff. (9). 100(114). 100 ff. (9). 103(87). 106 
(164). U09 (12). 115 (18). 121 ff. (106). 122 ff. (18). 123(114). 124 ff. 
(114). 126 (113. 140) 126 f. (114). 127 (18. 114. 124. 136). 129 f. (95). 
131(95). 132(94). 132 f. (91). 132 ff. (8). 134 ff. (8). 186(95.111). 144 ff. 
(93). 146 (15). 162 (98). 167 (16). 174 ff. (73). 176 f. (2). 181 f. (2). 
188 f. (29. 30). 191 ff. (75). 194 f. (30). 201 (33). 206 ff. (11). 207 (12). 
208 ff. (11). 220 (34). 391 (52). 393 (52). 395 ff. (49). 



168 Register. 



3. Sach-Eegister. 

Abendmahlseinsetzung 161. Abgeschiedene in der Unterwelt 37. 
Abraham 42. 44. 124 f. 130 ff. 162. 16i. Adam 34. 44. 47. 100. 109. 
Aderlaß 120 ff. Ägypten (= kosm. Unterwelt) 35. 40—42. 49. 57. 72. 
105 f. 137 f. 145. 163. Ägypten (= Erdenland) 27. Äquinoktien 13. 158. 
161. Agrath bath Machlath 146. Ahron = Sonne 57. 164. Ahronidischer 
Segen 159. 161. Akademie, obere und untere 69 ff. Albam 84 f. Alier- 
heiligstes 23. 35. 106. Altar 22 f. 24. 77. Antäus 47. Apriorisches Wissen 
durch die Thorah 6. Aristoteles 18 f. 101. Asael 142 f. Aschmedai 144 f. 
147. Askalon 47. Asnath, Josephs Frau 52. 130. Astralwissenschaft 6. 
9. 13 f. Astrologen 6. 115. Astrologie und Monotheismus 126 ff. Astro- 
logische Berichte 129 ff. Astrologisches 115 ff. Astronomie 6. 13. 115. 133. 
156 ff. 160. Athbasch 84 f. (vgl. Schabbath 104 a). 

Babylonien 33. 42. Bär (Sternbild) 23. Bär-Gott (Dubiel) 137. 
Basilisk 72. Baum des Lebens 75. Befreiung aus Ägypten 161. Behe- 
moth 72 ff. Besiegelung des beschlossenen Geschicks 64. Blitze 158. 
Böser Engel (b. Trieb) 43. 46. 147. Bohu 74. 91 ff. Bücher, himmlische 
(verschiedener Art) 16. 34. 60. 62. 64. Bundahischn 72. Bundeslade 23. 
Buße (vgl. Reue, auch Sünde) 20. 62f. 64. 131. 

Cäsarea 4. 83.-151. Christentum (altorientalische Motive im — ) 1. 
Cedern 24. 30 f. 77. Curtius 41. 159. 

Dämonen: 99f. 102. 114. 119. 126. 139ff. 148. Denkweise (und 
Deutungsmethoden), spezifisch orientalische 4 f. 10 f. 50 f. 56. 64 f. 71. 113. 
Dienstengel 34. 47f. 56. 62. 68. 139. 151. Donner 6. 158. Drache 72. 
Dubiel 42. 137. Dumah 36 ff. 62. 137. 

Edelsteine (die 12 des Brustschildes) 53 f. Eden (vgl. Paradies) 29 f. 
31. Edom (=Rom) 33. 121. Ehernes Meer 24. Ekliptik 18. 74. 86 f. 
Elias 33 f. 60. 148. Elieser 161. Elysium 32. 35. Emporsteigen der 
Seele beim Schlafe 47. Engel 26. 33 f. 36 f. 41—48. 59 ff. 69 ff. 77. 
89ff. 95f. 104. 111. 112ff. 119. 135—139. 151. 162. Enkel 52. Entgegen- 
hüpfen der Erde 162f. Erde als Lebewesen 109. 111. Erschaffung der 
Erde 95f. Erschaffung des Lichtes 96f. Erzengel 59. 136 (s. auch 
Michael, Gabriel, Raphael, Uriel). Sieben Erzengel 137. Erzväter 19 
(s. Abraham, Isaak, Jakob). Esau 39. 100. 160. 163. Eselin Bileams 71. 
102. „Essener" 4. 

Familie, obere: 60. 67. Fatalismus vermieden 7. 46 f. 63 f. 120. 123 f. 
126 ff. 133. Fechner 109. Fegefeuer (vgl. Hölle) 34 f. 36. 38 f. bischer, 
B. 68. Fixsterne 43. 104. 115. 125. Form der Offenbarung ist astral 66. 
Fromme stehen höher als die Engel 138 f. (vgl. 104). Frühere Welten 
82 ff. Fürst des Angesichts 59; des Feuers, des Hagels 137; Griechen- 
lands, Persiens usw, s. Schutzengel ; der Hölle 38. 41 ; des Meeres, Regens, 
Windes 138. Fürst der Welt 27. 112ff. „Fürst dieser Welt" im N.T. 
113 f. Fundamentalschöpfungen 3 ff. 

Gabriel 26. 41 f. 59. 62. 90. 95. 136 ff. Gallien 42: Geburtsstunde 
117. 118 f. Geburtstag 118. 130. Gefallene Engel 142. 144. Geist, heiliger 
(prophetischer; göttliche Stimme) 102. 130. Gelübde 69. Gematria 84 f. 
(vgl. 25). Geometrie 13. Gerichtstag 16. 39. 47. 60 ff. Gerichtshof, oberer 
und unterer 59 ff. Geschick durch Gebet und Reue zerrissen 63. 131; 
durch noch anderes 131. Geschick eines Volkes und seines Schutzengels 



Register. 169 

42 f. Gilgal 27. 54. Gleichnisse Jesu 4. 40. 51. Gnostizisraus lf. 18. 82. 
90. 103. Gott des Judentums 2ff. 11. 19; speziell der Rabbinen 6. 67 f. 
69f. 89. Gottesfurcht 61. 120. 127 f. Gottesname (12-, 42-, 72-buchstabiger) 
101. 103. 131 ; auf dem Herzen der Engel 139. „Göttersöhne" 133. Griechen- 
land (griechisch-syrisches Reich) 26. 33. 41 f. Griechische Bildung 13. 
Grundstein (Bordschwelle) der Welt 57. Gudea 15. Gudrunlied 72. 

Hades s. Unterwelt. Hadrian 82. 105. Harmonie, pfästabilierte 7. 
Hahn; Hahnenfüße der Dämonen 140. 144. Herakles 35. 47. Herbst- 
Neujahrs-Gerichtstag 64 ff. Herodot 41. 66. 159. Himmel (sieben) 24 f. 
28 f. 85. 104. 141. 156. Himmelsrichtungen (s. Weltgegenden) 35. Himmels- 
stimme 6. 33. 61. 68. Hipparch 44. Hispanien 42. Hochachtung vor 
dem Studium (der Thorah) 68 f. 75. 79 f. 120. Hölle 20 f. 34 ff. 46. 85. 99. 
Hölle, überirdische (astrale) und tellurische 32. 34. Höilenfluß 36. Höllen- 
fürst 38. 41. Höllenknechte 38. Höllenstrafen 38 f. Homer 123f. 

Ideenlehre, platonische lf. Intermundien 47. 114. 141. Inzestverbot 
(mystischer Sinn) 80 f. Irin 41. Isaak 57. 162. 165. Isisfasten 66. Israel 
19. 132. 159 ff. Istebar 143 f. 

•fahr, bürgerl. u. Kult-J. 65. Jahrwochen 125 (vgl. Weltjahr). 
„Jahweh*, Jau 1. Jakob 26. 39. 43. 48 ff. 162 f. 164 f. Jakobsleiter 42. 
Jerusalem 23 ff. 104; oberes 24; neues (?) 25 f. Jesus 4. Joseph 41. 48 ff. 
52. 59. Josephus beurteilt 54. Jüdische u. altoriental. Weltanschauung 
lf. Jupiter (Planet) 10. 45. 116 ff. 121 f. 126. 132. 137. 164. 

Kabbalah 81 f. 101 (s. Merkabah). Kaiser 70. Kerub 23. 30. 33 f. 
47. 76 f. 88. Kiblah (s. Weltgegenden) 105 f. 114. Kirchenväter und 
Rabbinen 5—7. Kometen 34. 133 f. Kommende Welt 25. Koran 141 f. 
144. Konstellationen 43. 119. 123. 141. 161. Kuß Gottes 63. 

Iiänder der Erdenvölker 26 ff. Lajlah 61. 137. Leah (Neumond?) 
49. Lehrhaus (s. Akademie); L. des Abraham usw. im Himmel 70. 
Leibniz 83. Leviathan 72 f. 100. Lichtgewand Mardüks 98. Licht- 
schöpfung 96 f. Lilith 145 f. Lob der Rabbinen 2. 7. 11. 46. 63 f. 67. 81. 
86. 88—91. 109. 120. 123 f. 126 ff. 133. 139. 148. Logos bei Philo 102. 

Magie 13. Malebranche 17. Mann Weiblichkeit des ersten Menschen 
100. 155; der oriental. Gottheiten 100. Mauer des Paradieses 33; der 
Hölle 36. Mehrheit göttlicher Personen 60. 90 f. 153 f. Merkabah 18. 28. 
76. 79. 81. 146. 149—155. 161. Messias 20. 34. Metatron 34. 59. 62. 68. 
113. 118. 124. 137 f. 153; Metatron-Marduk-Mithra-Merkur 118. Meteore 
34. Michael 22 f. 24. 42. 59. 62. 90. 137. Mikrokosmos Mensch 46. 109. 
Milchstraße (s. Nehar di Nur) 33. 104. 159. Minim 107. 154. Mirjam 
(Maria) 62. Mithra 59. 98. 118. Monat der Weltschöpfung 64 f. 99. 
Monatsnamen der Juden 134. Monats- als Personen-Namen: 184 f. Mond 
34. 41. 45. 48f. 57. 65. 73. 114. 116. 121. 159ff. 165. Mondjahr 41. Mond- 
phasen u. jüd. Geschichte. 161 f. Monotheismus, jüdischer 2. 67. 81. 90 f. 
93. 103. 126 ff. 129 ff. 139. 148. 152 f. 165. Monotheismus, latenter 9. Moses 
6. 46. 62. Moses = Mond 57. 164. 

Hadelöhr 48. Nehar di Nur (s. Michstraße) 104. 135. Neujahrs- 
gericht 63 ff. Nibiru 9. 18. 33. 74. 86 f. 

Offenbarung 10. 66. Optimismus der Rabbinen 86. Organische 
Entwicklung der Schöpfung 84. »Orient« 12. Origenes 4. 151. 

Paradies 20. 29 ff. 34. 40. 46. 75. 104. 139. P., astrales und tellu- 
risches 32 f. 34. Paradies = Mystik 79. 153. Paradiesbaum 75 (vgl. Cedern). 
Paradiesströme 30. 32f. Passah 51. 63. Paulus 4. 7. 11. 16. 79. 114. 

Bischoff, Babylonisch- Astrales. 12 



170 Register. 

126 f. 138. Persien (Medo - Persien) 26. 33. 41 f. 137. Petrus 10. 33. 34. 
Pflanzen u. Tiere 70 ff. 125. Pforten der Hölle 35 f.; des Paradieses 31 f. 
33. Pharao 41. 95. Philo 4f. 17. 53f. 103.' Planeten 10. 13f. 18. 44f. 
52. 73. 104. 115 ff. 121. 126. 132. 137. 157 f. 164. Plato 2. 5. 19. 35. 45. 
Plejaden 125. 138. 143. 158. Pluralform in Bez. auf Gott u. die „obere 
Familie* 10. 67. Poesie der Rabbinen 62. Polemisches 91. 155. Prä- 
existenz 2 ff. 25. 44 f. 60 f. 72. 85. 100. 104. Prädestination 126. Präzession 
des Frühlingspunktes 65. 75. 86. Psychologisches 128 f. 

Rachab 42. 137 f. Rakia (s. Tierkreis) 6. 34. 44. 54. 77. 91 f. 99. 
104. 135. 156 f. Raphael 59. 136 f. 144. Regenbogen 151. 159. Regen- 
zeit 63. Reue (s. Buße) 63. Revenant 38. Rom 27 f. 42. 96. 

Sabbath 46. 51. 122. Salomo 130. 141. 161. Salomos Thron 28 f. 
161. Sammael (auch = Satan; s. Todesengel) 46. 60. 61 f. 136 f. 142. 
Sandalphon 137. 153. Sechstagewerk 89 ff. Seelen (vgl. Präexistenz 44 f. ubw.) ; 
der Gestirne 100; der künftigen Frommen 45. Seele, ihr Emporsteigen 
beim Schlafe 47. Selektion, religiöse 2. Senat, himmlischer 60. Sephiroth- 
Lehre 81. 101. Seraphim 24. 77. 151. Sinai 44. Sirach (thalmudischer, 
griechischer, „ neuentdeckter tt ) 78. Sitz Gottes s. Thron der Herrlichkeit. 
Sitzen des Schöpfers 15. Sonne 34. 45. 48 f. 57. 65. 104. 114. 124. 130. 
159 f. 162 f. 164 f. Skmnenjahr 27 f. 41. 44. 72 f. 125. Sonnenwenden (nebst 
Äquinoktien) 13. Sphären 34. 101. Stämme, die zwölf 27. 48 ff. 165. 
Sternbilder 23. 34. 44 f. 48 ff. 65 f. 71. 114. 158. Sterne 24. 44. 71. 76f. 
115. Stierzeitalter 10. 86. (Planeten-) Stunde der Geburt 117 ff.; (PI.-) 
Stunde, günstige 117 ff. 132. Sünde 12. .Synkretismus* lf. 

Schamchasai 143. Schicksal vgl. Fatalismus, Gerichtshof, Gerichts- 
tag, Geschick, Willensfreiheit. Schicksalsbestimmung tägliche 60 f.; all- 
gemeine 61; wöchentliche 63; am Neujahr 63 ff.; am Passah usw. 63 f. 
Schicksalsbesiegelung 64. Schiller 48. 123— 126. Schöpferideen 2. Schöpfer- 
wort 99. 101. 105. 153. Schöpfungen, keine neuen nach dem sechsten 
Tage 25. 29. 71 f. 88 f. Schöpfungslehre (astral - mystische) 78 ff. 112. 
Schöpfungsplan 2 ff. 16. 45. Schöpfungs- und Weltprinzip 3 ff. Schöpfungs*- 
punkt 2 (vgl. Thron der H.). Schöpfungstag, erster 90 ff.; zweiter 21. 35 
99. 104. 153; fünfter 90 f. 99. 155; sechster 45. 71 f. 99. 139. Schutzengel 
26. 41 ff. 60. 119. 137. 

Tartaros 35. 38. Tempel 20. 22 ff. 24. 77. Thohu 74. 91 ff. Thorah 
3—14. 20. 45. 69. 71. 80. 89 u. ö. Thron der Herrlichkeit 3. Uff. 20 f. 
23. 77. 104. 161. Thronsessel, zwei himmlische 59 f. 109. Tierkreis 
(s. Rakia) 6. 14. 24. 27. 44 f. 48ff. 52. 65 f. 74. 86. 91 f. 104. 115. 125. 
156 f. 165. Todesengel (s. Sammael) 33. 46. 60—62. 148. Träume 47 f. 
Trias, göttliche 102. 154 f.; kosmische s. Weltbild. Türhüter d. Paradieses 
33; der Hölle 37 (Chagigah 15 a). Typen, präexistentielle 19 ff. 

Unterwelt der Griechen (vgl. Elysium, Tartaros) 35; der Hebräer 35 
(vgl. Hölle). Urgewässer (vgl. Thohu, Bohu) 94. 104. üriel 59. 136 f. 

Verhängnis s. Geschick. Versöhnungstag 64 f. ; nur kultisches Symbol 
der sittlich zu erringenden Versöhnung 64. Vieldeutigkeit der astralen 
Aspekte 9. Vögel = Engel 47. 91. 99. Völker der Erdenländer 41 ff. 

Weisheit als Demiurg 5. 155. Welt als Lebewesen 108 ff. Welten, 
frühere 82 ff.; viele 87 ff. Weltanschauung, babylonische 7 f.; jüdische 
8. Monotheismus, Lob der Rabbinen, Fatalismus, Willensfreiheit. Welt- 
bild, dreistöckiges 94. 100. 103 f. Weltecken 41. 107. Weltgegenden 
(vgl. Himmelsrichtungen) 28. 35. 104 ff. 147. Weltjahr, Weltwochen 75. 



Register. 171 

Werkdienst ist altoriental. Sauerteig 11. Widderzeitalter 86. Willens- 
freiheit (vgl. Fatalismus, Prädestination) 47. 61. 63. 127. Wissen ist 
Wiedererinnerung 45. Woche zu fünf Tagen 41. Wochentage 117. 
Wohltätigkeit zerreißt das Geschick 131. 

Zahlen (Schema -Zahlen): Zwei 75. 125; drei 94. 100. 102. 122; 
vier 122; fünf 41; sechs 104; sieben 24 f. 28 f. 34. 36. 85. 102 ff. 122. 125. 
137. 143. 156 f.; zehn 34. 101 f.; zwölf 44. 48 ff. 52 f. 125; dreizehn 122; 
vierundzwanzig 125; dreißig 44; fünfzig 75; sechzig 68; siebzig 27. 41 f.; 
zweiundsiebzig 27. 131; hundertvierzig 42; fünfhundert 75. Zahlenwert 
der Buchstaben s. Gematria. Zählung der Regierungsjahre 99. Zauber- 
weiber (vgl. Magie) 47. 146. Zeruph 84. Zion 23. Zodiakallicbt (?) 159. 
Zwillingszeit alter 86. 

4. Erläuterte hebräische Wörter. 

nm« 106. mr^üXN 116.129. NttttnN 98. VittnN 21. — n&nnm 
105. — babs 54. "p* p 30. — i^m w m 44. manüc-n 3. — 
D^Dnn 120. — rrom imsdh 13. i:np iisd b* on 82. bttian 7. — 
anrt ^s- 43. 147. — ddid 45. 118. 123. — aia -o 99. -nnan nod 14. 
— ima 21. p*m 126. bitt 119 f. mbra 45. ninrn 125. nibara 22 f. 
miöfcro nw» 14. 78. 80. tod-w '12 149 ff. Dnptt 16 f. — »an obi* 
21. 87. — nm 'y 87. — «id 32. rnopre 3. — ans* 72. — itnm bp 
112. niötn amnp 28. — DTOfin 30. — na« 119. nrso 17. — oirsn 
94. cM^n 72. monpn 13. 

5. Abweichende Ansichten. 

1. Über Chagigah III: 79 ff.; über Bezah 25b: 140. — 2. Zu 
Bacher: 14. 25. 44. 84. 87. 98. 106. 112. 116; Fiebig: 4. 67; Jebemias 
(dgl. Bousset, Dalman, Zimmern): 25 f.; Lewysohm: 72; v. Orelli: 156; 
Schöttgen: 25; über den neuen Sir ach 78; zu modernen Religions- 
geschic htlern : 1. 4. 7. 53. 67. 83. 87. 98. 



Druckfehler. 

In den ersten Bogen lies statt „Talmud" : Thalmud. — S. 3, Z. 13 
v. u. lies: i"\ — S. 6 Mitte lies: an dem Rakia, zum R. — S. 35, Z. 9 
v. u. lies: Thorah. — S. 37 ergänze: „Abbild. 3". — S. 42, Z. 3 v. u. 
lies : Joma 77 a. — S. 73, Z. 8 v. u. lies : Leviathan. — S. 74, Z. 21 v. u. 
lies: 12a. — S. 83, Z. 6 lies: Abahu. — S. 100, Z. 14 lies: Seite 43 ff. — 
S. 111, Z. 10 v, u. lies: bzw. „die Erde". — S. 137, Z. 10 lies: „Bär-Gott* 
(st. Beargod). — S. 142 u. 143 lies: Asael. 

Schlüßbemerkung. Die Abbildungen 3 und 10 stammen aus: 
Vigouroux, Dictionnaire de la Bible; Abb. 6 und 7 aus: Jewish Ency- 
clopedia; Abbildung 5 (aus: Thiele, Antike Himmelsbilder) steht am 
Schlüsse des Buches. 

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Antike Abbildung des Fixsternhimmels. 
(Aus Thiele, Antike Himmelsbilder.) 



Druck von G. Krey eilig in Leipzig. 





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